Kunst

Aktuelle Ausstellungen in Berlin: Neue Kunst-Tipps und letzte Chancen

Die wichtigsten Ausstellungen in Berlin: Die Kunstwelt ist immer in Bewegung. Was es Neues gibt, was sich weiter lohnt und wo ihr noch unbedingt hin müsst, bevor es zu spät ist, lest ihr hier. Claudia Wahjudi und Ina Hildebrandt geben Tipps für neue Kunst, die besten aktuellen Ausstellungen – und für letzte Chancen, bevor es zu spät ist.


Neue Ausstellungen

Welche Ausstellungen sind gerade neu? Hier lest ihr, was in der Kunstwelt neu eröffnet wurde und was wir kürzlich besucht haben.


Neu: „Poetics of Encryption“ im KW Center for Contemporary Art

Trevor Paglen: „Because Physcial Wounds Heal…“, 2023. Courtesy des Künstlers, Altman Siegel, San Francisco und Pace Gallery © der Künstler

Nicht einmal auf einem Feld irgendwo in der Pampa sind wir technikfrei – irgendwo kreist immer ein Satellit über unseren Köpfen, sagt Kurator Nadim Samman – und Recht hat er. Was der da so macht, der Satellit, was es so alles sammelt, das hilfreiche KI-Gadget zuhause, wer weiß das schon so genau? Sicher ist, dass wir Normalverbraucher:innen wohl am allerwenigsten Kontrolle darüber haben, aber was bedeutet das für unser Leben, bedeutet es überhaupt etwas? Über solche Fragen und noch viele mehr zum Verhältnis von Mensch und der omnipräsenten, manchmal gerade zu omnipotent scheinenden Technik können Besucher:innen in der Ausstellung „Poetics of Encryptions“ nachdenken.

Bitte viel Zeit mitbringen, denn die Schau erstreckt sich über das gesamt Haus und verlangt Lust auf Auseinandersetzung. Auch wenn große Bildschirme bei Ausstellungen zu diesem Thema mittlerweile oftmals eher zum Vorbeigehen als Stehenbleiben einladen, halten hier immer wieder gute Video-Installationen die Aufmerksamkeit. Etwa Jon Rafman, der an der Schnittstelle von realen Erzählungen und KI-Bildwelt arbeitet, und der sich schnell alternden technologischen Ästhetik mit inhaltlicher Tiefe etwas Dauerhaftes verleiht. Eine inhaltlich und medial vielfältige Schau, die überwältigend sein kann, was wiederum dazu einlädt einen rebellischen Akt im Technozän zu vollziehen: Zeit nehmen, langsam machen. Mit dem scheidenden KW-Direktor Krist Gruijthuijsen haben wir außerdem ein Interview geführt – hier entlang.

  • KW Center for Contemporary Art Auguststr. 69, Mitte, Mi–Mo 11–19, Do bis 21 Uhr, 10/ 6 €, bis 26.5.

Neu: Agnes Scherer, Theresa Weber, Rosemary Mayer bei ChertLüdde

Agnes Scherer, "Savoir Vivre", 2023; Installation views of „Savoir Vivre“, ChertLüdde, Berlin. Foto: Marjorie Brunet Plaza/Courtesy of ChertLüdde, Berlin and Agnes Scherer, Salzburg

Drei Künstlerinnen aus drei Generationen, die drei künstlerische Welten in der Galerie ChertLüdde aufziehen: Agnes Scherer (*1985) aus Salzburg, Rosemary Mayer (1943-2014) aus New York, Therese Weber (*1996) aus Düsseldorf. Scherer inszeniert historisch-eklektizistische Szenerien mit Ritter-Duell, staunenden Zuschauenden, Möbeln, Tapisserien – alles aus Papier. Mit historischen und kulturellen Symbolen arbeitet auch Therese Weber in ihrer verspielten, materiallastigen Installation, bedient sich jedoch aus dem afrikanischen Kulturraum und bildet somit einen interessanten Gegenpol zu Scherers westeuropäischen Bildwelten. Fein und zart dagegen die kolorierten Blumenzeichnungen und Fotografien von Rosemary Mayer, die sich zwar ebenfalls kunsthistorisch und kulturell katalogisieren lassen – aber sich zugleich über Einordnungen hinweg in Schönheit zu erheben scheinen.

  • ChertLüdde Hauptstr. 8, Schöneberg, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 28.3.

Neu: „School of Casablanca“ in der Ifa Galerie

Gruppenfoto vor der Dienstwohnung des Anti-Psychotherapeuten Dr. Ziou Ziou Abdellah in Berrechid, Juni 1981. Foto: : Archives Dr Ziou Ziou

Die Ausstellung „School of Casablanca“ macht anschaulich, welchen Schub die Moderne in Marokko mit der Unabhängigkeit des Landes erfahren hat. Dabei ging es durchaus auch darum, Einflüsse des Bauhaus und seiner aus Deutschland emigrierten Mitglieder mit regionalen Fertigkeiten mitunter buchstäblich zu verknüpfen, wie die ausgestellten Textilarbeiten belegen. Architektur, Malerei, Zeichnung, Druckkunst – interdisziplinär war die School of Casablanca sowieso, und ebenso wie das Bauhaus wenig frauenförderlich. Wer sich von der Fülle der Eindrücke, die das transnationale Rechercheteam zusammengetragen hat, überwältig wähnt, greife zu dem Beitrag von Nassim Azarzar, einem gefalteten Plakat mit der Chronologie der Ereignisse in Casablanca. 

  • ifa-Galerie Berlin Linienstr. 139/140, Mitte, Di–So 14–18, Do 14–20 Uhr, bis 12.5.

Neu: Neuköllner Kunstpreis in der Galerie im Saalbau

Macht es euch gemütlich und hört zu, was Menschen der Künstlerin Johanna Bummack über Carearbeit erzählt haben (2.Platz). Foto: Benjamin Renter

Neukölln mag nicht der schönste Bezirk Berlins sein, aber sicherlich der kreativste. Davon zeugen nicht nur die drei kommunalen Galerien, mehr als in jedem anderen Bezirk, es ploppen auch ständig neue Bars, Restaurants und Läden aus dem Boden - und hier wimmelt es vor lauter Künstler:innen aus der ganzen Welt. Wieviele es sind, weiß niemand so genau, aber was sie so machen, davon vermittelt die aktuelle Ausstellung zum Neuköllner Kunstpreis einen Eindruck. Jährlich wird der mit insgesamt 6000 Euro dotierte Preis and Kunstschaffende aus dem Bezirk verliehen. Den ersten Preis hat diesmal die Fotografin Ceren Saner abgeräumt, mit ihrer an Nan Goldin erinnernden Fotoserie über queere Communities aus ihrem persönlichen Umkreis. Die Werke sind weder inhaltlich noch formal überraschend, die Vielfalt und Zugänglichkeit der Arbeiten macht die Schau dennoch sehenswert.

  • Galerie im Saalbau Karl-Marx-Str.141, Neukölln, tägl. 10–20 Uhr, bis 12.05.

Letzte Chance: Diese Ausstellungen enden bald

Diese aktuellen Ausstellungen in Berlin sind nicht mehr lange zu sehen. Nutzt die Chance, sie an den letzten Tagen zu besuchen.

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„Hans Uhlmann“, „Closer to Nature“ und „Kotti-Shop/ SuperFuture“
in der Berlinischen Galerie

Foto: Wolfgang Günzel
Aus Pilzen gebaut und duftet nach Wald: "MY-CO-X, MY-CO Space", 2021 © tinyBE, 2021,
Foto: Wolfgang Günzel

Dieser Zusammenklang ist gelungen: Im Museum Berlinische Galerie eröffnen am 15. Februar drei Ausstellungen, die auf den ersten Blick von sehr verschiedenen Themen handeln. Die Retrospektive „Hans Uhlmann“ ruft einen West-Berliner Nachkriegskünstler ins Gedächtnis, der in Fachkreisen in Vergessenheit geriet, obwohl er in Berlin mit seinen filigranen, von Freiheit kündenden Plastiken sehr präsent ist, etwa vor der Deutschen Oper und auf dem Hansaplatz. Die Schau stellt das ehemalige KPD-Mitglied, das unter den Nationalsozialisten inhaftiert wurde, als Bildhauer, Zeichner und Ausstellungsmacher vor. „Closer to Nature“ führt in Bauprojekte aus ökologischen Materialen wie Pilzen ein (Abb.) ein, die zum Teil bereits Wirklichkeit sind – wie die Versöhnungskapelle an der Bernauer Straße, die aus gestapftem Lehm gefertigt wurde. Und der Kreuzberger Projektraum Kotti-Shop präsentiert in einem beeindruckend gestalteten Raum, wie sein Team mit Anwohner:innen des Kottbusser Tors Ideen für eine bessere Nachbarschaft entwickelt. Zusammen ergeben die drei Ausstellungen einen großen Parcours mit Antworten auf die Frage: Wie wollen wir eigentlich leben?

