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Kommentar

Impfmüdigkeit in Berlin: Keinen Bock auf Pieks

Auf Drängeln folgt Impfmüdigkeit. Kloppten sich noch vor einem Monat Menschen um die Spritze, sticht sie heute vielerorts ins Leere. Gezeigt hat sich das etwa, als eine Freundin und ihre Mutter vor kurzem in einem Pop-Up-Impfzentrum im Soldiner Kiez waren. Eine Spontanaktion. Sie planten viel Zeit ein, rechneten mit einer Schlange wie vor Achterbahnen. Vor Ort war es dann eher Entenangeln. Ein, zwei Impfanwärter:innen und viel gelangweiltes Personal. Ehe sie sich versahen, war der Schuss gesetzt, die Sache vorüber. Auch abseits der Kurzzeitzentren ist wenig los. Auf dem Terminbuchungsportal Doctolib gibt es immer öfter Termine ohne lange Wartezeit, ob bei Ärzt:innen oder in großen Zentren. Da noch lange nicht alle geimpft sind, ist das schlecht. Fragt sich, woher die Impfmüdigkeit kommt. Rationale Gründe gibt es dafür nicht.

Gähnende Leere in den Zentren: Allmählich zeigt sich die Impfmüdigkeit. Foto: Imago/Westend61

Impfmüdigkeit: Es passt gerade nicht

Warum die Begeisterung nachlässt, ist schwer nachzuvollziehen. Wahrscheinlich liegt es an dem Zusammenspiel aus sinkenden Inzidenzen, gelockerten Maßnahmen und schönem Sommerwetter. Alles schreit Normalität, die Pandemie ist vorbei, wir haben es geschafft. Da ist es doch Quatsch, sich eine Spritze in dem Arm jagen zu lassen. Menschen erscheinen nicht zu ihren Terminen oder buchen erst gar nicht. Bundesweit berichten Medien von solchen Zuständen. Dabei ist es längst wieder kritisch.

Länder wie Großbritannien und Portugal sind derzeit Hochrisikogebiete, in Europa droht ein Reisechaos. Grund ist die Delta-Variante. Sie ist leichter zu übertragen als bisherige Virustypen. Laut Schätzungen hat sie eine rund 50 Prozent höhere Übertragungsrate im Vergleich zur Alpha-Mutation. Ganz schlechter Zeitpunkt also, sich zurückzulehnen.

Außerdem ist es nicht gerade aufwändig, einen Termin zu buchen und sich eben impfen zu lassen. Im Grunde ist es ein kleiner Arztbesuch. Ein Tag Ausfall wegen Nebenwirkungen – etwa grippeähnliche Symptome wie Müdigkeit, Schüttelfrost, Gliederschmerzen – kann vorkommen, ist aber angesichts des Pandemiegeschehens verkraftbar. Zumal diese sich in der Regel nach ein, zwei Tagen legen. Verglichen mit einem weiteren Lockdown ist das nichts. Neben “kein Bock” ist auch Vergesslichkeit ein Grund für versäumte Termine. Hat der Hund den Kalender gefressen oder ein schwerer Unfall Amnesie verursacht, kann Doctolib retten. Die Plattform schickt regelmäßig Erinnerungen.

Impftermin: “Ich hab’s nicht vergessen, ich hab Angst”

Ja, auch Furcht ist ein Grund sich nicht impfen zu lassen. Und ja, die Angst vor Unbekanntem, wie es eine Corona-Impfung nun mal ist, ist eine menschliche. Aber: begründet ist sie nicht. Zunächst haben wir mit der Ständigen Impfkommissionen und der Europäischen Arzneimittelkomissionen exzellente Kontrollorgane. Letztere betont in regelmäßigen Sicherheitsberichten zu den Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna, dass es keine Sicherheitsbedenken gebe. Nutzen überwiegen demnach Risiken.

Herzmuskelentzündungen, die es in Israel vereinzelt nach Biontech-Impfungen gab, konnten bisher nicht direkt auf den Stoff zurückgeführt werden. Unter fünf Millionen Geimpften gab es bislang rund 275 Fälle, also 0,005 Prozent. Die Sterblichkeitsrate nach einer Corona-Infektion beträgt in Deutschland 2,46 Prozent (Stand: 28. Juni). Mal im Ernst, das ist kein Vergleich. Auch bei anderen Stoffen überwiegen die Vorteile. Wie gesagt, Angst ist menschlich, aber in vielen Fällen unbegründet. Sollte ein Stoff zu riskant sein, wird er nicht mehr verabreicht und genauer geprüft – war bei Astrazeneca der Fall.

Auch auf den letzten Metern braucht es Verantwortungsbewusstsein

Natürlich wünschen sich alle ein normales Leben, ein Ende dieses deprimierenden Traums. Ihn einfach zu ignorieren, weil es gerade doch so gut läuft, hilft jedoch nicht. Es schadet vielmehr. Die Pandemie zwingt uns über Ängste hinwegzugehen und Verantwortungsbewusst zu sein. Das macht nie Spaß, es ist mitunter sogar lästig. Dabei wird momentan nicht viel verlangt.

Neben den Corona-Regeln sind es eben ein oder zwei Besuche bei einem Doc. Der Belohnunglolli sind gelockerte Maßnahmen, eine geschützte Gesundheit und für viele das Leben. Das lässt sich zudem besser an einem der schönen Berliner Badeseen genießen als auf einer Intensivstation. Just saying.


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