Kunst

Aktuelle Ausstellungen in Berlin: Neue Kunst-Tipps und letzte Chancen

Die wichtigsten Ausstellungen in Berlin: Die Kunstwelt ist immer in Bewegung. Was es Neues gibt, was sich weiter lohnt und wo ihr noch unbedingt hin müsst, bevor es zu spät ist, lest ihr hier. Claudia Wahjudi und Ina Hildebrandt geben Tipps für neue Kunst und aktuelle Ausstellungen in Berlin – und für letzte Chancen, bevor es zu spät ist.


Neue Ausstellungen

Welche Ausstellungen sind gerade neu? Hier lest ihr, was in der Kunstwelt neu eröffnet wurde und was wir kürzlich besucht haben.


Preis der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart

@Jacopo La Forgia
Preis der Nationalgalerie. Dan Lie im Hamburger Bahnhof: Foto: Jacopo La Forgia

Erstmals geht der Preis der Nationalgalerie an vier Künstler:innen gemeinsam. Die vier Preisträger:innen stellen im Hamburger Bahnhof je eine neue Arbeit aus, die für die Sammlung des Museums angekauft wird, und diese Ausstellung am Freitag, den 7. Juni, zu Beginn eines eintrittsfreien Wochenendes der offenen Türen mit Familienprogramm.

Die Neuerungen sind nicht nur für das Publikum erfreulich: In der Publikation zum Preis äußern sich die prämierten Künstler:innen erleichtert darüber, nicht gegeneinander konkurrieren zu müssen. Tatsächlich wäre schwer zu entscheiden, wer einen ersten Preis hätte bekommen sollen: Pan Daijing, Dan Lie, Hanne Lippard oder James Richards. Sie alle sind um die 40 alt, sie alle arbeiten multimedial. Dan Lies üppige Installation aus Blumen, Stroh und Erde (Abb.) besticht mit Gerüchen, Hanne Lippards minimalistische Installation mit der Stimme der Künstlerin. James Richards überzeugt mit der Geduld, mit der er, auch in Zusammenarbeit mit Kolleg:innen, Fundbilder sucht, zerlegt und neu kombiniert.

Und Pan Daijing macht mit einer Komposition und gefilmten Choreografien Gefühle körperlich erfahrbar, beispielsweise die Angst vor Berührung bei gleichzeitigem Verlangen danach. Zwei kleine Makel hat die Ausstellung: Die Säle im ersten Stock wirken zu verschachtelt für die großen Arbeiten. Und die Gewinner:innen kommen – mal wieder - aus Berlin. Da stimmt doch etwas nicht: entweder mit dem Preis oder mit der Chancenverteilung im Lande.

  • Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do 10–20, Sa/So 11–18 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J, TLE + 1. So im Monat frei, Website, 7.6.–5.1.

„Aus der Krankheit eine Waffe machen“ im Kunstraum Kreuzberg

Installationsansicht von Anguezomo Mba Bikoro „ Obeah: Thiouraye, 2024. Foto: Eric Tschernow

Es war Anfang der 1970er Jahre, als Menschen auf die Straße gingen und forderten, dass das leerstehende Krankenhaus Bethanien am Mariannenplatz in eine Poliklinik für Kinder und nicht, wie vom Senat geplant und von Kunstschaffenden bereits praktiziert, in ein Haus für Künstler umgewandelt werden sollte. Auch Künstler:innen waren unter den Protestierenden, sowie das „Kampfkomitee Bethanien". So kommt es etwa 50 Jahre später zur Versöhnung, wenn im Kunstraum Kreuzberg die sehr sehenswerte und aufschlussreiche Ausstellung „Aus der Krankheit eine Waffe machen“ Kunst und Gesundheit zu vereinen anstrebt. Der Titel stammt von der gleichnamigen Kampfschrift des Sozialistischen Patient:innenkollektivs, das eben in den wilden Siebzigern Krankheit nicht als Problem des Individuums, sondern als Zusammenhang von gesellschaftlichen und strukturellen Missständen anprangerte. Auch von Ulf Mann erfährt man, der sich als extrem bescheidener Erbe eines Pharmakonzerns und passionierter Kreuzberger in der Gesundheitsbewegung Westberlins engagierte. Dem historisch-dokumentarischen Teil stehen sinnliche Installationen wie der dekolonial-feministische Ritual-Raum von Anguezomo Mba Bikoro gegenüber. Und auch konzeptuelle Werke wie die Sammlung von Pflanzenteilen sowie Gräsern in Apothekerfläschchen des Kollektivs RA Walden, die nicht etwas Ausdruck der Kategorisierungsobsession des Menschen ist, sondern der poetische Versuch Natur festzuhalten für diejenigen, die auf Grund gesundheitlicher Beeinträchtigungen nicht so leicht an ihr teilhaben können.

  • Kunstraum Kreuzberg/ Bethanien, Mariannenplatz 2, So-Mi 10–20, Do–Sa bis 22 Uhr, Kreuzberg, bis 18.8.

 Ivana Bašić: „Metempsychosis:The Passion of Pneumatics“ im Schinkel Pavillon

Ivana Bašić, „Metempsychosis: The Passion of Pneumatics“. Foto: Ivana Basic Studio.Photography by Sarah Ringrave.

Futurismus und Fleisch passen einfach gut zusammen: Mensch-Maschinen und Cyborgs faszinieren uns in sämtlichen Spielarten der Kunst, in Wissenschaft und Philosophie. Kein Wunder also, dass Ivana Bašićs Ausstellung im Schinkel Pavillon unwiderstehlich anziehend ist. Die organischen Gebilde, die in Stahlkonstruktionen gefasst sind, sind wunderschön, vertraut und irgendwie befremdlich, gar unbehaglich zugleich. Dabei gelingt es der im ehemaligen Jugoslawien geborenen und in New York lebenden Künstlerin, aus hartem Glas, Bronze, und Alabaster fluide, zarte Strukturen ähnlich der menschliche Haut, Körperflüssigkeiten und Innereien zu schaffen. Natürlich dient der Körper als Leinwand und Speicher von Gewalt und Chaos, wie beispielsweise zu Zeiten der Jugoslawienkriege, als Gefängnis und Zuhause, als Zukunftsversprechen und Möglichkeitsraum, wie im feministischen Transhumanismus. Ob der Mensch allerdings mehr ist als seine fleischliche Existenz, und wohin so eine Seele womöglich entweicht, beschäftigt uns seit jeher. Und auch Bašić scheint sich dieser Frage anzuschließen. Mit einer raumspezifischen Skulptur im Obergeschoss, bei der ein Alabasterstein im Rhythmus ihres eigenen Atems von kleinen Metalhämmern kontinuierlich bearbeitet wird. Wohin verschwindet eigentlich Staub?

