Dirigent

Christoph Eschenbach über den Klang vom Gendarmenmarkt

„Im Frack geht man nicht spazieren“ – Christoph Eschenbach, neuer Chefdirigent beim Konzerthausorchester, über den Klang vom Gendarmenmarkt – und warum Leonard Bernstein seinetwegen umziehen musste

Christoph Eschenbach, Foto: Marco Borggreve

tip Herr Eschenbach, Ihre neuen Fotos beim Konzerthausorchester präsentieren Sie als Grandseigneur und Altmeister. Sehen Sie sich so?
Christoph Eschenbach Mich interessiert das Grandseigneurale gar nicht. Es klingt zu sehr nach Endstadium. Ich bin nur gut, so lange ich offen bleibe.

tip Karajan hat Sie gefördert. Was konnten Sie von ihm lernen?
Christoph Eschenbach Probenökonomie. Und die Bedeutung des Legato. Er war ein großer Architekt der musikalischen Bewegung. Beim langsamen Satz des A-Dur-Klavierkonzertes von Mozart wandte er sich zu mir und sagte nur: „Farbe!“ Er war ein Maler.

tip Der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau antwortete auf die Frage, was am Besten von ihm gelungen sei: die Schumann-Aufnahmen mit Ihnen. Worauf kommt es beim Begleiten an?
Christoph Eschenbach Auf den Text. Auch der Begleiter deutet den geschriebenen Text. Sänger und Pianisten arbeiten daran gemeinsam.

tip Warum haben Sie das Klavierspielen aufgegeben?
Christoph Eschenbach Ich habe es nicht aufgegeben. Nur konnte ich ein Jahr nicht spielen, weil mir eine Sehne im Finger gerissen war. Jetzt fange ich wieder an. Für Recital-Programme fehlt mir die Zeit. Liedbegleitung möchte ich wieder machen.

tip Mit Justus Frantz bildeten Sie jahrelang ein Klavier-Duo. Wer wollte weg?
Christoph Eschenbach Beide. Als ich nach Houston ging, waren wir uns einig, dass wir das Duo aufgeben müssten. Denn wenn’s klappert, wird’s peinlich. Ich habe es bedauert. Ich habe Justus immer sehr gemocht.

tip In New York waren Sie für einen Wohnungswechsel von Leonard Bernstein verantwortlich, weil Ihre Lederjacke Anstoß an der Park Avenue erregte. Stimmt die Geschichte?
Christoph Eschenbach Nicht ganz, denn es war ein weißer Lammfell-Mantel mit Pelzhut – so wie das in den 60er- und 70er-Jahren in Mode war. Ich kam zu Besuch gemeinsam mit Pierre Boulez. Ein lustiger Abend. Was soll ich ansonsten zu meiner Verteidigung vorbringen? Man geht schließlich nicht im Frack spazieren …

tip Die größten Defizite des Konzerthausorchesters liegen im modernen Repertoire. Oder?
Christoph Eschenbach Um das zu ändern, machen wir einen Schwerpunkt mit Musik von Sofia Gubaidulina. Und verhandeln mit Matthias Pintscher über neue Werke. Wir haben einen deutschen Klang, aber keinen Sirupklang. Das verdanken wir Iván Fischer, der übrigens schon in Washington mein „Vorfolger“ war.

tip Sie wollten eigentlich kein Orchester mehr übernehmen. Aber das war sowieso nicht ernst gemeint, oder?
Christoph Eschenbach Sowas meint niemand ernst … Der Intendant Sebastian Nordmann, den ich noch vom Schleswig-Holstein-Festival her mochte, hat mir das Angebot so brühwarm unterbreitet, dass ich leicht umzustimmen war. Man war zu nett zu mir.

tip Einer Ihrer Vorgänger, Eliahu Inbal, sagte seinerzeit, er bekäme in Berlin die Hälfte dessen, was er anderswo bekommt. Muss man in Berlin verzichten können, um mitzuspielen?
Christoph Eschenbach Ich weiß nicht einmal, wie viel ich kriege. Der Vertrag kam per E-Mail, und da waren die Zahlen aus Sicherheitsgründen geschwärzt. Ich folge den Tausenden junger Musiker, die vor mir nach Berlin gekommen sind. Nicht dem Geld.

Konzerthaus Gendarmenmarkt, Mitte, Fr 30.8., 20 Uhr, 30–84 €

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