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„Nachspielzeiten“ von Lucas Vogelsang: Kaiser, Grätschen, Dschungelcamp

Lucas Vogelsang, Berliner Schriftsteller, Journalist und Podcaster, erzählt in seinem großartigen Buch „Nachspielzeiten“ unter anderem von Kaiser Franz Beckenbauer, Fußballern im Dschungelcamp – und dem Torwart Tim Wiese, der einst vier Tore im Poststadion in Moabit kassierte. Wir trafen ihn am Ort des Geschehens zu einer Platzbesichtigung.

Lucas Vogelsang im Poststadion: Immer auf Ballhöhe. Foto: Jana Vollmer

Bestseller-Reporter Lucas Vogelsang: Wenig Prunk, viel Patina

Sitzt Vogelsang jetzt also mitten auf der Tribüne, Bomberjacke über dem Hoodie, Blick frei geradeaus. Und der Rasen da unten: so sattgrün wie die Hoffnung auf die entscheidende Bude in der Nachspielzeit.

Wollte sich jemand ein Stadion für einen Text von Lucas Vogelsang – gebürtiger Spandauer, wohnender Weddinger, Bestseller-Reporter – ausdenken, käme wahrscheinlich so etwas wie  das Poststadion in Moabit heraus. Wenig Prunk, viel Patina. Fast 100 Jahre alt, die großen Momente auch lange her. Und hinter der einen Kurve ein ehemaliger Frauenknast.

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Vogelsang hat das legendäre Stadion nicht nur deshalb als Treffpunkt für das Gespräch mit dem tipBerlin vorgeschlagen. Er hat es von hier nicht weit nach Hause. Vor allem aber kommt das Poststadion in einer der Geschichten von seinem am 20. April 2024 erschienenden Buch „Nachspielzeiten“ vor.

Tim Wiese: Haargel, aber herzlich

Es ist ein Text über Tim Wiese, diesen verhaltensauffälligen Torwart, einst bei Werder Bremen. Haargel, aber herzlich. Der hatte sich da unten in den gelb lackierten Toren mal vier Dinger eingefangen, in seinem allerersten Spiel für die TSG Hoffenheim. Der Bundesligist wurde 2012  vom Viertligisten BAK Berlin aus dem Pokal gehauen. 0:4.

Tim Wiese 2012 im Poststadion: Vier Dinger gegen BAK. Foto: Imago/Contrast

„Nachspielzeiten“ von Lucas Vogelsang ist eine Liebeserklärung an Fußballtypen

„Nachspielzeiten“ ist eine Gut-300-Seiten-Liebeserklärung an Fußballtypen, wie es sie heute, das wäre zumindest eine These, kaum noch gibt. Rasenzampanos mit Fallhöhen. Kicker-Charaktere. Viele Ecken, Kanten. Suff, Kippen, geile Tore. Entziehungskuren.

„Was mich an den Charakteren reizt, sind die Abgründe“, sagt Lucas Vogelsang.

Auf dem Cover erkennt man Beckenbauer, Pelé, Otto Rehhagel. Und Vinnie „Die Axt“ Jones, der Paul „Gazza“ Gascoigne in den Schritt langt. Schraubstock. Tiefenschmerz.

Treffen sich Pelé und Beckenbauer in New York

Ende Mai wird Vogelsang genau hier, auf dieser Tribüne unterm Dach, aus seinem neuen Buch lesen. Der Himmel kann dann doch wohl kaum blauer sein als an diesem frischen März-Mittwochmorgen. Kaiserwetter. Ach je, der Franz.

Kommt ein Kaiser nach New York: Franz Beckenbauer. Foto: Imago/Sven Simon

Eine „Nachspielzeiten“-Geschichte handelt davon, wie Franz Beckenbauer und Pelé bei Cosmos New York eine Saison lang gemeinsam zauberten, und dass Henry Kissinger dabei eine wichtige Rolle spielte, dass es dieses Zusammentreffen auf dem Kunstrasen, dem „Astroturf“, überhaupt gab. Alle drei, Pelé, Kissinger, Beckenbauer, diese bittere Pointe steht aber nicht im Buch, sind kürzlich binnen eines Jahres gestorben. Zuletzt der Kaiser.

Vor drei Jahren hatte Lucas Vogelsang bereits, im vorigen Buch „Zeitlupen“, Fußballgeschichten mit einigem Legendenstatus aufgefächert, seinerzeit kürzere Texte, und strikt am Schreibtisch recherchiert. Jetzt sind es weniger Reportagen, die aber länger, ausgefeilter. Und mit mehr Reisetätigkeiten.

„Ich hatte diesmal Lust, groß zu erzählen“, sagt Vogelsang. „Ich hatte totale Lust auf dieses tiefe Eintauchen in Biografien.“

So hat er zwei Tage in Thessaloniki mit Ioannis Topalidis verbracht. Geboren in Stuttgart, war der Coach einst für die griechische Nationalmannschaft Co-Trainer von Otto „Rehhakles“, als Übersetzer, Otto-Deuter. Und machte so 2004 den unwahrscheinlichsten Europameister aller Zeiten mit möglich.