  • Schinkel Pavillon Oberwallstrasse32, Mitte, Do–Fre 14–19/ Sa–So 11–19 Uhr, 6 €/ 4 €
    (nur Kartenzahlung möglich), bis 1.9.

JosèfaNtjam: „FuturisticAncestry:WarpingMatterandSpace-time(s)“ im Fotografiska

Josèfa Ntjam, MARTH, 2023, still video #2. Foto: ADAGP, Paris, 2023

Futurismus und Vergangenheit fusionieren auch bei Josèfa Ntjam Einzelausstellung im Fotografiska. Die französische Künstlerin wird gerade auf der Venedig Biennale von der Berliner Institution LAS präsentiert und vertritt mit ihrer Kunst sehr viel, das den aktuellen Zeitgeist und Kunstdiskurs bestimmt: der Rückfgriff auf futuristische Ästhetiken der Vergangenheit in Kombination mit zeitgenössischen Formen wie etwa Videospielen, Kritik am Kolonialismus, Aufbrechen gegenwärtiger Herrschaftsansprüche, Vororten von wahrer Identität in indigenen Praktiken wie Ahnenkult und dem intensiven Blick auf die Natur, um von ihren Heilungs- und Widerstandsmechanismen für das menschliche Leben zu lernen. Die Themenvielfalt spiegelt sich ind er Medienvielfalt wieder von Videoinstallationen, Skulpturen bis Fotomontagen auf Plexiglas und Aluminium. Eine ansprechende visuelle Erfahrung, der wichtige Themen zugrunde liegen, die sich aber sehr brav in die aktuelle Form-und Diskurswelt einreiht. (Bis 6.10.)

Zwei Stockwerke drunter präsentiert das Fotografiska mit seinem neuen Programm „Emerging Berlin“ aufstrebende Fotograf:innen. Den Auftakt macht die deutsche Fotografin Anne Lass mit ihrer Serie 
„Triple Seven“, für die sie hinter die Türen der einst einige Berliner Straßenzüge prägenden, aber zunehmend verschwindenden Spielhallen blickt. (Bis 22.8.)

  • Fotografiska Museum Berlin Oranienburger Str. 54, Mitte, tägl. 10–23 Uhr, ab 14 €/ ermäßigt 8 €, Website

Andy Warhol: „Velvet Rage and Beauty“ in der Neuen Nationalgalerie

Ausstellungsansicht „Andy Warhol. Velvet Rage and Beauty“, Neue Nationalgalerie, 7.6. – 6.10.2024 © 2024 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York / Foto: David von Becker / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin. Foto: David von Becker

Man denkt ja, man kennt Andy Warhol: die Suppendosen-Bilder, die Brilloboxen, das feministisch motivierte Attentat von Valerie Solanas auf den Künstler. Doch die aktuelle Ausstellung der Neuen Nationalgalerie schaut hinter die Marke Warhol. Im gesamten Erdgeschoss sind zarte Zeichnungen, Drucke, Fotos, kleine Polaroids und Filme zu sehen, die einen stetig suchenden Künstler vorstellen: suchend nach schönen, jungen Männern, nach Begegnung und Nähe, nach seiner Identität – und nach Möglichkeiten, Homosexualität darzustellen, als diese in Praxis und Abbildern noch unter Strafe stand. Das ist schön und übersichtlich gemacht, und es war bestimmt nicht einfach, all diese Leihgaben zu erhalten. Doch einige Informationen mehr über die Situation von LGBTQ-Personen in New York und den USA wären hilfreich, um Warhols Werk besser historisch lesen zu können.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Di–So 10–18, Do bis 20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18. J., TLE + 1. So/ Monat frei +Do ab 16 Uhr frei, bis 6.10.

Thomas Arslan im n.b.k.

Thomas Arslan, Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), 2024. Foto: © n.b.k. / Jens Ziehe

Thomas Arslan ist ein renommierter deutscher Regisseur und Drehbuchautor, der vor allem durch seine Werke im Bereich des Berliner Kinos bekannt wurde. Mit Filmen wie „Dealer“ und „Im Schatten“ hat er sich als wichtiger Vertreter des deutschen Gegenwartskinos etabliert. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine nüchterne, präzise Erzählweise und einen tiefen Einblick in urbane Lebenswelten aus, wie gerade im Neuen Berliner Kunstverein zu sehen. In der umfangreiche Werkschau sind neben Videoprojektionen auch Schaukästen mit Storyboards, Archivmaterialien und erstmals präsentierten neuen Arbeiten zu sehen. Ein großes Vergnügen, für das man den halben Tag in den Räumen verbringen möchte – oder eben immer wieder kommen. Begleitend wird in Zusammenarbeit mit dem Kino Arsenal das vollständige filmische Œuvre des Regisseurs präsentiert, dazu Gespräche mit Expert:innen.


Sport. Masse. Macht. Fußball im Nationalsozialismus“ im Haus des Sports

Ausstellungsansicht „Sport. Masse. Macht. Fußball im Nationalsozialismus“ . Foto: Mareen Meyer und what matters gGmbH

Fußball ist nie neutral. Dieser Leitspruch begrüßt die Besucher:innen in der Ausstellung „Sport. Masse. Macht. Fußball im Nationalsozialismus“. Kritisch wird hier die stets vorhandene politische Dimension des Fußballsports beleuchtet, der Fokus liegt dabei auf den Jahren 1933-1945. Damit bildet die Ausstellung einen Kontrast zum Ausstellungsraum, der Eingangshalle des „Haus des Deutschen Sports“ – errichtet 1936 in nächster Nähe zum Olympiastadion, säumen hier zwei mit goldenen Adlern gekrönte Säulen den Eingang des monumentalen Baus aus faschistischen Zeiten. „Sport. Masse. Macht.“ erzählt mit eindrucksvollen Graphic Novels, Trikots jüdischer Sportvereine und außerordentlich ästhetischen Pokalnachbauten aus dem 3D-Drucker unter anderem die Geschichte von jüdischen Sportvereinen vor- und nach 1933, die Propagandistische Ausnutzung von Massensport durch die Nationalsozialisten (in einigen Stadien wurde schon vor 1933 der Hitlergruß eingeübt) und erinnert an den bis heute stattfindenden Rassismus in deutschen Fußballstadien. In der Mitte des Raumes wird eine Statue vom „Gottbegnadeten“ Bildhauer Georg Kolbe von Fernsehern verhängt, auf denen die Lebensgeschichten von verfolgten Sportler:innen des NS-Regimes wie Béla Guttmann gezeigt werden. (Ferdinand Wulff)

  • Haus des Deutschen Sports Olympiapark Berlin Hanns-Braun Str., tägl. 10-18 Uhr, außer an Spieltagen der UEFA EURO 2024 in Berlin, Website, Eintritt kostenlos, bis 31.7. 

