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Ostern

Das maskierte Fest. Oder wie die Berliner Polen Ostern in Corona-Zeiten verbringen

Laut einer Statistik leben in Berlin weit mehr als 100.000 Menschen mit polnischem Migrationshintergrund und die sind alle mehr oder weniger katholisch. Zumindest sind sie katholisch geprägt. Das Osterfest ist für Polen also von größter Bedeutung und selbst die Zweifler lassen sich da mal in der Kirche blicken. Die in Berlin lebende Autorin Ewa Maria Slaska fragt sich in ihrem Gastbeitrag, wie die polnischen Berliner inmitten der Corona-Krise Ostern verbringen werden

Ein Osterkorb gehört in Polen zu Ostern dazu. Auch in Zeiten von Corona und auch in Berlin.
Wer in Polen Ostern feiert, muss so einen Osterkorb haben. Ohne geht es nicht! Foto: Imago / United Archives International

Weihnachten ist besser als Ostern! Ich sehe das nicht so

Noch vor Palmsonntag habe ich mich gefragt, was machen wir eigentlich an Ostern? Jetzt, da man wegen Corona fast nichts mehr darf. Mit „wir“ meine ich die Berliner Polen. Viele erinnern sich an den Satiriker Stanisław Tym, der „Zu der Überlegenheit von Weihnachten über Ostern“ sinnierte. Der Titel blieb hängen und verriet, was fast jeder dachte: Weihnachten ist besser als Ostern! Ich sehe das nicht so. An Ostern kann man sehr gut essen, es ist wärmer und es gibt keinen Weihnachtsstress.

In der Tat ist Ostern der wichtigste christliche Feiertag. Mit dem Leid, Tod und der Auferstehung Christi begann das Christentum. Der Termin im Frühling ist religionsgeschichtlich wohl leicht angepasst. Schließlich feiern die Juden in dieser Zeit seit jeher das Pessach-Fest. In diesem Jahr dauert es vom 8. bis zum 16. April. Da wird an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert und an Ostern an die Martyrien eines einzelnen Juden am Kreuze. Aber dennoch, die Daten stimmen überein.

Die Berliner Polen feiern Gottesdienste in der St. Johannes Basilika in der Lilienthalstrasse in Neukölln, am Eingang zur Hasenheide
Die polnische Kirche in Berlin: St. Johannes Basilika in der Lilienthalstraße in Neukölln, am Eingang zur Hasenheide. Foto: Imago / Schöning

Ostern ist also wichtig, nicht nur für die polnische Community in Berlin, aber vor allem für die. Meinen biodeutschen Freunden rate ich seit Jahren, wenn sie viele Polen auf einem Haufen sehen wollen, sollen sie am Sonntag zur polnischen Kirche am Südstern gehen. Nicht zu der Kirche, die mitten auf der Verkehrsinsel steht und immer geschlossen scheint, sondern zu der St. Johannes Basilika in der Lilienthalstraße, dort wo die Hasenheide beginnt.

Der beste Tag für die ethnologischen Beobachtungen des polnischen Lebens in Berlin ist allerdings der Ostersamstag. Der Tag, an dem die Polen ihre Osterkörbchen segnen lassen. Dies ist der einzige Tag im Jahr, an dem nahezu jeder in Berlin lebende Pole in die polnische Kirche geht, wenn er nicht in seine alte Heimat gefahren ist, um Freunde und Verwandte zu besuchen.

Die schönste Ostertradition

Die Segnung der Osterkörbchen muss hier erklärt werden, es ist die schönste und angenehmste Ostertradition und in Polen sehr weit verbreitet. Für jedes polnische Kind ist der Osterkorb genauso wichtig wie der Osterhase oder die Ostereier, die übrigens in Polen nicht versteckt und gesucht werden, diesen Brauch kennt man jenseits der Oder kaum.

Man nimmt also einen kleinen Weidenkorb (Plastik geht zur Not auch), schmückt ihn mit etwas Immergrün und einer hübschen Stoffserviette und legt folgende Dinge hinein: Osterei, Butter, Meerrettich, Salz, Brot, Wurst und ein aus Teig geformtes Lämmchen. 

