Pussy Riot

„Die Hoffnung ist in uns selbst“ – Gespräch mit der Pussy-Riot-Aktivistin Mascha Alechina

Die Pussy-Riot-Aktivistin Mascha Alechina über Widerstand, ihre ­poli­ti­sche Sozialisation und ihre Theater-Performance Riot Days im SO36

Foto: Ciconia Ciconia

tip Frau Alechina, Ende Dezember sind Sie nach einer Aktion vor dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB mal wieder verhaftet worden. Wie geht es Ihnen?
Mascha Alechina Ich hatte zum 100. Gründungstag des FSB ein Tuch mit der Aufschrift „Alles Gute zum Geburtstag, Henker!“ entfaltet. Ich wurde zusammen mit zwei Fotografen festgenommen und einige Tage später zu 40 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt.

tip In Ihrem Buch „Tage des Aufstands: Riot Days“ schreiben Sie, dass Sie 2012 direkt nach dem „Punk-Gebet“, Ihrer folgenreichen Aktion in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, Ihren Sohn von der Kita abgeholt haben und Eis essen waren. Wie passt das zusammen?
Mascha Alechina Alltag und Revolution gehen ineinander über. Der Zweck der Revolution ist es, diese zum Alltag zu machen. Wie sollte man es sonst machen?

tip Wie kamen Sie auf revolutionäre Gedanken? Sind Sie in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem politischer Widerstand diskutiert wurde?
Mascha Alechina Nein, bin ich nicht. Meine Mutter ist Programmiererin, die die Schule mit einer Goldmedaille abgeschlossen hat und ihr Studium mit einem roten Diplom für besondere Leistungen. Wir haben zuhause nie über Protest gesprochen, aber meine Mutter gab mir immerhin Solschenizyn zu lesen, der sich ja sehr kritisch mit der Sowjetunion auseinandergesetzt hat. Meinen Vater habe ich erst mit 20 kennengelernt, er ist Professor für Mathematik. Mit ihm habe ich dann auch mal über die 1970er-Jahre und die politischen Dissidenten gesprochen.

tip Es gab also keinen biografischen Moment, an dem Sie begannen, sich zu engagieren?
Mascha Alechina Nicht in der Kindheit, aber als Jugendliche habe ich fünf Mal die Schule gewechselt und nach dem Abitur bin ich nicht sofort an die Universität gegangen, sondern fuhr per Anhalter durch Russland. Dabei lernte ich ganz andere Sachen kennen. Ich bin damals auch nach Utrisch gekommen, das Naturgebiet liegt weit im Süden Russlands, und ich verbrachte dort viel Zeit in einem wunderschönen Wald. Als ich zurück in Moskau war und bereits mein Journalismusstudium begonnen habe, erfuhr ich, dass der Wald in dieser Region abgeholzt werden soll. Da bin ich aktiv geworden. Das war vielleicht dieser Moment, mit dem alles angefangen hat.

tip Kürzlich jährte sich die Oktoberrevolution zum 100. Mal. Ist die Revolution eine russische Tradition?
Mascha Alechina Die Revolution hat eine Tradition in Russland und ich denke, dass ich da auch ein Teil von bin. Aber in der Oktoberrevolution vereinten sich auch die Revolutionen, die es in Deutschland und in Frankreich gab. Wir wissen heute auch, dass die Idee, ein „Paradies auf Erden“ zu errichten, zu Stalinistischen Säuberungen geführt hat. Mir ist eine kulturelle Revolution daher wichtiger.

tip Wie meinen Sie das, was unterscheidet denn die heutigen Proteste von früheren Kämpfen? Existiert eine Revolution 2.0?
Mascha Alechina Pussy Riot hat von Anfang an mit Medien gearbeitet, Kunstaktionen gemacht, Videos produziert und soziale Netzwerke genutzt. Das tat aber vorher auch schon die Künstlergruppe Voina, aus der Pussy Riot hervorgegangen ist. Im Grunde gehört die Dokumentation von einem Ereignis oder einer Aktion zur unserer Medienrealität dazu.