„Swarm“ bei Tropez im Sommerbad Humboldthain

Foto: Ink Agop
Tropez im Humboldthain, Foto: Ink Agop

Ein Highlight im Juni in Berlin: Den ganzen Monat lang läuft das Project Space Festival, die Ausstellung, mit der die Reihe  eröffnete, sogar bis September. „Swarm“ findet im Freibad Humboldthain statt, initiiert vom Projektraum Tropez (Foto), der jeden Sommer von einem der Schwimmbadkioske aus Programm macht. Dieses Mal sind Arbeiten von zehn Künstlern und Künstlerinnen fast im ganzen Bad verteilt. Manche lassen sich nicht übersehen, wie Mahube Disekos Installation „The Tension of Human Connection“: eine spacige Umkleidekabine, deren Vorhänge einen überraschenden Inhalt verbergen. Andere wollen gesucht und gefunden werden, wie Niclas Riepshoffs Installation „Roaming“ an den Sicherheitsschließfächern, die deren Nutzer:innen mit Überwachung zu drohen scheint. Das passt perfekt zur Digitalisierung Berliner Schwimmbadbesuche: Auch für das Sommerbad Humboldthain braucht man nun ein Online-Ticket vorab.

  • Tropez im Sommerbad Humboldthain Wiesenstr. 1, Wedding, Mo–So 10–18 Uhr, tropeztropez.de, Eintritt mit Schwimmbadticket hier, 4,95/ 3,15 €, Termine und Programm des Project Space Festivals hier

"Hin und weg – Der Palast der Republik ist Gegenwart" im Humboldt Forum

Foto: picture alliance / zb | Dieter Palm
Ausflugsboot auf der Spree vor den Resten der Aufzugsschächte und Treppenaufgänge des abgerissenen Palasts der Republik. Foto: picture alliance / zb | Dieter Palm

An keinen Berliner Gebäuden spiegelt sich deutsche Ideologiegeschichte so deutlich wie am Palast der Republik, seinem Vorgänger und seinem Nachfolger, Hohenzollern-Schloss und rekonstruiertes Hohenzollern-Schloss mit dem Humboldt Forum darin. Dessen Team arbeitet nun diese Geschichte in der Ausstellung „Hin und weg“ auf. Sie zeigt Architekturzeichnungen, Modelle, Kunst und Design aus dem Palast, Fotos und Plakate von Veranstaltungen und politischen Versammlungen sowie Audio- und Videointerviews mit Zeitzeug:innen. Die Kurator:innen haben sich um Distanz bemüht, lassen jeweils Pro und Contra zu Wort kommen. Doch eine gründliche Dokumentation der umstrittenen Spenden aus rechten Kreisen für die Fassadenteile des rekonstruierten Schlosses fehlt. „Hin und weg“ ist nicht schön, weil kleinteilig und sperrig, aber informativ und vor allem eines: bedrückend. Das Publikum hat zahlreiche Gelegenheiten, Erinnerungen und Meinungen zum Palast niederzuschreiben. Viele sind der Ansicht, dass Abriss (Foto) keine Lösung war, sondern eine kritische Aufarbeitung am bestehenden Gebäude gutgetan hätte. Aber zu spät.

  • Humboldt Forum Schloßplatz 1, Mitte, Mi–Mo 10.30–18.30 Uhr, 12/ 6 €, bis 18 J. frei, online, bis Februar 2025

„Profitopolis“ im Werkbundarchiv – Museum der Dinge an neuem Ort

Foto: Werkbundarchiv – Museum der Dinge/ Armin Herrmann
Museum der Dinge - neuer Standort Der neue Standort in der Leipziger Straße 54 vor dem Einzug. Foto: Werkbundarchiv – Museum der Dinge/ Armin Herrmann

Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge hat wiedereröffnet, in der Leipziger Straße gegenüber dem Spittelmarkt, in einem Gebäuderiegel aus sozialistischer Zeit. Die klaren Formen und die große Fensterfront passen gut zu einem Museum, das sich der Geschichte des Werkbunds widmet, jener 1907 gegründeten „Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen“, die eine Verbesserung von Wohnsituation und Gebrauchsdesign zum Ziel hatte.

Das Programm am neuen Ort hat mit der  Wechselausstellung „Profitopolis“ begonnen. Modelle, Dokumente, Fotos, Bücher und künstlerische Arbeiten lassen rund 100 Jahre Mieterproteste lebendig werden, beleuchten deutsche Wohnpolitik und die Rolle des Werkbunds dabei, inklusive seiner Anpassung an das nationalsozialistische Regime. Die Beiträge der Gegenwartskünstler:innen bereiten Freude. Daniela Brahm hat  Zeichnungen zum Thema Wohnungsnot im Stil einer Satirezeitschrift beigesteuert,  Tracey Snellings beleuchtete Plastiken in Gestalt umstrittener Wohnviertel wie dem Neuen Kreuzberger Zentrum (Kotti. Und eine Filmdokumentation erinnert an die von Martin Kaltwasser mitinitiierte Demonstration, die 2018 unter dem satirischen Motto „Platz da für meinen SUV“ durch den Bezirk Mitte führte. Zur Ausstellung gehören Führungen, Workshops und Stadtspaziergänge.