Die in Berlin lebende Autorin Ewa Maria Slaska schreibt über Polen, die trotz Corona Ostern feiern
Ewa Maria Slaska (Foto) wurde in Polen geboren, sie lebt seit Mitte der 1980er-Jahre in Berlin. Die studierte Archäologin hat mehrere Bücher geschrieben, sie engagiert sich im bilateralen Kulturaustausch und publiziert Texte in verschiedenen Medien, sie war Gründerin und Vorsitzende des Deutsch-Polnischen Literaturvereins WIR e.V.. 2003 gewann sie den Deutsch-Polnischen Journalistenpreis. Ihre Texte kann man auf ihrem Blog lesen. Foto: Krystyna Koziewicz

Mit diesen Opfergaben geht die ganze Familie dann am Ostersamstag in die Kirche und stellt den Korb vor den Altar. Die Segnungen finden nicht zu einer bestimmten Zeit statt, sondern unentwegt. Der Priester kommt alle Viertelstunde hervor, spricht einige Worte, segnet die Körbchen und entlässt die Gläubigen mit den besten Osterwünschen in ihr Leben zurück. Wenn man alles gut einrichtet, ist man in zehn Minuten wieder draußen. 

An jedem Ostersamstag treffen sich normalerweise die Berliner Polen vor und nach der Zeremonie auf dem Platz vor der Kirche, auf der Straße davor, im Park, am U-Bahnhof. Man ist fröhlich, es wird gelacht, die Kinder rennen herum. So viel Gefühl der Gemeinsamkeit haben die Berliner Polen, die eher für sich bleiben, wirklich selten.

Der Heilige Geist möge die Ausbreitung des Virus‘ stoppen

In diesem Jahr wird es keinen Segen der Osterkörbchen am Ostersamstag geben. Ich sprach mit dem Priester der polnischen Kirche, er sagte, es werden alle Gottesdienste stattfinden, nur ohne Gläubige, diese können sich via Livestream zuschalten. Das Segnen der Körbe sei sowieso nur Zierde, erklärte er und verwies auf das Gebet und seine Hoffnung, der Heilige Geist möge die Ausbreitung des Virus‘ stoppen.

Nach dem Segnen des Körbchens konnte man noch kurz in dem polnischen Laden Der kleine Prinz vorbeischauen, der gleich gegenüber der Kirche die Community mit Leckereien versorgt und zu einem Treffpunkt der Polonia, wie man im Ausland lebende Polen auch nennt, geworden ist.

Während der Pandemie kann man im Kleinen Prinzen leider keine Pierogi essen, die handgemachten Teigtaschen wurden von der Karte gestrichen, aber der Laden hat geöffnet und es gibt Kaffee, den man im Park trinken kann. Vorher versorgt man sich noch mit polnischen Lebensmitteln, die es in normalen Supermärkten nicht gibt und die für das traditionelle Osterfrühstück am Sonntag unabdingbar sind.

Die Berliner Polen sitzen also fest

Dazu zählen Wurstwaren, die die Polen zu Ostern in unvorstellbaren Mengen essen, Hüttenkäse, getrocknete Früchte und Schokoladenmasse für die „Mazurki“ genannten Osterkuchen. Es gibt Hefe, die in der Stadt fehlt, und Lämmchen aus Butter und Teig, auch die obligatorische Weißwurst für den „Zurek“, eine (wirklich tolle) polnische Sauerteigsuppe. Und es gibt Meerrettich aus polnischer Produktion, scharf wie die Hölle. Krzysztof, der Betreiber vom Kleinen Prinzen, nimmt auch Bestellungen auf und liefert im Umkreis von fünf Kilometern mit seinem Elektrorad aus.

Die Berliner Polen sitzen also fest, viele wären wohl für ein Paar Tage über die Grenze gefahren, um Familie zu besuchen. Poznan, Szczecin und Wroclaw sind ja nicht viel weiter weg als Stuttgart, München oder Köln. Doch das geht nicht oder wenn überhaupt, etwa wenn man einen polnischen Pass hat, müsste man in Polen für zwei Wochen in Quarantäne. Maßnahmen, die streng eingehalten werden. 

Also bleibt man in Corona-Isolation. Wer in Berlin Verwandtschaft hat, wird die Mindestabstände einhalten, aber die sozialen Kontakte vermutlich nicht vollständig unterbinden. Ganz allein will man an den Feiertagen nicht sein, auch wenn die Ansteckungsgefahr hoch ist. Vielleicht muss man maskiert am Frühstückstisch sitzen. Mit dem ungesegneten Körbchen, denn das lässt sich via Internet nicht machen. Ewa Maria Slaska

Dieser Gastbeitrag erscheint im polnischen Original (ungekürzt) auf dem Blog von Ewa Maria Slaska.


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