Kommentar

Black-Lives-Matter-Demo in Berlin: Warum der Vergleich mit dem Boot-Rave Unfug ist

Mehrere tausend Teilnehmer*innen versammelten sich zu einer stillen Black Lives Matter-Demonstration
Mehrere tausend Teilnehmer*innen versammelten sich zu einer stillen Protestkundgebung. Jetzt hagelt es Kritik. Foto: snapshot/KM Krause/imago images

Kaum war die Kundgebung vorbei, fing es an: die Black Lives Matter-Demonstration in Berlin sei eine „Corona-Party“ gewesen, wo denn der Unterschied sei zur Boot-Demo auf Landwehrkanal für Club-Kultur. „Superspreader-Meeting“ heißt es gar in einer der großen Tageszeitungen. Und in Kommentarspalten, Twitter-Threads und Facebookwänden echauffieren sich Kritiker über die „zweierlei Maß“, mit denen die Veranstaltungen gemessen werden. „Wenn wir diese Demo gut finden, dann dürfen wir die Hygienedemos oder den Boots-Rave auch nicht kritisieren“, munkeln Kolleg*innen.

Black Lives Matter-Demonstration in Berlin: Nicht zu vergleichen mit Boot-Rave

Was. Ein. Unsinn. Die Veranstaltungen sind keineswegs zu vergleichen. Natürlich kann man einiges kritisieren: ja, eine „normale“ Demonstration, bei der alle in Bewegung sind, wäre klüger gewesen, denn der Abstand wäre leichter zu wahren. Ja, an vielen Stellen war es eng. Zu eng. So eng, dass man keine 1,50 Meter Abstand halten konnte. Ja, einige, sicherlich zu viele, trugen keine Maske. Und ja, eine Kundgebung wie der „Nein zu Rassismus“-Silent Protest am Samstag stellt in diesen Tagen, in diesen Zeiten, inmitten einer Pandemie, ein Risiko dar.

Jugnedliche auf dem Alexanderplatz bei Black Lives Matter-Demonstration in Berlin
„Zu viel Blut, zu viele Tränen“ – nicht wegen, sondern trotz Corona auf der Straße. Foto: Sabine Gudath/imago images

Aber diese Demonstration mit einem Rave zu vergleichen, ist mindestens achtlos und im schlimmsten Fall bösartig: ich bin Musikjournalistin, Clubkultur ist mir wichtig – doch es macht einen Unterschied, ob zigtausende mehr oder weniger still gegen Rassismus und für nichts anderes als für das nackte Recht auf ein menschenwürdiges Leben demonstrieren, oder ob Menschen auf einem Rave ihren Hedonismus zelebrieren.

Eine Protest, kein Rave: Black Lives Matter-Demonstration in Berlin

Bei dem Protest am Samstag habe ich keine geteilten Sektflaschen gesehen. Ich habe auch keine tanzende Menge beim Schweiß- und Speichelaustausch mitbekommen, wie er auf einem Rave doch eher üblich ist. Vielleicht wurde in einer anderen Ecke des Platzes eine Orgie gefeiert, aber ich bezweifle das doch stark.

Und es hat auch niemand dazu aufgefordert, den Mund-Nase-Schutz abzunehmen und wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel gezogen. Die vermeintliche Hygiene-Fraktion war nämlich ein paar Meter weiter, am Lustgarten.

Black Lives Matter war keine „Corona-Party“

Natürlich wirkt es absurd, an einem Tag eine solche Menge auf den Straßen zu sehen, und am nächsten doch wieder sein Kind nicht in die Kita bringen zu können. Doch diese Demonstration war eine Ausnahmeveranstaltung, die aus schierer Verzweiflung geboren ist. Verzweiflung Schwarzer und PoC-Mitbürger*innen, die den Rassismus in der Gesellschaft nicht mehr ertragen.

Tausende versammelten sich am Alexanderplatz für die Black Lives Matter-Demonstration in Berlin, Blick von oben
Tausende versammelten sich am Alexanderplatz. Foto: Sabine Gudath/imago images

Natürlich müssen wir über Lockerungen debattieren. Natürlich ist es wichtig, Kinder wieder in ihre soziale Gefüge einzubinden und Eltern zu entlasten. Und natürlich müssen wir darüber sprechen, wie Clubs wieder geöffnet werden können und Konzerte wieder stattfinden. Doch ausgerechnet diese Demonstration dazu als Anlass zu nehmen, ist der denkbar schlechte Aufhänger und demaskiert die Ignoranz der Kritiker.

Worum es wirklich bei der Black Lives Matter-Demonstration in Berlin ging

Denn es zeigt, dass sie nicht verstehen worum es ging: um ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Und es zeigt, wie groß die Wut gegenüber Rassismus in Deutschland sein muss. So groß, dass tausende Mitbürger*innen ein solches Risiko eingehen, nur um zu protestieren. Die von der Polizei gegenüber Schwarzen und PoC-Jugendlichen angewendete Gewalt nach der Kundgebung, wie sie später tausendfach auf sozialen Medien geteilt wurde, ist da nur ein weiteres Beispiel.

Hoffen wir stark, dass es in den nächsten Wochen nicht zu einem größeren Demo-bedingten Corona-Ausbruch kommen wird. Das bedeutet aber nicht, dass die ursprünglichen Beschränkungen nicht angemessen waren. Wir kennen diese Virus nicht und vor wenigen Monaten war es noch keineswegs abzuschätzen, wie er sich entwickeln würde. Heute ist das Risiko kalkulierbarer – und die Gründe auf die Straße zu gehen, umso dringender.


Noch mehr Stadtpolitik:

Die Black Lives Matter-Demonstration in Berlin zog tausende Teilnehmer*innen an: so tretet ihr gegen Rassismus ein. Auch in Friedrichshain ging es auf die Straße: Gerichtsurteil über Hausprojekt Liebig34. Das Landesantidiskriminierungsgesetz hat viele Gegner auf den Plan gerufen: Junge Union Berlin Mitte postet „All Cops Are Beautiful“ angesichts Antidiskriminierungsgesetz. Währenddessen kämpfen ganze Branchen um ihr Überleben: Wie das Sexkaufverbot die Branche belastet.

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