tip War Dokumentation auch Ihr Antrieb, das Buch zu schreiben?
Mascha Alechina Das Buch schildert eine Geschichte. Seit unserer Aktion in der Kirche sind fünf Jahre vergangen und in der Zwischenzeit haben wir sehr viele Formen des Widerstands ausprobiert. Diese Formen sind sehr unterschiedlich und das beschreibe ich. Dazu gehören die Proteste im Gefängnis, meine Zusammenarbeit mit dem weißrussischen Belarus Free Theater und auch das Buch selbst, aus dem jetzt das Pussy Riot Theater entstanden ist. Es sind ja nicht meine Memoiren, sondern ein Statement, in dem verschiedene Ideen zusammenkommen.

tip Was genau wird beim Pussy Riot Theater im SO36 passieren?
Mascha Alechina Die Performance basiert auf dem Buch, es kommt nur in anderer Form auf die Bühne. Es wird dazu Video und Musik geben, aber im Zentrum steht der Text. Es ist ein Manifest. Eine politische Theater-Buch-Performance, wenn man so will.

tip Im November gab es eine Performance von Pussy Riot im Haus der Kulturen der Welt, damit hatten Sie nichts zu tun?
Mascha Alechina Das war die Show von Nadja Tolokonni­kowa, die sich mehr auf Musik konzentriert. Wir sind nicht zerstritten, wie es manchmal in den Medien heißt, und wir verfolgen beide den Pussy-Riot-Gedanken, nur dass Nadja eben die Musik in den Vordergrund stellt und ich fokussiere auf Texte und das Theater. Ich will nicht ausschließen, dass wir wieder etwas zusammen machen werden, derzeit arbeiten wir aber getrennt. Es ist aber alles Pussy Riot.

tip Können Sie überhaupt in Russland arbeiten, haben Sie etwa dort Ihr Buch veröffentlicht?
Mascha Alechina Das haben wir bereits. Allerdings als Samisdat, also als eine Eigenpublikation im Selbstverlag, die in unabhängigen Buchläden vertrieben wird. Das ist eine Tradition, die auf die Zeiten der Sowjetunion zurückreicht. In St. Petersburg wurde es schon vorgestellt und demnächst auch in Moskau. Mit dem Pussy Riot Theater sind wir zwei Mal in Russland aufgetreten, das erste Mal wurde die Vorstellung abgebrochen. Es ist schwierig. Aber wenn man etwas machen will, muss man es eben tun.

tip Was sind aktuell Ihre dringlichsten politischen Forderungen?
Mascha Alechina Die Freilassung von Oleh Senzov. Er ist ein ukrainischer Regisseur, der die Krim-Annektierung kritisiert hat und zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Er wurde gefoltert und ist jetzt in Sibirien. Wir sind da vor einigen Monaten mit Pussy Riot hingefahren und haben gegen seine Inhaftierung protestiert. Senzov hat zwei Kinder und ich glaube nicht, dass er im Gefängnis sein sollte und 20 Jahre Lager sind faktisch ein Todesurteil. Ich will auf seinen Fall aufmerksam machen.

tip Putins Macht ist unverändert, seine Wiederwahl am 18. März gilt als sicher. Trump, Erdoğan, Orban und andere Autokraten regieren, England stimmte für den Brexit. Werden Sie da nicht depressiv?
Mascha Alechina Die Hoffnung ist in uns selbst, so wie der Aufruhr und der Protest. Die Zukunft ist jetzt und ich lebe stets in der Gegenwart und versuche, aus jedem Moment so viel zu machen, wie ich kann. Es geht nicht um politische Herrscher, es geht um Möglichkeiten und den inneren Widerstand, der in jedem von uns existiert.

Performance: Pussy Riot Theatre: „Riot Days“ So 14.1., 20 Uhr, SO36, Oranienstr. 190, Kreuzberg. Eintritt 27,10 €

Buch: Mascha Alechina: „Tage des Aufstands — Riot Days“, Ciconia Ciconia, 292 S., 20 Euro

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