Gute Musik

12 Berliner Musiklabels, die man kennen muss – von Berghain-Sound bis Japan-Indie

Bei Partys und Konzerten ist Berlin ja sowieso Weltspitze, das ist auch den meisten klar. Dass auch die Berliner Musiklabels ganz vorne mitmischen – das ist sehr viel weniger bekannt. Große internationale Indie-Labels haben ihre Berlin-Dependancen: Im Prenzlauer Berg sitzt das Berlin-Büro von Brainfeeder (Flying Lotus, Kamasi Washington, Thundercat), Ninja Tune (Bicep, Bonobo, Sampa The Great) und Domino (Arctic Monkeys, Hot Chip, Anna Calvi, Blood Orange, Bonnie „Prince“ Billy, Cat Power, Franz Ferdinand, Dirty Projectors, Julia Holter).

Plattensammlung ohne Werke der wichtigsten Berliner Musiklabels? Undenkbar. Foto: Imago/fStop Images
Plattensammlung ohne Werke der wichtigsten Berliner Musiklabels? Undenkbar. Foto: Imago/fStop Images

In Neukölln befindet sich das deutsche Büro der nordamerikanischen Secretly Group mit ihren Labels Secretly Canadian (Anohni, Serpentwithfeet, Yoko Ono), Jagjaguwar (Bon Iver, Foxygen, Jamila Woods) und Dead Oceans (Destroyer, Mitski). Und in Friedrichshain, an der Stralauer Alle unweit der Oberbaumbrücke, sitzt der Branchengigant Universal Music im einstigen Eierkühlhaus.

Die Universal-Labels Vertigo/Capitol und Polydor/Island arbeiten dabei viel mit Berliner Acts wie Rammstein, Tocotronic, Giant Rooks – aber auch internationale Topstars wie Lana Del Rey haben hier einen Plattenvertrag in Berlin.

Die 12 wichtigsten Musik-Labels mit Hauptsitz in Berlin sind diese hier:

!K7

Die erfolgreichste Berliner DJ der Welt kommt ursprünglich aus Südkorea und sie heißt: Peggy Gou. Leute, die eher nicht ins Berghain gehen, haben sie aber trotzdem vielleicht schon auf dem Cover des „Zeit“-Magazins gesehen. Peggy Gou ist eine weltweite Ikone, auch für ihren Style. Aber ihr einziges Album bisher ist ihre Episode zur legendären Serie namens DJ-Kicks, die über das Berliner-New-Yorker-Londoner Label !K7 erscheint. Ein Label, das sich auf Electro und Avantgarde versteht, aber auch Richtung Jazz schielt mit dem neuen Imprint-Label Ever Records. Abgesehen von dem DJ-Mix ist Peggy Gou indes hauptamtlich gesignt bei Nina Tunes (siehe oben), wo dann hoffentlich auch mal bald ein sozusagen reguläres Debüt-Album erscheint.


Caroline International Germany

Tina Adams, die Label-Managerin, ist zweifelsohne eine der mächtigsten Frauen im deutschen Musik-Business. Über Caroline erscheinen Berliner Acts wie der Intello-Schlager-Rüpel Drangsal oder der charmante kanadische Neuköllner Sam-Vance Law („Homotopia“), ein Darling der Queers – wie auch die irische Songwriterin Wallis Bird, die am Hermannplatz wohnt und lesbische Liebe besingt, wie es international ihresgleichen sucht. Daneben kümmert sich die Caroline-Crew in Kreuzberg auch um das Deutschland-Geschäft internationaler Giganten wie Tame Impala und Benjamin Clementine oder auch um spannende Newcomer wie Tamino. Seit 2018 ist zudem das recht undergroundige Hip-Hop-Label Corn Dawg bei Caroline angedockt.


City Slang

Seit 1990 ist das  Label von Christof Ellinghaus auf Acts aus Nordamerika spezialisiert, wo es seit 2019 sogar ein zweites Büro unterhält, um dort nach Trends zu scouten. City Slang ist also die europäische Heimat für US-Acts wie Tindersticks, Caribou und Lambchop. Angedockt bei City Slang sind aber auch der Berliner Marcus Liesenfeld alias DJ Supermarkt und dessen „Too Slow To Disco“-Compilations mit Spät-Siebziger-Yachtrock, die seit 2014 Kult sind. (Streng genommen erscheinen sie auf Liesenfelds eigenem Label „How Do You Are?“, das aber engst mit City Slang kooperiert.) Bestes Mittel gegen schlechte Laune. Ebenso wie die angeschlossene Partyreihe, die monatlich im Monarch am Kotti und sporadisch auf dem Klunkerkranich in Neukölln residiert. In Corona-Zeiten digital. Die jüngste Folge der Plattenreihe, „The Ladies of Too Slow to Disco Vol. 2“ (VÖ 19.6.), widmet sich dabei wieder weiblichen Geheimtipps – und wurde sogar vom Billboard Magazine, dem wichtigen Branchenblatt aus den USA, gefeiert.


