Interview

Blixa Bargeld im Gespräch: Warten aufs Bundesverdienstkreuz

„In irgendeinem Paralleluniversum sind wir so groß wie die Beatles“, hat uns Blixa Bargeld im Interview erzählt. Zur Veröffentlichung des neuen Albums der Einstürzenden Neubauten, „Rampen“, sprachen wir mit ihm über Druckarbeiten in den 1980er-Jahren bei der „taz“, einen verhängnisvollen Vertrag mit dem dubiosen Labelbetreiber Stephen John Pearce alias Stevo, das neuerfundene Genre Alien Pop Music, wissenschaftliche Metaphern-Felder, biologischen Determinismus, die geplante Autobiografie, verbilligten Eintritt ins Museum und das Warten auf das Bundesverdienstkreuz.

Blixa Bargeld war Mitbegründer der Einstürzenden Neubauten, die sich am 1. April 1980 in West-Berlin formiert haben. Foto: Thomas Rabsch
Blixa Bargeld war Mitbegründer der Einstürzenden Neubauten, die sich am 1. April 1980 in West-Berlin formiert haben. Foto: Thomas Rabsch

Blixa Bargeld: „Das richtige Cover sieht aus wie das ‚White Album‘ der Beatles“

tipBerlin Blixa Bargeld, das Cover des neuen Einstürzende-Neubauten-Albums „Rampen“ erinnert an „Kollaps“, das Debüt Ihrer Band aus dem Jahr 1981. Schließt sich hier ein Kreis?

Blixa Bargeld Da sehen Sie nicht das richtige Cover. Das richtige Cover sieht aus wie das „White Album“ der Beatles. Kein Schriftzug, es ist nur gelb, und das Logo und der Schriftzug sind geprägt. Was stimmt, es ist der alte Schriftzug, der taucht immer wieder auf, den haben wir auch bei „Halber Mensch“ verwendet.

tipBerlin Worauf ich hinaus will: Ist es ein grafischer Verweis auf die Anfangszeit?

Blixa Bargeld Ich höre, worauf Sie hinauswollen, aber ich kann es nicht ganz unterschreiben. Haben Sie auf der anderen Seite das andere Logo auch gesehen: Rampen? Das ist neu. Aber richtig, das ist der erste Neubauten-Schriftzug. Den habe ich für „Kalte Sterne“ entworfen, im ersten Büro der „taz“, das war damals noch in Wedding. Ich durfte dort das Equipment benutzen und habe so die Grafiken von „Kollaps“ bis zu „Durstiges Tier“ erstellt, dafür habe ich eine große eingeschweißte Scheibe Schinken unten im Supermarkt gekauft, unter die Repro-Kamera gelegt, ein Foto für den roten Druckfilm gemacht und dann einen schwarzen Ausschnitt mit einer Art Schweizer Kreuz da draufgelegt, mit dem Neubauten-Schriftzug, den druckte ich dann aus. Ich bin der „taz“ immer noch dankbar dafür.

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Blixa Bargeld: „Die Neubauten gab es da noch nicht, aber es gab Andrew und mich“

tipBerlin Der Beitrag der „taz“ zur Bandgeschichte der Einstürzenden Neubauten, beides West-Berliner Institutionen und fast gleich alt. Spannende Verflechtung!

Blixa Bargeld Die „taz“ ist ein oder zwei Jahre älter als wir. Es gab damals den Tunix-Kongress, das war 1978. Da war ich mit Andrew (N.U. Unruh) und dort hat sich die „taz“ gegründet. Die Neubauten gab es da noch nicht, aber es gab Andrew und mich. Ich erinnere mich nur an den Rückweg danach, aber das war so eine ganz seltsame Aufbruchsstimmung, das war spürbar. Man spürte diese Aufbruchidee, es war auch eine Bruchidee. Es wurde gebrochen mit der alten Linken und auch mit der RAF-Zeit und was dann kam, war die alternative Szene, im weitesten Sinne, und die Hausbesetzer-Bewegung. Wir sind nicht aus dieser Szene entstanden, aber das gehört alles zu meiner Biografie dazu.

tipBerlin Die Einstürzenden Neubauten wurden zwei Jahre nach dem „Treffen in Tunix“ gegründet, am 1. April 1980, vor 44 Jahren. Hätten Sie damals gedacht, dass es mit der Band so lange gehen wird, ein halbes Leben?

