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Berghain-Folk

Die Folk-Erneuerin Jessica Pratt spielt im Heimathafen Neukölln

Die Kalifornierin Jessica Pratt ist neben der Pedalharfenistin Joanna Newsom die große Erneuerin im Folk. Sie rettet uns vor einem schlimmen Streaminggenre. Muss sie dazu ein Freak sein

„Ich habe eine schlechte Angewohnheit“, sagt Jessica Pratt, Kalifornierin von 31 Jahren, und schaut peinlich berührt drein. „Ich spiele keine langen Shows.“ Kaum eine Stunde lang hielt sie das letzte Mal durch im Berliner Funkhaus, dessen Flussufer sie liebt. Dabei böten drei Alben ja genug Material für einen abendfüllenden, nun ja, Abend. Aber Jessica Pratt ist Großmeisterin des Reduzierens und des Konzentrierens – in ihrer Musik, ihrem Flüstern, ihrem ganzen Auftritt, den eine entzückende Entrücktheit prägt.

Neben der gefeierten Joanna Newsom ist Jessica Pratt wohl die weltwichtigste, erfrischendste Erneuerin im Folk. Doch anders als Newsom kommt Pratt nicht artig von der orchestralen Pedalharfe, sondern von der Rockgitarre: Mit 15 adoptierte sie die ausrangierte Stratocaster ihres Bruders. Mama kannte ein paar Akkorde. Basics hat Jessica Pratt auch auf dem Klavier drauf. „Zum Komponieren reicht’s.“ Was sich beide Ladys, Pratt und Newsom, leisten: eigenwilligste Intonation. Die Töne laufen nicht korrekt auf Konsensradio-Autopilot, sondern hinter jedem Ton (und wie er artikuliert wird) steckt eine aufregende Idee – wie im Avant-Pop bei Björk. Die Popkritik, seit jeher verzaubert, aber auch überfordert von Frauen wie Kate Bush mit so genannten „exaltierten“ Stimmen, hält dafür seit dem Millennium das Etikett „Freak Folk“ bereit. Oh je.

Sicher ist: Jessica Pratt (Freak hin oder her) ist das beste Antiserum gegen ein seelenloses Genre, das sich perfide breitmacht, vor allem im Kontext (vermeintlich) ruhiger Musik: austauschbares Hintergrundgetöne, für das sich just der Begriff Spotifycore etabliert, weil Spotify (wie andere Streamingdienste) und Musikerinnen, die dort gewinnprächtig Massenware verramschen wollen, uns funktionale Musik feilbieten, die nicht weiter auffallen soll; damit wir nebenbei browsen, bügeln, netflixen oder direkt wegdämmern können – und die Playlist weiterdudelt und -rubelt. Dafür ist Jessica Pratts Musik auch auf dem aktuellen Album „Quiet Signs“ nun so gar nicht geeignet, obwohl ihr unbedingt etwas Meditatives innewohnt. Aber sie hält eben zu viele Überraschungen, Überforderungen, Zumutungen bereit für jemanden, der einfach nur gechillt chillen will. Manche Töne lässt Pratt rasch fallen wie heiße, verfaulte Kartoffeln; andere kostet sie aus am Gaumen wie frisches Kirschsorbet. Durch solches Wechselspiel von lang und kurz könnte man meinen, die Zeit selbst würde elastisch.

„Ich versuche, sensibel auch auf stille Zeichen zu achten“, sagt Jessica Pratt. Und mit ihrer schlechten Angewohnheit, den kurzen Shows, sieht sie das so: Meistens könne sie, selbst wenn sie anfangs angespannt sei, so in der Mitte des Sets lockerlassen. „Dann bin ich aber irgendwie immer noch nervös, wenn auch auf die meditative Art.“ Tatsächlich wirkt sie dann gar nicht mehr aufgeregt. „Ja, ich gehöre zu den Leuten, die, wenn sie nervös sind, schweigsam implodieren.“ Die Ruhe im Auge des Hurrikans. So viel zur Tiefenentspannung. Sie lacht. „Dann versuche ich, niemanden anzuschauen, und fokussiere ganz auf die Klänge: Bewegungen der Hände, der Finger, der Zunge sind im Langzeitgedächtnis der Muskeln gespeichert.“ Auch mit diesen Implosionen auf der Bühne ist Pratt Anti-Zeitgeist: Wo es doch sonst oft darum geht, maximale Aufmerksamkeit zu erheischen, indem man lautstark explodiert. Solche Böllerei ist Pratts Sache nicht, und sie hat sie auch nicht nötig. Blumen im Haar Ihre ersten beiden Alben hat Jessica Pratt, die Insichgekehrte, größtenteils zuhause aufgenommen. Fürs dritte nun war sie in einem Profi-Studio in Brooklyn, New York. „Zuhause hatte ich ein großes Tonbandgerät, das regelmäßig abgeschmiert ist. Ich bin froh, dass ich ins Studio gegangen bin. Aber wenn ich Musik schreibe, fühle ich mich eher nirgendwo, als an einem bestimmten Ort.“