Mehmet Scholl, Christian Fährmann, Wrestler Wiese

Andere Texte erzählen von Mehmet Scholl, dem ewigen Talent, und immer was los im losen Mundwerk. Von Christian Fährmann, DJ und Urgestein von Vogelsangs Lieblingsleidensverein Hertha BSC. Oder eben von Wiese, der sich eines seiner besten Champions-League-Spiele, im rosa Trikot übrigens, Zwinkersmiley für die neuen EM-Auswärtstleibchen, in der 87. Minute in Turin mit einem peinlichen Gegentor versaute und damit Werders Ausscheiden besiegelte – und später Wrestler wurde. Vogelsang widmet ihm den schönen Satz: „Tim Wiese, sein zweiter Frühling war ein Herbst.“

Vogelsangs rasante Kurzpass-Prosa ist am  „11Freunde“-Liveticker tempogeschult, in Reportagen für Zeitungen und Bücher wie „Heimaterde“ konditioniert. Und jeder Absatz ein kleines Drama, ein No-Look-Pass, ein Konter. Dinge, die er jeden Montag oder Dienstag im horrend heiteren „Fußball MML“-Podcast trainiert, den er seit Jahren gemeinsam mit Maik Nöcker und Micky Beisenherz raushaut.

„Nachspielzeiten“ von Lucas Vogelsang: Kick-Baiting im Dschungelcamp

Und um diesen Querpass hier keinesfalls liegen zu lassen: Besagter Herr Beisenherz ist auch Autor für die TV-Känguruhodenkostprobepackung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“. Im Text „Profis unter Palmen“ lässt Vogelsang in einem Schwung so einige Ex-Fußballer, die im Dschungelcamp darben, durchrauschen. Jimmy Hartwig, Eike Immel, „Icke“ Häßler. Vogelsang hat mal mit Peer Kusmagk, Dschungelkönig von 2011, auf dem RAW-Gelände in einer Bar gesessen. Prima für den „Palmen“-Text. Noch eine Reflexionsebene extra. Kick-Baiting de luxe.

Es ist ja sicher kein Zufall, dass jetzt, wo die Heim-Europameisterschaft, Sommermärchen, das zweite, nur noch ein paar Monate entfernt ist, die Lust an Fußballgeschichte(n) auch auf dem Buchmarkt wieder groß ist. So entfaltet der Sportjournalist Ronald Reng, geboren in Frankfurt/Main, mit „1974“ das einzige Spiel der DDR gegen die BRD zum deutsch-deutschen Panorama. Und der Berliner Reporter Frank Willmann hat „Streifzüge durch den wilden Fußball-Osten“ in seinem neuen Buch sortiert, von Leipzig bis Priština.

Fußball-Romantiker Vogelsang, Klinsi und die Gang

Lucas Vogelsang, noch keine 40, ist ein Fußball-Romantiker, der selbst einst in der Berliner Kirchenliga kickte, einer Freizeitliga, und immer noch in der Autorennationalmannschaft mitspielt. Sich selbst nennt er „ein Kind der Bundesliga, ein Kind der 90er“. Seine erste mitgefieberte EM, 1996 in England: tief eingeschrieben in der Fan-DNA. London, Wembley, Endspiel. Dusel-Golden Goal von Bierhoff, zuvor für Scholl eingewechselt.

Lucas Vogelsang: Erinnerungen ans „Sommermärchen. Foto: Jana Vollmer

Und später, 2006, das erste Sommermärchen, die Heim-WM. Klinsi and the Gang. „Jeder, der halbwegs alt genug war, um im Sommer 2006 schon ein Bier zu halten und es auch legal trinken zu können, wird sagen: Das war der geilste Sommer meines Lebens“, sinniert Vogelsang sonnig. Höhepunkt und Ende der „Romantik“, wie er es nennt: 2014 in Rio. Maracana, WM-Finale, Verlängerung. Schweini mit Schmerzen, Schürrle auf Götze. Der kommt an. Mach ihn! Er macht ihn!

Best of Blutgrätschen

Pelé und Beckenbauer, Vinnie Jones und Paul Gascoigne: Für Lucas Vogelsang sind es auch Geschichten über Männer, „die über den Fußball zueinander gefunden haben“, wie er sagt: „Bei dem einen war es der Griff in die Eier, bei den anderen die gemeinsame Zeit in New York.“

Früher Treter der Herzen, später Hollywood-Star mit Herz: Vinnie Jones in „Hijacked“, 2012. Foto: Imago/Mary Evans AF Archive Anchor Bay Entertainment

Als Jones, heute Hollywood-Star, und „Gazza“, von vielen Abstürzen gezeichnet, gemeinsam auf einer Bühne in einer kleinen Stadt an der Mersey auftreten, sitzt Vogelsang im Publikum, schreibt mit, und sich die Finger wund.

Ein Bild hat er von dem Abend besonders im Kopf. Wie zu Beginn ein Video gezeigt wird, fünf Minuten Best of Blutgrätschen von Vinnie Jones. Und der danach grinst: „Wie ihr seht, habe ich ein paar der Wichser verfehlt.“

Jeden Spielerberater würde ein solcher Satz grausen.

  • Lucas Vogelsang: „Nachspielzeiten“ Tropen, 304 S., 22 €, erscheint am 20. April
  • Lesungen in Berlin Mein Haus am See, Brunnenstr. 197–198, Mitte, Do 25.4., 19.30 Uhr (ausverkauft); Poststadion (Tribüne), Lehrter Str. 59, Moabit, So 26.5., 12.30 Uhr

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