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Jordan Rakei ist der spannendste junge Soulsänger der Welt. Jetzt spielt er in Berlin

Fuck, der Computer liest meine Gedanken! Dank der diversen Einflüsse in Süd-London mit Latin, Jazz und Open-Mic ist Jordan Rakei, 27, der spannendste und coolste junge Soulsänger der Welt

Foto: Dan Medhurst

Nach der Show schiebt er sich einen Kolben in den Mund. Einen Plastikkolben, aus dem Wasserdampf tief in seinen Rachen dringt. Und obwohl es so wirkt, ist der Wasserdampf nicht heiß. Jordan Rakei inhaliert ihn genüsslich, den Nebel. Da ist die krasseste Droge drin: pures Wasser. Er ist kein Drache, der Feuer speit, sondern ein Sänger, der Wasser raucht. Mit diesem so genannten Nebulizer. Wassersüchtig? Alles für die Samtstimme. Damit die nicht austrocknet. Einmal hätte er sie fast verloren. Während draußen das Publikum johlt nach dem Gig (die Teenager und die jazzigen Hipster und die coolen Trendsetter, die im echten Leben hartem Gangsterrap lauschen und zarte Gedichtbändlein lesen), ist Jordan Rakei wieder die Ruhe selbst.

Die wichtigste Lektion, die man lernen muss, um diesen Mann von 27 Jahren zu verstehen: Schüchternheit und Introversion sind zwei Paar Schuhe. Die beiden zu verwechseln: ein Anfängerfehler. Jordan Rakei ist kein bisschen schüchtern – doch maximal introvertiert. Beide Eigenschaften haben ihm den Weg geebnet dorthin, wo er jetzt steht: Er ist der wohl angesagteste junge Soulsänger zurzeit. Die kitschfreie Indie-Variante von Sam Smith. Der Aufstieg ging steil: Kein Vierteljahr, nachdem Jordan Rakei von Australien nach London zog, kam 2015 der Anruf, dass die Electro-Produzenten-Jungs von Disclosure seine Stimme auf den finalen Tracks ihres Albums „Caracal“ drauf haben wollten. Das Album wurde grammynominiert und hatte nur Vokalist*innen der ersten Liga mit an Bord: Lorde, Sam Smith, Gregory Porter, etc. Und den bis dato kaum bekannten Jordan Rakei. 2016 kam Jordan Rakeis eigenes Debüt „Cloak“ raus – und schon 2017 legte Rakei mit „Wallflower“ verblüffend düstere Samba nach. 2019 folgte das gleichermaßen dystopische wie Dancefloor-kompatible „Origin“, mit dem Jordan Rakei nun auf Tour ist.

Geboren ist Jordan Rakei 1992 in Neuseeland, aufgewachsen aber in Australien. Nun ist er gut vernetzt in der Musikszene von London: Alles kam durch seinen Kumpel, den Rapper Barney Artist. Mit Tom Misch und Alfa Mist bilden sie das lose R’n’B-Kollektiv namens Are We Live. Freunde über Freunde. Irgendwann hat Oscar-Gewinner Sam Smith ihn angerufen und ihm erzählt, wir sehr er Jordans EP mochte. So kann’s gehen. Eigentlich wollte er nach sechs Monaten zurück. Daraus wurde dann natürlich nichts. „Vieles ist sehr gut in Australien und Neuseeland: Krankenversicherung und Schulsystem. Aber ich war immer schon ein weltgewandter Mensch. Meine Freunde wussten auch, dass ich dort keine Wurzeln schlage.“ Papa und Bruder sind im Baugewerbe; Mama macht Finanzen. Er selbst ist ein spiritueller Grübler.

Jazz ist grad’ das Ding in London

Nun lebt er in Süd-London, wo die Musikszene vibriert und die Ohren der Welt hingerichtet sind. „Alle stehlen einander die Ideen“, lacht er. Sie hingen ja alle viel miteinander ab. Rakei produzierte die Hälfte des gefeierten neuen Loyle-Carner-Albums. Auch beim Electro-Songwriter Tom Misch mischt er mit. Er geht die ganze Zeit auf Open-Mic- und Jam-Nächte. „Jazz ist gerade so ein großes Ding in London! Da ist was am Brummen.“ Auch Reggae und Afrobeats spielen mit rein. Wenn man eine Weile mit Jordan Rakei plaudert, wirkt er wie der kluge Vorzeigeschwiegersohn, der bei der Dinnerparty alle verzaubert. Also wie war das doch gleich mit der Schüchternheit? „Als ich nach London kam“, erzählt Jordan Rakei, „hat mich das geöffnet. Ich musste Leute treffen. Aus meinem Zimmer rauszugehen und jemanden zu sehen, das war schwer für mich. Aber ich habe die Fertigkeit dazu entwickelt.“ Introversion ist eben, wie gesagt, nicht zu verwechseln mit Schüchternsein. „Es geht eher um die Frage, wo du deine Energie herbekommst. Extrovertierte brauchen andere. Ich hingegen könnte tagelang allein rumsitzen. Ich bin gerne in Gesellschaft mit mir selbst.“ Das hindert ihn nicht daran, selbstsicher auf der Bühne zu stehen. Jetzt heizt er mit seinen funky Beats der It-Crowd ein.