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. + Geflüchtete frei, berlinischegalerie.de, 16.2.–14.10.

Letzte Chance: „Looking through!“ 15 Jahre Diffring-Preis für Skulptur

e Berlin 2023, Foto: Kommunalen Galerie Berlin und Achmed Ramadan
Ansicht der Ausstellung „Looking through! 15 Jahre Diffring-Preis für Skulptur“, Kommunale Galerie Berlin 2023, Foto: Kommunale Galerie Berlin und Achmed Ramadan

Auch mit Olivenzweigen, Birkenstücken und ganzen Baumstämmen lässt sich Kunst machen. Erstmals zeigt die Wilmersdorfer Kommunale Galerie Berlin Arbeiten der zehn Gewinner:innen des Driffing-Preises aus Koblenz, der nach der Bildhauerin Jacqueline Diffring (1920-2020) benannten ist und seit 15 Jahren vergeben. Die diesjährigen Ausgezeichneten haben sich unter anderem für die Verletzlichkeit von Umwelt und Natur interessiert.

  • Kommunale Galerie Berlin Hohenzollerndamm 176, Wilmersdorf, Di– Fr 10–17, Mi 10–19, Sa/ So 11–17 Uhr, bis 25.2.

Letzte Chance: „Lay down with me“ von Madeleine Roger-Lacan in der Galerie Eigen + Art

Foto: Claire Dorn
Madeleine Roger-Lacan, Pink bedroom, 2023, Öl, Acryl, Cut out auf Leinwand, 150 x 200 cm, courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, Foto: Claire Dorn

Sie war Studentin bei dem Maler Tim Eitel, einem der Stammkünstler:innen im Programm der Galerie Eigen + Art, und hier bereits in Gruppenausstellungen vertreten. Jetzt zeigt Madeleine Roger-Lacan aus Paris eine Einzelschau: Bilder zu weiblichem Begehren und erotischen Fantasien junger Frauen. Pink und Rot können auf den ersten Blick täuschen: Die Gemälde haben die Naivität eines Mädchenzimmers hinter sich gelassen. Und übrigens auch den Einfluss der Neuen Leipziger Schule.

  • Galerie Eigen + Art Auguststr. 26, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr, 12.1.–24.2., eigen-art.com

Letzte Chance: „the man who disappeared (amerika)“ in der Galerie Neugerriemschneider

© Antje Majewski / VG Bild-Kunst, Bonn
Antje Majewksi: "Unreliable Images (1849: a painting of a young girl from a fine Mormon family, background shows historic Salt Lake City in 1849; painter is a German migrant)" 2023© Antje Majewski / VG Bild-Kunst, Bonn 2023. Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlinoil and colored rabbit glue on linen110 x 110 cm

Die Berliner Künstlerin Antje Majewski erkundet eine Migrationsgeschichte - die ihres Urururgroßonkels. Er wanderte 1848 von Leipzig nach Amerika aus. In Gemälden, Objekten, einem Film und Faksimiles seiner Briefe aus den Jahren 1848 bis 1851 gleicht sie Schilderungen der Massenauswanderung aus Deutschland in die USA mit der Wirklichkeit vor Ort ab - und mit den Darstellungen weißer Siedlergeschichte im Internet. Der Clou der Ausstellung, die am 26. Januar eröffnet hat, sind ihre Gemälde: Antje Majewski schuf sie nach Vorlagen, die ihr eine künstliche Intelligenz vorschlug.

  • Galerie Neugerriemschneider Linienstr. 155, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 24.2.

Letzte Chance: Sarah Entwistle bei Barbara Thumm

Sarah Entwistle: I cannot throw much light on what happens after death….(I am a few minutes away), 2023. Photo: Jens Ziehe, courtesy of Galerie Barbara Thumm

Betritt man den großen Ausstellungsraum, wähnt man sich in den Überresten eine Apokalypse oder in einer verlassenen schamanischen Stätte. Mit zerdrückte Metallrohren, zweigartigen Bronzeskulpturen, Keramik-Gebilden, Stahlplatten und bedruckten Stoffen hat die britische Künstlerin und Berlinerin Sarah Entwistle einen rätselhaften Raum geschaffen, der zugleich von der unbedingten Präsenz der Materialien bestimmt ist. Im kleineren Ausstellungsraum nebenan hängen die surrealistischen, “kindlich” anmutenden Gemälde der deutsch-afghanischen Künstler-Kollaboration Zipp/Kabul.

  • Galerie Barbara Thumm Markgrafenstr. 68, Kreuzberg, Mi–Sa 12–18 Uhr, bis 24.2.

Letzte Chance: Nile Koetting: „Polyharmony

Foto: Juan Saez
Nile Koetting: “Polyharmony” Downtime Salon 23–24, 2023, Foto: Juan Saez

Wellnesslounge oder Transitraum? Der Berlin-Tokioter Künstler Nile Koetting hat die Galerie Wedding in eine Sitzlandschaft namens „Polyharmony – Downtime Salon 23-24“ verwandelt, in der Farben, Klänge und ein Stück Ikebana-Kunst für Wohlbehagen sorgen, doch die Überwachung ist immer dabei, in Form von Kameras und KI. Ziemlich real, daher schön gruselig. An den Sonnabenden des Januars, jeweils 15 Uhr, wechseln sich hier die Geigerin Mari Sawada und der Saxofonist Antoine Mermet mit klanglichen Interventionen ab.

  • Galerie Wedding Müllerstr. 146/ 147, Di–Sa 12–19 Uhr, bis 25.2.

Letzte Chance: Maison Rhizomes bei Studio BvdL

Künstlerteppiche von Maison Rhizomes. Foto: Amélie Maison d'Art

Ist das Kunst oder darf man drauf treten? Die Teppiche von Maison Rhizome machen sich nämlich an den Wänden so schön wie auf dem Boden. Wände mit Teppichen und Stoffen nicht nur zur Wärmeisolation, sondern aus ästhetischen Gründen zu bekleiden war durch alle Zeiten und Regionen angesagt, ob bei den alten Ägyptern, den Persern oder an europäischen Königshöfen. 2022 haben sich die Unternehmerin Hannah-Sophie Vagedes und die Malerin Charlotte Culot zusammengetan, um in Berlin mit Maison Rhizomes zeitgenössische Künstlerteppiche wieder on the map zu bringen. Sie lassen die Teppiche in limitierter Zahl in nepalesischen Handwerksbetrieben produzieren und kooperieren mit weiteren Künstler:innen, wie bei der neuen Kollektion „Blue Breath“ des französischen Malers Ludovic Phillippon. Sie ist erstmals in Berlin im multidisziplinären Studio BvdL zu sehen.

  • Studio BvdL Veteranenstr. 15, Mitte, Fr/Sa 14–18 Uhr, Eröffnung: 25.1. 17–21 Uhr, bis 24.2.

Aktuelle Ausstellungen: Diese Schauen laufen gerade

Hier kommt der große Überblick über alles, was wir derzeit in der Berliner Kunstwelt empfehlen: die Ausstellungen, die noch eine Weile laufen und sich lohnen.

