Kommentar

Corona in Berlin: Zwischen Rücksichtslosigkeit und Rave – der Abschied vom Anstand

Es ist das Pfingstwochenende gewesen, an dem sich in Berlin Tausende Menschen endgültig vom Anstand, von Mitgefühl und von ihrem guten Gewissen verabschiedet haben. Seit wenigen Wochen schon war eine Tendenz zur „Scheißegal“-Einstellung zu beobachten. Nachdem immer mehr gelockert und geöffnet wurde, brachen einige Dämme. In Parks kommen Hunderte zu Raves zusammen, eine Boots-Demo eskaliert zu einer riesigen Party – und in Mitte hängen Großgruppen vor den Bars, als wäre nie etwas gewesen.

Boot-Demo auf dem Landwehrkanal: Fassungslosigkeit in Zeiten von Corona. Foto: Imago Images/Travel-Stock-Image
Boot-Demo auf dem Landwehrkanal: Fassungslosigkeit in Zeiten von Corona – wo bleibt der Anstand? Foto: Imago Images/Travel-Stock-Image

Der wohl bemerkenswerte Ausbruch von rücksichtslosem Party-Hedonismus zeigte sich am vergangenen Pfingstwochenende auf dem Landwehrkanal. Eine Veranstaltung gegen das Sterben der Club-Szene Berlins hat sicher ihre Daseinsberechtigung. Aber es sind die Zeiten von Social Media und party-hungriger Hauptstadt. Dass eine Demo eskaliert und zum Spaß-Event mit Hunderten, in diesem Fall Tausenden Besuchern wird, ist uneingeschränkt einkalkulierbar. Die Leute wollen feiern.

Die Unbedarftheit, mit der sich viele der Menschen ohne Mund-Nasen-Schutz, ohne irgendwelche Abstandsregeln zu beachten, selbst bespaßten, ist mindestens bedenklich. Bundesweit machten die Bilder in den Medien die Runde. Viele sahen das Bild der Party-Hauptstadt ohne Vernunft bestätigt. Die Boot-Demo für Club-Kultur bekam Aufmerksamkeit ohne Ende – aber aus den falschen Gründen.

Die neue Leichtigkeit: Wie wichtig ist Anstand in Zeiten von Corona

Gleichzeitig zeigt sich auch im kleineren Rahmen eine neue Leichtigkeit – der Abschied vom Anstand, den Empfehlungen zu folgen und somit andere Menschen aktiv vor Corona zu schützen. Nicht vergessen: Die Masken sollen vor allem andere schützen. Sie nicht zu tragen, ist vor allem ein Zeichen von Rücksichtslosigkeit und Arroganz.

Es ist nicht nur das berüchtigte Partyvolk. In Mitte etwa, rund um August- und Linienstraße zum Beispiel, stehen zwischen den Bars mittlerweile Menschentrauben. Die Mitte-Muttis und -Vatis in ihren sportlich-schicken Sommeroutfits, am Weinchen hängend. Sollte es sich dabei immer um die bis zuletzt erlaubten zwei Haushalte handeln, ist die üblichste Wohnform wohl die Kommune. Das ist zumindest unwahrscheinlich. Im Büro, im Verein, in den Nachrichten auf dem Handy: Es wird wieder mehr verabredet. Viel mehr.

Unwahrscheinlich auch, dass die rund 200, 300 Leute, die am Pfingstwochenende in einem der Parks in Berlin eine Party feierten – inklusive Lichtanlage, DJ und Gruppensex im Gebüsch – alle auch privat die gleiche Küche und Toilette nutzen. Die Veranstaltung löste sich zwar nachts gegen zwei Uhr auf. Es war aber nicht die erste dieser Art.

Geheim-Raves mit Drogen-Bergen? Nein: Gefeiert wird ganz öffentlich – und ohne Scham

Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt. tipBerlin hat sich vor einigen Wochen noch über einen Artikel über vermeintliche Geheim-Raves mit Koks-Bergen lustig gemacht. Das war auch richtig. Und ist es eigentlich immer noch: Weder der Boot- noch der Park-Rave wurden sonderlich verheimlicht. Und nicht alle Teilnehmer machten sich die Mühe, zum „Ballern“ überhaupt noch ins Gebüsch zu gehen.

Und noch einmal: Es ist nicht nur eine bestimmte Klientel, die ohnehin im Verdacht steht, Spaß wichtiger als Verantwortung zu nehmen. Und es sind auch nicht nur Verschwörungstheoretiker*innen, die radikal die Maßnahmen abnehmen und bewusst ignorieren. In diversen Restaurants rückte zuletzt die Polizei ein, selbst bei den vermeintlich besten Adressen der Stadt. Höhepunkt: Die Blamage des FDP-Chefs Christian Lindners und 300 Gästen im Promi-Restaurant Borchardt. Der Wirt bekam eine Anzeige wegen einer Ordnungswidrigkeit. Und Lindner musste sich entschuldigen, weil er Weißrusslands Honorarkonsul ohne Maske vor dem Lokal umarmte.

Zwischen Lindner und „Party-Pöbel“ gibt es noch viel zu tun

Und da liegt der Hund begraben: Wenn die Reichen, die Schönen, die Mächtigen schamlos loslegen, sobald der erste Promi-Wirt die Tür aufschließt (und auch sonst durchaus ihre Wege fanden, im politischen Berlin unbeobachtet in größeren Gruppen zusammenzukommen) – wieso soll sich dann der vermeintliche „Party-Pöbel“ noch zurückhalten? Und ja, Fehler sind menschlich, und die wenigsten von uns perfekt – auch der Autor dieses Textes hat schon Menschen umarmt, die er nicht hätte umarmen sollen. Das interessiert natürlich weniger als bei Christian Lindner. Macht es aber auch nicht besser.

Am Ende sind es andere, die wirklich aufpassen müssen vor einer Ansteckung. Sie sehen das alles fragen sich, was in der Gesellschaft falsch läuft. Es sind jene, die in dem Krankenhaus arbeiteten, vor dem Tausende einen Boot-Rave feierten, die sich fragen, ob sie den Teilnehmenden helfen wollten, wenn diese mal in medizinischer Not sind. Und am Ende sind es wieder wir alle, wenn die Corona-Lockerungen doch wieder zurückgedreht werden.

Deswegen: Vielleicht doch noch einmal ein bisschen zusammenreißen. Alle.

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