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„In ­ Berlin muss man sehr auf­passen“ – Der Dirigent Vladimir Jurowski im Gespräch

Der Dirigent Vladimir Jurowski über Les espaces acoustiques von Gérard Grisey

Foto: Simon Pauly

Vladimir Jurowski, geboren 1972 in Moskau als Sohn des Dirigenten Michail Jurowski, war zunächst Kapellmeister an der Komischen Oper in Berlin und ging 2007 zum London Philharmonic Orchestra. 2021 wird er Nachfolger von Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper

tip Herr Jurowski, „Les espaces acoustiques“ sind ein über zweistündiger, abendfüllender Orchester-Zyklus, der fast nie aufgeführt wird. Warum nicht?
Vladimir Jurowski Zu aufwendig und zu teuer. Man braucht zwei Orchester. Mein großer Ehrgeiz besteht darin, dass ich es irgendwann schaffe, dies wichtige Werk hoffähig zu machen.

tipWarum wäre das wichtig?
Vladimir Jurowski Gérard Grisey, ähnlich wie Wagner, hat für ein unmögliches, jedenfalls nicht existentes Orchester komponiert. Der Punkt ist: Wir hören in Halbtönen. Grisey meinte, das sei überholt, und empfahl eine Orientierung an Viertel-, Sechstel- und Achteltönen. Für ihn war der Klang an sich das Objekt der Begierde. Das macht seine Musik sinnlich. Und bildet einen enormen Fortschritt gegenüber den Serialisten, die in Frankreich damals tonangebend waren.

tip Grisey gilt als Hauptvertreter der „Spektralmusik“. Was ist das?
Vladimir Jurowski Er meinte, die Strukturalisten in Frankreich verwechselten die Landkarten mit der Landschaft. Wie ein Komet zieht jeder Ton einen Schweif von Obertönen hinter sich her. Im Ergebnis klingt seine Musik nicht mehr wie moderne Musik. Sie ist genießbarer. Pierre Boulez kritisierte denn auch die Spektralisten, obwohl auch sie – wie er selber – auf Olivier Messiaen zurückgehen. Und auf Debussy.

tip Der sechsteilige Zyklus steigert sich von Satz zu Satz – und wird immer lauter. Eine Art „Boléro“ für „Boléro“-Verächter?
Vladimir Jurowski Da ist etwas dran. Für mich allerdings klingt es eher wie eine Art Entropie. Je größer, desto starrer wird das Ganze. Am Ende steht ein dumpfer Knall. Das Metaphysische ist es wohl, das mir das Werk sympathisch macht. Ich finde immer mehr, dass alle Künste dieselben Vorgänge schildern. Es kommt doch alles aus dem selben Topf.

tip Sie haben seit Ihrer Zeit an der Komischen Oper stets in Berlin gelebt. Warum?
Vladimir Jurowski Wegen der Familie. Meine Frau stammt aus Potsdam, wir wohnen in der Nähe des Botanischen Gartens. Früher in Mitte. Das Problem ist, dass ich jetzt zwar mehr Zeit in Berlin verbringe, aber fast überhaupt keine Zeit mehr für mich selber habe. Ich könnte überall wohnen. Trotzdem, auch wenn ich ab 2021 an die Bayerische Staatsoper gehe, bleiben wir, zumindest erstmal, in Berlin.

tip Berlin, wo Sie seit eineinhalb Jahren Chefdirigent des RSB sind, gilt als hartes Pflaster. Härter als London, wo Sie inzwischen waren?
Vladimir Jurowski Nein. Nur ist der Konservatismus des Publikums in Berlin größer. Und das Alter höher. In Berlin muss man sehr aufpassen, wenn man ein unbekanntes Werk aufführt, um nicht in die roten Zahlen zu rutschen. Nur durch ­ungewohnte Projekte aber werden wir uns öffnen.

tip Für etliche Kritiker ist das RSB das zweitbeste Orchester von Berlin – nach den ­Philharmonikern. Entspricht das Ihrem Ehrgeiz?
Vladimir Jurowski Am Sonderstatus der Berliner Philharmoniker wird niemand rütteln. Dennoch war Richard Strauss früher bei der Staatskapelle angestellt. Der junge Karajan ebenso. Wir sollten nicht so sehr versuchen, uns besser zu machen. Wir sollten versuchen, uns anders zu machen.

Konzerthaus Gendarmenmarkt, Mitte, So 19.5., 20 Uhr, 20 – 59 €

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