„Von Odessa nach Berlin“ in der Gemäldegalerie

© Odessa Museum für westliche und östliche Kunst / Foto: Christoph Schmidt
Cornelis de Heem: „Prunkstillleben“, 2. Hälfte 17. Jh., © Odessa Museum für westliche und östliche Kunst / Foto: Christoph Schmidt

Mit Prominenz hat diese kleine Ausstellung am 11. Februar eröffnet: in Anwesenheit von Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Igor Poronyk, dem Direktor des Odessa Museums für westliche und östliche Kunst in der Ukraine. Kriegsbedingt musste sein Team die Kulturschätze des Museums evakuieren. 74 Gemälde hat es nach Berlin geschickt, wo sie restauriert, neu gerahmt und gezeigt werden. Eine Vorauswahl von zwölf Gemälden gibt jetzt eine Idee davon, was das Berliner Publikum Anfang 2025 in einer großen Sonderschau erwarten wird: Landschaften, Madonnen, biblischen Szenen, Porträts und Stillleben, kurz, europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts. Die Stücke korrespondieren mit den Beständen von Gemäldegalerie und Alter Nationalgalerie und bieten sich somit für Forschung und Vergleich an.

  • Gemäldegalerie Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–So 10–18 Uhr, 12/ 6 €, bis 18 J. + TL frei, smb.museum, bis 28.4.

„Pest und Protest“ von Zorawar Sidhu und Rob Swainston in der Gemäldegalerie

© Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz, © Courtesy of the Artists and Petzel Gallery, New York
Zorawar Sidhu, Rob Swainston, „May 28“, aus der Serie „Doomscrolling“, 2021, Farbholzschnitt,
© Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz, Courtesy of the Artists and Petzel Gallery, New York

Bleiben wir noch kurz in der Gemäldegalerie, in einer Gastpräsentation des benachbarten Kupferstichkabinetts. Im Grafikkabinett hängen zwei neue, große Farbholzschnitte aus New York. Zorawar Sidhu und Rob Swainston thematisieren darin das Gedenken an die Toten der Covid-Pandemie und die Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung. Diesen plakativen und dennoch hintergründigen Drucken stehen historische Grafikarbeiten zu Seuchen und Rebellionen zur Seite. Eine aufschlussreiche Nachbarschaft, denn Druckkunst muss heute weder informieren wie zur Zeit der Pest noch für Sympathie werben wie zur Zeit von Käthe Kollwitz. Das erledigen heute andere Medien, wie Sidhus und Swainstons Drucke deutlich spiegeln.

  • Gemäldegalerie Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–So 10–18 Uhr, 12/6 €, bis 18 J. + TL frei, smb.museum, bis 7.4.

Heide Pawelzik & Mara Loytved-Hardegg beim Verein der Berliner Künstlerinnen 1867

Foto: Boris Sieverts, VG Bild-Kunst, Bonn 2023
Heide Pawelzik: "Stadtwabe", gerollte Fotografien 2007, Bodeninstallation, 4m x 3m x 30 cm,
Foto: Boris Sieverts, VG Bild-Kunst, Bonn 2023

Berlin bleibt eine verwundete Stadt, allen Aufbau- und Restaurierungswellen zum Trotz. Heide Pawelzik (1942–2021) und Mara Loytved-Hardegg (geboren 1942) verbrachten viele Jahre hier. Das hat den Blick der Künstlerinnen, die eine lange Freundschaft verband, geschärft für Risse und Fissuren in Stein, Asphalt und Leben. Der Verein der Berliner Künstlerinnen 1867, dessen Mitglied Loytved-Hardegg ist und Pawelzik war, bringt mit wenigen Exponaten der beiden Künstlerinnen eines auf den Punkt: Wie die Bereitschaft, sich mit Brüchen auseinanderzusetzen, statt auf heile Welt zu hoffen, Sensibilität und Empathie stärkt. Zwei großen Fotoarbeiten Pawelziks (Abb.) hängen Beiträge von Loytved-Hardegg gegenüber: Gemälde, Frottagen, Abdrücke und ein zusammengenähtes Stück groben Stoffs, das an die Fläche Berlin denken lässt.

  • Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 Eisenacher Str. 118, Schöneberg, Do–Sa 16–19 Uhr, vdbk1867.de, bis 31.3., Gespräch: Sa, 2.3., 16 Uhr

„Ready Mix“ von Lucy Raven in der Neuen Nationalgalerie

© Courtesy die Künstlerin und Lisson Gallery / Dia Art Foundation / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Andrea Rossetti
Lucy Raven, "Ready Mix", Ausstellungsansicht Neue Nationalgalerie, © Courtesy die Künstlerin und Lisson Gallery / Dia Art Foundation / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Andrea Rossetti

Perfekt passt Lucy Ravens Filminstallation in das Obergeschoss der Neuen Nationalgalerie: Die schwarzgrauweißen Filmbilder nehmen es wie spielend mit Mies van der Rohes Stahl- und Glasarchitektur auf – und mit der benachbarten Baustelle des Museums der Moderne vor den Fenstern gleich mit. Raven filmte in einem Kies- und Betonwerk irgendwo im Westen der USA: zermahlenen Boden, gemischte Erde, gegossenen Beton, Getöse und Gebrumm. Lang hält die 45-minütige Arbeit die Spannung zwischen Faszination und Grauen, bis sie sich an sich selbst zu berauschen scheint. Das sind die Momente, in denen im Publikum Kinder zu quengeln beginnen, Erwachsene auf ihre Telefone blicken. Und dann leeren sich die Bänke.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di–Mi 10–18, Do 10–20 Uhr, Fr–So 10–18 Uhr, diese Ausstellung: Eintritt 16/ 8 €, bis 18 J. frei, smb.museum, bis 21.4.

„manchmal halte ich mich an der luft fest“ in der Galerie im Körnerpark

© Nihad Nino Pušija
Blick in die Ausstellung „manchmal halte ich mich an der luft fest“, Galerie im Körnerpark, Berlin 2024
© Nihad Nino Pušija

„Exil ist harte Arbeit“, schrieb einmal die aus Istanbul nach Paris emigrierte Künstlerin Nil Yalter. Eine Ausstellung neun belarusischer Künstler:innen im Berliner Exil bestätigt in der Galerie im Körnerpark Yalters Verdikt. Erzwungener Abschied und der Zwang, sich an einem neuen Ort zurechtzufinden, erfordern nicht nur Zeit, Geschick und Können., sondern fordern die Gefühle. Das belegen die Installationen, Zeichnungen, Masken, Gedichte, Stickereien und Filme eindrücklich - bei allem Spott und Humor, den sie auch enthalten.  An “часам я трымаюся за паветра“ nehmen teil: Alexander Adamov, Rozalina Busel, Anastazja Palczukiewicz, Vasilisa Palianina, Lesia Pcholka, Nadya Sayapina, Antanina Slabodchykava, Varvara Sudnik und Aliaxey Talstou.

  • Galerie im Körnerpark Schierker Str. 8, Neukölln, Mo–So 10–20 Uhr, online, bis 29.5.

Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot Stiftung im Haus am Kleistpark

© Jana Bauch
Jana Bauch, "Ronnie", 2021, aus "Y-Topia", 2021–2023, Inkjet-Print, Maße variabel. © Jana Bauch

Wenn noch Konsens sein sollte, dass Dokumentarfotografie den Versuch darstellt, Menschen, Situationen oder Gegenstände erzählerisch festzuhalten, auch für die nächste Generation, dann mogelt der Titel der neuen Fotoschau im Haus am Kleistpark. Hier geht es eher darum, ein fotografisches Spektrum anzudeuten, das  Dokumentation als Basis nimmt. Viele der von der Wüstenrot Stiftung ausgezeichneten Preisträger:innen der Jahre 2020 und 2022 starten bei einer realen Situation, um sie zu fotografisch zu interpretieren und zu analysieren, zu re-inszenieren, verschlüsseln und gar zu verschleiern oder sie mit Text zu ergänzen, ja überformen. Eine große Ausnahme macht die Klimaaktivistin Jana Bauch (Abb.), teilnehmende Beobachterin und beobachtende Teilnehmerin der Proteste gegen den Tagebau von Lützerath. Hier ist man ganz vor Ort, auch bei den Gefühlen, die die Protestierenden überwältigen.

