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Geigen-Weltstar Gidon Kremer über die Hommage, die man für ihn im Konzerthaus veranstaltet

Gidon Kremer, Foto: Angie Kremer

Herr Kremer, im Konzerthaus werden Sie mit einer umfangreichen Konzert-Hommage geehrt. Ihre Weltkarriere ging aber in Wirklichkeit viel zu sehr an Berlin vorbei, oder?

Ach, ich liebe das Wort „Karriere“ nicht sehr. Es ist eine Laufbahn. Berlin hat eine größere Rolle dabei gespielt als man denkt. Schon meine Großmutter war Berlinerin, mein Großonkel saß im Stadtrat von Charlottenburg und hat beim Wiederaufbau 20.000 neue Wohnungen geplant. West-Berlin war die erste Stadt, in der ich 1974 ein Recital gegeben habe. Zwei Jahre später wurde ich von Herbert von Karajan für das Brahms-Konzert zu den Berliner Philharmonikern eingeladen. Weil jemand anders krank wurde, haben wir sogar eine Schallplatte gemacht.

Karajans Berliner Schönklang und Opulenz dürfte das krasseste Gegenteil zu Ihnen sein. Falsch?

Nicht falsch. Ich hatte dennoch großen Respekt für Karajans Perfektion. Belastet hat mich, dass er später äußerte, ich sei „der beste Geiger der Welt“. Also musste ich, wenn ich auftrat, immer daran denken, dass ich das jetzt beweisen muss. Übrigens standen zu Beginn auch etliche Gastspiele in Ost-Berlin. Am Liebsten mit dem Dirigenten Kurt Sanderling. Ich lebte ja noch in Moskau.

Ihr Geigenton ist von einzigartiger Herbheit und Splissigkeit. Warum?

Die meisten Komponisten haben sich wenig für Schönklang interessiert. Die bella voce ist kein Selbstzweck. Für mich gilt: Nicht nur interpretieren, was in den Noten, sondern was hinter den Noten steht. Albert Einstein hat einmal sinngemäß geäußert: „Alles was ich erreicht habe, habe ich gegen eine Schule erreicht, nicht dank einer Schule.“ Genauso war es bei mir. Meinem Lehrer David Oistrach bin ich zwar enorm dankbar; will aber kein kleiner Oistrach sein.

Um welche Komponisten geht es bei Ihrer Hommage?

Besonders um Mieczysław Weinberg. Er war neben Schostakowitsch einer der wichtigsten russischen Komponisten. Wir alle machen Fehler. Meiner bestand darin, dass ich Weinberg sogar noch kennengelernt habe. Und ihn verkannte. Ich hoffe, das noch wieder gutmachen zu können. In Form von Liebeserklärungen.

Neue Musik ist eine Frage der Glaubwürdigkeit des Interpreten. Man darf nicht alibihaft damit umgehen. Richtig?

Ja! Und glaubwürdig wird man, wenn man den Beruf nicht als Bühne auffasst, um groß herauszukommen. Sondern als Dienst am Komponisten. Dann, aber nur dann findet man den richtigen Ton – und das Interesse eines Publikums. Ich habe auf diese Weise sogar erreicht, dass Astor Piazzolla erstmals ernstgenommen wurde. Warum? Weil ich selber an ihn glaubte.

Sie waren der Erste, der offensiv Kammermusik favorisierte. Weshalb?

Ich habe von früh an nach Partnern gesucht. Und fand sie zum Beispiel in Martha Argerich, die auch bei der Berliner Hommage dabei ist. Richtig aufgeblüht ist das beim Lockenhaus-Festival im Burgenland. Ähnlich wie bei der Kremerata Baltica war es vor allem als Liebeserklärung gedacht. An junge Leute! Klinge ich kitschig? Ach was! Auf die Liebe, das hat schon Furtwängler gewusst, kommt es in Wirklichkeit doch an.

Konzerthaus Gendarmenmarkt, Mitte, bis So 27.10., 8–84 €

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