Porträt

Vor dem Durchbruch: Der junge Londoner Gitarrist Oscar Jerome

Nicht jede*r kann nach zwei EPs und einer Hand voll Singles durch Europa touren und mit gut besuchten Shows rechnen. Wenn nach dieser ersten größeren Tour auch noch ein Plattenvertrag von Caroline International winkt – dem Label auf dem Größen wie Iggy Pop und Tame Impala ihre Alben veröffentlichen – und man von U.S.-Jazz Star Kamasi Washington für dessen Tour als Vorband eingeladen wird, dann hat man wohl einiges richtig gemacht

Foto: Denisha Anderson

Wer sich in den letzten Jahren durch die ermüdenden Ereignisse rund um den Brexit nicht von einem genaueren Blick auf die Insel hat abschrecken lassen, ahnt schnell, warum der Londoner Gitarrist Oscar Jerome kein eigenes Debut-Album und erst recht keine Star-Allüren nötig hatte, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Als Teil des Afrobeat-Kollektivs Kokoroko und durch zahlreiche Kollaborationen mit so ziemlich allem, was in der populären, jungen Jazzszene Londons schon Rang und Namen hat, konnte der in Norfolk geborene Songwriter sich auch ohne viele eigene Platten profilieren. Das hielt den 28-jährigen jedoch nie davon ab, in regelmäßigen Abständen Songs zu veröffentlichen.

„Teil dieser musikalischen Gemeinschaft in London zu sein hat meinen Sound in den letzten Jahren entscheidend beeinflusst und zu dem gemacht, was er jetzt ist“, erklärt Jerome im Gespräch, kurz vor seinem zweiten Solo-Auftritt in Berlin innerhalb eines Jahres. Die Kommunikation mit anderen Musiker*innen hält der junge Brite, der seine langen Haare meist zu einem festen Zopf gebunden hat, für essenziell. „Wenn ich an einem Song schreibe und jemanden einlade, bringt das eine ganz neue Dynamik in die Musik.“

Das hört man unter anderem auf der Single „Gravitate“. Der Song entstand aus einem E-Drumbeat seines Freundes Ben Hauke, der überwiegend Broken-Beat und Elektromusik produziert. Jerome und Schlagzeuger Ayo Salawu von Kokoroko improvisierten an einem Nachmittag zu Hause gemeinsam zu dem Rhythmus und so wurde daraus ein tanzbarer Song zwischen Broken-Beat und Afrobeat.

Jeromes Musik ist im Klang zwar sehr klar definiert, aber stilistisch um so schwerer einzuordnen. Während sein heller Gitarrenklang mit rhythmisch akzentuierten Akkorden zwischen Funk und Jazz stets den roten Faden vorgibt, sorgt ein hip-hoppiger Bass-Sound für die nötigen Tiefen. Begleitende, aber selten simple Schlagzeugrhythmen, ein Wechselspiel aus warmem Keyboardsound und dezentem Tenor-Saxophon und natürlich die bassige, aber meist etwas höher gesungene Stimme des Briten tun ihr übriges.

Wenn man so will, sieht man Jerome seinen modernen, aber schnörkellosen Sound mit leichter Hip-Hop Note ein wenig an. Mit Stoffhemd, weit geschnittener Markenjeans und hellweißen Turnschuhen steht da im Grunde genommen einfach ein junger Mann, der leidenschaftlich gerne mit Freunden im Proberaum oder auf der Bühne improvisiert und seine Gefühle und Gedanken in zum Teil metaphorischen, aber nie hochtragenden Texten verarbeitet. Nicht mehr – aber vor allem nicht weniger.