  • Haus am Kleistpark Grunewaldstr. 6–7, Schöneberg, Di–So 11–18 Uhr, online, bis 10.3

UNRUHE“ von Stephanie Herbrich in der Galerie Art Cru

Foto: Galerie Art Cru
Stephanie Herbrich, "Verunsicherung", 2022, Fasermaler Foto: Galerie Art Cru

Die Galerie Art Cru, die vom gemeinnützigen Verein PS-Art getragen wird, konzentriert sich auf Kunst sogenannter Outsider:innen, von Autodidakt:innen und Menschen mit Beeinträchtigungen. Aktuell zeigt sie Collagen, Zeichnungen und Gemälde von Stephanie Herbrich. Das Thema der Autodidaktin sind soziale Erwartungen an Frauen. Herbrich karikiert sie überzeugend in detailreichen, aber klaren Bildern –mal schwarz-weiß mit Fasermaler, mal farbig. Ihre Frauenbilder wirken so komisch wie beklemmend: Sie zeigen Idealgesichter, denen sich nicht trauen lässt, Körper, in die sich die Umwelt gräbt, und Masken, die fallen.

  • Galerie ART CRU Berlin im Kunsthof Oranienburger Str. 27, Mitte, Di + Do 12–18 Uhr, Mi + Fr 14–18 Uhr, art-cru.de, bis 28.3.

Karim Aïnouz in der DAAD Galerie

Ausschnitt aus dem Film „Madame Satã“ von Karim Aïnouz. ©Walter Carvalho

Als würde man in den Tagebüchern und Fotoalben eines Fremden blättern, übriggebliebene Dinge einer verlassenen Wohnung betrachten und sich aus all den Informationen ein Leben konstruieren: Wer die DAAD Galerie in Kreuzberg betritt, betritt die Bilder- und Lebenswelt des Künstlers Karim Aïnouz. Bekannt ist er vor allem als Filmemacher und hatte mit „Madame Satã“ 2002 seinen Durchbruch – mittlerweile ein Klassiker der queeren Filmgeschichte. Die Ausstellung „BLAST!“ bringt das Schaffen des brasilianisch-algerischen Berliners mit seiner weniger bekannten fotografischen und installativen Arbeiten zusammen. Zehn Stationen geben intime Einblicke in das über Jahrzehnte gewachsene Bildarchiv in Form von Fotoprojektionen, dazu offene Notizbücher, persönliche Gegenstände. In zwei weiteren Räumen sind eine Dia- und eine Film-Installation zu sehen. Eine intime, dichte und reichhaltige Schau. Begleitend zeigt das Kino fsk in unmittelbarer Nachbarschaft der DAAD Galerie an vier aufeinanderfolgenden Sonntagen im Februar eine Auswahl von Karim Aïnouz’ Spiel- und Essayfilmen.

  • DAAD Galerie Oranienstr.161, Kreuzberg, Di–So 12–19 Uhr, bis 10.3.

Slavs and Tatars bei Kraupa-Tuskany-Zeidler

Slavs and Tatars „PrayWay“, 2012. Courtesy the artist, Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin Ph: Marjorie Brunet Plaza

Die Beats und der Bass dröhnen in den Ausstellungsraum, hinter dem Vorhang eine riesige Leinwand, und Besucher:innen sind angehalten, Platz zu nehmen, um einem Rap-Battle zwischen Pfirsichen, Melonen und weiteren Früchten beizuwohnen. „The contest of the fruits" ist der erste animierte Film von Slavs and Tatars, einem renommierten Künstler:innen-Kollektiv, das sich mit dem kulturellen und geografischen Raum von der ehemaligen Berliner bis zu chinesischen Mauer beschäftigt. Die Videoarbeit greift ein satirisches Uiguren-Gedicht aus dem 19. Jahrhundert auf und untersucht in S&Ts typischer humorvoll-intellektueller Manier Themen wie Sprache, Politik, Religion, Humor, Widerstandsfähigkeit und Widerstand. Wer des Uigurischen nicht mächtig ist, kommt dank deutschen und englischen Untertiteln mit. Zudem sind in der Ausstellung präsentiert außerdem Schlüsselwerke des in Berlin ansässigen Kollektivs wie etwa die an ein aufgeschlagenes Buch verweisende Teppich-Installation „PrayWay“ (2012) (s.Abb.).

  • Kraupa-Tuskany Zeidler Kohlfurter Str. 41/43, Kreuzberg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 6.4.

Ausstellungen der Transmediale in Kunstraum Kreuzberg und Silent Green

Foto: Marc Domage CC BY-NC-SA
Ndayé Kouagou: “The Guru”, 2023, Installation View, Courtesy of the artist und Fondation Louis Vuitton, Foto: Marc Domage CC BY-NC-SA

Wie Menschen sich in digitalen Kanälen präsentieren und was das mit Nutzenden und Gesellschaften macht, ist das Thema des diesjährigen Medienkunstfestivals Transmediale. Zwei der drei begleitenden Ausstellungen nehmen dieses Motto auf komische Weise ernst, allen voran “Uncensored Lilac“ im Silent Green. Die aufwändige Installation von Bassam Issa Al-Sabah und Jennifer Mehigan bringt selbstverliebte Göttinnen an ihre Grenzen: Hot and sexy fühlen sich die Wesen, die an Durchschnitts-Influencerinnen denken lassen. Aber welchen Wert soll „hot and sexy“ haben in der Klimakrise?

Die Hauptschau im Kunstraum Kreuzberg dagegen ist etwas zu viel des Guten geworden: Hier herrscht digital overflow. Angenehme Ausnahmen bilden Alice Brygos filmischer Essay über kollektives Verhalten angesichts einer Katastrophe sowie die Analysen von Geschlechter-Stereotypen in den Beiträgen von Maria Guta und Lauren Huret: Sie geben dem digitalen Wahnsinn eine Form.

  • Silent Green “Uncensored Lilac”: 26.1.–14.4.: Fr–Sa 14–20, So 12–18 Uhr, Gerichtstr. 35, Wedding
  • Kunstraum Kreuzberg/ Bethanien Hauptausstellung, Mariannenplatz 2, Kreuzberg, So–Mi 10–20, Do–Sa 10–22 Uhr, Eintritt frei, Website, bis 14.4.

Valie Export und Laia Abril bei C/O Berlin

© VALIE EXPORT, VG Bild-Kunst, Bonn 2023; Foto: Hermann Hendrich
VALIE EXPORT: „Verletzungen I“, 1972, Albertina, Wien – The ESSL Collection © VALIE EXPORT, VG Bild-Kunst, Bonn 2023; Foto: Hermann Hendrich

Am Abend der Eröffnung, kurz vor 22 Uhr am 26. Januar, wartete vor dem Charlottenburger Fotohaus C/O Berlin noch immer eine Schlange auf Einlass. Fotografien und Filme einer Klassikerin waren angekündigt: von Valie Export, der feministischen Performance-Pionierin aus Wien, eine Übernahme aus der großen Albertina dort. Aus fotografischer, historischer und kunsthistorischer Perspektive ist die Untersuchung ihres Werkes tatsächlich höchst aufschlussreich, doch wirkt die Berliner Auswahl sehr gedrängt. Luftiger präsentiert sind die Fotografien von Laia Abril im Obergeschoss. Die spanische Fotografin kombiniert unter dem Titel „On Rape“ Aufnahmen von Frauenkleidung mit Aussagen von Vergewaltigungsopfern und betreuendem Personal. Bei dem Anblick dieser Arbeiten wurde das aufgeregte Eröffnungspublikum ganz leise.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, Mo–So 11–20 Uhr, 12/6 €, bis 18 J. frei, online, bis 23.5.

Gundula Schulze Eldowy und Robert Frank in der Akademie der Künste

Gundula Schulze Eldowy: „ohne Titel“, New York, 1990, aus der Serie In einem Wind aus Sternenstaub, © Gundula Schulze Eldowy
Gundula Schulze Eldowy: ohne Titel, New York, 1990, aus der Serie "In einem Wind aus Sternenstaub" © Gundula Schulze Eldowy

Vielleicht ist in der Akademie der Künste ein bisschen viel Aufwand getrieben worden, um von einer Künstler:innen-Freundschaft zu berichten, die vor Mauerfall begann: zwischen der jungen Ost-Berliner Fotografin Gundula Schulze, wie sie damals noch hieß, und dem bekannten US-amerikanischen Robert Frank. Mit Briefen, Filmen und vor allem vielen Fotografien zeichnet die am 24. Januar eröffnete Ausstellung Schulze Eldowys künstlerischen Werdegang nach und spiegelt ihn im Werk Robert Franks. Was dabei auffällt: Im großen New York und auf ihren weiteren Lebensstationen erreichte die Fotografie Schulze Eldowys kaum je wieder die Intensität wie die ihrer Schwarz-Weiß-Fotos vor 1989. Deren berühmteste Serie, „Berlin in einer Hundenacht“, wiederum hängt im Charlottenburger Bröhan-Museum.