  • Werkbundarchiv – Museum der Dinge Leipziger Str. 54, Mitte, 6/ 4 €, bis 18. J., ALG II + 1. So im Monat frei, Mo–Fr 9–16 Uhr, Website, bis 28.2.2025

Tyler Mitchell und das „Studio Rex“ bei C/O Berlin

© Tyler Mitchell, Courtesy of the artist
Tyler Mitchell: "Picnic" aus der Serie Wish This Was Real, 2021 © Tyler Mitchell, Courtesy of the artist

Zwei sehr unterschiedliche Fotoausstellungen rücken bei C/O Berlin Menschen in den Vordergrund, die sich in rassistischen Gesellschaften behaupten mussten oder müssen. Im Erdgeschoss des Fotohauses zeigt Tyler Mitchell seine erste Einzelschau in Deutschland. Der 1995 im Südstaat Georgia geborene Fotograf setzt Eleganz von Mode ohne falschen Glam ins Bild. Dabei zitiert er historisch belastete Motive wie schwere Halsketten, die an die Sklaverei erinnern. Oder er wählte Genres wie Landschaftsidyllen, um stereotypen Bilder, etwa von Schwarzen in Elend oder Aufruhr, nahezu paradiesische Ansichten entgegenzustellen. So schreibt er Kulturgeschichte um.

Die Ausstellung im ersten Stock ist genauso interessant. Sie umfasst rund 130 Porträtaufnahmen aus dem gewerblichen „Studio Rex“ in Marseille, dessen Bestand der Verleger und Sammler Jean-Marie Donat erwarb. Der großartige Fundus spiegelt Migrationsgeschichte und Moden sowie Status und Selbstbilder von Menschen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg im „Studio Rex“ porträtieren ließen. Kurator Boaz Levin hat die Beispiele so ausgewählt, dass häufig verwendete Fotogattungen sichtbar werden – wie die Montage, das Passfoto oder das „Brieftaschenfoto“, das Abbild eines Menschen, das man  am Herzen oder in der Hosentasche trägt, das irgendwann zerknittert ist und daher reproduziert werden muss. Vor allem aber ist Levin eines gelungen: Trotz der Fülle der Bilder tritt hier jeder Abgebildete (es sind zumeist Männer) in aller Würde als Individuum auf.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, Mo–So 11–20 Uhr, 12/ 6 €, bis 18 J. frei, online, bis 5.9.

Tabita Rezaire [Amakaba] x Yussef Agbo-Ola [Olaniyi Studio]: „Omi Libations“ im Projektraum der Schering Stiftung

Foto: Jens Ziehe
Installationsansichten der Ausstellung "Omi Libations" im Projektraum der Schering Stiftung, 2024, Berlin, Foto: Jens Ziehe

Mit ihrer neuen Ausstellung hat die Schering Stiftung das Themenspektrum ihres Kunstraumes erweitert: In „Omi Libations“ geht es nicht nur um Verbindungen von Kunst und Naturwissenschaft, sondern auch mit Religion. Tabita Rezaire und Yussef Agbo-Ola verknüpfen Meeresbiologie mit Spiritualität. Gemeinsam mit Forscher:innen haben die Künstler:innen das Verhalten von Wasserlebewesen auf Sansibar und in Tansania untersucht. Die Ergebnisse laufen in personalisierten Erzählungen über Kopfhörer: Spinnen und Wasserinsekten berichten von ihrem Leben.

Es geht aber auch um Yemoja, die Yoruba-Gottheit der Flüsse und Meere. Ihr ist ein Tempel aus gebatikten Textilien gewidmet, der den dunklen Saal beherrscht. Wer mag, kann Yemoja ein Opfer bringen. Auf einem Handzettel ist erläutert, welche der bereitstehenden Gaben für welche Situation passt. Die gefüllte Opferschale (Abb.) sieht wunderschön aus und riecht noch besser. Doch perfekt greifen Religion und Wissenschaft hier nicht ineinander: Die Kopfhörer mit den Erzählungen von den Forschungsergebnissen hängen außerhalb des Tempels an der Wand.

  • Projektraum der Schering Stiftung Unter den Linden 32–34, Mitte, Do–Fr 13–19, Uhr, Sa/So 11–19 Uhr, online, bis 7.7.

Andy Warhol: After the Party im Fotografiska Berlin

Andy Warhol, „Table Setting“, c. 1981 Foto: Courtesy of 2024 e Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. Licensed by Artist Rights Society ARS, New York

Eine Ausstellung sucht den Menschen hinter der Kunstfigur: „Andy Warhol: After the Party” im Fotografiska zeigt selten gesehene Drucke, Polaroids und digitalisierte Filme, die unter anderem Warhols Selbstbild bezeugen und seinen warmherzigen Blick auf Weggefährt:innen, prominente wie die Sängerin Tina Turner und weniger prominente, die Lai:innen jenseits von New York nicht (mehr) kennen. Kurator Thomas Schäfer hat die Fotos thematisch geordnet – von Warhols Erholungszeit in dem Dorf Montauk auf Long Island über melancholische Ansichten von Festtafeln nach Partys bis zu Männerakten, die von Warhols Suche nach Bildern für homosexuelle Erotik zeugen. Das sind intime Sujets. Schäfer hat sie so behutsam in Szene gesetzt hat, dass Besuchende nicht zu Voyeurist:innen werden. Nur die Musik etwa von The Velvet Underground, die für Zeitkolorit sorgen soll, hätte nicht sein müssen: Sie wird hier zu Muzak. Übrigens folgt die Neue Nationalgalerie ab 8. Juni mit einem ähnlichen Thema: mit rund 300 Exponaten vieler Gattungen, die Warhols Ideale von männlicher Schönheit verbildlichen.

  • Fotografiska Berlin  Oranienburger Str. 54, Mitte, Mo–So 10–23 Uhr, Mo–Mi 14, Do/ Fr 15, Sa/ So 16 €, erm. 8 €, bis 15.9., Website
  • Panel Discussion – The Man Behind the Myth Fr 7.6., 18 Uhr: Sammler und Co-Kurator James R. Hedges IV, Warhol-Biografin Anette Spohn und Andrew Rossi (Serie „The Andy Warhol Diaries“) im Gespräch über Andy Warhol

„A Time in Pieces“ bei Between Bridges

Yarema Malashchuk & Roman Khimei, Dedicated to the Youth of the World II, 2019 and Dedicated to the Youth of the World III. Foto: Yarema Malashchuk & Roman Khimei

Donnernde Technobässe, tanzende Körper, sprechende und rauchende Münder in der Sonne, Ausgelassenheit – so war es vor dem Krieg in der Ukraine. Nach dem Krieg nur suchende, zweifelnde, wartende Blicke. In ihrer Videoarbeit „Dedicated to the Youth of the World II" (2019) dokumentierten Roman Khimei und Yarema Malashuchuk den Rave im berühmten Kyiver Club Cxema, der Nachfolger „Dedicated to the Youth of the World II" (2023) ist ein Reenactment und zeigt eine Jugend, der sich die vergangenen Jahre ins Gesicht manifestiert hat. Das Werk ist Teil der eindrücklichen Gruppenausstellung „A Time in Pieces", die mit der diesjährigen Kyiv Perennial entwickelt wurde – der Berliner Ausgabe der 5. Kyiv Bienniale. Im Fokus steht der Extremzustand der gegenwart, der alles zu dominieren und die Vergangenheit als verlorenes Paradies und neubelebte Geisterwelt, die Zukunft als Unmöglichkeit thematisiert.