Im Oktober erschien sein Debut in Albumlänge – Der Livemitschnitt eines Konzerts in Amsterdam aus diesem Jahr. „Die Live-Shows sind anders als meine Studio Aufnahmen. Es sind zwar dieselben Songs, aber ich spiele mit tollen Musikern zusammen, die eine eigene Note in die Musik einbringen und ich hatte das Gefühl, dass nun eine gute Zeit ist, um diese Seite von uns zu zeigen.“

Im Frühjahr soll auch ein Studio-Album folgen. Die meisten Songs seien schon aufgenommen, erklärt Jerome und verspeist dabei genüsslich eine ganze Packung bunter Kaubonbons. Angesichts des straffen Tour-Plans in Deutschland und eines herbstlichen Berliner Nachmittags voller Presseterminen ist der gefragte Songwriter nicht zum Abendessen gekommen. Beim Auftritt seiner Band Kokoroko in Berlin knapp zwei Wochen zuvor musste Jerome aufgrund der eigenen Tour vertreten werden. „Lange Zeit habe ich Bands und meine Solo Karriere unter einen Hut bekommen. Jetzt ist Kokoroko super erfolgreich und viel unterwegs, was ich großartig finde. Aber gleichzeitig bekommt auch meine Musik mehr Aufmerksamkeit und ich versuche mich ein bisschen darauf zu fokussieren.“

Jerome, der als Kind gerne Jimi Hendrix oder Rage Against The Machine – aber auch Hip-Hop, Funk und Bluesplatten hörte, zog es als Teenager durch Gitarrensoli von George Benson oder Wes Montgomery und die Kompositionen von Miles Davis zum Jazz und so ging er mit 18 nach London für ein Jazz-Studium am Trinity College. Das erste Gitarrensolo, dass er lernte, war das aus George Bensons „On Broadway“, erinnert er sich. Das synchrone Mitsingen der Gitarrenlegende zu den eigenen Soli inspirierte den jungen Songwriter. In Jeromes Gitarreneinlagen, die zwischen stimmungsvollem Jazz, rhythmisch geschrabbelten Akzenten und rockigen Ausbrüchen hin und her wechseln, singt auch er oft die Töne der Gitarre mit konzentriert geschlossenen Augen mit. „Meistens ist das nicht mit Absicht. Ich mache einfach Geräusche. Manchmal macht es das Mitsingen einfacher, sich in der Musik zu verlieren und nicht darüber nachzudenken, was man gerade tut. Es ist tatsächlich einfacher als man denkt und hilft der Verbindung zwischen Musik und Körper.“

Mit dem lange verbreiteten Jazz-Klischee von elitären Musikern, die in überteuerten Bars zur leichten Unterhaltung älterer Menschen spielen hat Oscar Jerome ebenso wenig zu tun, wie die anderen Künstler*innen aus der britischen Hauptstadt, mit denen er häufig zusammenarbeitet. Viele seiner Texte versteht er als politisch. Neben seinem bislang wohl bekanntesten Song „Do You Really“, in dem er sensibel über Geschlechterrollen, Sexualität und Maskulinität sinniert, ist „Give back what you stole from me“ von seiner ersten EP 2016 sein politisch wohl eindeutigster Song.

„Fuck wealth, fuck property; Fuck the power hungry people stopping you and me from being what we want to be”, heißt es in dem energiegeladenen Stück, dass er mit seiner Band bei Konzerten meist als Zugabe spielt. Heute würde er den Text wohl anders schreiben, erklärt der Brite. „Nicht, weil ich meine Meinung gegenüber großen Banken und Unternehmen geändert hätte, die offensichtlich Menschen ausbeuten, sondern weil ich in dem Song so viel meckere.“ Mittlerweile versuche er mit seiner Musik eher in eine Position zu kommen, in der er Menschen wirklich helfen könne.

Zumindest eine größere Rolle in der britischen Musikszene und darüber hinaus ist von Oscar Jerome in den nächsten Jahren allemal zu erwarten. Schaut man sich an, was er in kurzer Zeit mit seinem musikalischen Können und zwei selbstproduzierten EPs schon erreicht hat, dürfte der Songwriter mit einem Plattenvertrag im Rücken und dem ersten Studio-Album im Gepäck sehr bald noch weiter ins Rampenlicht rücken.

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