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Bauernproteste in Berlin: So wird das nichts mit der Agrarwende

Berlin erlebt eine Protestwelle von Bauern und Bäuerinnen. tipBerlin-Redakteur Clemens Niedenthal wundert sich: über rechte Umtriebe auf der Demo, vor allem aber über einen sehr engen Blick auf die Landwirtschaft. Es gibt schließlich mehr als Agrarindustrie und Ackerkitsch.

Bauernproteste in Berlin: Am 15. Januar stauten sich die Traktoren auf der Straße des 17. Juni. Foto: Imago/Marius Schwarz

Die Bauern sind viel öfter in der Stadt – nur fast nie aus Protest

Die Bauern waren in der Stadt. Sind sie ohnehin viel zu selten. Aber, mal ehrlich, was sollen sie auch in Berlin? In einer Stadt, die nicht einmal einen eigenen Landesbauernverband hat. Im Gegensatz zu Hamburg und Bremen, den anderen beiden Stadtstaaten. In Lübars immerhin, am pittoresken Dorfanger, gibt es noch eine Handvoll landwirtschaftliche Betriebe. Pferde und ihre Reiter:innen bilden das Rückgrat ihres Geschäftsmodells. Und im Chateau Royal, dem hippen Boutique-Hotel in Mitte, macht die Küche Ricotta aus Milch von einem Neuköllner Milchviehbetrieb. Okay, die Kühe vom Milchhof Medler stehen in Rudow. Dennoch: Ricotta aus Rudow! In einer Stadt, in der es längst alles gibt, ist das eine der letzten ungeahnten Delikatessen.

Die Bauern waren also in der Stadt. Und wie ich so darüber nachdenke, sind sie es dann doch ziemlich häufig. Die Gemüsegärtnerin Mariá Gimenez zum Beispiel treffe ich regelmäßig an ihrem Stand auf dem Karl-August-Markt. Und Anne Kaulfuß und Deacon Dunlop vom veganen Ackerbaubetrieb Ackerpulco bringen ihre Gemüsekisten wöchentlich aus Alt-Madlitz nach Berlin. Es ist also nicht so, als hätten wir gar nicht die Möglichkeit, mal zu fragen, was in der Landwirtschaft so geht. Also wie es der Landwirtschaft so geht. 

Wie geht es der Landwirtschaft?

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Die Antworten auf diese Frage werden so unterschiedlich ausfallen, wie es der Bundeslandwirtschaftsverband, aber auch wir Verbraucher:innen vermutlich nicht hören wollen.

Auch wenn sie sich nicht an den aktuellen Protesten beteilige, sagt Mariá Gimenez von Wilmars Gaerten, sei sie quasi täglich auf Protesttour: „Ich informiere die Kund:innen auf dem Markt über die Arbeit von uns Bäuerinnen und Bauern, ich arbeite mit Schulen und Kindergärten zusammen, Wilmars Gaerten ist nicht nur ein landwirtschaftlicher Betrieb, sondern eine rebellische Bewegung.“

Aber sind rebellische Bewegungen nicht neuerdings jene, die sich an der Straße des 17. Juni am Öltonnenlagerfeuer wärmen, dabei in eine Reichsbürgerrhetorik verfallen und sich tags darauf über Selfies mit Alice Weidel freuen? 

Bauernproteste in Berlin werden von zwei Seiten gekapert

Dass der Bauernverband und dessen Präsident Joachim Rukwied solch antidemokratische Umtriebe auf ihrer eigenen Demonstration nicht bemerkt haben wollen? Aber der gute Mann hat in diesen Tagen ja auch wirklich viel um die Ohren. Fraglich dennoch, ob sich die Bauern und Bäuerinnen einen Gefallen damit machen, ihren berechtigten Protest gleich von zwei Seiten kapern zu lassen: von rechtem Populismus und der vermeintlichen Bedingungslosigkeit einer industrialisierten Landwirtschaft.

Gemeinsam streitet es sich doch viel besser. Weshalb es mir ein Rätsel bleibt, warum die Landwirte und Landwirtinnen also nicht jene mit auf den Trecker holen, die auf ihrer Seite sind: aufgeklärte Konsument:innen mit Hunger auf gute, regional produzierte Lebensmittel. Und wer jetzt sagt, das beträfe doch nur eine dekadente Bio-Boheme: Initiativen wie die Kantine Zukunft, dank der bereits vier Millionen Berliner Kantinenessen pro Jahr handwerklich und aus regionalen und vorwiegend bio-zertifizierten Lebensmitteln zubereitet werden, zeigen doch deutlich, wie bodenständig eine Ernährungs- und Agrarwende doch sein könnte. 

Mehr Wertschätzung für die Landwirtschaft bitte!

Nur, dass wir uns nicht falsch verstehen: Bauern und Bäuerinnen verdienen mehr Wertschätzung, weniger Bürokratie und ein verlässliches Einkommen. Und ihnen helfen auch keine Konsument:innen, die diesen Berufsstand idealisieren – und dann doch wieder zum Discounter rennen. Bevormundet werden die Bauern aber nicht nur von der Politik, sondern von einer Lobby, die eine kleinteilige, bäuerliche Landwirtschaft nur mehr als kitschiges Motiv auf dem Jogurtbecher kennt. 

Demo-Tipp: „Wir haben es satt“ am 20. Januar

Weshalb dieser Text also mit folgendem Spoiler endet: Am 20. Januar  bereits rollen die Trecker schon wieder durch das Berliner Regierungsviertel, dann gemeinsam mit Umweltverbänden und im Schulterschluss mit einer kritischen Stadtgesellschaft. Die 13. „Wir haben es satt“-Demo streitet fürs Klima und gegen das Höfesterben, so das Motto der Demo. Hatte der Bauernverband nicht gerade noch suggeriert, dass genau das ein Widerspruch sei?

Mein Tipp: Kauft die Schluppen, den Grünkohl und das Suppenhuhn einfach mal vier Wochen lang nur dort, wo euch wirkliche Landwirt:innen bedienen. Auf den Berliner Wochenmärkten zum Beispiel. Fragt viel und hört zu. So wird das was, mit der Stadt-Land-Verbindung. 


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