Blixa Bargeld Nein, das wurde mir etwas später bewusst, an dem Tag, an dem wir bei einem Anwalt in London, einen Plattenvertrag unterschrieben haben. Bei Some Bizarre, was natürlich ein Fehler war, aber ich kann mich daran erinnern, dass ich an dem Abend danach im Dschungel saß und dachte, willst du das jetzt immer machen mit den Neubauten? Und da wusste ich, dass ich das in dem Moment eigentlich zementiert habe. Es gab einen Plattenvertrag für die Band Einstürzende Neubauten mit Marc Chung, FM Einheit, Andrew Unruh, Alex Hacke und Icke, wir waren dann da drin, so. Und wir sollten gefälligst vier Platten abliefern. „Zeichnungen des Patienten O. T.“ war das erste Album, das wir dann gemacht haben.

tipBerlin Das war 1982/1983. Über Stevo, den Chef von Some Bizarre, kursieren ziemlich schlimme Geschichten.

Blixa Bargeld über Stephen John Pearce: „Der hat nicht nur uns übers Ohr gehauen, der hat alle übers Ohr gehauen“

Blixa Bargeld Coil haben später den Song veröffentlicht: „Stevo, Pay Us What You Owe Us!“. Der hat nicht nur uns übers Ohr gehauen, der hat alle übers Ohr gehauen, die er unter Vertrag genommen hat, und Coil quasi doppelt. Die haben sich mit ihm geeinigt, wie viel er ihnen noch schuldet und ihre Ansprüche abgetreten, und er hat sie dann doch nicht bezahlt. Das geht alles bis heute. Wenn wir irgendwas von 1985 veröffentlichen, versucht er es zu stoppen, weil es nach Vertrag quasi noch ihm gehört. Er hat nur nicht die Mittel, uns wirklich zu verklagen, aber es ist nervig.

tipBerlin Das neue Album heißt „Rampen“, es gibt bei den Neubauten das Konzept der Rampen, das ist ein bandeigener Begriff, der für Gruppenimprovisationen steht, die sie bei Konzerten praktizieren. Ist das die Basis des Albums?

Blixa Bargeld Rampen ist Neubauten-Lingo, richtig. Das Album basiert auf Rampen und das hat einen einfachen Grund. Wir waren 2022 auf Tour, diese berühmte zweimal verschobene Tour, die dann wegen Corona abgebrochen wurde. Während dieser Tour haben wir uns darüber unterhalten, was wir als nächstes machen und da stellte sich eben schon raus, dass Alex 2023 nicht viel Zeit hat. Wenn wir eine Platte machen, nehmen wir uns normalerweise ein Jahr Zeit. Und das konnten wir uns diesmal nicht leisten. Da wir auf dieser Tour mit einem bestimmten Instrumentarium unterwegs waren, sind alle Rampen, die wir auf dieser Tour gespielt haben, logischerweise auch mit diesem Instrumentarium entstanden. Was uns die Arbeit Klangforschung, Materialerkundung, Materialerfindung und so weiter komplett erspart hat. Das ist das, womit wir ein Drittel der Zeit verbringen. Wir mussten uns nicht nach neuen Dingen und neuen Lösungen umsehen, sondern es war ja alles gespielt auf den Instrumenten, die wir dabeihatten.

Cover: Einstürzende Neubauten „Rampen (apm: alien pop music)“

tipBerlin Aber es ist kein Live-Album?

Blixa Bargeld Nein. Es entstand im Studio, Alex wollte nicht in unser übliches Studio gehen und dann haben wir uns für Candy Bomber entschieden, das Studio von Ingo Kraus, dem ehemaligen Assistenten von Conny Planck im Flughafen Tempelhof. Ingo kennen wir auch schon ewig und in diesem Studio haben wir innerhalb von drei Monaten die 15 besten Stücke aus den Rampen aufgenommen. Danach ist Alex mit Danielle de Picciotto auf Tour gegangen und wir sind wieder zurück in unser übliches Studio umgezogen und haben die Arbeit am Album mit unserem Produzenten Boris Wilsdorf abgeschlossen.

Blixa Bargeld: „Ich war anfangs skeptisch, ob es ‚Rampen‘ heißen sollte. Dachte dann kommt wieder Rudis Reste-Rampe und so weiter“

tipBerlin Für das neue Album haben Sie sogar ein eigenes Genre erfunden: „alien pop music“. Machen Sie fremdartige Popmusik?

