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Kommentar

„Vordrängeln“ beim Impfen: Warum ich kein schlechtes Gewissen habe

Im Internet kursieren immer mehr Tipps darüber, wie man sich beim Impfen „vordrängeln“ kann. Unsere Autorin findet: Zu diesem Zeitpunkt muss jemand, der unplanmäßig früher geimpft wird, nicht unbedingt ein schlechtes Gewissen haben.

Vordrängeln beim Impfen? Dabei muss man nicht unbedingt ein schlechtes Gewissen haben, findet unsere Autorin.
Jung und geimpft? Dafür muss man nicht Polizistin sein. Foto: Imago Images/Sven Simon

Es gibt einige Wege, schneller an die Impfung zu kommen

Sich als Wahlhelfer*in für die Bundestagswahl im September melden oder sich als pflegende Person von pflegebedürftigen Risikopatient*innen registrieren lassen. Sich beim Impfzentrum anstellen und gucken, ob abends noch Impfstoff übrig ist oder sich bei so vielen Hausärzt*innen wie möglich auf die Warteliste setzen lassen. Das Internet ist voll von Tipps, wie man die Impfreihenfolge umgehen kann. Kürzlich berichtete ein Journalist von Vice Deutschland, wie er 22 Berliner Hausarztpraxen anschrieb, sagte, dass es ihm egal sei, welchen Impfstoff er bekomme und knapp zwei Stunden die erste Dosis im Arm hatte.

Auch in der tip-Redaktion-Zoom-Konferenz erzählten kürzlich einige Kolleg*innen, dass sie nun auf diversen Wartelisten von Hausarztpraxen stünden. Andere wollen Wahlhelfer*in werden, um die Impfung schneller zu bekommen. Ich zum Beispiel. Prompt regnete es Kritik aus mindestens einem Zoom-Fenster: Es könne doch nicht sein, dass wir uns alle nicht um die Impfreihenfolge scheren, die gebe es ja aus gutem Grund. Ob uns nicht die Menschen Leid täten, die noch gefährdeter seien als wir, und nun noch länger ein noch eingeschränkteres Leben führen müssen, als wir es tun.

Dieses Argument würde vielleicht ziehen, wenn es nicht vorne und hinten schief wäre. Denn es bleibt haufenweise AstraZeneca-Impfstoff in den Kühlschränken der Impfzentren und Hausarztpraxen liegen, weil die Menschen aus den priorisierten Gruppen ihn nicht wollen. Das ist ihr gutes Recht. Sie sollten sich dann aber auch nicht beschweren, wenn jüngere, gesündere Menschen die Gelegenheit beim Schopfe packen. Auch die Jungen, Gesunden haben Angst vor dem Virus und auch sie gehen wahrscheinlich mit einem besseren Gefühl in den Supermarkt, wenn sie geimpft sind.

Oder zu ihren Omas, die die zweite Impfung noch nicht bekommen haben. Davon würden übrigens viele mit großer Wahrscheinlichkeit sagen: „Ach, bevor’s umkommt, nimm du’s Kindchen“, so wie meine. Anderen bricht es das Herz, wenn sie sehen, wie die Pandemie ihre jungen Enkel*innen viel mehr einschränkt, als sie selbst.

Eigeninitiative gewinnt auch in der Pandemie

Natürlich gibt es auch immer noch besonders gefährdete, priorisierte Menschen, die gerne AstraZeneca nehmen würden, aber immer noch keine Impfeinladung bekommen haben. Bei dem Behördenchaos ist das kaum verwunderlich. Aber diese Menschen hält niemand davon ab, etwas Eigeninitiative zu zeigen: Auch sie können sich bei Hausarztpraxen auf Wartelisten setzen lassen und vielleicht obendrein mit Nachdruck erwähnen, dass sie mit ihrer Impfung eigentlich schon hätten dran sein sollen.

Gut möglich, dass sie dann bei den Hausärzt*innen weit oben auf die Liste kommen. Vorher könnten sie beim Gesundheitsamt anrufen und nachfragen. Angesichts der sich mehrenden Berichte darüber, dass AstraZeneca in den Kühlschränken verstaubt, scheint das aber eh der Ausnahmefall zu sein und die Diskussion darüber deswegen eine Scheindebatte.

Obendrauf kommt: Sachsen hat die Impfpriorisierung schon aufgegeben, wer weiß, wann sie in den anderen Bundesländern fällt. Bis dahin spricht kaum etwas dagegen, sich „vorzudrängeln“, um das oft so ungeliebte AstraZeneca in den Arm zu bekommen. Ehrlich gesagt hatte ich ein schlechteres Gewissen, als ich mich in prä-pandemischen Zeiten in der Schlange am Berghain vorgedrängelt habe.


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