  • Between Bridges Adalbertstr. 43, Kreuzberg, Mi–Sa 12–18 Uhr, bis 27.7.

Marianna Simnett: „Winner“ im Hamburger Bahnhof

Courtesy the artist and Societé Berlin
Marianna Simnett: “WINNER” (filmstill), 2024, Super-16-mm-Film auf Video übertragen. Courtesy the artist and Societé Berlin

Marianna Simnett zeigt im Hamburger Bahnhof eine Ausstellung über Fußball. Es geht um Leidenschaft, Gewalt und Einsamkeit im Stadion, und, ja, auch um die Melancholie, die an Würstchenbuden herrscht. Auf schräg gestellten Leinwänden laufen Videos mit kraftvollen und aufwändigen Choreografien zu Musik und bearbeiteten Originalsounds. Tänzer:innen führen Fouls in Zeitlupe auf, Maskottchen mutieren zu Ultras, die Spieler:innen beleidigen und isolieren eine von Wendy Houstoun perfekt verkörperte, in ihren Entscheidungen furchtbar einsame Schiedsrichterin. Für diese Inszenierung konnte die Performancekünstlerin Marianna Simnett unter anderem in einer Ausbildungsstätte für Schiedsrichter recherchieren: Die Kooperation des Museums mit der „Stiftung Fußball und Kultur EURO 2024“ hat Türen geöffnet. Und dass die in Berlin lebende Künstlerin aus dem Soccer-Land Großbritannien kommt, schadet auf keinen Fall: Schaut man länger hin, meint man sogar, britischen Klassenkampf zu sehen. 

  • Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20, Sa + So 11–18 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J, TLE + 1. So/ Monat frei, www.smb.museum, bis 3.11.

Clemens von Wedemeyer: „Social Geometry“ bei KOW Berlin

Courtesy the artist and KOW, Berlin
Clemens von Wedemeyer, “Surface / Composition”, 2024, video still, Courtesy the artist and KOW, Berlin

Vorsicht, diese Ausstellung kann schlechte Laune machen, gerade weil Clemens von Wedemeyers Videos bestechend gut sind. Überzeugend klar rückt der Berliner Künstler die Macht der Digitalkonzerne ins Bild. In der titelgebenden größeren Arbeit, einer abstrakt anmutenden Animation, verbinden sich weiße Punkte auf schwarzem Grund wie in interaktiven wissenschaftlichen Grafiken zu immer neuen Netzen (Abb.). Die Stimme der Musikerin Anne Clark suggeriert dazu, dass hier Gruppierungen von Individuen und soziale Bewegungen zu sehen seien. Die zweite Arbeit, „Surface Composition“ (2024), ist gegenständlich. In den USA hat von Wedemeyer die nichtssagenden, abweisenden Fassaden weltweit agierender Tech-Firmen gefilmt. Hier also arbeiten die Menschen, die unsere Daten sammeln, die unser Leben vielleicht so wahrnehmen wie wir die Cluster in dem abstrakten Film. Bedrückend. Aber gut, das einmal so klar vor Augen zu haben.

  • KOW Berlin Lindenstr. 35, Kreuzberg, Di–Sa 12–18 Uhr, Website, bis 29.6.

Echoes of the Future: künstlerische Interventionen” in der Biosphäre Potsdam

Foto: Valeriia Buchuk
Swaantje Güntzel: „Arctic Vault“, Installation, 2024 Biophäre Potsdam, Foto: Valeriia Buchuk

Es hat eine Weile gedauert, bis wir gelernt haben, dass Fische nicht stumm sind. Verfeinerte Technik hat es möglich gemacht. Ähnlich verhält es sich bei Bäumen: Auch sie erzeugen Klänge. Udo Koloska macht sie hörbar, in seiner Klang- und Lichtinstallation zum Baumsterben im Harz. Koloskas „Afterlife“ ist Teil einer Gruppenausstellung des Kunstvereins Artifakt in der Biosphäre, dem großen Tropenhaus in Potsdam. Sechs Künstler und Künstlerinnen intervenieren zwischen Bananenbäumen und Schmetterlingshaus mit Beiträgen zu Artensterben, Klima und dem menschlichen Umgang mit Natur. Kuratiert von Tuçe Erel, wurden die Arbeiten behutsam in das Biotop eingelassen und ergänzen die künstliche Lehridylle nun um skeptische Einwürfe. Das Spektrum reicht von von Käthe Wenzels hängenden Plastiken aus Nutztierknochen bis zu Swaantje Güntzels LED-Band mit den lateinischen Namen von Pflanzen, deren Saatgut in der Svalbard-Samenbank von Norwegen lagert (Abb.). Der schöne Nebeneffekt eines Ausstellungsbesuchs: Auf dem Weg zur Kunst kommen Besuchende in fast alle Winkel der Biosphäre.

  • Biosphäre Potsdam Georg-Herrmann-Allee 99, 14469 Potsdam, Mo­–Fr 9–18, Sa/ So 10–18 Uhr, 16/ 12 / 10/ 6 €, bis 3 J. frei, Website, bis 31.8.

Berta Fischer: „Fulimidron“ in St. Matthäus

Foto: Roman Maerz
Berta Fischer: "Fulimidron", 2024, Installation in St. Matthäus, Berlin, Foto: Roman Maerz

Seit kurz vor Pfingsten hängt die Installation „Fulimidron“ in St. Matthäus neben der Gemäldegalerie, geschaffen von der Künstlerin Berta Fischer, die auch Leiterin der bekannten Galerie Konrad Fischer ist. Die zweiteilige Arbeit beansprucht traditionelle Plätze für Kunst in Kirchen: den Altarraum sowie den Luftraum zwischen Gestühl und Dach. Das Material dagegen ist modern: Plexiglas, das Fischer in ihrem Atelier mit den Händen formt. Zusammengefügt ergeben die Teile eine Art Vorhang dort, wo man sonst ein Altarkreuz vermuten würde, und in der Mitte der Kirche eine filigrane, gewundene Form. Sie scheint auf den Altarraum zufliegen zu wollen und leuchtet in der Abendsonne in allen Spektralfarben. Das wirkt frühlingshaft erheiternd und erhellend, also sozusagen auch nach dem Kirchenfest geradezu pfingstlich.

