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Kolonialismus und Berlin: So wird an das Unrecht erinnert – und Aufklärungsarbeit geleistet

Das Deutsche Reich beutete Kolonien in Afrika, Asien und Ozeanien aus. Die Aufarbeitung dieser Verbrechen dauert bis heute an. In Führungen, Ausstellungen und diversen Veranstaltungen wird an das Unrecht erinnert. Und mehrere Gruppierungen haben es sich zur Aufgabe gemacht, aktivistisch auf die Dekolonisierung des öffentlichen Raums einzuwirken. Trotzdem ist der Kolonialismus oftmals weiterhin ein Tabuthema. Ein Überblick zu wichtigen Gruppen, Vereinen und Anbietern postkolonialer Stadtführungen.


Kolonialismus und Berlin: Führungen durchs Afrikanische Viertel und rund um das Stadtschloss

Im Afrikanischen Viertel sind noch viele Straßen nach Kolonialverbrechern benannt. Nach und nach werden diese umbenannt. So wurde aus dem Nachtigalplatz 2022 der Manga-Bell-Platz. Foto: Imago/IPON

In den letzten Jahren wurde intensiv über kolonial belastete Straßennamen diskutiert, auch im Afrikanischen Viertel in Wedding. Dort sowie rund um das Stadtschloss finden regelmäßig „Dekoloniale Stadtführungen“ statt. Deren Ziel ist es, „historische Narrative neu zu gestalten und einen Raum für aufgeklärte Gespräche über das koloniale Erbe zu schaffen“. Mehr zur Dekolonisierung im Afrikanischen Viertel lest ihr hier.

  • Dekoloniale Stadtführungen Afrikanisches Viertel, Sa/So 11 Uhr, Treff: Swakopmunderstr. 44; Humboldt-Forum, Fr 11 Uhr, Treff: Sanchi Tor, 25 Euro, Infos

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„ZurückGeschaut“ auf die „Völkerschau“ 1896 im Treptower Park

Blick in die Sonderausstellung „ZurückGeschaut“, die an das Schicksal von insgesamt 106 Frauen, Männern und Kindern erinnert, die für die „Völkerschau“ 1896 nach Berlin gebracht wurden. Foto: Rosa Merk

1896 fand parallel zur Berliner Gewerbeausstellung eine „Völkerschau“ statt. Die ist Thema der Sonderausstellung „ZurückGeschaut“. 106 Frauen, Männer und Kinder wurden aus den deutschen Kolo- nien in Afrika und Ozeanien nach Berlin gebracht, um dort ausgestellt und angestarrt zu werden. Die Ausstellung gibt diesen Menschen eine Geschichte – und ihre Würde zurück. Die Texttafeln wurden so erarbeitet, dass besonders kritische Begriffe schraffiert und Akte des (stillen) Widerstandes hervorgehoben werden.

  • Museum Treptow Sterndamm 102, Johannisthal, Tel. 902 97 33 51, Mo–Do 10–18 Uhr, Sa/So 14–18 Uhr, Eintritt frei

Kolonialismus und Berlin: Ausstellungen, Workshops und Vorträge im Afrika-Haus Berlin

Das Afrika-Haus Berlin feiert 2023 sein 30-jähriges Bestehen. Längst hat es sich als Ort der „transkulturellen Kultur, Begegnung und Bildung“ etabliert. Regelmäßig finden dort auch Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen statt. Demnächst zum Beispiel eine Vortragsserie zu „Imperialismus und Kolonialismus“ und den „Kampf um historische Deutungen und reale Politik“ (27.11., ab 15 Uhr), gefolgt von einem Beitrag zur aktuellen Krise in Niger (30.11., 19.30 Uhr).

  • Afrika-Haus Berlin Bochumer Str. 25, Moabit, Infos

Wanderausstellung „Marejesho“ im Tieranatomischen Theater

Das Tieranatomische Theater gehört zu den schönsten Gebäuden Berlins. Dort finden auch viele spannende Ausstellungen statt – aktuell zum kolonialen Erbe am Kilimanjaro. Foto: Imago/Gerhard Leber

Im Oktober eröffnete im Tieranatomischen Theater die Wanderausstellung „Marejesho“. Diese beschäftigt sich mit dem kolonialen Erbe am Kilimanjaro und am Meru in Tansania. Dort wüteten deutsche Besatzer, erhängten Anführer der lokalen Communitys und schickten deren Knochen nebst Schmuck und Waffen ans Berliner Völkerkundemuseum. Die transkontinentale Schau verhandelt die Frage nach Restitution, betont aber auch die Bedeutung von mündlicher Tradierung in Tansania und untersucht die (post-)koloniale Beziehungen zwischen beiden Ländern. 

