Festival

Jazzwoche Berlin 2019

Fokus auf den Alltag: Der Jazz in Berlin ist Weltklasse – die Arbeitsbedingungen der Musiker sind es nicht. Die Jazzwoche Berlin, die auf das Besondere im Normalen abhebt, will das ändern

Foto: Liz Kosack

Die Stadt und der Jazz gehören zusammen. Ob in den Roaring Twenties oder im Nachkriegsjahrzehnt – immer war Berlin Jazz-Hochburg und ist es auch heute wieder. Betrachtet man die Rekordbesucherzahlen von Veranstaltungen wie dem XJAZZ-Festival, hat man nicht den Eindruck, dass es schlecht um den Jazz in der City steht. Doch genau das bemängeln zwei, die sich von Berufs wegen damit auskennen: Kathrin Pechlof und Bettina Bohle, Vorstand und Geschäftsführerin der IG Jazz Berlin, einem gemeinnützigen Verein, der sich der politischen Förderung der Berliner Jazzszene verschrieben hat. Um dem nach ihrer Ansicht marginalisierten Genre mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, haben sie die Jazzwoche Berlin ins Leben gerufen, die Ende Juni zum ersten Mal über die Bühnen von etwa 45 Clubs gehen wird.

Wozu aber braucht diese Stadt neben ihren zahlreichen Jazzfestivals und -reihen nun auch noch eine Jazzwoche? Noch dazu, wo sie gar kein kuratiertes Programm mit eigens eingekauften Headlinern bietet, sondern einfach das abbildet, was eh da ist? „Um den Fokus eben genau darauf zu richten“, sagt Pechlof, und Bohle ergänzt: „Man könnte tatsächlich jede beliebige Woche aus dem Berliner Konzertkalender herausgreifen: Was da passiert, ist einfach immer so hochwertig wie in der Jazzwoche. Und das ist genau der Punkt!“

Berlin, so ist man sich im Interessenverband einig, biete jeden Tag die herausragendsten Jazzkonzerte – allein, es fehle dem interessierten Hörer die Möglichkeit, davon zu erfahren, zudem fördere die Politik lieber andere Genres. Resultat ist ein künstlerisches Prekariat, wie auch die erschreckenden Ergebnisse der bis heute gültigen Jazzstudie 2016 über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Jazzmusikern in Deutschland zeigen. So verfügen ganze fünfzig Prozent von ihnen über ein absolutes Gesamtjahreseinkommen von weniger als 12.500 Euro – Berlin ist da keine Ausnahme. Das kann auch Pechlof, die neben ihrer Tätigkeit bei der IG Jazz als Harfenistin reüssiert, bestätigen: „Als Jazzmusikerin habe ich meinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Berlin, mein Geld aber verdiene ich außerhalb der Stadt.“

Das Etikett „arm, aber sexy“ will man nicht länger hinnehmen. Zu den Forderungen gehört aber nicht nur die individuelle Künstler-, sondern auch die Spielstättenförderung. „Leider“, so Pechlof, „bewegt sich der Jazz in Berlin auf dem Niveau der Frage, wie es möglich sein kann, dass diese Musik überhaupt stattfindet. Jazz ist eine Musik, die auch mal einen Irrweg gehen muss. Die Zeit braucht. Die Raum braucht – und zwar tatsächlich erstmal physischen Raum in Form von Arbeitsräumen.“ Bohle bestätigt: „Deshalb setzen wir uns auch für eine Basisförderung für Jazzorte ein. Den Musikern geht es gut, wenn es den Veranstaltern gut geht.“

Probleme und theoretische Fragen nach dem Selbstverständnis des Genres und seiner Akteure werden im Begleitprogramm der Jazzwoche erörtert, von der ewig aktuellen Problematik „Was ist Jazz?“ bis hin zu Panels zu Themen wie Jazz-Vermittlung oder Geschlechtergleichstellung. Auch wird der Jazzpreis Berlin dieses Jahr während der Jazzwoche verliehen.

Auf die Frage nach den Erwartungen, die sie als Berliner Musikerin mit der Jazzwoche verbindet, muss Pechlof nicht lange überlegen: „Das erste Wort, das mir in den Sinn kommt, ist Hoffnung. Dass sichtbar wird, dass die Musik da ist, dass das Publikum da ist, aber die Infrastruktur nicht. Außerdem will ich als Musikerin einfach, dass diese Musik gehört wird. Wenn man aus einem guten Jazzkonzert kommt, geht man anders raus, als man reingegangen ist.“

Jazzwoche Berlin Mo 24.–So 30.6., verschiedene Spielstätten, Programm unter www.field-notes.berlin

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