  • Akademie der Künste Pariser Platz 4, Mitte, Di–Fr 14–19, Sa + So 11–19 Uhr, 9/6 €, bis 18 J., Di + 1. So/ Monat frei, online, bis 1.4.
  • Bröhan-Museum Schloßstr. 1a, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, 8/ 5 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, online, bis 14.4.

"Zwischen Licht und Materie – vom Erscheinen und Verschwinden“ in der Galerie Nord

© VG Bild-Kunst Bonn, 2024, Foto: Lukas Heibges
Ute Lindner: "Belichtungszeiten #11/2", 1996/2024, © VG Bild-Kunst Bonn, 2024, Foto: Lukas Heibges

Der Kunstverein Tiergarten betreut die große kommunale Galerie Nord im Haus der Moabiter Volkshochschule. In diesem Jahr wird er 20 Jahre alt und feiert das mit einer Reihe von Ausstellungen. Die erste handelt von Zeit und Vergänglichkeit und heißt etwas umständlich „Zwischen Licht und Materie – vom Erscheinen und Verschwinden“. Sechs gestandene Berliner Künstler:innen stellen seit 26. Januar dazu aus, unter ihnen Petra Karadimas und Ute Lindner (Abb.). Eine Überraschung ist eine alte Arbeit des Bildhauers Albert Weis: Sie besteht aus Paraffin und hat durch jahrelanges Lagern nur gewonnen.


„Kunst im Fenster“ der Gelben Musik

Foto: Katrin Seemann
Leuchtreklame für Kunst im Fenster, Schaperstraße, Berlin-Wilmersdorf, Foto: Katrin Seemann

Das war eine tolle Nachricht: René Block, der 1942 geborene legendäre Kurator, Verleger und Galerist, präsentiert eine neue Kunst-Edition im Schaufenster der Gelben Musik, der ehemaligen Schallplattengalerie der Musikexpertin Ursula Block. Das ist ein kleiner Laden im Erdgeschoss eines Wilmersdorfer Wohnhauses. in unmittelbarer Nachbarschaft der Universität der Künste an der Bundesallee. Auf wenig Fläche liegt im Fenster aus, was in der neuen Edition steckt: kleine Arbeiten auf Papier unter anderem von Joseph Beuys und Ayşe Erkmen und neue Blätter etwa von Alicja Kwade und Sunah Choi. Möchte man sofort anfassen, aber da ist ja zum Glück das Schaufensterglas davor.

  • KIF – Kunst Im Fenster Schaperstr. 11, Wilmersdorf, www.editionblock.de, täglich bis in den Abend

UNICEF "Foto des Jahres" 2023 beim Freundeskreis Willy-Brandt-Haus

Foto: Oliver Weiken, Deutschland, (dpa)
Afghanistan: In the holes of Chinarak, Second Priz, Foto: Oliver Weiken, Deutschland, (dpa)

Aktuelle Dokumentarfotografie kämpft gegen die digitale Flüchtigkeit von Bildern, und Fotografie zum Alltag von Kindern kämpft zusätzlich gegen den im Internet allgegenwärtigen Niedlichkeitsfaktor. In der Ausstellung zum „Unicef Foto des Jahres“ 2023 beim Freundeskreis Willy-Brandt-Haus lässt sich darüber trefflich diskutieren. Hier hängen Serien der acht Profi-Fotograf:innen, die die mit Ehre dotierten Auszeichnungen und Erwähnungen des geschlossenen Wettbewerbs gewonnen haben. Der Erstplatzierte, Patryk Jaracz aus Polen, hat Folgen des Kriegs auf Kindern in der Ukraine durchaus treffend eingefangen, zitiert jedoch etwas zu oft den traditionellen Bildaufbau den Genres „Madonna mit Kind“. Oliver Weiken von dpa dagegen betritt buchstäblich Neuland für westliche Fotograf:innen: An einem verhangenen Novembertag in abgelegenen Bergen von Afghanistan, ein Jahr nach der Übernahme der Macht durch die Taliban, fotografierte er Jungen bei der schweren körperlichen Arbeit in privaten Kohleminen (Abb.).

  • Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V. Stresemannstr. 28, Kreuzberg, Di–So 12–18 Uhr, Eintritt frei, Ausweis erforderl., online, bis 17.3.

„Berlin in einer Hundenacht. Gundula Schulze Eldowy“ im Bröhan-Museum

Gundula Schulze Eldowy: Berlin, 1987, aus der Serie Berlin in einer Hundenacht, Silbergelatineabzug auf Barytpapier © Gundula Schulze Eldowy

Kinder und Schwangere, Verwirrte und Liebende, Alte, Arme und Kranke: Das waren ihre Helden im sozialistischen Ost-Berlin, die Gundula Schulze Eldowy Anfang der 1980er-Jahre aufnahm, in verfallenden, noch von den Bomben des Zweiten Weltkriegs gezeichneten Hinterhofhäusern. „Berlin in einer Hundenacht“ heißt die Schwarzweiß-Serie. Schulze Eldowy schuf sie mit Anfang 20, noch während ihres Studiums. Parallel zu ihrer Ausstellung gemeinsam mit Fotos von Robert Frank in der Akademie der Künste (ab 25. Januar) zeigt nun das Bröhan-Museum diesen eindrücklichen Zyklus. Und zwar erstmals komplett, im dritten Stock, mit sogenannter Triggerwarnung und in einigen Sälen in der oberen Reihe für kleine Menschen zu hoch gehängt. Mehr über Gundula Schulze Eldowy und ihre Freundschaft zum US-Fotografen Robert Frank lest ihr hier.

  • Bröhan-Museum Schloßstr. 1a, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, 8/ 5 €, bis 18 J. + 1.So/ Monat frei, www.broehan-museum.de, bis 14.4.
  • Akademie der Künste Pariser Platz 4, Mitte, Di–Fr 14–19, Sa & So 11–19 Uhr, 9/ 6 €, bis 18 J., Di + 1. So/ Montag frei, 25.1.–1.4., Eröffnung: 24.1., 19 Uhr

Omar Victor Diop im Fotografiska

Omar Victor Diop, The Sonacotra Tenant Strike 1974 - 80. From Liberty (2016). Courtesy © Omar Victor Diop / MAGNIN - A, Paris

Für das Auge und Gehirn: Omar Victor Diop schlüpft für die eigene Kamera in Rollen von historischen Persönlichkeiten und stellt Ereignisse der Schwarzen Geschichte nach, die einflussreich waren aber in Vergessenheit gerieten. Zum Beispiel der Aufstand von Arbeitern aus Nord- und Sub-Sahara Ende der 1970er-Jahre gegen die steigenden Mietforderungen eines französischen Immobilienunternehmens (s.Abb.) - der erste Streik Schwarzer Migranten im postkolonialen Frankreich. Texttafeln erzählen die Geschichten und Diops teils opulente Inszenierungen lassen vergessene Helden neu erstrahlen. Auch wenn er sehr in der Ästhetik der makellosen Modefotografie verhaftet und man sich tatsächlich an seinem omnipräsenten Gesicht sattsehen kann.

  • Fotografiska Oranienburger Str. 54, Mitte, Mo-Mi 14, Do/ Fr 15, Sa/So 16 €, bis 25 J. und über 65 J.: 8 €, bis 12 J. frei, Tickets hier, Mo-So 10-23 Uhr, bis 21.4.

„Melancholia“ in The Map Gallery

Charlie Stein. Berlincholia (Teen Spirit), 2023. Oil on Canvas. 150 x 150 cm. © Charlie Stein

Feste Kategorien sind so 20. Jahrhundert! Gegen die strikte Trennung von Kunst und Design und für die Schönheit der Dinge setzen sich Mon Muellerschoen, Andrea von Goetz und Schwanenfließ und Peter Buchberger – alle drei aktiv und bestens vernetzt in der Kunst- und Designszene – mit ihrer neugegründeten Map Gallery ein. Eine Art Salon, an dem Kunstwerke und Desginobjekte auf Augenhöhe ausgestellt werden und auch Veranstaltungen stattfinden sollen. Passend zum Januar heißt die Eröffnungsausstellung „Melancholia“, doch bei den großformatigen Gemälden und schönen Möbeln kommt heitere Stimmung auf.