  • St. Matthäus-Kirche Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–So 11–18 Uhr, Website, bis 7.7.

Zohar Fraiman: „Meme Me“ im Haus am Lützowplatz

Foto: Anna Wasilewski
Installationsansicht: „Zohar Fraiman – Meme Me“, 2024 im Haus am Lützowplatz, Foto: Anna Wasilewski

Populärkultur trifft Kunstkanon: In Zohar Fraimans bonbonbunten  Gemälden zeigen sich Taylor Swift, Princess Nokia, die Simpsons und Botticellis Venus. Doch die Berliner Künstlerin  hat all diese Gesichter zu neuen Antlitzen collagiert. Ihre Fantasiefiguren spiegeln sich in Telefonen oder sind damit beschäftigt, Selfies zu machen. In Fraimans Ausstellung „Meme Me“ geht es um Frauenbilder auf Smartphones, und um die Sucht, sich zu versichern, dass das Gesicht eigenen oder fremden Erwartungen entspricht. So bitterkomisch und satirisch hat Fraiman sie gemalt, dass ihre beiden Installationen fast nicht nötig gewesen wären. In ihnen können sich Besuchende mit Masken oder in Kulissen (Abb.) fotografieren. Angenehm spielerisch und interaktiv sind diese zwei Arbeiten dennoch. Durch den Garten geht es übrigens an Jim Avignons neuer Hofskulptur vorbei in die Studiogalerie. Hier erläutert eine Schau die Geschichte des Hauses am Lützowplatz und stellt den geplanten Erweiterungsbau vor.

  • Haus am Lützowplatz Lützowplatz 9, Di–So 11–18 Uhr, online, bis 21.7.

Michael Ruetz: „Timescapes“ in der Akademie der Künste am Pariser Platz

© Michael Ruetz
Michael Ruetz: Timescape 178, Alexanderufer Phase 05 06 13 18, © Michael Ruetz

Immer wieder hat er exakt dieselben Orte aus exakt demselben Blickwinkel fotografiert, etwa den Pariser Platz am Brandenburger Tor mit der Akademie der Künste, deren Mitglied er seit 1998 ist: der in Berlin geborene Michael Ruetz, ehemals Fotojournalist, dann freischaffender Fotograf. Jetzt zeigt die Akademie eine Werkschau des Künstlers, auch mit den Arbeiten vom Pariser Platz. Den nahm Ruetz bereits auf, als dort der Akademie-Neubau noch gar nicht stand. Seine „Timescapes“-Serien führen den Lauf der Zeit vor Augen. Sein Schaffen macht  Ruetz in mehreren Sälen transparent: thematisch und chronologisch gegliedert, mit  Dokumentarfilmen über seine Arbeit sowie Einblicken in sein Archiv und seinen Kamerafundus. Höhepunkt ist die Lichtbildschau, die Ruetz an seinem heutigen Wohnort in Süddeutschland mit Blick auf die Alpen aufgenommen hat. Nicht menschliches Handeln, nicht  Kriegszerstörungen, deutsche Teilung oder Bauwut im vereinten Berlin sind ihr Thema, sondern Naturkräfte.

  • Akademie der Künste  Pariser Platz, Di–So 11–19 Uhr, 10/ 7 €, bis 18 J., Di + 1. So/ Monat frei, adk.de, bis 4.8.

Letzte Chance: Diese Ausstellungen enden bald

Diese aktuellen Ausstellungen in Berlin sind nicht mehr lange zu sehen. Nutzt die Chance, sie an den letzten Tagen zu besuchen.

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Cures: Chronic Promises bei Savvy Contemporary

Foto: courtesy of Silverlens
Imelda Cajipe Endaya: “Balabal ni Lola Minggay”, 1995–1996, Acryl auf Assemblage und gipsgebundenem Textil, Foto: courtesy of Silverlens

Heilungen seien chronische Versprechen, behauptet der Titel der neuen Gruppenausstellung bei Savvy Contemporary. Bevor Besuchende dazu kommen, diese Worte auf die Goldwaage zu legen, können einige der kollektiv geschaffenen Arbeiten sie bereits voll erwischt haben, allen voran Lili Nascimentos bildmächtiger, autobiografischer Filmessay. Er handelt von der globalen Ungleichbehandlung von AIDS-Patient:innen, konkret: von Kindern in Brasilien, die mit HIV und AIDS leben müssen. Auch Shūji Terayamas fast 50 Jahre alten autofiktionalen Videos aus Japan können stark berühren. Sie thematisieren Verletzlichkeit, Krankheit und Verlust – was bleibt, ist Trauer. Lyrik, weitere Filme sowie Textil- und Knüpfarbeiten wie von Imelda Cajipe Endaya (Abb.) stellen Perspektiven auf indigene und alternative Heilverfahren vor. Über die Erfolgsaussichten mancher mögen Besuchende geteilter Meinung sein, aber sprechen sie jene zarte Sprache der Kunst, die bei Savvy den Ton setzt, seit Renan Laru-An 2023 die Leitung des großen Projektraums übernommen hat.

  • Savvy Contemporary Reinickendorfer Str. 17, Wedding, Do–So 14–19 Uhr,
    Website, bis 21.6.

Marcelina Wellmer in der Kunstbrücke am Wildenbruch

Videostil aus einer Arbeit von Marcelina Wellmer. Foto: Marcelina Wellmer

Passender könnte der Ort nicht sein: direkt am Kanal gelegen, ist in der Kunstbrücke am Wildenbruch die Ausstellung „You are among us, we are among you“ von Marcelina Wellmer zu sehen und es geht um Wasser. Genauer, um urbane Gewässer und was sich darin so tummelt und welche Verbindung wir damit haben. Die polnische Künstlerin bespielt das ehemalige Klohäusschen mit digitalen Videoarbeiten, Installationen, Tonaufnahmen, Fotografien und Dokumenten. Wellmer hat sich des Themas so ernsthaft wie verspielt angenommen und schafft auch medial einen reizvollen Mix. Beim Blick aus dem Fenster erweist sich die vorbeifließende Spree als kongeniale Partnerin.