Deutsche Grammophon

Die Deutsche Grammophon ist ein überlebender Dinosaurier, nämlich die älteste noch existente Plattenfirma der Welt. Los ging’s 1898 in Hannover, mittlerweile ist das gelbe Label angedockt bei Universal Music in Friedrichshain. Von Hause aus ist die DG ein Label für klassische Musik, bringt diese aber bei der Konzert-Reihe Yellow Lounge für ein junges Publikum in angesagte Clubs wie Berghain oder Ritter Butzke.

In den letzten Jahren hat die Deutsche Grammophon besonders mit Ambient-Themen einen krassen Erfolg, etwa mit Max Richter und Jóhann Jóhannsson, die beide in Berlin gelebt haben, oder auch mit dem Berliner Electro-Produzenten-Duo Tale Of Us. Frisch an Board bei der DG ist auch die Berliner Piano-Songwriterin Agnes Obel, die sogar schon vom Kult-Regisseur David Lynch geremixt wurde. Größter DG-Coup ist gerade die Berliner Komponistin Hildur Guðnadóttir („Joker“), die 2020 den Grammy, den Emmy und den Oscar gewann – das gab’s nie zuvor!


Embassy of Music

Warum nicht gleich das Brandenburger Tor ins Firmenlogo packen, wenn man sich denn schon als musikalisches Botschaftsgebäude versteht? So haben es Embassy of Music gemacht. Unter Vertrag stehen hier Berliner wie der „Oh Boy“-Schauspieler Tom Schilling, aber auch internationale Koryphäen wie „Dancing On My Own“-Robyn, deren „Honey“-Album 2019 krass durch die Decke ging. Und natürlich die einmalige Björk, bei deren 2015er Open-Air-Konzert an der Zitadelle Spandau alle aufkreuzten, die was auf ihren guten Musik-Geschmack geben. Wer sich noch mal an diesen magischen Abend hinter dem Burggraben erinnern will, greife zum Album „Vulnicura Live“.


Macro

Plattenläden, die was auf ihre Electro-Auswahl geben, wie zum Beispiel Hard Wax am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer, führen standardmäßig jede Novität des Techno-Labels Macro. Und sicher nicht nur, weil die so tolle Artworks haben, nein, bei Macro ist zum Beispiel auch Kuf gesignt, der vielleicht größte Berliner Electro-Geheimtipp zurzeit. Deren einzigartige, House-tanzbare Acid-Jazz-Mixtur aus analogem Kontrabass und Schlagwerk mit einem Overkill aus Synthies und Voice-Samples bekam sogar schon enthusiastisches Lob vom französischen Kult-DJ Laurent Garnier.


Mansions & Millions

Man muss Anton Teichmann einfach lieben: Schon 2015, als er Mansion & Millions gegründet hat, war klar, dass man mit super Indie-Pop auf keinen Fall die namensgebenden Villen samt Millionen verdient. Mittlerweile ist Teichmann aber einer, den die New York Times zur Pop-Lage in Berlin befragt – und dessen Neuköllner Sänger namens Better Person jüngst sogar in der kultigen Sendung „Tracks“ auf arte zu sehen war.

Sowieso ist Better Person einer, den man sich für 2020 unbedingt merken sollte: Unlängst war der sogar mit einer Hälfte des Weirdo-Pop-Duos MGMT in  Kalifornien im Studio. Das könnte das Berliner Album des Jahres werden! Die Warterei verkürzen kann man sich mit einem anderen M&M-Release am 5. Juni: dem Debüt-Album von Discovery Zone.


Martin Hossbach

Martin Hossbach ist einer der wichtigsten Typen der Berliner Musikszene, hat zum Beispiel 2013 die große Depeche-Mode-Ausstellung in Mitte kuratiert. Also keine falsche Bescheidenheit: Sein Label heißt nicht etwa „Martin Hossbach Music“ oder „Martin Hossbach Records“, sondern schlicht und einfach: Martin Hossbach. Ein Act, der 2019 durch die Decke ging und für viele mindestens die Platte das Monats war: die Songwriterin Tara Nome Doyle. Das hat auch der tip rechtzeitig gespürt – und sie prompt zum Covergirl gemacht.