  • The Map Gallery Linienstr. 107, Mitte, Mi–Sa 14–18 Uhr, bis 20.4.2024

Nana Petzet mit „Blendung“ im Projektraum des Deutschen Künstlerbunds

Foto: Manfred Neubauer
Nana Petzet gestaltet Lichtfallen für Insekten, GFLK Galerie für Landschaftskunst, Hamburg & GFLK Halle Süd, Tölz, 26.07.2022, © Nana Petzet / VG Bild-Kunst 2024, Foto: Manfred Neubauer

Was Nana Petzet (Foto) seit rund 25 Jahren macht, hat sich durchgesetzt: Kunst zu den Themen Recycling und Ökologie. Themen, die Geduld erfordern: Bevor sich Petzet, 1962 geboren und viel im Norden Europas unterwegs gewesen, an die Arbeit begibt, hört sie Wissenschaftler:innen zu, um dann auch mit ihnen zusammenzuarbeiten, beispielsweise bei der Zählung von Insekten, von denen immer weniger umherschwirren und -laufen. Im vergangenen Jahr hat die Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst Petzets Werk mit dem 25.000 Euro schweren HAP-Grieshaber-Preis ausgezeichnet. Die Ausstellung zum Preis findet erneut im Kreuzberger Projektraum des Deutschen Künstlerbunds statt. „Blendung“ hat Nana Petzet sie genannt. In Klang, Bild und einem Versuchsraum thematisiert die Konzeptkünstlerin, wie künstliches Licht die nächtliche Dunkelheit, Lebensraum vieler Arten, bedroht.

  • Projektraum Deutscher Künstlerbund Markgrafenstr. 67, Kreuzberg, Di–Fr 14–18 Uhr, kuenstlerbund.de, 12.1.–5.4.

„Double Feature“: Tarek Lakrissi in der Julia Stoschek Foundation

Courtesy of the artist and gallery Allen, Paris
Tarek Lakhrissi, Bright Heart, 2023, Video, 14′08″, Farbe, Ton. Videostill. Courtesy of the artist and gallery Allen, Paris

Auf der Flucht vor einem Angreifer stolpert ein junger, Schwarzer Mann in ein Museum, begegnet dort zwei Vampiren, die ihm allerdings nicht das Blut aus den Adern, sondern die Migranten-Queerness-Scham aus der Seele saugen. In seinem Film „Bright Heart“(2023) verbindet Tarek Lakhrissi Elemente aus populären Vampirfilmen der Vergangenheit mit zeitgenössischen Fragen der eigenen Identität. Im Rahmen des Ausstellungsprogramms Double Feature zeigt die Julia Stoschek Foundation drei sehr unterschiedliche Filme Filme des französischen Künstlers und Dichters. Seine Arbeiten sind mal traumhaft und bildreich wie „Bright Heart“, mal minimalistisch und sprachfokussiert wie „Hard to love“(2017). Dabei verarbeitet er seine diasporischen und queeren Erfahrungen in Europa, angereichert. mit Inspirationen von Künstlern und Schriftstellern wie Kaoutar Harchi und Félix González-Torres.

  • Julia Stoschek Collection Leipziger Str. 60, Mitte, Sa/So 12–18 Uhr, 5 €, bis 18 Jahre und Transferleistungsbeziehende frei, jsfoundation.art, bis 31.3.

Jan Schefflers „Licht“ in der Alfred-Ehrhardt-Stiftung

© Jan Scheffler
Jan Scheffler, B 70.034° L 20.537° Arnøya / Norwegen 60 x 60 cm © Jan Scheffler

Noch im Dezember steckte Jan Scheffler in Hammerfest und erlebte dort auch Tage, die so dämmerig waren, dass er keine Langzeitbelichtungen machen konnte, wie er dem NDR sagte. Der Fotograf hat sich auf das Licht des Nordens spezialisiert, das im Winter, ohne langwellige Strahlen, märchenhaft blau und weich wird. Im vergangenen Frühjahr hatte Gregor Sailer in der Alfred-Ehrhardt-Stiftung drastisch-kühle Bilder von arktischen Forschungs- und Militärstationen gezeigt. Jan Scheffler, ein gebürtiger Berliner, der vor 1989 als Fotograf am Modeinstitut der DDR arbeitete, stellt hier nun versöhnliche Bilder aus dem europäischen Norden aus.

  • Alfred-Ehrhardt-Stiftung Auguststr. 75, Mitte, Di–So 11­–18 Uhr, 13.1.–7.4., aestiftung.de

Karl Horst Hödicke im Telegraphenamt

Das alte Telegraphenamt ist nun ein Ort für Kunst. Foto: Telegraphenamt

Johann König eröffnet eine Zweigstelle seiner Galerie: im alten Telegraphenamt (Foto) zwischen Spree und Oranienburger Straße. Die erste Ausstellung bestreitet Karl Horst Hödicke, ein Wegbereiter des West-Berliner Neoexpressionismus, der lange an der Hochschule der Künste Malerei unterrichtete und im Februar 86 Jahre alt werden wird. Unter dem Titel „030“ zeigt K.H. Hödicke Malerei, die im weitesten Sinne als Kommentar auf die Geschichte (West-)Berlins gelesen werden kann.

  • König Galerie Monbijoustr. 11, Mitte, Di–Sa 12–18 Uhr

Ort der Wärme: „mensch-sein“

© Johanniter / Katharina Delmenhorst
Ort der Wärme im Humboldt Forum © Johanniter / Katharina Delmenhorst

Der Hilfsdienst der Johanniter bietet im zweiten Winter ein offenes Café im Humboldt-Forum an: eine geräumige, höchst gepflegte Wärmesstube für Menschen in und ohne Not. An den Wänden hängt eine Text-Foto-Serie von Andreas Duerst und Anja Gronwald, die Hilfesuchende und Mitarbeitende eines Kreuzberger Wärmeorts  vorstellt. Bewegend.

  • Johanniter im Humboldt Forum Portal 3, Schloßplatz, Mitte, Mi–Mo 14–18 Uhr, bis auf Weiteres

Fokus Schinkel. Ein Blick auf Leben und Werk

© Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Friedrichswerdersche Kirche Dauerausstellung "Ideal und From. Skulpturen des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung der Nationalgalerie"© Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Friederike und Luise sind ja zurück in der Friedrichswerderschen Kirche am Auswärtigen Amt: Hold, lieblich, stolz und frisch restauriert lächeln die preußischen Prinzessinnen in Johann Gottfrieds Schadows Gipsmodell Besuchenden entgegen (Foto, Mitte). Seit 24. November informieren die Staatlichen Museen nun genauer über den Erbauer der Kirche: Auf der Empore führen 14 Tafeln in Leben und Werk von Karl Friedrich Schinkel ein – seine wichtigsten Bauten in Berlin zeigen wir euch hier.

  • Friedrichswerdersche Kirche Werderscher Markt, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, Eintritt frei, bis auf Weiteres

„Großes Kino“ am Kulturforum

Aktuelle Ausstellungen in Berlin: Film- und Kinoplakate Anfang des 20 Jahrhunderts. Foto: Leonie Kratz
Aktuelle Ausstellungen in Berlin: Film- und Kinoplakate Anfang des 20 Jahrhunderts. Foto: Leonie Kratz

Eine gelungene Ausstellung für die ganze Familie: Die Kunstbibliothek präsentiert Kinoplakate aus über 100 Jahren, aus In- und Ausland, für Blockbuster und Arthouse-Filme. Auch der Berliner Plakatmaler Götz Valien ist dabei, und Expert:innen haben ihre Favoriten begründet ausgewählt. Kinder können an interaktiven Stationen Kinotechnik ausprobieren. Ein Film fasst die Kunst der Vorspänne zusammen. Und: Es gibt sogar Popcorn. Mehr über die Filmplakat-Ausstellung „Großes Kino“ lest ihr hier.