  • Kunstbrücke am Wildenbruch Wildenbruchbrücke Ecke Weigandufer, Neukölln, Mi–So 12–18 Uhr, bis 23.6.

Aktuelle Ausstellungen: Diese Schauen laufen gerade

Hier kommt der große Überblick über alles, was wir derzeit in der Berliner Kunstwelt empfehlen: die Ausstellungen, die noch eine Weile laufen und sich lohnen.


„Radical Playgrounds“ am Gropius Bau

Yvan Pestalozzi – Lozziwurm, 1972, Gabriela Burkhalter - The Playground Project. Foto: Camille Blake

Einige Ideen zu dem Kunstparcours, so sagte Co-Kuratorin Joanna Warzsa beim Presserundgang, seien ihr gekommen, als sie stundenlang am Rand von Spielplätzen saß. Eltern kennen diese Müßige Zeit, in der die Kleinen sich im Sand vergnügen. Folgerichtig hat der „Radical Playground“, den Warzsa zur Fußball-EM der Männer gemeinsam mit den Benjamin Foerster-Baldenius vom Architekturbüro Raumlabor unter den Platanen des Parkplatzes am Gropiusbau aufbauen ließ, das Potenzial, Kinder wie Erwachsene zu beglücken. Pavillons und Spielstationen von 16 internationalen Künstler:innen und -gruppen, unter ihnen Tomás Saraceno, Florentina Holzinger und Raul Walch, ergeben nun einen Rundgang, der Regeln in Sport und Spiel humorvoll und kritisch hinterfragt. Die Themen reichen von der Zulassung von Frauen zu bestimmten Sportarten bis zur Geschichte des Ortes. Der Parkplatz befindet sich dort, wo einmal das Königliche Museum für Völkerkunde stand. Auch eine Dokumentarschau zur Geschichte deutscher Spielplätze gehört dazu. Wenn das Wetter mitspielt, können Erwachsene wie Kinder auf diesen „Radical Playgrounds“ ganze Tage verbringen.

  • Gropius Bau ParkplatzStresemannstr. / Ecke Niederkirchnerstr., Kreuzberg, Mi–So 11–20 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung zu Workshops und Performances hier, bis 14.7.

Morag Keil: „Artificial Intelligence“ bei Isabella Bortolozzi

Installationsansicht zu „Artificial Intelligence“ bei Isabella Bortolozzi, 2024. Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin. Photos © Graysc.

In jedem Raum ein anderer Raum: Die Londoner Künstlerin Morag Keil hat die Galerie Isabella Bortolozzi in eine Art Raumcollage verwandelt. Holzvertäfelungen und Schrankwände hier, kühle Büroraumatmosphäre dort, noch ein rätselhafter Raum, mit einem Computerarbeitsplatz und Spanplatten vor den Fenstern. Und dann ist da noch diese Kamera, die einen auf einem Bildschirm aufscheinen lässt, heran- und herauszoomt. Keil schafft eine undefinierbare Spannung, der man sich jedoch nicht entziehen kann.

  • Isabella Bortolozzi Schöneberger Ufer 61, Tiergarten, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 30.6.

 „Kader Attia: J’accuse“ in der Berlinischen Galerie

Foto: Kunsthaus Zürich / Franca Candrian
Kader Attia: „The Object’s Interlacing“, 2020, Ausstellungsansicht des Kunsthaus Zürich © VG Bild-Kunst, Bonn 2024, Courtesy the artist and Galerie Nagel Draxler Berlin/ Köln/ München, © Foto: Kunsthaus Zürich / Franca Candrian

Wer dachte, die Arbeiten von Kader Attia zur Genüge zu kennen, wird in der Berlinischen Galerie überrascht. Zwar folgt der französisch-algerische Künstler auch hier dem Motto „Reparatur“, unter dem er seine Arbeiten 2013 in den Kunst-Werken Berlin und 2012 auf der Documenta vorstellte. Auch in seiner Eigenschaft als Kurator der vergangenen Berlin Biennale blieb er ihm treu. In der Berlinischen Galerie bringt er noch einmal auf den Punkt, was er meint, und erweitert zugleich seine Perspektive. Im ersten Raum lässt er eigene Skulpturen in Gestalt von Porträts verstümmelter Soldaten ein radikales Plädoyer gegen jeden Krieg halten: Die Verwundeten scheinen gemeinsam mit den Besuchenden einen Ausschnitt aus Abel Gance Antikriegsfilm „J’accuse“ (1938) zu sehen. Im zweiten Saal (ähnlich wie auf dem Foto) stehen Repliken von Beutekunst aus kolonialen Kontexten, die Frankreich noch immer besitzt. Dazu läuft ein spannender Zusammenschnitt von Interviews, die Attia mit Expert:innen sowie Nachfahr:innen von Betroffenen auf europäischer und afrikanischer Seite geführt hat. Ein starkes körperliches und intellektuelles Erlebnis.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18.J. + 1. So/ Monat frei, online, bis 19.8.

Die Auto-Perforations-Artisten im Kunstverein Ost (KVOST)

Die Auto-Perforations-Artisten, Herz, Horn, Haut, Schrein, 1987, Foto: Karin Wieckhorst Courtesy: die Auto-Perforations-Artisten und KVOST
Die Auto-Perforations-Artisten Herz, Horn, Haut, Schrein, 1987 Foto: Karin Wieckhorst Courtesy: die Auto-Perforations-Artisten und KVOST

Mehr als 40 Jahre nach ihrer Gründung umweht die Auto-Perforations-Artisten der Hauch des Legendären: Im Dresden der 1980er-Jahre entwickelten Else Gabriel (Foto), Micha Brendel, Volker (Via) Lewandowsky und Rainer Görß eine ganz eigene Performancekunst. Auto-Perforations-Artisten wurden die wohl wirkmächtigste Gruppe der subversiven Kunstszene am Ende der DDR. Die Ausstellung bei KVOST erschließt ihre Bedeutung in einer Rückschau. Im Mittelpunkt stehen Fotos von den Aufführungen sowie zwei Filme, die Anleihen der Gruppe beim deutschen Expressionismus erkennen lassen. Ein Kabinett gibt Einblick in die Bespitzelung durch die Staatssicherheit und in die anonymen Bedrohungen, denen Else Gabriel ausgesetzt war. Eine Vitrine zur Rezeptionsgeschichte dokumentiert zudem, dass Rezensenten durchaus geteilter Meinungen waren: Je näher eine Zeitung der SED stand, desto unfreundlicher waren die Beurteilungen, in der eher kirchennahen sächsischen „Union“ dagegen fanden sich freundlichere Worte. Das alles präsentiert KVOST zwar auf wenig Raum, dennoch auf Kunsthallen-Niveau. Nicht zu fassen, dass dies die erste institutionelle Ausstellung der Gruppe in Berlin seit ihren Auftritten zur Wendezeit in der inzwischen umbenannten Galerie Weißer Elefant sein soll.  