Blixa Bargeld Ich war anfangs skeptisch, ob es „Rampen“ heißen sollte. Dachte dann kommt wieder Rudis Reste-Rampe und so weiter. So habe ich mit der Idee geliebäugelt, einen neuen Genrebegriff zu erfinden. So wie damals „Geniale Dilletanten“. Da kam ich auf „Alien Pop Music“, und als Kürzel APM, so wie IBM, IDM und so weiter. Sozusagen die Popmusik für die anderen. Die Popmusik für die Außenstehenden. Dann habe ich gesagt, vielleicht nennen wir es APM – Alien Pop Music. Und alle fanden das gut. Habe ich nicht erwartet. Am Ende haben wir uns dafür entschieden, was es jetzt ist: „Rampen“ mit dem Untertitel „Alien Pop Music“.

Unpopulär sind wir nicht, aber wir sind eben auch nur populär für ein sehr begrenztes Publikum. Also sehr viel wachsen kann das nicht mehr, dazu müsste sich die ganze Menschheit verändern. Ich sage aber, in irgendeinem Paralleluniversum sind wir so groß wie die Beatles.

Blixa Bargeld, Einstürzende Neubauten

tipBerlin Popmusik bringt man normalerweise nicht mit den Neubauten in Zusammenhang.

Blixa Bargeld Darauf war ich vorbereitet, kann es aber erklären. Unpopulär sind wir nicht, aber wir sind eben auch nur populär für ein sehr begrenztes Publikum. Also sehr viel wachsen kann das nicht mehr, dazu müsste sich die ganze Menschheit verändern. Ich sage aber, in irgendeinem Paralleluniversum sind wir so groß wie die Beatles.

tipBerlin Musikalisch verweisen einige Stellen auf dem Album auf Krautrock, eine sehr deutsche Tradition und Bands wie Can, Harmonia und Faust. Fühlen Sie sich in dieser Tradition wohl?

Blixa Bargeld Meine musikalische Sozialisierung liegt in dieser Zeit. Ich bin mit dem üblichen Kanon der Rockmusik aufgewachsen: Beatles, Stones, Doors, Velvet Underground und in der anderen Hand Can, Neu! und Kraftwerk. Kraftwerk, bevor sie angefangen haben zu singen. Ralf und Florian. Wenn man die Neubauten verorten muss, dann irgendwo zwischen Can und Ton Steine Scherben. Was Can eben auch großartig konnten, war dieses telepathische Improvisieren. Die hatten auch ihre Rampen und die funktionieren eben nur, wenn man irgendwie eine Art von nonverbaler Kommunikation etablieren kann. Can und viele andere deutsche Rockbands aus der Zeit haben sich aber aus dem Singen herausgemogelt, entweder sangen sie Englisch, unverständlich oder gar nicht.

Einstürzende Neubauten in der aktuellen Besetzung: Alexander Hacke, Blixa Bargeld, Jochen Arbeit (obere Reihe), Rudolph Moser und N. U. Unruh (unten). Foto: Thomas Rabsch
Einstürzende Neubauten in der aktuellen Besetzung: Alexander Hacke, Blixa Bargeld, Jochen Arbeit (obere Reihe), Rudolph Moser und N. U. Unruh (unten). Foto: Thomas Rabsch

tipBerlin Erst die Ton Steine Scherben brachten die deutsche Sprache in der Rockmusik wirklich ins Spiel, auf die Sie sich immer wieder beziehen. Kommen wir zu der Sprache auf „Rampen“. Im Text zum Album heißt es: „Dieses Album repräsentiert die nächste Stufe der Evolution, auf der man die bekannte Sprache schließlich hinter sich gelassen hat“. Wie lässt sich über das Album überhaupt sprechen?

Blixa Bargeld Ja, das ist der berühmte Waschzettel, den habe ich nicht verfasst. Ich weiß, wie ich schreibe und es gibt bestimmte Metaphern-Felder, die ich immer wieder beackere. Das ist einmal Wissenschaft und in der Wissenschaft speziell Biologie und Astronomie, es ist Mythologie, Sprache und Linguistik. Daraus ziehe ich meistens irgendwas raus, am besten in Verbindung miteinander. Etwa in den letzten zwei Stücken des Albums, „Trilobiten“ und „Gesundbrunnen“. Da wird ein Gedanke eigentlich fortgesetzt, der beginnt im Mythologischen, weil ich mich mit dem Tod von Herkules beschäftige, ich bediene mich meistens bei Sachen, die bei Ovid in den „Metamorphosen“ stehen. Das endet mit Non-Binary und biologischem Determinismus und setzt sich dann bei „Trilobiten“ fort. Ich besitze einen Trilobiten, den hat mir die Veranstalterin des Neubauten-Konzerts bei der Expo in Vancouver geschenkt. Mit den Worten, der Trilobit stamme aus der Zeit, bevor es Geschlechter gab. „Trilobiten, ich, du, ich, du, ich, du, noch ungetrennt“, und so weiter, das sind biologische Metaphern und dann geht es weiter in „Gesundbrunnen“ und dort verlasse ich tatsächlich die Sprache.