Da er so viele Instrumente spielt, muss er sich indes kaum andere Menschen ins Studio einladen. Klavier, Gitarre, Bass kann er sowieso selbst. „Aber da gibt’s diese Decke aufgrund meiner Skill-Levels. Denn ich liebe komplizierten Jazz. In meinem Song ‚Rolling Into One‘ gibt’s einen Basslauf, der so busy ist, dass ich das niemals selbst hinbekommen hätte. Dann hat das ein anderer Typ eingespielt, und das hat den Song auf ein neues Level gehoben.“ Jazz prägt seinen Sound hauptsächlich indirekt: über den Soul der 1970er, der seinerseits von Jazz und Rock und Gospel zehrte. „Soul hat Jazz-Harmonien, aber ist doch zugänglicher. Wenn ich Jazz-Akkorde spiele, denken Leute oft, dass ich viel Miles Davis oder Herbie Hancock höre. Was ich auch tue. Aber eigentlich hab ich mir diese Akkorde bei Stevie Wonder ausgeliehen, der sie seinerseits wohl von den beiden hat. Ich liebe D’Angelo, aber er liebt Parliament, Funkadelic und Prince.“ So multiplizieren sich die Referenzen.

Er macht Musik, die obskur und alternativ ist, aber zugänglich bleibt. „Stevie Wonder und Joni Mitchell sind da meine Vorbilder. Denen ist das gelungen, tiefe musikalische Konzepte leicht klingen zu lassen! Ich könnte auch ein verrücktes Tringellingedübbeldida machen, aber für wen soll das sein? Für fünf Experten?“ Er will mit seiner Musik auch auf den Dancefloor. „Mein neues Album ist ziemlich pulsierend. Ich will die Leute hereinlocken mit den funky Rhythmen – und dann über düstere Ideen sprechen.“ Lyrisch geht es nämlich um Technologie als Dystopie. Der Klang macht Spaß, aber die Texte sind ernst. „Wir treffen uns also in der Mitte. Du kannst gern drauf tanzen, aber es geht mir lyrisch darum, dass Technologie die Oberhand erlangt.“

Doch leben wir wirklich in so einer „mad, mad world“, wie Rakei sie auf „Origin“ besingt? Oder hat der Gute bloß zu viel „Black Mirror“ geglotzt, die BBC-und-Netflix-Serie, die ausmalt wie das wäre, wenn übermorgen Computer unsere Gedanken läsen? „Lustigerweise hatte ich das Album schon halb fertig damit, bevor ich ‚Black Mirror‘ kannte. Ich dachte dann ‚Scheiße, das ist ja genau, wovon ich rede!‘“ In einem Song wie „Say Something“ etwa geht es um eine Welt, in der sich Gedanken abzapfen lassen.

Doch Rakei ist kein Schwarzmaler: „Ich liebe all den Kram: Games, Toys, Virtual Reality! Künstliche Intelligenz! Als Siri rauskam vor paar Jahren, hat mich das umgehauen. Ich hab sie so gerne gefragt, wie das Wetter wird.“ Und trotzdem sei er besorgt, in welchem Ausmaß Technologie in unser Leben eindringt. „Ich habe Angst, das Menschliche zu verlieren. Wenn wir mit Menschen nur noch übers Smartphone reden, ist das keine angemessene Beziehung.“ Er schwärmt vom Abendessen bei Freunden, wenn stundenlang niemand das Telefon zückt. Dagegen: „In eine virtuelle Welt absteigen, wo alles jederzeit verfügbar ist – das lässt einen doch abstumpfen! Und je besser die Technologie wird, klar, desto schwieriger wird es irgendwann, den Unterschied überhaupt noch zu erkennen.“ Und das könnte schon sehr bald geschehen, meint Rakei: „So wie das iPhone vor einem Jahrzehnt so viel verändert hat, werden auch Hologramme und künstliche Realität das schon sehr bald tun. Noch braucht Siri drei Sekunden, um mir zu sagen, wie das Wetter wird. Schon bald könnte ein Chip in mir das ohne Zeitverzögerung tun, prompt wenn ich die Frage nur denke. Ich will, dass wir drüber nachdenken – wie wir etwas Gutes daraus ziehen können.“

Und darauf kann uns letztlich niemand angemessen vorbereiten. Weil niemand diesen Wandel je zuvor erlebt hat. „Selbst die Experten der großen Firmen machen sich Sorgen. Irgendwann werden wir Computer bauen, die wiederum selbst weitere Computer bauen, weil sie so smart sind. Dann übernehmen sie uns!“ Ja, aber solche Dinge singt Rakei in seinen schmissigen Hits. Die Spracherkennung bei Siri hat er inzwischen deaktiviert. Er will nicht, dass Siri immer lauscht. Lieber selbst aus dem Fenster schauen – und sehen, ob sich da ein Sturm zusammenbraut.

Columbia Theater Columbiadamm 9, Kreuzberg, So 29.9., 20 Uhr, 23,60 €

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