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Daniel Barenboim hat Ärger. Zweifel am Halbgott

Die „Causa Barenboim“ gilt einem der letzten Autokraten der Dirigierwelt. Doch die Probleme liegen anderswo

Ist dieser Mann ein Tyrann? Diese Frage entzweit die Klassik-Welt, nachdem Vorwürfe von Orchestermusikerin publik wurden, der weltberühmte Daniel Barenboim habe sie schikaniert, Foto: Christian Mang

Es sind schwere Tage für Daniel Barenboim. Nicht etwa, dass die Diskussionen über seine rigiden Arbeitsmethoden den Weltstar erschüttern könnten. Nein, aber die letzte Staatsopern-Premiere, Jörg Widmanns „Babylon“, bei der Barenboim aufgrund einer Augenoperation absagen musste, zeigte sonnenklar: Es geht auch ohne ihn. Der 76-Jährige ist längst nicht mehr unentbehrlich.

Die „Causa Barenboim“ wurde ins Rollen gebracht durch drei Musiker der Berliner Staatskapelle, die sich im Bayerischen Rundfunk über den harten Zugriff ihres (ehemaligen) Chefs beklagten. Der Solo-Pauker Willi Hilgers, der mittlerweile an die Bayerischen Staatsoper wechselte, spricht von häufig vorkommenden Schikanen. Er habe Bluthochdruck bekommen und am Ende unter einer schweren Depression gelitten.

Die Vorwürfe betreffen keine justiziablen Vergehen. Unbekannt waren sie auch nicht. Wer die Diagnose für neu hält, dass Barenboim autoritär auftritt und seine Musiker hart anfasst, kennt sich nicht gut aus.

Selbst Guy Braunstein, ehemaliger Konzertmeister der Berliner Philharmoniker und ein großer Barenboim-Fan, räumt ein: „Daniel Barenboim ist nie ein einfacher Mensch gewesen.“ Er verlange Höchstleistungen. Im Übrigen „fehle“ an dieser Geschichte, so Braunstein, vor allem eines: „die Geschichte“. Da hat er Recht.

Ganz klar, dass der geborene Argentinier einer Generation angehört, in der noch alle Dirigenten große Autokraten – und oft wahre Pestbeulen waren. Der alte Karl Böhm war berüchtigt dafür, dass er sich bei Proben einen meist jüngeren Musiker herauspickte, den er schikanierte. Bei George Szell, der Barenboim das Dirigieren empfahl, wurden Musiker reihenweise therapiebedürftig. Der große Fritz Reiner sprach auf Proben, wenn überhaupt, nur einen einzigen Satz: „You’re fired!“ Dann rückte ein anderer Musiker an die Stelle.

Diesen Zeiten entstammt Barenboim. Wichtiger: Sie gehören im allgemeinen der Vergangenheit an. Barenboim ist sogar so sehr der letzte in einer Riege großer Ekelpakete, dass einer seiner älteren Kollegen, der inzwischen verstorbene Lorin Maazel, die Sachlage einmal so auf den Punkt brachte: „Die Dirigenten heute sind alle viel zu lieb geworden.“ Ist das Chef-Gebaren von Dirigenten etwa Geschmackssache? Der international erfolgreiche Andris Nelsons drückt den Wandel so aus: „Früher brauchten die Dirigenten Ideen. Heute brauchen sie Argumente.“

Die Orchester heute funktionieren allesamt demokratisch. Sie können sich ihre Peiniger vom Leib halten. Diese haben keine Chance mehr; es sei denn, man sucht einen Haudegen alten Schlages, damit er auf den Putz haut und die Orchesterdisziplin verbessert. (Aufgrund dieser Bedürfnislage wurde vor Jahren etwa der Dirigent Marek Janowski nach Berlin geholt.) Es ist aber gar nicht mehr leicht, einen entsprechenden Diktator aufzutreiben. Sie sind fast ausgestorben.

Wer genauer hinsieht, stellt fest, wie in der Berichterstattung über den Fall Barenboim viele Feuilletons ihr eigenes Süppchen kochen. Meist werden die Anschuldigungen dafür genutzt, eigene Vorschläge zur Staatsopern-Nachfolge ab 2022 zu lancieren. Gegenwärtig, das ist der wahre Hintergrund, verhandelt Barenboim mit dem Kultur­senator über seine Vertragsverlängerung. Da sich Klaus Lederer (Linke) bislang als herzlich ent­scheidungslahm in Bezug auf neue Namen gezeigt hat, stehen Barenboims Chancen – trotz allem – nicht schlecht.

Die sonstigen Reaktionsweisen der Presse stellen dieser kein seriöses Zeugnis aus. Was soll von einer Berliner Tageszeitung zu halten sein, die ausgerechnet Jürgen Flimm eine große Barenboim-Apologie anfertigen lässt? (Der Ex-Staatsopernintendant und Barenboim schworen einander bei Amtsantritt in die Hand, Ärger untereinander nie an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Und Ärger gab es genug…) Was wiegt ein überregionales Blatt, wenn man ausgerechnet Rolando Villazón nach seiner Meinung befragt?! Einen Mann, der die Reste seiner strauchelnden Tenor-Karriere maßgeblich Barenboim verdankt.

So geht die populistisch angehauchte Debatte über Dirigenten-Arbeitsweisen an den eigentlichen Problemen vorbei. Keine Frage, dass ein Berufsstand, der sich immer noch bereitwillig mit „Maestro“ titulieren lässt, in der Gefahr der Lächerlichkeit angekommen ist. Der Dirigent Riccardo Muti wies schon vor Jahren darauf hin, in seinem Gewerbe seien bei weitem zu viele Scharlatane unterwegs. Er, Muti, könne jedem Anfänger in einer Viertelstunde die nötigen Dirigenten-Handgriffe beibringen. Im Grunde genommen komme es nur darauf an: „Wenn das Orchester aufhört zu spielen, sofort auch aufhören zu dirigieren!“

Die wahren Probleme der Klassik bestehen längst nicht mehr in den autoritären Daumenschrauben der Dirigenten. Sondern im beharrlichen Sexismus, auch Rassismus der Klassik insgesamt. Die geringe Zahl von Chefdirigentinnen etwa liegt keineswegs an einer mangelnden Zahl von Bewerberinnen. Sondern daran, dass keine angenommen wird. Es gibt überhaupt keine Dirigent*innen aus der afroamerikanischen Community, ebenso kaum einen schwarzen Pianisten oder Geiger. Daran hat sich seit den Zeiten von Nina Simone (der man die klassische Klavierausbildung verweigerte) fast nichts geändert.

In Gestalt von Barenboim wird jetzt ausgerechnet gegen jemanden geschossen, der stets Chauvinismus anprangierte und politisch handelte. Er war übrigens auch der Erste, dessen ehemalige Assistentin ­Simone Young Chefin eines großen deutschen Opernhauses wurde. Die genannten Sachverhalte kann man gewiss nicht gegeneinander aufrechnen. Ein allgemeines Problem aber stellt das barsche Vorgehen Barenboims kaum mehr dar. Es ist ein innerbetriebliches ­Problem der Staatsoper.

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