Einstürzende Neubauten: Live-Improvisation / Rampe in Köln, 2022

tipBerlin Sie kehren aber auch sehr lokal zu ihr zurück, etwa in dem in Berliner Mundart vorgetragenen Stück „Ick wees nich“. Blixa Bargeld berlinert, das ist neu.

Blixa Bargeld Das war zuerst in Wien bei einem Konzert. Da bin ich rausgekommen und dachte, ja gut, wir sind in Wien. Hier gibt es den Schmäh, also lass mich mal Berlinern und wollte ein bisschen frotzeln. Ich mag Wien und ich sehe Wien als Schwesterstadt, die haben auch ihre industrielle Revolution und ihre Stadtgeschichte, die an derselben Stelle wie Berlin ansetzt.

tipBerlin Sie sind gerade 65 geworden, früher war das das offizielle Renteneintrittsalter, gilt natürlich nicht für Künstler, schon klar, aber wie stehen Sie zu der Zahl 65?

Blixa Bargeld Ich komme jetzt billiger ins Museum und habe auch einen Brief aus dem Bundeskanzleramt bekommen, handschriftlich. Aber nicht von Olaf.

Blixa Bargeld: „Ich erwarte einen Ehrendoktortitel von irgendeiner drittklassigen Universität und noch unbedingt als Abschluss einen Asteroiden“

tipBerlin Gibt es jetzt auch das Bundesverdienstkreuz?

Blixa Bargeld Das erwarte ich als nächstes. Nicht nur das, dazu noch einen Ehrendoktortitel von irgendeiner drittklassigen Universität und noch unbedingt als Abschluss einen Asteroiden. John, Paul, George und Ringo gibt es als vier einzelne Asteroiden und Frank Zappa auch. Immerhin ist aber eine Mikroalge bereits nach mir benannt. Jetzt werde ich auch noch Ehrenmitglied im Art Directors Club Germany. Das nehme ich auf dem Weg zum Asteroiden noch so mit.

tipBerlin Warum gibt es eigentlich noch keine offizielle Autobiografie von Blixa Bargeld?

Blixa Bargeld In der großen Zeit der Pandemie sind wir als Familie nach Portugal geflüchtet und da habe ich systematisch angefangen, meine Notizen durchzugehen, im Hinblick auf eine Autobiografie und habe schon mal eine große Vorordnung geschaffen. Aber so wie man mich kennt, kann man ja erwarten, dass das keine normale Biografie wird. Ich hadere immer noch mit der Form. Letztendlich ist alles, was jemand schreibt, fiktional und daher werde ich meine fiktionale Biografie schreiben.

tipBerlin Das offizielle Berliner Konzert zum neuen Album ist im September, im April gibt es aber auch schon Neubauten-Veranstaltungen, können Sie etwas dazu sagen?

Blixa Bargeld Das ist geheim und leider nicht für jeden zugänglich. Wir haben alle Supporter (Fans, die die Plattenaufnahmen der Einstürzenden Neubauten finanziell unterstützen, Anm. d. Red.) aus den fünf Phasen eingeladen, über Ostern nach Berlin zu kommen, wo wir für sie verschiedene Sachen vorbereitet haben. Ich mache eine Stadtrundfahrt und zeige Orte in Berlin, die für die Neubauten relevant sind. Die Autobahnbrücke, die Studios, den Grazer Damm, das ist ja ein Stück auf dem letzten Album. Es gibt auch ein Konzert, aber das wird kein normales Konzert sein, sondern da werden wir uns ausschließlich auf Rampen konzentrieren. Das wird dann auch der Abschluss des Supporter-Projekts sein. Seit 2002 haben wir unsere Alben mit der Unterstützung unserer Fans produziert. Im Prinzip haben wir damit das Crowdfunding erfunden, in einer Zeit, als es noch gar keine sozialen Medien gab. Heute sind wir technisch wieder drei Runden weiter. Was wir in Zukunft machen werden, kann ich noch nicht verraten, sicherlich gehen wir aber nicht zurück zu einem normalen Label.

  • Einstürzende Neubauten Rampen (apm: alien pop music) (Potomak/ Indigo), VÖ: 5.4.
  • Columbiahalle Columbiadamm 13-21, Kreuzberg, Mo 9.9., 20 Uhr, VVK 65 €
  • Weitere Informationen gibt es hier

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