• Stadtleben
  • Eine krank, alle Zuhause: Wie Corona unsere WG zum Frauenknast macht

Erfahrungsbericht

Eine krank, alle Zuhause: Wie Corona unsere WG zum Frauenknast macht

Unsere Autorin dachte immer, im Corona-Winter sei sie in einer großen WG besonders gut dran. Doch das stimmt nicht: Wenn einer Corona hat, werden aus den Vorteilen Nachteile. Genau das ist jetzt passiert. Ein Erfahrungsbericht aus einer Quarantäne-WG, in der fünf Menschen wohnen – und einer Corona hat.

Quarantäne-WG: Wenn man zu fünft wohnt und einer Corona hat
Corona in der WG bedeutet: Alle bleiben in ihren Zimmern. Foto: imago images/Geisser

Corona trifft Menschen unterschiedlich – uns in unserer WG-Freiheit

Die Corona-Pandemie trifft Menschen unterschiedlich hart. Wie sehr das Virus ihr Leben bestimmt, darüber entscheiden ihr Alter und ob sie Vorerkrankungen haben, ihr Wohnort, ihre Wohnsituation und ihr Job, ob sie Kinder haben oder nicht. Das Tückische ist: Manchmal gerät das, wovon man glaubte, dass es ein Vorteil ist, plötzlich zum Nachteil.

Ich in meiner Frauen-Fünfer-WG zum Beispiel habe lange geglaubt, alleinstehenden Menschen in Einzimmerwohnungen gegenüber nur Vorteile zu haben, wenn die Pandemie wieder an Fahrt aufnimmt und das öffentliche Leben einschränkt.

Keine von uns hat eine*n Partner*in. Ich dachte, wenn der Winter kommt und sich die Menschen aus Angst vor Ansteckung in ihre Wohnungen zurückziehen, wenn das Virus wieder anfängt, zu wüten, dann haben wir wenigstens uns. Ich lag falsch.

Eine Mitbewohnerin hat Corona – und wir sind in Quarantänehaft

Corona macht aus meiner WG gerade so etwas wie einen Frauenknast. Eine meiner Mitbewohnerinnen, ich nenne sie hier S., hat Covid-19. Das bedeutet: Keine von uns darf rausgehen. Wir dürfen niemanden sehen, keine Freundinnen und Freunde, Arbeitskolleg*innen, Familienmitglieder und auch nicht den Späti-Verkäufer an der Ecke. Aber wir dürfen uns auch untereinander nicht zu nahe kommen. Wir befinden uns quasi in Einzelhaft.

Immer schön sauber bleiben: In der WG wird nun ausgesprochen viel desinfiziert – vor allem von der erkrankten Mitbewohnerin. Foto: Imago Images/Westend61

Das gilt insbesondere für meine positiv-getestete Mitbewohnerin, die ihr Zimmer nur verlässt, um auf Toilette zu gehen oder sich etwas zu essen aus der Küche zu holen. Dann desinfiziert sie alles, was sie berührt hat: den Wasserkocher und den Wasserhahn, den Griff Kühlschrank, den Lichtschalter und die Klospülung.

Aber auch wir anderen vermeiden jeglichen Kontakt untereinander. Das WG-Leben, das was ich im Corona-Winter als Vorteil erkoren hatte, liegt brach. Bis auf wenige Minuten am Tag bleiben wir in unseren Zimmern und wenn wir sie verlassen, dann mit Maske. Die Küche und das Badezimmer benutzen wir abwechselnd. Ich habe selbst für tipBerlin mal über Spiele geschrieben, die ideal für zwei sind. Selbst die kommen gerade nicht in Frage.

Manchmal setzen wir uns für kurze Gespräche auf den Boden vor unsere Türen, mit Maske und Abstand. Morgens, wenn die Sonne scheint, halte ich mein Gesicht am Fenster ins Licht und beobachte die Menschen draußen. Das Zeitfenster, in dem das geht, ist klein, weil alle Fenster unserer Wohnung nach Norden oder Osten zeigen und die Sonne nicht mehr so hoch steigt.

Plötzlich wird einem klar, wie viele Kontakte unsere WG doch noch hatte

Wenn in einer Fünfer-WG jemand mit Corona infiziert ist, bedeutet das für eine große Anzahl an Menschen, dass sie vielleicht auch infiziert sind. In der ersten Reihe stehen wir, die Mitbewohnerinnen. Doch wir alle haben Menschen getroffen, als S. schon infektiös war. Wir alle könnten das Virus weiterverbreitet haben. An wie vielen Orten mit hoher Ansteckungsgefahr waren wir? Manche von uns hatten Besuch, der natürlich auch unser Bad benutzt hat.

