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Kolumne

Jackie A. entdeckt … Von Bio-Brötchen und Bestattern

Die Erde als Scheibe – ich dachte eigentlich, so stellt man sich das nur in berüchtigten Dörfern Brandenburgs vor. Bis ich die Schlagzeile zu „Mad Mike“ entdeckte, dem hauptberuflichen Stuntman aus Amerika, der eine Rakete zimmerte und sich selbst damit in die Luft schoss, um sich und Anhängern der sogenannten „Flat Earth Society“ den Beweis für ihre Theorie zu liefern. Leider ohne Happy End. Wenn Verschwörungstheorie auf Realität trifft, scheint Tragödie die zwingende Konsequenz

Foto: Jackie A.

Ich musste feststellen, dass sich auch vor den Toren Berlins für verschwurbelte Weltbilder ein Platz findet. Wenn schon nicht, wie versprochen, sämtliche Landschaften blühen, dann wenigstens die Verschwörungstheorien!

Einmal, auf meinem Weg zum Bus, wurde ich von einem durchaus liebenswerten Dorfbewohner vor Wellen aus dem Fernseher gewarnt, gelenkt vom FBI, die für Tests deutsche Köpfe manipulieren sollen. Ein ortsansässiger Taxifahrer wies mich später auf den Betrug am Bürger durch die „Deutschland GmbH“ hin, und auf dem Grundstück des zugezogenen reichen Preppers aus Westdeutschland, so raunt es in der örtlichen Gerüchteküche, wird statt des üblichen Einfamilienhauses gerade ein unterirdischer Schutzbunker mit allen Schikanen errichtet.

Dass ich mit meiner persönlichen Verunsicherung zur Lage der Nation nicht alleinstehe, könnte als Erkenntnis tröstlich sein, wäre da nicht der täglich aufs Neue gescheiterte Realitätsabgleich. Im selben Dorf leben und gleichzeitig auf anderen Planeten – hier funktioniert’s! Und eine ungewohnte Aufbruchsstimmung, die knallgelbe Forsythien-Büsche schon seit Februar verbreiten, trägt sich bis in den Dorfkern hinein. In den Räumen der geschlossenen Bäckerei ist endlich wieder ein Geschäft eingezogen. Statt Brötchen gibt es jetzt Särge beim neuen Bestatter – soll keiner sagen, es ginge nicht bergauf beziehungsweise erdunter!

Mit uns Bio-Brötchen-versauten Großstadtidioten ist kein Dorf zu machen!

In dem Café schräg gegenüber wurde schon früher umdisponiert: Ein Versicherungsmakler übernahm. Das ist Gentrifizierung auf Gemeinde-Art: Zum Versicherungsbüro gesellt sich das Bestattungsinstitut. Finde mich dazwischen an der Bushaltestelle Richtung Berlin wieder. Unglücklicherweise sind wir Zugezogenen selber Teil des Problems, denn es mussten ja Brötchen aus der Hauptstadt für den Frühstückstisch sein, einfach, weil es kein „Bio“ in der Dorf-Bäckerei gab.

Mit uns Bio-Brötchen-versauten Großstadtidioten ist kein Dorf zu machen! Vielleicht aber doch, denn diesen Sommer gibt es noch eine Chance. Da wird ein neuer Gemeinderaum eröffnet, jede Bewohnerin mit sinnvoller Idee darf sich einbringen. Ich hätte da schon eine: ein bunter Abend mit „Best-of“ regionaler Backwaren und offener Diskussions-Runde über die Folgen von Verschwörungstheorien am Beispiel von Mad Mike.

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