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Kommentar

Polizei Berlin zählt tote Radfahrer falsch: Symptomatische Gleichgültigkeit

Die Polizei Berlin ist den Gefahren für Radfahrende gegenüber zu gleichgültig, findet unsere Autorin. Das zeigen das Verhalten der Beamt:innen auf der Straße, die Art, wie Polizeimeldungen geschrieben werden – und das Unwissen des Fachstabsleiters Verkehr darüber, wie viele Radfahrer:innen 2020 überhaupt durch Autos gestorben sind.

In dieser Woche kontrolliert die Polizei Berlin verstärkt Verstöße von Radfahrenden.
In dieser Woche kontrolliert die Polizei Berlin verstärkt Verstöße von Radfahrenden. Foto: Imago/photosteinmaurer.com

Radfahrer:innen fahren in Berlin gerne mal über Rot. Das wissen alle, die sich auf Berlins Straßen bewegen, sei es zu Fuß, mit dem Auto oder eben mit dem Rad. Dass das so ist, belegt diese Woche die Schwerpunktkontrolle der Berliner Verkehrspolizei, die die ganze Woche verstärkt Verstöße von Radfahrenden und gegen Radfahrende ahndet. Darüber berichtete am Dienstagmorgen auch der Fachstabsleiter Frank Schattling, im Interview bei „Radioeins“ und wies auf die Gefahr hin, die entstehe, wenn sich einzelne Verkehrteilnehmer:innen an unübersichtlichen Kreuzungen, an denen auch die Tram fährt, nicht an die Regeln hielten.

Damit hat er Recht. Es ist den Beamt:innen außerdem anzurechnen, dass sie nicht sofort Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten schreiben, wenn sie Fehlverhalten ahnden, sondern erstmal ins Gespräch kommen und je nach nach Gesprächsverlauf die Radfahrer:innen ziehen lassen.

Allerdings beging Schattling selbst einen kardinalen Fehler, zwar nicht auf der Straße, dafür aber im Interview: Er behauptete, von den 17 getöteten Radfahrer:innen sei „bei einem großen Teil Eigenverschulden ursächlich“. Das ist schlicht falsch. Neun Opfer sind wegen Rechtsabbiegern gestorben, die ihnen die Vorfahrt genommen haben, eins wegen einem Raser und ein anderes wegen einem SUV, der hinten auffuhr. Eine weitere Radfahrerin wurde von einer Tram erfasst. Bei zweien ist die Unfallursache unklar.

Die Polizei Berlin ist zu gleichgültig angesichts der Gefahr für Radfahrende

Bei diesen Zahlen von einem „großen Teil Eigenverschulden“ zu sprechen, ist nicht nur falsch und peinlich für einen Polizisten. Es ist auch symptomatisch für die Gleichgültigkeit, mit der viele Polizist:innen der Gefahr begegnen, in die Autofahrer:innen Radfahrende regelmäßig bringen: wenn sie auf dem Radweg parken, wenn sie Radfahrende mit viel zu geringem Abstand überholen, wenn sie ohne auf den Radverkehr zu achten, aus Einfahrten fahren. Erst im Juni parkte ein Polizist mit seinem Polizeiwagen auf dem Radweg auf der Frankfurter Allee an der U-Bahnhaltestelle Samariterstraße – Tage nachdem eine Radfahrerin gestorben war, weil sie einem auf dem Radweg parkenden Lieferwagen ausweichen musste. Auf sein Fehlverhalten angesprochen reagierte der Polizist abweisend.

Ein weiteres Beispiel für besagte Gleichgültigkeit: Eine Polizeimeldung vom 27. Juli 2021, in der berichtet wird, wie ein betrunkener, ausparkender Autofahrer einen Radfahrer so schwer verletzt hat, dass er stationär behandelt werden musste, überschreibt die Pressestelle der Polizei mit: „Radfahrer stürzt“. Nicht „Autofahrer fährt Radfahrer an“ oder „Autofahrer verursacht Unfall“.

Der Verkehr benachteiligt Radfahrer:innen

Obendrauf kommt: An vielen Stellen benachteiligt die Verkehrsführung Radfahrer:innen ganz klar. Wenn die Polizei nun bei über rot fahrenden Radfahrenden nicht immer sofort ein Ordnungsgeld ausspricht, ist das natürlich gut. Andererseits ist es aber auch berechtigt. Denn viele Ampeln ergeben für Radfahrende einfach keinen Sinn. Nicht solche an unübersichtlichen Kreuzungen, sondern zum Beispiel die, bei denen Radfahrer:innen nicht nach rechts abbiegen dürfen, obwohl sie sich problemlos einordnen könnten. Oder die immer auf rot schalten, wenn man als Radfahrerin ankommt, auch nachts irgendwo in Reinickendorf mit null Autos auf der Straße, weil die grüne Welle auf Autos ausgelegt ist.

Das heißt nicht, dass es okay ist, als Radfahrerin rote Ampeln zu überfahren. Aber es ist frustrierend, wenn alles auf Autos gepolt ist: die Polizei, die Verkehrsführung und die Straßen, obwohl nur ein Bruchteil der Bevölkerung überhaupt Auto fährt. Dabei geht es anders, Kopenhagen und Amsterdam machen es vor.


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29.07.2021 - 13:22 Uhr

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