  • Tieranatomisches Theater Campus Nord, Philippstraße 13/Haus 3, Mitte, Di–Sa 14–18 Uhr, Eintritt frei, Infos

Eröffnung im Dezember: Koloniale Spuren der Industriegeschichte

Auf lokaler Ebene ist die Kolonialgeschichte Berlins noch kaum erforscht. Das soll sich sukzessive ändern. So auch in Reinickendorf, wo im Dezember die neue Ausstellung „Koloniale Spuren der Industriegeschichte“ im Bezirk startet. Präsentiert werden Rechercheergebnisse zu Firmen und Unternehmen, die an kolonialen Aktivitäten beteiligt waren.

  • Museum Reinickendorf Alt-Hermsdorf 35, Reinickendorf, Mo–Fr und So 9–17 Uhr, Laufzeit: 1.12.–18.2.2024, Vernissage: Donnerstag, 30.11., 18.30 Uhr, Infos

Spuren des Kolonialismus: Führungen durch den Park Sanssouci von „Potsdam Postcolonial“

In den Schlössern und Gärten der Hohenzollern finden sich überall Spuren der deutschen Kolonialgeschichte. Foto: Imago/imagebroker/Stanislav Belicka

Die Kolonialgeschichte ist eng mit jener der Hohenzollern verbunden und spiegelt sich in deren ehemaligem Herrschaftsbereich wider. Spuren des Kolonialismus sind also nicht nur in Berlin zu finden, sondern auch in Potsdam. So auch im Park Sanssouci, wo Skulpturen, Statuen und Büsten sowie botanische Importe auf das koloniale Erbe verweisen. Die von der Universität Potsdam „gleich nebenan“ kommende Arbeitsgruppe „Postcolonial Potsdam“ bietet regelmäßig kritische Rundgänge durch den Park. Empfehlenswert ist auch deren neuer Audio-Guide. 

  • Park Sanssouci Potsdam, Infos u. Audioguide: Infos

Berlin Postkolonial verfolgt ein großes Aktivitätenspektrum

Die Mitglieder des Vereins Berlin Postkolonial beschäftigen sich mit der Kolonialgeschichte der Stadt und wirken aktivistisch auf die Dekolonisierung des öffentlichen Raums ein. Das Aktivitätenspektrum ist groß. Die Mitglieder beteiligen sich an Jahrestagen, Kundgebungen und Ausstellungen. Zudem werden auf (Mit-)Initiative des Vereins etwa Gedenktafeln aufgehängt und Stolpersteine verlegt, zuletzt im Oktober für die afroeuropäische Familie Boholle/Van der Want.

  • Verein Berlin Postkolonial Die Website wird derzeit umgebaut. Aktuelle Infos zum Vereinsleben finden Sie auf den Social-Media-Kanälen des Vereins

„Solidarisiert euch!“: Antikoloniales Widerstandspotenzial

Neu in der Villa Oppenheim ist die Ausstellung „Solidarisiert euch!“ zum antikolonialen Widerstands-potenzial in der Weimarer Republik. Foto: Villa Oppenheimer/ visual intelligence

Noch bis 2024 läuft das Projekt „Dekoloniale“ mit einem großen Recherche-, Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm zum Thema Kolonialismus. In diesen Rahmen wurde Ende September die Ausstellung „Solidarisiert euch!“ in der Villa Oppenheim eröffnet. Diese beschäftigt sich mit dem antikolonialen Widerstandspotenzial in der Weimarer Republik.

  • Museum Charlottenburg-Wilmersdorf Schloßstr. 55 /Otto-Grüneberg-Weg, Tel. 902 92 41 06, Di–Fr 10–17 Uhr, Sa/So 11–17 Uhr, Eintritt frei

Viel Stoff zum Diskutieren im Ethnologischen Museum 

Ein Ort für Diskussion (um Restitution): das Ethnologische Museum im Humboldt-Forum. Foto: Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum / Alexander Schippel

Einer der größten Mieter im Humboldt-Forum ist das Ethnologische Museum mit 20.000 Exponaten aus Afrika, den Amerikas, Asien und Ozeanien. Das Museum an sich ist ein Ort der Kontroversen, viel gesprochen wurde etwa über die Restitution der Benin-Bronzen. Hingehen, Mitdiskutieren.

  • Ethnologisches Museum Schlossplatz, Mitte, Mi.–So. 10.30–18.30 Uhr, Mo. 10–18.30 Uhr, Eintritt frei

Mehr zum Thema

Rassismus ist ein globales Problem, das auch in Berlin existiert. Betroffen sind – aber nicht nur – Schwarze Menschen: Viele Initiativen, Vereine und Kultureinrichtungen sorgen für Aufklärung. Ihr wollt euch zum Thema Antirassismus weiterbilden? Wunderbar: in den letzten Jahren sind auch in Deutschland einige empfehlenswerte Bücher zum Thema erschienen. Eine kleine Auswahl hat „She said“ zusammengestellt: Berlins neue Frauenbuchhandlung, die ihren Fokus auf Autorinnen und queere Literatur setzt. Mit ihrem Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“ wurde sie zur Symbolfigur: Wir haben mit Alice Hasters gesprochen.

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