Electro-R'n'B-World

Göttin im Kampfmodus: Sudan Archives kommt nach Berlin

Sudanesische Fideln, Cincinnati-Funk, Vivaldi und griechische Göttinnen: Mit ihrem Debüt „Athena“ hat Sudan Archives ihren ganz eigenen Kosmos geschaffen. Besucher sind herzlich willkommen

„Hell yeah! Ich kann auch Athene sein“: Sudan Archives erzählt in ihrer Musik vom Schwarzsein zwischen Diskriminierung und Fetischierung. Foto: Alex Black

„Wäre mein Leben ein Moodboard, wäre es voll mit Bildern süßer, fluffiger Tiere“, sagt Sudan Archives und vertilgt noch ein Salatblatt. „Und Bildern von meinem Haustier, einer Schlange. Und einer Gottesanbeterin. Und dann ein Bild einer Vampirgöttin. Und wahrscheinlich ein Bild von meiner Violine. Bilder von Geld. Und Bilder davon, wie ich Männer küsse!“ Nein, Sudan Archives lässt sich nicht so leicht einordnen.

Nach zwei gefeierten EPs legt die Künstlerin aus Los Angeles (und eben nicht aus dem Sudan) ihr erstes Album „Athena“ vor. Und erfindet sich schon wieder neu. Und zwar weg von der Hippiequeen mit dem Afro und dem bunten Boho-Style. Wie ihre Schlange hat sich die Künstlerin gehäutet und steht nun vor uns als futuristische Wiedergängerin der griechischen Göttin der Weisheit. Auf dem Cover ist sie in Bronze gegossen, eine Athene mit Geige statt Lanze, nackt, stark, streitlustig. Und: Schwarz.

„Ich habe nie Skulpturen gesehen, die schwarze Göttinnen darstellen“, sagt Sudan Archives beim Gespräch in einem Berliner Café, „ich frage mich, ob das Absicht ist oder einfach Versehen? Also dachte ich mir: Wenn Kleopatra in Filmen und in der Kunst immer als weiße Frau dargestellt wird, dann ist Athene eben Schwarz. Sie ist sowieso nur eine Fantasiefigur, also – hell yeah! – kann auch ich sie sein!“ Auf dem Album spielt Colourism, also Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, eine große Rolle, erzählt sie: „Auf Songs wie ‚Did You Know‘ und ‚Down On Me‘ geht es genau auch um dieses Gefühl, nicht gewollt und nicht begehrt zu werden, weil meine Haut dunkler ist oder meine Haare kraus sind.“ Sie beschreibt Begegnungen mit Schwarzen Männern, die ihr das Gefühl gaben, als Schwarze Frau nicht begehrenswert zu sein, sie spricht davon, fetischisiert zu werden und wie irritierend es ist, wenn der eigenen Körperbau zur Modeerscheinung wird: „Ich habe das Gefühl, dass es angesagt ist, Schwarz zu sein – aber bloß nicht zu Schwarz. Menschen möchten den Körperbau nachahmen und sich die Lippen aufspritzen.“ Ethnische Merkmale als Trend, als Accessoires, die auch wieder abgelegt werden können. Während Schwarze Menschen Diskriminierungserfahrungen machen müssen, wie sie Sudan Archives thematisiert.

Aber so wütend die Künstlerin ist, so zart sind auch ihre Kompositionen, die längst den Lo-Fi-Vibe ihrer bisherigen Veröffentlichungen abgeschüttelt haben. „Ich wollte, dass meine Stimme richtig heraussticht“, meint dazu die Künstlerin, „es sollte nach einem Klassiker klingen, den man immer wieder und wieder spielen kann. Und dafür muss es einfach eine richtig gute Aufnahme sein!“ Auch deswegen war sie diesmal nicht mehr ganz allein im Studio, sondern arbeitete mit Produzenten aus dem Umfeld ihres Labels Stones Throw zusammen. „Ich wollte das schon immer! Ich wollte schon immer Teil einer Gruppe sein. Ich wollte Produzentin einer Band sein, ich wollte mit Freunden beim Mittagessen sitzen, Teil des Kirchenchors sein, ich wollte schon immer Teil von etwas sein. Aber das Schicksal hat mich zu einer Einzelgänger-DIY-Musikerin gemacht.“