  • Kulturforum Matthäikirchplatz, Tiergarten, bis 3.3.2024

Neue Nationalgalerie: „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft“

Wolfgang Mattheuer: Brasker Landschaft, 1967, Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie. Foto: Roman März

In der Neuen Nationalgalerie zeigt sich der nächste Teil der Sammlung neu sortiert: Die Ausstellung
„Zerreißprobe“ präsentiert Kunst nach 1945. Ost und West finden hier zusammen – genauso wie Kunst
und Politik. Unter den 170 Arbeiten der Ausstellung gibt es jede Menge bekannte Werke. Neben Werken der üblichen Verdächtigen von Marina Abramović bis Andy Warhol aus der ehemaligen Nationalgalerie-West an der Potsdamer Straße hängen jetzt Arbeiten bekannter Ostgrößen wie Wolfgang Mattheuer Harald Metzkes oder Werner Tübke, die die  auf der Museumsinsel gelegene Nationalgalerie-Ost sammelte.

Verantwortlich für die Schau sind der für die Sammlung zuständige stellvertretende Direktor Joachim Jäger, die wissenschaftliche Mitarbeiterin Maike Steinkamp sowie die Kunsthistorikerin Marta Smolińska von der Universität der Künste in Poznań. „Zerreißprobe“ ist laut Joachim Jäger der Versuch einer Darstellung, die den Entwicklungen von Meinungen und Werten in der Gesellschaft folge. Die Gesellschaft entscheidet über die Kriterien der Kunst. Das war schon immer so, nur obsiegen nun offenbar Gesinnung, Moral und Geschlecht über Ästhetik.

Die Geschichte schreiben immer die Sieger. „Die Einfühlung in den Sieger kommt demnach den jeweils Herrschenden allemal zugut“, formulierte 1940 Walter Benjamin. Denn die im Dunkeln, die Ausgeschlossenen und Vergessenen, sieht man ja nicht – und sie sind auch in der Neuen Nationalgalerie nicht zu sehen, beispielsweise Werke der Art brut, Werke der oft autodidaktischen Kunst gesellschaftlicher Außenseiter, die, wie Jäger sagt, nicht in der Sammlung vertreten  sind.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di/ Mi, Fr–So 10–18, Do 10–20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J. + 1.  So/ Monat frei, bis 28.9.2025

Munch. Lebenslandschaft

Edvard Munch „Die Sonne“, Munchmuseet, Oslo. Foto: CC BY-NC-SA 4.0 Munchmuseet

Edward Munch Superstar. Der norwegische Maler löste mit seinen emotional aufgeladenen Darstellungen von Männern und Frauen sowie seiner expressiven Malerei 1892 in einer Ausstellung beim Verein Berliner Künstler einen Skandal aus und läutete hierzulande die Moderne ein. Nachdem die Berlinische Galerie mit „ Der Zauber des Nordens“ zu Munchs Berliner Jahren eine von Publikum und Presse gefeierte Ausstellung vorgelegt hat, zieht nun das Museum Barberini in Potsdam nach.

In „Munch. Lebenslandschaft“ geht es mit über 110 Exponaten von internationalen und deutschen Leihgebenden um die Rolle von Natur und Landschaft in Munchs Werk. Ist in seinen vordergründig psychologischen Menschendarstellungen die Natur selbst von Bedeutung, offenbart der Pantheist Munch in den Landschaftsdarstellungen sein komplexes Verständnis von Natur: Sie ist  Spiegel der eigenen Seele sowie Ausdruck eines kosmischen Kreislaufs. Spirituell und mystisch wie die Darstellungen von Sonne und Mond, bodenständig und erdverbunden. So wie in der Berlinischen Galerie die gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten beleuchtet werden, steht im Barberini der Einfluss wissenschaftlicher und philosophischer Entwicklungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Munchs Werk im Fokus. Mehr Munch geht nicht.

  • Museum Barberini Humboldtstr. 5–6, Potsdam, Mi–Mo  10–19 Uhr, 16–18/ 8–10 €, Kombiticket mit Kunsthaus Minsk 20/ 12 €, bis 1.4.24

Bode-Museum: Spanische Dialoge ­– Picasso

Die Picasso-Rezeption ist ja gern für Überraschungen gut. Zuletzt wurde der Ausnahmekünstler rund um seinen 50. Todestag eher unter MeToo-Verdacht betrachtet -  was dem von ihm einst „gecancelten“ Werk der Künstlerin Francoise Gilot endlich zu neuer Beachtung verhalf. Nun schlägt das (derzeit geschlossene) Berggruen-Museum als Gast des Bode-Museums ein ganz anderes Kapitel auf: Auf der Museumsinsel kommen Arbeiten Picassos zum Vergleich mit spanischer Kunst der frühen Neuzeit, um zu zeigen, wovon sich Pablo Picasso anregen ließ. Mal sehen, was da noch zu Tage kommt.

  • Bode-Museum  Am Kupfergraben, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, bis 28.4.2024

Lee Ufan

Lee Ufan
Ausstellungsansicht „Lee Ufan“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 27.10.2023 – 28.4.2024 © Lee Ufan. Courtesy of Studio Lee Ufan / VG Bild-Kunst, Bonn 2023 / Jacopo La Forgia

Es herrscht eine große Ruhe in den Sälen und im Garten: Mit 50 Arbeiten lädt Lee Ufan im Hamburger Bahnhof gleichsam zur Mediation ein. Der 1936 in Korea geborene Künstler, der lang in Japan lebte, gilt als bedeutender Vertreter ostasiatischen Minimalismus. Das Material, das er verwendet, spricht für sich: Stein und Baumwolle, Stahl, Metall, Glühbirnen und Farbe. Da überrascht, dass Lee Ufan ausgerechnet Rembrandt bewundert: zu sehen in einem Saal (Foto), den Lee Ufan wie einen Zen-Garten mit Kies ausgelegt hat.

  • Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart  Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di/ Mi + Fr 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr, 12/  6 €, bis 18 J. +1. So/ Monat für alle frei (Ticket hier), So Familienermäßigung, bis 28.4.2024

Zoom auf van Eyck. Meisterwerke im Detail

Facing Van Eyck. The Miracle of Detail, Bozar Centre for Fine Arts Brussels, 2020, Foto: Philippe De Gobert

Jan van Eyck (1390-1441) hat die Malerei nicht nur handwerklich perfekt beherrscht und auf ein nahezu überirdisches Level gebracht, sondern ihr durch seine plastischen, symbolhaften Darstellungen von Personen und Umgebungen eine lebendige Tiefe einverleibt. In der Gemäldegalerie befinden sich drei Gemälde des Superstars der altniederländischen Malerei. Die Ausstellung „ Zoom auf van Eyck“ ermöglicht einen tiefen Einblick in seine Meisterwerke, während gleichzeitig Originale aus eigenen Beständen und kunsttechnologische Untersuchungen sowie Restaurierungen präsentiert werden. Das Highlight der Ausstellung ist eine digitale Projektion, entwickelt von Bozar und dem KIK-IRPA in Brüssel, die es Betrachter:innen erlaubt, sich interaktiv in hochauflösende Detailaufnahmen der Gemälde hineinzuzoomen und selbst den Bildausschnitt zu wählen, um selbst die feinste Pinselarbeit des Meisters zu erkunden.

  • Gemäldegalerie Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–So 10–18 Uhr, 10/ 5€, bis 18 J., ALG II + 1.So im Monat frei, bis 3.3.24

The Struggle of Memory - Part 2

Anawana Haloba, Close-Up, 2013-16 Installationsansicht im PalaisPopulaire 2023 © Courtesy the artist. Foto: Mathias Schormann

Die Ausstellung „ The Struggle of Memory“ reflektiert die Schwierigkeiten einer linearen Erinnerungskultur in postkolonialen Gesellschaften und präsentiert vielschichtige Werke, die weniger bekannte Aspekte des Kolonialismus beleuchten. Künstler wie Sammy Baloji setzen sich in ihren Werken mit den kolonialen Spuren auseinander, indem sie vergessene Geschichten durch Installationen, Fotografie und Skulpturen wieder in Erinnerung holen.

