Dark-Wave

Gegen Niedertracht

Jakuzi machen düstere, türkische Tanzmusik für all die Außenseiter*innen, die sich wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Vorlieben ausgeschlossen fühlen

Sänger Kutay -Soyocak (vorne) und  Keyoarder Taner Yücel beim Barbier
Foto: Deniz Ezgi Sürek

Nicht dass Kutay Soyocak von Haus aus ein fröhlicher Mensch wäre. Nein, eigentlich würde sich der Istanbuler Musiker als pessimistisch beschreiben, auch wenn er sich gelegentlich mit Katzen fotografiert und die Bilder dann auf Instagram postet. Stilistisch bewegt er sich mit seiner Band Jakuzi, der neben ihm auch Bassist und Keyboarder Taner Yücel angehört, im Dark-Wave-Bereich. Als seine Bibel bezeichnet er einen schweren deutschen Tragödienstoff: Goethes „Faust“. Außerdem denkt er oft über das Ende der Welt nach und liest viel über die Zeit des Mittelalters – und über die verheerenden Krankheiten, die sich damals unter den Menschen verbreiteten. Das eigentlich Erschreckende aber ist, dass er in den gesellschaftlichen Problemen des Mittelalters Parallelen zur heutigen Lage in seinem Land, der Türkei, sieht. „Die politische und wirtschaftliche Situation wird immer düsterer“, erklärt er bei einem Whatsapp-Videochat zwischen Istanbul und Berlin. Die türkische Lira verliere an Wert, die Zukunft sei höchst ungewiss. „Werden wir in zwei Jahren noch Konzerte spielen können?“, fragt er sich. „Wird es dann überhaupt noch genügend Clubs geben?“ Es werde immer schwieriger, von der Musik zu leben, zumal die Community, die sich für eine Underground-Band wie Jakuzi interessiert, ohnehin schon sehr klein sei. 

Zweibeiniger Nervenzusammenbruch

Das Schlimmste aber ist das zunehmende Gefühl, nicht dazuzugehören: „Wir fühlen uns hier von Tag zu Tag fremder.“ Breite Teile der Bevölkerung unterstützen ein diktatorisches System, Meinungsfreiheit gibt es nicht. „Wegen eines falschen Satzes kannst du im Knast landen.“ So wie der Rapper Ezhel, der wegen seiner Lyrics für ein paar Monate ins Gefängnis musste. Da fühlt man sich als Mensch manchmal allein. Und allzu ausschweifend über die politische Lage zu philosophieren, ist dann doch keine so gute Idee, wenn man in einer Wohnung nahe des Taksim-Platzes sitzt und nicht vorhat, alsbald ins Exil auszuwandern. Immerhin: Unmittelbar bedroht fühlt sich Kutay Soyocak nicht, seine türkischen Lyrics seien ja auch nicht politisch, sondern vielmehr persönlich. Zugleich bieten sie jede Menge Identifikationspotenzial für all die Außenseiter, die sich wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Vorlieben ausgeschlossen und fehl am Platz fühlen. Um nur ein paar Kostproben zu geben: „Wer bin ich? Ich weiß es nicht mehr“, singt Soyocak im Lied „Yangın“ („Feuer“). „Ich bin ein zweibeiniger Nervenzusammenbruch.“ Oder im Song „Şüphe“ („Zweifel“): „Dunkelheit fällt grundlos auf uns nieder, ein bitteres Gefühl trübt die Gedanken … ein Vorhang direkt vor mir, etwas Düsteres in mir.“ 

Das 2017 veröffentlichte Debütalbum „Fantezi Müzik“ war noch verhältnismäßig bunt und lebensfroh, das neue ist es nicht mehr. Die Synthesizer klingen kühl und geisterhaft, Soyocaks Stimme tief und traurig, die Texte nihilistisch. Keine Hoffnung, nirgends. Der Titel „Hata Payı“ bedeutet übersetzt „Teil des Fehlers“ – wobei der deutsche Hörer vielleicht an den Philosophen Adorno denken muss und die Frage, ob ein richtiges Leben im falschen möglich sei. Gemeint sei aber eher der statistische Begriff der „Fehlertoleranz“ („Margin of Error“), erklärt Kutay Soyocak, also die Idee, dass in allem, was wir tun, kleine Fehler enthalten sein können. Es ist die Distanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, der Beweis menschlicher Unvollkommenheit. 

In solch aussichtsloser Lage hilft, tja, im Grunde nur Eskapismus, die Flucht in Traum- und Fantasiewelten: „Die Sonne ist aufgegangen, doch ich bin im Bett./ Öffne den Vorhang nicht! … / Mein Traum ist so wunderschön. Ist es eine gute Idee, zur Wirklichkeit zurückzukehren?“, singt Kutay Soyocak. Auch hierin sieht er übrigens Parallelen zum Mittelalter, als die Menschen Trost in der Idee eines jenseitigen Lebens gesucht haben und anfällig waren für den Glauben an Hexen und mythologische Wesen. 

Dass Fantasie ein Mittel sein kann gegen die Niederträchtigkeiten der Wirklichkeit, auch gegen rückwärtsgewandte Politik, das verbindet Kutay Soyocak mit der türkischen Sängerin Gaye Su Akyol. Auch sie glaubt an die Macht der Träume, an eine Gegenrealität, um das organisierte Böse herauszufordern. „Wir sind seit vielen Jahren befreundet“, sagt Kutay Soyocak. Akyol mache im Grunde sogar dasselbe, nur mit etwas anderen Mitteln – und für ein deutlich größeres Publikum. 

Kutay, Katzen, Kafka

Immerhin das gibt ihm doch ein wenig Trost und Zuversicht: dass er nicht allein auf weiter Flur ist, dass es Verbündete gibt. Und Katzen natürlich, die er so gerne fotografiert und auf Instagram postet. Aber auch sonst scheint es nicht ratsam, den Kopf in den Sand zu stecken. Nur wenige Tage nach dem Whatsapp-Gespräch verliert die konservative Partei des türkischen Präsidenten bei den Kommunalwahlen überraschend Ankara und Istanbul an die Opposition. Die Zeitungen titeln: „Schlappe für Erdoğan“. 

Was, wenn es von nun an wieder bergauf ginge? Wenn der Präsident eines Tages nicht mehr Erdoğan, sondern Imamoglu hieße? Wenn Künstler in Istanbul wieder frei und offen über die politische Lage im Land sprechen könnten, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen? Kutay Soyocak wäre zweifellos ein fröhlicherer Mensch, was nicht bedeutet, dass er fröhlichere Texte schreiben würde. Seine Botschaft an die Nachwelt: „Ich hoffe, dass ich nicht einmal Staub hinterlassen werde“, so singt er in „Toz“ („Staub“). „Ich hoffe, dass sich niemand an mich erinnern wird.“ 

Einen ähnlichen Wunsch formulierte vor fast 100 Jahren ein anderer Pessimist, der Schriftsteller Franz Kafka nämlich. Er wollte seine Werke, zumindest einen großen Teil davon, nach seinem Tode vernichten lassen. Hat nicht geklappt. Aber angenommen, die Menschheit ginge wirklich bald an sich selbst zugrunde, dann hätte sich das mit der Nachwelt ohnehin erledigt. 

Urban Spree Revaler Str. 99, Friedrichshain, Mi 8.5., 21 Uhr, VVK 14 €

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