Rassismus

Debatte um Critical Whiteness: Wieviel Abbitte soll’s denn sein?

In der Debatte um Rassismus wird von weißen Menschen verlangt, ihr Weißsein kritisch zu reflektieren. „Critical Whiteness” nennt sich das Forschungsfeld, das diese Forderung hervorgebracht hat. Nun tun viele öffentlichkeitswirksam ­Abbitte. Aber bringt uns das wirklich weiter?, fragt sich tipBerlin-Redakteurin Julia Lorenz.

Trauerdemonstration für den bei einem Polizeieinsatz verstorbenen George Floyd am Brandenburger Tor, 31. Mai 2020. Foto: imago images / Omer Messinger / ZUMA Wire

Manchmal ist ein Perspektivwechsel hilfreich – und manchmal eine Frechheit. In der Schlussszene von Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ nimmt Oskar Schindler, der Unternehmer, der während der NS-Diktatur in seiner Fabrik hunderten Jüdinnen und Juden das Leben rettete, Abschied vom jüdischen Buchhalter Izthak Stern. Schindler erklärt weinend, er habe nicht genug für die Juden getan. „Sie haben so viel getan“, erwidert daraufhin Stern. Es ist ein Kinomoment, den man nicht vergisst.

„Schindlers Liste“ half dabei, Erinnerungskultur in den Mainstream zu tragen, wurde seinerzeit aber auch heftig kritisiert – zum Beispiel von dem Schriftsteller und Auschwitz-Überlebenden Imre Kertész. Auch an der berührenden Schlussszene nahmen Kritiker*innen Anstoß. Schließlich weint man am Ende nicht unbedingt mit den Opfern der Shoah, sondern ­– polemisch gesprochen – mit dem armen, geläuterten Nazi Oskar Schindler, dem es nicht gelungen ist, noch mehr Menschen zu retten. Der Fokus verschiebt sich: weg von den Erfahrungen der Jüdinnen und Juden, hin zur Geschichte des weißen, deutschen Helden.

Nach George Floyds Tod: Wer spricht, wer hört besser erst mal zu?

Schnitt. Andere Zeit, anderes Thema. Der Afroamerikaner George Floyd wurde in Minneapolis von Polizisten getötet. In den USA wie auch in Deutschland tobt eine Diskussion um Rassismus – und die Frage, wie man ihn am besten thematisiert. Wer spricht, und wer hört besser erst mal zu? Sollten weiße Menschen die Bühne von Rassismus Betroffenen überlassen? Oder haben die auch mal Besseres zu tun, als immer wieder die Expert*innen für Unterdrückung geben zu müssen?

Immer häufiger taucht seit einiger Zeit – auch außerhalb des akademischen Kontexts, in populären Medien – eine Forderung auf: Weiße sollen ihr Weißsein reflektieren. Zuletzt hatte etwa der Journalist Malcolm Ohanwe, unter anderem auf Twitter und in einem Gastbeitrag im „Spiegel“, weiße Leser*innen aufgerufen, dezidiert ihre Erfahrungen als Weiße öffentlich zu machen.

„Critical Whiteness”, also kritisches Weißsein, nennt sich das Forschungsfeld, das diese Forderung hervorgebracht hat. In Folge teilten weiße Personen Geschichten über Situationen, in denen ihnen ihr Weißsein bewusst wurde. In denen sie sich – vielleicht unbeabsichtigt – rassistisch verhalten hatten, in denen ihnen Ungleichheiten bewusst wurden, kurz: in denen sie realisiert haben, dass Schwarze Menschen nicht die Abweichung von der Norm sind, sondern dass auch ihre eigene, weiße Hautfarbe ein Politikum ist. Nur eben keines, das ihnen jemals zum Nachteil gereicht. Für solche Erfahrungsberichte gibt es Likes, immerhin bekennt sich da jemand zu Verfehlungen, um sie überwinden zu können.

Das ist grundsätzlich super. Aber dieses Denken hat auch seine Tücken. Die „Geständigen“ bekommen nämlich nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes Applaus für Scheiße, sondern auch Sendezeit zur öffentlichen Abbitte – und können danach den Beichtstuhl erlöst und gereinigt verlassen. Am Ende geht es mal wieder: um die Befindlichkeit von Weißen.

Die eigenen blinden Flecke

Man darf sich schon fragen, ob die Geschichten von weißen Menschen, die sich derart selbst umkreisen und die Feeds und Medien dominieren, wirklich die Erzählungen der Stunde sein sollten. Ähnlich wie mit dem „Kritischen Weißsein“ verhält es sich mit der „Kritischen Männlichkeit“, die seit einigen Jahren Konjunktur hat: Wird der Ansatz falsch verstanden, bringt er ziemlich oft Typen hervor, die so beschäftigt damit sind, über „Macker“ herzuziehen, dass sie glatt die Frauen in der Runde übertönen.

Wahr ist in jedem Fall: Sich mit seinem eigenen Rassismus, mit blinden Flecken zu befassen, ist essentiell. Und sicher, will man Empathie erzeugen, ist es hilfreich, Menschen bei ihren Erfahrungen abholen. Die Frage ist aber, ob sich Reflektion nicht im Stillen vollziehen kann – und ob man sie öffentlichkeitswirksam performen muss.

Was man sich natürlich auch fragen kann: Macht es überhaupt Sinn, dass ich diesen Kommentar schreibe? Wäre eine Person of Color nicht viel qualifizierter gewesen? Und könnten sich Leute nun ärgern, dass ausgerechnet ich – ebenfalls weiß – auf die Kanzel trete und Empfehlungen gebe? Zum Predigen fühle ich mich nicht berufen. Nur dazu, mein Unbehagen mit einer Form von Antirassismus zu teilen, die aus meiner Sicht für viele eher Egoshow und Absolution verspricht, als Anstoß zu echter Veränderung zu sein – und es uns weißen Diskussionsteilnehmer*innen ganz schön leicht macht. Immerhin ist es herrlich entlastend, anderen Privilegierten bei der Läuterung zuschauen zu dürfen. Das kritisierten einst viele an Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“. Vielleicht hilft mir und anderen der Gedanke, wenn wir es uns nach der öffentlichen Beichte zu bequem machen wollen.

Dieser Text erschien zuerst im Juli-Heft von tipBerlin mit Zitty. Die Ausgabe 15/2020 könnte ihr in unserem Webshop bestellen.


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