Jetzt, wo sie nach dem Erfolg ihrer ersten EPs viele neue Kontakte knüpfte und sogar in die Situation kam, andere Musiker*innen für ihre Arbeit entlohnen zu können, hat sie die Gelegenheit ergriffen, zu kollaborieren und eben nicht mehr allein im Kämmerchen Beats zu basteln. Im Vordergrund stehen aber weiterhin ihre Stimme und ihre Violine – ein Instrument, mit dem die Autodidaktin umgeht wie kaum jemand anderes. Mal bezieht sie sich auf klassische Kompositionen, mal traditionelle afrikanischen Harmonien. Klassischen Unterricht erhielt sie nie, sondern brachte sich alles nach Gehör bei. Bis heute ist die Violine auch für den ganzen Schaffensprozess zentral, wie sie erzählt: „Ich schreibe alles mit meiner Violine. Ich kann mir keinen anderen Weg vorstellen. Sie ist meine Seele. Die Violine ist eine Verlängerung meiner Stimme und meines Geists.“

Songs, die zwischen den Welten wabern

Schon ihren ersten Hits „Nont for Sale“, „Time“ und „Come Meh Weh“ ist das anzuhören. Aber im Gegensatz zum Album waren diese Songs noch sehr offensichtlich von ihrer Begeisterung für Musikethnologie geprägt. Eine Leidenschaft, die sich auch in ihrem Künstlernamen widerspiegelt. „Athena“ transzendiert diese Inspirationsquellen aber und geht weiter. Viel weiter. Heraus gekommen sind Songs so emotional wie Filmmusik, zeitlos und hypnotisch zwischen den Welten wabernd. Mal schwillt der Sound zu orchestraler Größe an, um dann wieder in intime elektronische Momente zu fallen. R&B aus der Zukunft, ohne aber nach Zeitgeist zu klingen, Musik der postmodernen Diaspora, die den Bogen spannt zwischen Afrika, Europa und den USA, zwischen Fideln, Vivaldi und Cincinnati-Funk.

Dieses Dazwischen, dieses nie irgendwo zuhause Sein ist auch im Leben der 25-Jährigen ein dominierendes Thema. Und nimmt dementsprechend auch auf dem Album viel Raum ein. Denn wenn die Künstlerin eines nicht macht, dann ist es ein Blatt vor den Mund nehmen. Schon auf der ersten Single „Confessions“ heißt es, „There is a place that I call home, but it’s not where I am welcome/ And if I saw all the angels, why is my presence so painful?“ Hört man diese Zeilen, klingt es nicht überraschend, dass ihr Verhältnis zu ihrer Familie nicht das einfachste ist, sie ihren bürgerlichen Namen Brittney Denise Parks heute selten nutzt. „Confessions“, erzählt sie, „handelt davon, wie ich von Cincinnati, wo ich aufwuchs, nach Los Angeles zog. Aber es geht auch darum, bei anderen Menschen anzusprechen, warum sie einen nicht akzeptieren.“

Wie eine alternative Biographie startet das Album mit dem Song „Did You Know“, den sie noch als Teenager mit ihrer Schwester schrieb, folgt ihren letzten zehn Jahren über „Confessions“ und „Iceland Moss“ durch Erwachsenwerden und Liebeskummer, um mit dem schizophren-versöhnlichen „Pelicans In The Summer“ im Heute zu landen. So, sagt Sudan Archives, „endet das Album mit einem Gefühl der Einheit und damit, beide Seiten von sich selbst zu akzeptieren.“ Und auch die fluffigen Tiere, die Vampirgöttin, die Schlange, die Hippiebraut und die starke Göttin. Sudan Archives braucht eben keine Schubladen, sie hat ihre eigene gebaut.

Säälchen Holzmarktstr. 25, Friedrichshain, Di 12.11., 20 Uhr, VVK 22,70 € zzgl. Gebühren

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