Oper

Romeo Castellucci: „Ich mag das Lachen im Theater nicht“

Regie-Star Romeo Castellucci über Alessandro Scarlattis Il primo omicidio 
an der Staatsoper – und warum er immer ernst bleibt

Romeo Castellucci, Foto: Luca Del Pia

Zur Person: Romeo Castellucci, geboren 1960 in Cesena, ist einer der Superstars heutiger Opern-Regie. 1981 gründete er die Theatercompagnie Societas Raffaello Sanzio. Beeinflusst von der Bildenden Kunst, insbesondere den kunsthistorischen Werken von Giulio Carlo Argan, gelang ihm im vergangenen Jahr eine umjubelte „Salome“ bei den Salzburger Festspielen.

tip: Herr Castellucci, in „Il primo omicidio“ geht es um Kains Mord an Abel. Ein saftiger Stoff. Zu saftig?!

Romeo Castellucci: Ich weiß genau, was Sie meinen! Aber der erste Mord ist für mich keine grobe Tat, sondern ein Mythos. Woraus sich ergibt: Größer als das Schicksal – und uns alle angehend, ob wir nun gläubig sind oder nicht. Es geht weniger um Gewalt als um Zerbrechlichkeit. Kain ist ein Werkzeug Gottes. Er vollzieht, was ihm aufgegeben ist. Sein Mord ist der Beginn unserer Zivilisation.

tip: Das Werk ist eher unbekannt, der Komponist Alessandro Scarlatti ein – bedeutendes – Phantom der Operngeschichte. Vorteil?

Romeo Castellucci: Ja! Die Geschichte ist universell. Dass die Musik unbekannt ist, verhindert falsche Erwartungen und Vorurteile. Wir sind geradezu jungfräulich. Ich bin freier dadurch.

tip: Eigentlich handelt es sich um ein Oratorium. Macht das einen Unterschied?

Romeo Castellucci: Einen großen! Als Oratorium ist das Werk viel statischer, in sich gekehrter und disparater als jede Oper. Ich muss dem Publikum die Möglichkeit eröffnen, sich zu versenken. Zu meditieren. Es reicht in tiefere Regionen.

tip: Ihre Inszenierungen – auch an der Schaubühne – waren stets sehr ernst. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, eine Komödie zu inszenieren?

Romeo Castellucci: Ich mag das Lachen im Theater nicht. Vielleicht sollte ich gerade deswegen eine Komödie machen – bei der das Lachen im Halse stecken bleibt. Mein Lieblingskomiker ist Buster Keaton – der auch eine großartige Bildersprache erfand. Sehr kalt.

tip: Am Hebbel-Theater zeigten Sie vor Jahren eine Produktion, in der das Wechseln von Windeln bei einem greisen Mann gezeigt wurde. Was bedeutet Provokation?

Romeo Castellucci: Provokation mag ich überhaupt nicht, sie findet in jeder Werbung statt. Selbst die Politik provoziert andauernd, und es führt zu gar nichts. Kunst darf nicht voraussehbar sein. Skandal, auch Schock, sind mir lieber.

tip: Ihr Ziel sei es, so haben Sie einmal gesagt, Intimität herzustellen. Sind Sie da nicht im Theater, wo man nie alleine ist, an der falschen Adresse?

Romeo Castellucci: Das macht es umso schwieriger. Aber auch umso magischer! Die Oper halte ich für die stärkste Ausdrucksform der Kunst überhaupt. Zur Emotion der Sprache kommt hier noch diejenige der Musik. Orchestermusik ist für mich der größte Luxus, das größte Geschenk, das ich mir denken kann. Licht im Dunkel unserer Einsamkeit. Auf die Gemeinsamkeit im Publikum dagegen würde ich nicht bauen.

tip: Sie weigern sich, über eigene Religiosität zu sprechen. Ist nicht alle Kunst religiös?

Romeo Castellucci: Doch! Schon die ersten Höhlenzeichnungen hatten metaphysische Gründe. In einer Welt, in der wir nicht mehr glauben, vertritt Kunst die Stelle der Religion. Wir schaffen Bilder für eine Gegenwelt. Auf die wichtigste Frage: „Warum bin ich geboren?“, gibt es keine Antwort, höchstens eine enttäuschende. Für mich ist alles Theater eine Unterhaltung mit dem Unbekannten. Es geht darum, am falschen Ort zu sein. Ganz bewusst.

Staatsoper Fr 1.11., 18 Uhr, Do 7.11., 19 Uhr, Sa 9.11., 19 Uhr, Fr 15.11., 19 Uhr, So 17.11., 18 Uhr, 10–130 €

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