Auch der Besuch könnte andere Menschen angesteckt haben. Die Stimmung in der WG war erstmal im Keller, nachdem S. ihr Ergebnis bekommen hatte. Danach war sie geschäftig. Wir riefen die Menschen an, die wir getroffen hatten und informierten sie. Inzwischen hat sich Lethargie und Langeweile eingestellt. Was macht man, wenn man weiß, dass man die zwei Wochen, oder noch länger, nicht rausgehen kann?

Angst vor schwerem Verlauf? Ja!

Aber ich will nicht jammern. Millionen von Menschen in Deutschland und Milliarden in der Welt haben es schwerer, weil sie arm sind, weil sie keinen Rückzugsort haben, weil sie sich gar nicht leisten können, sich in Quarantäne zu begeben. Außerdem sind wir nicht wirklich im Knast und müssen uns nicht um Nachtisch prügeln. Und außer Kopfschmerzen, Halskratzen und Geschmacksverlust hat bisher keine von uns schwere Symptome oder überhaupt Symptome.

Aber die Angst davor, die ist da, bei mir zumindest. Neulich dachte ich nachts, ich könne nicht richtig atmen. Ich habe mich dann ans Fenster gestellt und dabei zugesehen, wie die U-Bahn alle 15 Minuten vorbeifährt. Es war nämlich Samstagnacht. Nach drei U-Bahnen in die eine und zwei in die andere Richtung ging es wieder.

Quarantäne-WG: Wenn man zu fünft wohnt und einer Corona hat
Das Motto in Berlin lautet wieder: zu Hause bleiben. Foto: imago images/Sabine Gudath

Das Unangenehme ist, dass wir nicht wissen, wie lange das alles noch dauert – nicht die große Pandemie, sondern die kleine in unserer WG. Gerade warten drei von uns, inklusive mir, auf ihr Testergebnis. S. ist positiv und derzeit infektiös. Meiner vierten Mitbewohnerin hat das Gesundheitsamt empfohlen, noch zu warten, bis sie sich testen lässt, solange sie keine Symptome zeigt.

Ein Corona-Test ist nur eine Momentaufnahme

Denn das Problem ist: Selbst wenn mein Testergebnis negativ ist, ist das nur eine Momentaufnahme. Ich hätte noch in der Inkubationszeit sein können, als ich mir am Montagmorgen den Wattebausch in den Rachen schieben ließ. Oder ich habe mich nach dem Test angesteckt: am Montagnachmittag, in der Küche, als ich zwar nicht S. begegnet bin, aber einer anderen Mitbewohnerin, die ja auch infektiös sein könnte. An dem Abend, als wir vor unseren Türen saßen. Oder eben gerade, als ich auf Toilette war. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, lässt es sich nicht ausschließen.

Selbst mit negativem Testergebnis bräuchten wir deswegen weitere Tests, um komplett auszuschließen, dass wir nicht doch positiv sind. Auf die Info vom Gesundheitsamt, ob wir in zwei Wochen, wenn S. nicht mehr infektiös und symptomfrei ist, nochmal getestet werden, warten wir noch. Stellt sich allerdings heraus, dass sich jemand bei S. angesteckt hat, dann bedeutet das für uns: noch länger strenge Quarantäne. Wenn es ganz schlecht läuft, stecken wir uns alle nacheinander an. Dann können wir nur hoffen, dass alle milde Verläufe haben. Und müssen uns damit abfinden, dass wir noch länger in unserer Wohnung bleiben müssen.

Denn das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass man etwa zehn Tage lang infektiös ist, wenn man Corona hat. Wenn wir ganz viel Pech haben, steckt die eine die andere erst am Ende des Intervalls an, in dem sie infektiös ist. Und so weiter. Dann könnte man unser Infektionsgeschehen vielleicht wirklich mit einer Haftstrafe vergleichen. Hoffentlich fangen wir dann nicht an, uns um den Pudding zu prügeln.


Nicht nur unsere Autorin, auch alle anderen verbringen angesichts der Infektionszahlen wieder mehr Zeit zu Hause. Das bedeutet: mehr Zeit zum Lesen. Wir stellen 12 druckfrische Bücher von Berliner Verlagen vor, die auch auf der Frankfurter Buchmesse hoch gehandelt werden. Ab und zu mal rausgehen schadet allerdings nicht, wenn man nicht gerade in Quarantäne ist. Diese 12 Routen für einen Waldspaziergang in Berlin bringen Erholung. Nicht auf dem Laufenden, was die Corona-Verordnungen angeht? Berlin informiert regelmäßig über alle neuen Entwicklungen im Zusammenhang mit der Pandemie.

Mehr über Cookies erfahren