Kommentar

Strike Germany: DJs boykottieren das Berghain

Beim CTM-Festival sagen im Zusammenhang mit der „Strike Germany“-Kampagne mehrere Acts ihre Auftritte ab. Darunter etwa die DJs Manuka Honey und Jyoty sowie die südafrikanische Musikerin Toya Delazy. Grund dafür war unter anderem die vom Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) initiierte und von der Kunstszene harsch diskutierte Antidiskriminierungsklausel – die, wie am 22. Januar bekannt wurde, vorerst nicht zur Anwendung kommen soll. Ein Kommentar zur Verflechtung von Popkultur und Nahostkonflikt.

Auch Toya Delazy wird das CTM-Festival 2024 boykottieren. Foto: Wikimedia Commons/Jennifer Su/Flickr/CC 2.0
Auch Toya Delazy wird das CTM-Festival 2024 boykottieren. Foto: Wikimedia Commons/Jennifer Su/Flickr/CC 2.0

Strike Germany: Pop und Boykott sind in Berlin schon länger ein Thema

Pop und Boykott sind in Berlin schon länger ein Thema. Denn dass DJs und Bands Konzerte und Partys in Berlin absagen, weil sie mit den Förderrichtlinien der jeweiligen Institution oder anderen eingeladenen Gästen, meist Künstler:innen aus Israel, nicht einverstanden sind, passiert gelegentlich. Schon vor dem 7. Oktober 2023 und der jüngsten Eskalation des Nahostkonflikts zeigten sich Künstler:innen meist aus England, Frankreich oder den USA mit dem in Deutschland geltenden Umgang mit Israel nicht einverstanden. Zu wenig Bekenntnis, zu wenig Kritik, lauteten die Vorwürfe.

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Bei jedem weiteren Nahost-Eklat in der Pop-Welt wurde im Feuilleton und auf Podien zum Thema Israel, Palästina, BDS und Antisemitismus diskutiert, die Fronten verhärteten sich, und Acts wie die Young Fathers, Kae Tempest oder aktuell die DJs Manuka Honey und Jyoty standen kurzzeitig im Zentrum einer Debatte, die am Ende viel größer war als das eigentliche Konzert oder eine Partynacht.

Antidiskriminierungsklausel: So hat sich die Situation nochmals verschärft

Nach der Einführung der umstrittenen Antidiskriminierungsklausel durch den Berliner Senat, die von Teilen der Kulturszene als eine Gesinnungsprüfung verstanden wird, kochten die Gemüter hoch. Schließlich soll die Zustimmung zu der Klausel als Voraussetzung für die Vergabe von Fördermitteln gelten. Dies geht auf die Initiative des Berliners Kultursenators Joe Chialo zurück. Umstritten ist dabei der Umgang und die Definition des Antisemitismus-Begriffs. So hat sich die Situation nochmals verschärft. Nun hat Chialo die Reißleine gezogen: Am 22. Januar gab die Senatsverwaltung für Kultur bekannt, dass die Antidiskriminierungsklausel nicht zur Anwendung kommen soll.

Das CTM Festival, das vom 26. Januar bis zum 4. Februar an verschiedenen Orten in Berlin, darunter dem Berghain, dem Silent Green und der Volksbühne, abenteuerlustige, avantgardistische und stellenweise sehr tanzbare Musik aus den diversen Spielarten vorwiegend der elektronischen Genres präsentiert, ist nun als erster prominenter Fall im Zusammenhang mit der Antidiskriminierungsklausel in den Fokus geraten.

Nach den Absagen von Manuka Honey und Jyoty schlossen sich weitere CTM-Teilnehmer:innen dem internationalen Boykott „Strike Germany“ an: darunter Scratchclart ft. Toya Delazy (Foto), Yas Meen Selectress, Raji Rags und Kampire. Deutschland gilt als zu Israel-freundlich, so ließe sich die Kritik vereinfacht zusammenfassen.

Was die BDS-Kampagne in der Kulturwelt mit Israel anstrebt, tut „Strike Germany“ nun mit Deutschland. Ziel des Vorhabens, an dem auch die Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux beteiligt ist, ist die kulturelle Isolation des jeweiligen Landes, also Israels und nun auch Deutschlands, aufgrund des Nahostkonflikts, der israelischen Politik und der Situation der Palästinenser in Gaza, Westjordanland und der gesamten Region.

Ein Festival mit einem ausgesprochen diversen wie auch progressiven Line-up und Publikum

Beim mit öffentlichen Geldern geförderten CTM-Festival bleibt man gelassen: Man unterstütze weiterhin die künstlerische Freiheit und den Dialog, ließ das Team verlautbaren, und sei davon überzeugt, dass Kunst und Kultur wertvolle Räume der Begegnung und des Nachdenkens biete. Dem kann man nur zustimmen. Doch ein Dialog ist natürlich nur dann möglich, wenn die Kritiker:innen den gemeinsamen Raum betreten und zu einer Diskussion bereit sind. Davon kann bei einem Boykott nun keine Rede sein.

Dass das CTM-Team sich in irgendeiner Weise kriegstreiberisch verhalten hätte, ist natürlich blanker Unsinn, und so ist eine Absage an das renommierte Festival mit dem mal wieder ausgesprochen diversen wie auch progressiven Line-up und einem ebensolchen Publikum ein symbolischer Affront, der sich nicht unbedingt an die richtige Adresse richtet. Auch dürfte die Entscheidung der boykottierenden Strike-Germany-Künstler:innen nicht mehr bewirken, als die ohnehin schon verhärteten Fronten noch weiter zu verhärten. Das ist schade.

Nach Veröffentlichung des Textes hat die Senatsverwaltung für Kultur die Antidiskriminierungsklausel zurückgezogen. Den Text haben wir entsprechend angepasst.


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