Sie lebt nach wie vor in Los Angeles, seit 2013. Aus dem Norden Kaliforniens kommt sie ursprünglich, geboren 1987. In San Francisco verbrachte sie ihre Teenagerjahre. Some flowers in her hair. „Eine harte, aber magische Zeit. San Francisco ist ein sehr aufregender Ort, wenn du jung bist.“ Sagt eine Frau Anfang 30. Uff! Aber vielleicht ist ihre Seele ja viel älter? Ihre Musik klingt für ihr junges Alter sehr traditionsgewahr. Mit Links zu vielen älteren Künstlerinnen. „Meine Mama hatte viel Musik und einen guten Geschmack. Manches hab ich sicher so oft gehört, dass es Spuren in mir hinterlassen hat: Leonard Cohen. The Incredible String Band. Marianne Faithfull ist eine meiner Lieblingssängerinnen.“ Paul Williams, der für David Bowie und für Daft Punk schrieb, gehört seiner ungewöhnlichen Stimme wegen zu ihren Heroes.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Pratt copypastet keinen dieser Acts, aber sie ist mit ihnen innig vertraut. Ein Reservoir an Vorwissen ist der Revolution nur zuträglich. Ariel Pink mag sie gerne. Noch so ein „Freak“. Der klingt ja noch viel spinnerter als Pratts Musik. „Ach, naja. Ich weiß nicht. Er schwebt ja auch nicht nur in anderen Galaxien.“ Kate Bush hingegen habe sie erst mit Anfang 20 entdeckt, und die sei auch gar nicht so wahnsinnig wichtig für ihre Musik. Und was ist nun mit dem vielbeschworenen Vergleich zu Joanna Newsom? „Leute empfinden das als ähnlich, weil wir beide unser Folk-orientiertes Ding machen. Und wenn du dann noch eine ungewöhnliche Stimme hast, so wie wir! Höhere, seltsamere Tonlagen. Aber Joanna ist eine Supermeisterin. Überirdisch. Jenseits meiner Fähigkeiten.“ Pratt protzt nicht.

Wenn man länger mit ihr plaudert, sagt sie dann aber auch Sachen wie: „Ich weiß gar nicht mal, ob ich so traditionell bin.“ Das nächste Album wird wohl auch kein krasses Noise-Experiment sein. Dennoch: Jessica Pratt ist immer für eine Überraschung gut. Plötzlich schwärmt sie von einer Sommernacht, August 2017, als sie mit ihrem Freund im Berghain war. „Eine wilde Nacht! Schöne, spannende Menschen.“ Wild?! Nicht gerade das erste Adjektiv, das einem bei Jessica Pratt so einfällt, geschweige denn, dass sie auf Techno abgeht. „Gute Musik ist einfach gute Musik! Ich bin sicher nicht Genre-fixiert, höre viel Verschiedenes. HipHop. Techno. Alte und neue Musik.“ Entsprechend divers sind die Register auf „Quiet Signs“, auch wenn einen erst mal natürlich Pratts Stimme betört, von Gitarre grundiert. Beides nimmt sie immer zeitgleich auf. Heutzutage ja schon crazy. „Ich hab’s auch getrennt versucht, aber das haute nicht hin. Eine Frage der Energie.“ So ist sie mit sich selbst synchron. „Auch weil Gitarre so rhythmisch ist. Ich könnte die Stimme wohl über einem anderen Instrument leichter getrennt einsingen.“

Pratt kann ganz machen, was sie will, auf Produzenten hat sie keinen Bock. „Letztlich waren wir nur drei Leute: Mein Toningenieur ist ein Multi-Instrumentalist. Ein großartiger Zuhörer. Keiner, den das Ego treibt.“ Das passt ja wunderbar zu Pratt. „Er hat dann ein bisschen Orgel und ein Flöten-Solo eingespielt.“ Ihr Boyfriend Matt steuert Klavier, Synth-Strings und Orgel bei. „Die Hälfte der Zeit hab ich versucht, das Ruder zu halten; den anderen zu sagen, wo’s langgeht. Und die andere Hälfte war ich super überrascht, was den beiden einfiel.“ Pratt, die Steuerfrau im Studio. In der Welt da draußen meidet sie die Menschen manchmal. Und vielleicht sind ja auch deshalb ihre Shows so kurz: „Ich bin nicht die größte Show-Besucherin“, gibt sie zu. „Ich mag keine großen Menschenmassen. Ich habe nichts gegen sie, aber sie kosten mich viel Energie.“ Eine Stunde Implosionen muss aber eben auch mal reichen, Leute! Eine Stunde Freude schöner Freakfolkfunken. Danach ist Ihr Leben im Eimer, denn Sie können nie wieder Spotifycore hören. Willkommen zurück in der Welt der Musik!

Heimathafen Neukölln Karl-Marx-Str. 141, Neukölln, Di 2.4., 21 Uhr, VVK 19 € zzgl. Gebühren

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