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Lieferdienste in Berlin und ihr Geschäftsmodell: Bringt’s das?

Auch dafür hat der Lockdown gesorgt: Wir lassen uns unser Essen gerne liefern. Über die Mühen der Logistik, den Hunger der Märkte und die Zukunft der Lieferdienste in Berlin.

Warten im Park: ein Lieferant des Lieferdienstes Lieferando legt eine Pause im Park ein.      Lieferdienste in Berlin
Warten im Park: Ein Fahrer des Lieferdienstes Lieferando legt eine Pause ein. Foto: Jenny Watkinson

Ein Lockdown-Sonntag im Samariterkiez in Friedrichshain. Vor der improvisierten Verkaufsluke der Lieblingspizzeria organisieren sich die Menschen in zeittypischer Distanz. Eine junge Frau, die FFP2-Maske so reinweiß wie ihre Plateausneakers, will ihre bestellte Pizza Margherita abholen. „Lisa? Nein wir haben hier nichts auf Lisa.“ Kurze Verwirrung. „Ach, du hast über Lieferando bestellt.“

Muss man ja auch erst mal drauf kommen. Sich das Essen über eine Lieferdienst-Plattform zu organisieren – um es dann selbst abzuholen.

Ein Drittel der Einnahmen für die Auslieferung

Katharina Hauke, Deutschland-Chefin von Lieferando, wundert das hingegen kaum. Ohnehin würden deutschlandweit gerade einmal zehn Prozent aller Lieferando-Bestellungen auch vom Unternehmen selbst ausgeliefert. Wobei diese Quote in Berlin natürlich ungleich höher liege. Hier gehört die Unternehmenstochter „Logistik“ mit ihrer Radler*innen-Armada im stilprägenden BSR-Orange längst zum festen Inventar des Stadtraums.

Üblicherweise aber fahren auch die meisten der bei Lieferando gelisteteten Restaurants ihr Essen selbst aus. 13 Prozent Vermittlungsprovision werden bei Lieferando allein dafür fällig. Wer auch die Auslieferung der Lieferando-Mutter Just Eat überlässt, muss dafür rund ein Drittel der Einnahmen abtreten.

Lieferdienste in Berlin: Finale auf der letzten Meile

Die letzte Meile. Logistiker wissen längst um dieses verflixt komplexe Finale der Lieferkette. Weshalb viele Paketboten die ganzen Amazon-Bestellungen schon gleich beim Späti im Kiez bunkern, der längst nebenbei – oder doch vor allem – auch Dienstleister von UPS oder DHL ist. Das Problem der Berliner Gastronomie: Ihr geht es einzig und allein um diese letzte Meile.

Dabei klingt es in der Theorie doch geradezu romantisch: Der Wirt, der mit seinem Lastenrad die Stammkund*innen beglückt. Geschäftsbeziehungen auf Augenhöhe. Gerade in einer Zeit, in der eine ganze Branche, eben noch das Herz und die Seele des Hauptstadtlebens, quasi unsichtbar geworden ist.

Susanna Glitscher hat das versucht. Und gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ben Pommer, Geschäftsführer des BRLO Brwhouse am Gleisdreieckspark, einen eigenen Lieferdienst auf die Beine gestellt.

Das BRLO hat es im ersten Lockdown mit einem eigenen Lieferdienst versucht – kooperiert aber mittlerweile mit dem finnischen Liefer-Riesen Wolt. Lieferdienste in Berlin
Das BRLO hat es im ersten Lockdown mit einem eigenen Lieferdienst versucht – kooperiert aber mittlerweile mit dem finnischen Liefer-Riesen Wolt. Foto: BRLO

Während des ersten Lockdowns hat sie deshalb sehr viel Zeit im Auto verbracht. Und viele Gespräche mit Menschen geführt, denen sie es nicht recht machen konnte. Der Stau auf der Sonnenallee, die fehlerhaft übermittelte Adresse, vier Bestellungen, die allesamt um 19.30 Uhr erwartet wurden: „Lieferlogistik ist halt noch mal eine ganz eigene Sache, die man auch als noch so gut organisiertes Restaurant nicht einfach mal, zack, auch noch selbst wuchten kann.“

Inzwischen arbeitet das BRLO Brwhouse deshalb mit dem Lieferdienstleister Wolt zusammen, „auch wenn die Kosten echt schmerzen.“ Nach dem Aus von Deliveroo im August 2019 ist der im Sommer 2020 in Berlin gestartete Anbieter der einzige wirkliche Mitbewerber von Lieferando. Wie ernst es dem finnischen Unternehmen Wolt dabei aber ist, zeigt eine Pressemeldung aus dem Januar: Man habe in einer neuen Finanzierungsrunde Investitionskapital von 450 Millionen Euro eingesammelt. Ja, Waren nach Hause zu liefern ist definitiv ein Zukunftsgeschäft.

Lieferdienste in Berlin: Über den Durst

Und genau darin sieht Zukunftsforscher Eike Wenzel ein Problem: „Im poststationären Handel steckt gegenwärtig so viel Geld, dass er sich momentan noch gar nicht rechnen muss. Statt an nachhaltigen Konzepten gerade hinsichtlich der urbanen Verkehrsinfrastruktur zu arbeiten, werden da nur stumpf Marktanteile gesichert. Egal, dass der Transporter von Durstexpress, einer Dr. Oetker- Tochter, auch mal nur zwei Kisten Wasser durch die Gegend fährt.“

Wenzel verweist auf kreative Ansätze wie die Marktschwärmerei, wo Menschen in ihrem Kiez und im direkten Kontakt zu Bauern und Produzentinnen eine Art Wochenmarkt für die Nachbarschaft organisieren. Und formuliert eine ziemlich entscheidende These: „Klar ist das auch Protestkitsch, dass der Konsum doch politisch sei. Tatsächlich wird sich unser Einkaufsverhalten in den kommenden Jahren aber weitreichend wandeln und digitalisieren. Da kommen wir nicht umhin, uns auch mal zu fragen, was die vermeintlich ganz privaten Entscheidungen für gesellschaftliche Konsequenzen haben.“

Ist das Flanieren tot?

Wer auf der Suche nach einer Pizza jedenfalls die Lieferando-App befragen muss, um auf den Anfang dieses Textes zurückzukommen, scheint die Idee der Stadt als Erfahrungsraum und Flanierlandschaft hinter sich gelassen zu haben.

Max Strohe, Inhaber und Küchenchef des sehr feinen und gleichzeitig sehr lässigen Kreuzberger Restaurants Tulus Lotrek hat dieses Dilemma auf seine Weise gelöst. Seine Lockdown-Gerichte muss man sich, wenn schon nicht verdienen, so doch selbst in der Fichtestraße abholen. „Gleichzeitig denke ich aber gerade täglich, dass es diese großartige und mit Corona noch einmal enger zusammengewachsene Berliner Gastroszene doch auch hinbekommen könnte, einen für alle Beteiligten fairen, funktionierenden Lieferservice auf die Beine zu stellen.“

Es käme mindestens auf einen Versuch an.


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Selbst mitnehmen statt Lieferdienste in Berlin zu benutzen? Das geht beim Standard Pizza Window in Mitte. Für euren Kiez: Wunderbare Restaurants mit Lieferservice oder Take-Away in allen Ecken Berlins. Manche Gastro-Betriebe wollen gar keine Gäste. Auch in Berlin gibt es schon zahlreiche dieser Ghost Restaurants.

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