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Die Wassermusik widmet sich diesmal der Musik am südlichen Atlantik

Reggae steht oft unter Homophobie-Verdacht. Lesbischer Reggae, geht das? Aber ja, Chocolate Remix macht es vor, auch auf dem wunderbaren Festival Wassermusik, das sich diesmal der Musik am südlichen Atlantik widmet

Chocolate Remix, Foto: Emmanuel Nem + Julian Merlo

Eine junge Frau steigt aus der Dusche, sie hat ein rotes Handtuch um ihren nackten Oberkörper gebunden. Frisch geduscht macht sie sich auf den Weg in ihre Garderobe, entledigt sich ihres Handtuchs und beginnt – nun oberkörperfrei – zu stampfenden Computer-Drums und Reggaeton-Rhythmen zu tanzen. Sie sucht sich eine grün-schwarze Weste aus, die sie gar nicht erst zuknöpft und legt sich ins Bett – zu einer anderen nackten Frau. Sie küssen sich. Dann kommt eine ­dritte Frau ins Bild, die die zweite zu küssen beginnt. Es folgt eine lange Kamerafahrt über ein endlos scheinendes Bett, in dem sich Frauen in unterschiedlichsten Positionen gegenseitig befriedigen. Dazu erklingen spanische Textzeilen wie: „Me gusta la mujer empoderada, me gusta mucho mas si se come esta empanada.“ Was ungefähr so viel bedeutet wie: „Ich mag die starke, selbstermächtigte Frau, doch noch mehr gefällt sie mir, wenn sie diese Empanada isst“ – womit für gewöhnlich ­gefüllte Teigtaschen bezeichnet werden, oder aber die weiblichen Genitalien. Am Ende des Videos führt uns die Kamera zu der Künstlerin, die hinter diesen Zeilen steckt: zur argentinischen Sängerin Romina Bernardo, die sich Chocolate Remix oder einfach Choco nennt und deren Mund auf dem Cover ihres Albums „Sátira“ schokoladenverschmiert ist.

Ihr vor knapp drei Jahren veröffentlichter Videoclip steht für nichts Geringeres als eine kleine Revolution, für die Neubegründung eines Genres aus dem Geist feministischer Emanzipation: Lesbian Reggaeton. Allein in der Kombination dieser beiden Wörter liegt das Neue, Unerhörte. Denn wie kaum ein anderes Genre stand Reggaeton allzu oft im Zeichen des Testosteron, der Macho-Rhetorik und Homophobie. Von der ersten Stunde an – in den 90er-Jahren, als Underground-Musiker in Puerto Rico jamaikanische Dancehall-Rhythmen mit spanischen Texten verknüpften – handelten Reggaeton-Songs von der Gewalt auf der Straße, von schnellen Autos, Sex und Sperma, immer aber aus der Penis-Perspektive, die für die Frau im Grunde nur die Rolle der „gata“ vorgesehen hatte – der Katze, deren wesentliche Funktion darin bestand, den Mann zu befriedigen. „Ich habe es immer geliebt, zu Reggeaton zu tanzen“, sagt Romina Bernardo am Telefon in Buenos Aires, „fühlte mich in den Texten aber nicht repräsentiert“. Also begann sie, das Genre von innen heraus zu transformieren, die Musik queer-feministisch umzudeuten und die lateinamerikanischen Sexisten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

Im Juli ist Chocolate Remix am 21. Juli beim Wassermusik-Festival im Haus der Kulturen der Welt (HKW) zu erleben, dessen Hauptfokus dieses Jahr, wie bereits 2004, auf Küns­tler*innen des südlichen Atlantiks liegt, ausgehend von „The Black Atlantic“, einem Buch des britischen Kulturwissenschaftlers Paul Gilroy. Er beschreibt darin eine afrodiasporische „Gegenkultur der Moderne“, entstanden durch den Austausch latein- und mittelamerikanischer, west- und südafrikanischer Traditionen. Eingeladen sind neben der beninisch-französischen Singer-Songwriterin Angélique Kidjo (21.7.) und dem brasilianischen Tropicalismo-Mitbegründer Gilberto Gil (14.7.) auch Les Amazones d’Afriques (13.7.): westafrikanische Musikerinnen, die ihre Stimme gegen misogyne Gewalt erheben und Frauen weltweit dazu ermutigen, gegen männlichen Machtmissbrauch und Unterdrückung anzukämpfen.

Von vulgärem Macho-Gehabe und sexueller Belästigung erzählt Chocolate Remix in ihrem neuen Song „Te dije que no“ („Ich habe dir Nein gesagt“). „Es geht darum, wie ich einen Kerl in der Disco verprügle, weil er nicht damit aufhören will, mich zu belästigen“, sagt sie. Vor ein paar Jahren noch hätte eine starke Frau, die entschieden Nein sagt und sich kraft körperlicher Gewalt gegen einen Mann durchsetzt, ganz andere Reaktionen hervorgerufen, ist sie sich sicher, doch in der Zwischenzeit habe sich vieles verändert in den Köpfen der Menschen. „Heute sind sich die meisten einig, dass er falsch handelt und sie richtig.“ Auch in der einst so phallozentrischen Reggaeton-Szene erfahre Choco mehr und mehr Akzeptanz und Unterstützung.

Manchmal allerdings müsse sie sich gegen den Vorwurf verteidigen, dass auch sie den weiblichen Körper sexualisiere und zum Lustobjekt degradiere – wie im eingangs beschriebenen Videoclip. So gibt es Stimmen, die Feminismus und Reggaeton prinzipiell für unvereinbar halten und sich insbesondere am Perreo-Tanz stoßen, bei dem die Frau in gebückter Haltung mit dem Po wackelt, ihr Gesäß dem Manne für die Hündchenstellung darbietend – ähnlich dem Twerking im Hip-Hop. Doch was einmal Unterwerfungsgeste gewesen sein mag, die alte Machtverhältnisse zementierte, steht längst für die Befreiung von sexuellen Rollenerwartungen, für ein positives Körper- und Selbstwertgefühl. „Zu lange ist Frauen die Lust und der Spaß am Sex verwehrt worden“, sagt die 33-Jährige. „Wa­rum sollten wir unsere Sexualität verleugnen? Stattdessen sollten wir sie uns zu eigen machen und genießen.“ Es erfülle sie mit Stolz, dass Reggaeton auf feministischen Parties immer beliebter werde. Und mit Freude denkt sie an ihr letztes Berlin-Konzert vor einem Jahr im Cassiopeia-Club auf dem RAW-Gelände zurück: „Das Publikum war zum großen Teil weiblich – und am Ende zogen 20 Frauen ihre Shirts aus und tanzten mit mir auf der Bühne.“ Eine unvergessliche Nacht sei das gewesen – und ein großartiges Bild weiblicher Selbst­ermächtigung.

Termine: Wassermusik: Black Atlantic Revisited Fr. 5.7.– Sa. 27.7., Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten

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