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Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ an der Volksbühne

Wer ist der Fremde in mir? Gastspiel aus Wien: Joachim Meyerhoff spielt Thomas Melles „Die Welt im Rücken“

Reinhard Werner/ Burgtheater

Thomas Melles Bericht über seine bipolare Erkrankung ist eines der bewegendsten Bücher der vergangenen Jahre. Melle hält in „Die Welt im Rücken“ mit großer Genauigkeit fest, wie ihm sein Leben in euphorischen und depressiven Krankheitsschüben über viele Monate entgleitet, wie sich seine Persönlichkeit bis zur Selbstzerstörung aufzulösen scheint, wie er vorsichtig und zäh und tastend versucht, wieder etwas sichereres Terrain und Kontrolle über sein Leben zu gewinnen.

Dem Regisseur Jan Bosse und dem Schauspielstar Joachim Meyer­hoff (mit Melle-Perücke) gelang in ihrer szenischen Bearbeitung des Buches am Wiener Akademietheater das Kunststück, sich mit ­Furor, psychologischem Feingefühl, Spiellust und großem Respekt an Melles Buch abzuarbeiten – und dabei die Fallen eines (bei authentischen Krankheitsgeschichten naheliegenden) Betroffenheitskitsches weiträumig zu meiden. Meyerhoff geht als Schauspieler immer gerne ins Extrem; notfalls um den Preis eines leichten Egoshootertums. Er kennt sich als Sohn eines Psychiaters mit seelischen Absonderlichkeiten bestens aus, wie jeder Leser seiner autobiografischen Bestseller weiß. In Bosses Inszenierung spaltet er sich in den beobachtenden Berichterstatter und den manisch-depressiven Kranken auf, wiederholt also im Spiel Melles Schreibvorgang, sich selbst zum Objekt der Beobachtung zu machen.

Meyerhoff schießt sich in seinem dreistündigen Solo durch eine sich langsam steigernde, heftige manische, von Internet-Reizen zusätzlich befeuerte Periode. Es folgt eine erste Selbsteinweisung in die geschlossene Abteilung der Berliner Charité. Wir erfahren vom Abbruch dieses Aufenthaltes: „Weil ich freiwillig dort war, konnte ich mich gegen ärztlichen Rat selbst entlassen.“

Einer noch schwerere Krankheitsphase folgt der harte Absturz: Selbstmordversuche, Schulden, Obdachlosigkeit. Vor einem weiteren Selbstmord bewahrt den Kranken nur die plötzlich auftauchende Erinnerung an den ABBA-Hit „Fernando“, den er eigentlich gar nicht mag. „Ein Triumph für Joachim Meyerhoff, der auf der Bühne nahezu Übermenschliches leistet, ist er in jedem Fall“, schrieb die „FAZ“ über die Wiener Premiere. Jetzt kommt Meyerhoff damit an die Volksbühne.

Termine siehe hier: Die Welt im Rücken an der Volksbühne Am Roxa-Luxemburg-Platz, Mitte

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