Daneben gönnt sich Martin Hossbach ein extra Sublabel namens Martin Hossbach Cover, auf dem ausschließlich Coverversionen von Songs der Pet Shop Boys erscheinen, mit denen Hossbach praktischerweise befreundet ist. Martin Hossbach hat uns übrigens auch ein tip-Mixtape zusammengestellt – das vierte in unserer Mixtape-Serie.


Morr Music

More is more? Wer Piano-Songwriting und Avantgarde-Ambient liebt und deshalb das Kotzen kriegt bei Billig-Chill-Out-Playlists von der Stange, ist seit 1999 bei Morr Music von Thomas Morr gut aufgehoben. Denn dort gibt’s diese Genres nicht in ihren Schrott-, sondern in den Deluxe-Versionen. Aushängeschild ist sicherlich die Isländerin Sóley mit ihren düsteren Klavierballaden.

Aus der Morr-Schatztruhe gibt’s neuerdings aber zum Beispiel auch japanischen Indie-Pop, der hierzulande sicherlich noch komplett Geheimtipp sein dürfte: „Minna Miteru“ heißt die Compilation, die jüngst am 1. Mai erschienen ist. Die große Japan-Kompetenz bei Morr stammt übrigens von der japanischen Indie-Band Tenniscoats, die zusammen mit Markus Acher von The Notwist bei Morr auch ihre Musik unter dem Namen Spirit Fest rausbringen.


Ostgut Ton

Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, dass es das Berghain schon immer gab: Bis 2003 gab’s den Vorgänger und der hieß Ostgut. Deshalb heißt das Berghain-eigene Plattenlabel immer noch Ostgut Ton. Wenn man mal nicht zu viel Geld in der Berghain-Eisdiele ausgegeben hat, kann man sich deren Platten auch gleich an der Garderobe kaufen. Viele Ostgut-Acts sind Berghain-Resident-DJs. Wer am liebsten melodisch oben in der Panorama-Bar tanzt, greife zu „Gini“ Virginia. Wer es hart mit einem Hauch New-Wave bevorzugt, ist beim jüngsten aller Berghain-Residents richtig: Phase Fatale. Inzwischen gibt es viele Releases direkt zum Download auf der Website von Ostgut Ton.


Sinnbus

Dem Leben Sinn geben! Los ging es 2003 mit Sampler-CDs von lokalen Berliner Acts. Große Erfolge gab’s mit Me And Me Drummer – die jedoch inzwischen aufgelöst sind, Charlotte Brandi wandelt auf Solo-Pfaden. Und mit dem sphärischen Electro-Pop der Hundreds, die jedoch inzwischen bei den Kolleg*innen von Embassy of Music (siehe oben) sind. Sorgen um Sinnbus machen muss man sich trotzdem nicht: Die kanadische Sinnbus-Band namens We Are The City hat gerade im April erst zusammen mit den großen Neuköllner Newcomern namens Hope das Musik & Frieden gepostrockt. Notieren sollte man sich auch die Namen Bodi Bill, die gerade am neuen Album arbeiten – und We Will Kaleid, die just durchstarten


Staatsakt

Wenn die Kolleg*innen vom Stadtmagazin Zitty mal eine Berliner Bands aufs Cover packen, dann müssen die schon so richtig Granate sein: So geschehen 2018 mit den Gitarren-Depri-Boys von Isolation Berlin, anlässlich von deren zweiten Album „Vergifte dich“. Das ist quasi Rio Reiser 2.0. Staatsakt eben, wie der Name schon sagt.

Insgesamt fährt das Label wohl so viele (Berliner) Szene-Größen auf wie kein anderes: Christiane Rösinger, Andreas Dorau, All Diese Gewalt, Chris Imler, Dagobert, Die Heiterkeit, Die Türen, Jens Friebe, Klez.e, Stereo Total. Ein riesiger Kritikererfolg 2019 war International Music. Und prächtig geht’s weiter dem gerade veröffentlichtem Album „Diven“ des Harfen-Queeros Hans Unstern.


Auch interessant:

Wer nun kauffreudig zuhause sitzt, möge unsere Tipps für die besten Plattenläden in Berlin checken – und sich dort eindecken. Bis wir selbst wieder in Clubs und bei Konzerten tanzen dürfen, dauert es noch etwas. Streaming-Projekte wie #unitedwestream wollen die Stimmung der Nacht nach Hause bringen. Hilft leider nichts: Anstehen ist derzeit eher vorm Supermarkt als vorm Berghain gefragt. Zum Ärger der Polizei geht dafür das Geschäft mit den Drogen fröhlich weiter – im Zweifel per Koks-Taxi.

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