  • Palais Populaire Unter den Linden 5, Mitte, Mi–Mo 11–18, Do bis 21 Uhr, bis 11.3.2024

Ari-Arirang

Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Ethnologisches Museum/Claudius Kamps CC BY-NC-SA 4.0

Im späten 19. Jahrhundert interessierten sich Deutsche sehr für Korea, das zwischenzeitlich Kaiserreich war, bevor Japan es sich einverleibte. An dieses Interesse erinnert eine neue Ausstellung von Ethnologischem Museum und Museum für Asiatische Kunst im Humboldt Forum, die eine Auswahl aus ihren Beständen zu Korea zeigen – darunter viele Hüte aus dem 19. Jahrhundert, für die sich Deutsche offenbar begeisterten. Ergänzt werden die Objekte von zeitgenössischer Kunst und Aufzeichnungen von Gesängen russisch-koreanischer Männer in deutschen Kriegsgefangenenlagern, Lieder, die der Ausstellungstitel zitiert. 

  • Humboldt Forum Schloßplatz, Mitte, Mi–Mo 10.30–18.30 Uhr, 12/ 6 €, bis 18 J. + 1. So im Monat frei, bis 21.4.2024

Hej Rup! Die tschechische Avantgarde

Jiří Kroha, Nordböhmische Ausstellungshalle, ca. 1928, Arkudes Foundation. Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2023

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich die Moderne durch, ein Beben in der 1918 gegründeten Tschechoslowakei, einem Nachfolgestaat von Österreich-Ungarn. Das Bröhan-Museum ruft den kulturellen Aufbruch (Abb. oben) in Prag, Plzeň, Brno und anderen Städten in Erinnerung.

  • Bröhan-Museum Schloßstr. 1a, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, 8/ 5 €, 1. So im Monat frei, bis 3.3.2024

Unbound: Performance as Rupture

Akeem Smith, Social Cohesiveness, 2020, Drei-Kanal-Videoinstallation, 32′53″, Farbe, Ton. Installationsansicht, UNBOUND, JSF Berlin. Foto: Alwin Lay.

Performance ist die Kunstform der Stunde, das hat nicht zuletzt das Performance-lastige Programm der Berlin Art Week gezeigt. Die neue Sammlungspräsentation „Unbound: Performance as Rupture“ der Julia Stoschek Foundation untersucht, wie Künstler:innen historische Narrative und Ideologien der Unterdrückung mithilfe von Performance und Videokunst seit den 1960er-Jahren bis heute in Frage stellen. Darunter Ikonen wie Valie Export und Shootingstars wie Akeem Smith. 

  • Julia Stoschek Foundation Leipziger Str. 60, Mitte, Sa+So 12–18 Uhr, 5 €, bis 18 J. frei, bis 28.7.2024

Lin May Saeed. Im Paradies fällt der Schnee langsam

Lin May Saeed, Pangolin, 2020. Foto: Georg Kolbe Museum

Es ist schade, dass Lin May Saeed (1973–2023) die Eröffnung ihrer ersten musealen Einzelausstellung in Deutschland im Georg Kolbe Museum nicht mehr miterlebt hat. Das Werk der deutsch-irakischen Bildhauerin ist geprägt vom Leben der Tiere sowie der Beziehung zwischen Tier und Mensch. In Skulpturen, Reliefs, Metallarbeiten, raumgreifenden Scherenschnitten und Zeichnungen hat sie das Museum mit Affen, Kühen, Panthern und vielen mehr bevölkert. Mal als stolze Büste, mal in phantasievollen Szenarios. Verblüffend ist auch das Material, mit dem Saeed gearbeitet hat: Das biologisch nicht abbaubare Styropor, welches wir als Verpackungsmüll schnell in die nächste Tonne kloppen, soll das Bewusstsein erwecken, dass dieser Müll bleiben wird. Parallel dazu sind Werke von Renée Sintenis (1888-1965) zu sehen. Diese prägende Bildhauerin der Moderne wurde in den 1920er-Jahren für ihre kleinformatigen Tierskulpturen bekannt. Eine davon dürften die meisten kennen: den Berliner Bär, der bei den Berliner Filmfestspielen verliehen wird.

  • Georg Kolbe Museum Sensburger Allee 25, Charlottenburg, Mi–Mo 1118 Uhr, bis 25.2.24

Gerhard Richter – 100 Werke für Berlin

Blick in die Ausstellung „Gerhard Richter. 100 Werke für Berlin“, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: David von Becker

100 Arbeiten leiht der berühmte Maler Gerhard Richter der Neuen Nationalgalerie auf lange Zeit, und sie alle passen in das Grafikkabinett im Untergeschoss des Museums. Denn unter den Abstraktionen befinden sich viele kleine übermalte Fotos – Spitzenstücke, eine Wucht. Im Zentrum jedoch hängt der „Birkenau“-Zyklus, mit dem Richter die Grenzen der Kunst im Angesicht von Verbrechen der Nationalsozialist:innen thematisiert. Als Vorlage dienten Fotografien, die Häftlinge unter Lebensgefahr in Auschwitz-Birkenau aufgenommen und aus dem Konzentrationslager geschmuggelt hatten.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di–Mi, Fr–So 10–18, Do bis 20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J., Do ab 16 Uhr + 1. So/ Monat frei, Tickets hier, bis auf Weiteres

Ts’ uu – Zeder. Von Bäumen und Menschen

Ansicht der temporären Ausstellung "Ts'uu – Zeder. Von Bäumen und Menschen" im Humboldt Forum. Foto: © 2020 by Alexander Schippel

Was länger währt, wird womöglich besser: Die Ausstellung „Ts̓  uu – Zeder“ des Ethnologischen Museums konnte pandemiebedingt nicht  mit den Sälen eröffnen, die im Herbst das Humboldt Forum komplettiert haben. Doch nun ist die Schau über Regenwälder an der Westküste Kanadas fertig, eine Koproduktion mit dem hochmodernen Haida Gwaii Museum auf gleichnamigem Archipel vor der Küste British Columbias. Sie zeigt, wie erhellend und publikumsfreundlich transkontinentale und transdisziplinäre Zusammenarbeit sein kann. Nur einen Saal mit 130 Exponaten umfasst die Schau, die genauso Ruhe wie Abwechslung bietet, dank einer Sitzecke und des Einsatzes verschiedener Medien. Selbstverständlich gibt es klassische Objekte wie Wappenpfähle. Daneben aber hängen Reportagefotos und bedruckte T-Shirts. Sie bezeugen Proteste Indigener gegen die Abholzung der Regenwälder durch euro-kanadische Firmen.

  • Humboldt Forum Schlossplatz 1, Mitte, Mi–Mo 10.30–18.30, Eintritt frei, bis 12.1.2025

All Hands On: Flechten

Endlich schlägt das Museum für Europäische Kulturen (MEK) wieder mit einer großen Ausstellung auf. „All Hands On: Flechten“ präsentiert Meisterwerke aus Kunst, Handwerk und Design, anonyme Stücke aus Stroh und Rinde genauso wie die neue Arbeit „Der geflochtene Garten“ von Olaf Holzapfel, Teilnehmer der Documenta vor fünf Jahren. Ein willkommener Anlass für eine U-Bahnfahrt nach Dahlem: das auch Biergärten, Buchhandlungen an der Uni, Parks und dem Landwirtschaftsmuseum Domäne Dahlem wenig entfernt vom MEK einen Ausflug wert ist. Perfekt für ein langes Wochenende.

  • Museum Europäischer Kulturen Arnimallee 25, Dahlem, Di–Fr 10–17, Sa/ So 11–18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 Jahre + Berlin Pass frei, Tickets hier, bis 26.5.2024

Mehr Kunst und Ausstellungen in Berlin

Blick nach vorn: Die wichtigsten Ausstellungen im Kunstjahr 2024. Überblick verloren? Sobald die Infos da sind, steht hier das Wichtigste zur Berlin Art Week. Geht immer: Wir zeigen euch wichtige Ausstellungshäuser, Galerien und Museen für Kunst in Berlin. Einblicke ins Werk einer Ikone: „Viva Frida Kahlo“ im Napoleon Komplex. Gut zu wissen: Am Museumssonntag ist der Eintritt kostenlos, jeden ersten Sonntag im Monat.

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