  • Kunstverein Ost (KVOST) Leipziger Str. 47/ Eingang Jerusalemer Str., Mitte, Mi–Sa 14–18 Uhr, online, bis 27.7.

„Live Stream“ bei Fluentum

Foto: Stefan Korte
Installationsansicht von „Live Stream“, bei Fluentum, 2024, Foto: Stefan Korte

Zu Fluentum hinauszufahren, ist immer so eine Sache: Nicht, weil es weit wäre, die U-Bahn hält direkt um die Ecke am Oskar-Helene Heim. Sondern weil Ausstellungen aus der Video-Sammlung des Software-Unternehmers Markus Hannebauer in einem Gebäude stattfinden, das als Sitz des nationalsozialistischen „Luftgau“-Kommandos diente, dessen wuchtige Architektur genauso aussieht. Nach dem zweiten Weltkrieg nutzen es die US-Streitkräfte als Hauptquartier. Sven Johne zeigte im vergangenen Herbst hier Sven Johne die erste Ausstellung, die Gebäude und Geschichte gewachsen war: Sein Film „Das sowjetische Hauptquartier“ thematisierte Systemwechsel und deutsche Militärgeschichte am Beispiel einer verlassenen Brandenburger Villa. Jetzt arbeiten in einer Gruppenausstellung fünf Künstler:innen gegen die Überwältigungsarchitektur des Hauses an. Patricia L. Boyd, Jason Hirata, Nina Könnemann, Michael E. Smith und Matt Walch haben aus ihren Werkfundi Arbeiten ausgewählt, die so etwas wie eine Demokratisierung des Foyers versuchen. Das gelingt streckenweise ganz gut, vor allem dank Matt Walchs ramponierten Sofas (Foto) und seiner Videoarbeit zur Immobilienwirtschaft. Sie machen heutige antidemokratische Tendenzen im Wohnsektor fühlbar.

  • Fluentum Clayallee 174, Zehlendorf, Fr 11–17, Sa 11–16 Uhr, www.fluentum.org, bis 27.7.

Elizaveta Porodina: „Un/Masked" im Fotografiska

Elizaveta Porodina, Vivien Solari, 2021 © Elizaveta Porodina

Die Fotos von Elizaveta Porodina sehen aus, als hätte sie die Foto- und Filmgeschichte des 20. Jahrhunderts durch ihr Unterbewusstsein gejagt und wahlweise mit Weichzeichner oder Glitzerstaub überzogen. Schön und surreal sind ihre Fotografien, gespeist aus ihrer Liebe für Märchen, inspiriert von ihren Musen und entstanden aus dem unbedingten Bedürfnis, das eigne Innere wortlos auszudrücken. Die Autodidaktin Porodina, in München lebend, gehört zu den gefragtesten Fotograf:innen der Modeindustrie, lässt ihre russischen Wurzeln ebenso in ihre Arbeit hinein fließen wie ihre Erfahrung als studierte Psychologin. Somit changiert sie zwischen schönen Oberflächen und geheimnisvollen Unterwelten.

  • Fotografiska Museum Berlin Oranienburger Str. 54, Mitte, tägl. 10–23 Uhr, ab 14 €/ ermäßigt 8 €, bis 18.8.

Dan Lie: „Remains Remembering“ in der Galerie Barbara Wien

Detail von Dan Lie, Regarding Yellow Thoughts, 2023/2024, Courtesy: Dan Lie und Galerie Barbara Wien, Berlin. Foto: Nick Ash

Als Dan Lie mit einem Stipendium der KfW-Stiftung zu Gast  im Künstlerhaus Bethanien waren, fanden sie zur Zeichnung zurück. Die Großeltern von Lie hatten auf Java einen Comic-Verlag, Einflüsse aus der Graphic Novel finden sich in Lies aufwändigen, farbprächtigen, abstrakten Zeichnungen, die an Malerei denken lassen.  Sie sind mit verschiedenen Stiftarten und in unterschiedlichen Techniken ausgeführt. Zwei hängen nun in der Galerie Wien – zusammen mit den Installationen. Für sie sind Dan Lie - nicht-binäre Künstler:in, die sich im Englischen mit den Pronomen they/ them bezeichnen -  in Berlin bekannt:  große, aber filigrane Gehänge aus Hanf- und Baumwollstoffen. Die Textilien wurden mit Kurkuma gefärbt, um duftende Kräuter, Erde und Steine ergänzt und lassen an rituelle Gewänder denken. Tatsächlich fertigten Dan Lie sie während der Pandemie in einer Phase der Trauer – meditative Stücke, leicht transportierbar, mit denen Lie umweltschonend umgehen. Was bei Wien nach fünf Jahren nicht verkauft worden sein wird, geht zurück in den Materialfundus von Lies Atelier. Großartige Arbeiten, ein großartiges Konzept und ein Höhepunkt des diesjährigen Gallery Weekend: Dan Lie zählen zu Recht zu den Preisträger:innen der Nationalgalerie 2024, die im Juni im Hamburger Bahnhof ausstellen werden.

  • Barbara Wien Galerie und Buchhandlung Schöneberger Ufer 65, 2. Stock, Tiergarten, Gallery Weekend: Sa 11-19, So 11-18 Uhr, sonst Di-Fr 11-18, Sa 11-16 Uhr, www.barbarawien.de, bis 9.8.

Alexandra Pirici: „Attune“ im Hamburger Bahnhof

Blick in Alexandra Piriciss Ausstellung mit Performance im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 2024, Courtesy die Künstlerin, Hamburger Bahnhof und Audemars Piguet /Foto: Edi Constantin

Am schönsten ist der Gesang. Die Akustik der Bahnhofshalle trägt ihn weit: Eine trainierte Stimme allein kann ihn füllen. Jeden Tag führen die Mitglieder von Alexandra Piricis Ensemble Gesang, Bewegung und Tanz auf, zwischen Mineralien und anderen Stoffen, die in Glaskolben chemisch und physikalisch aufeinander reagieren. Und das ist dann auch schon die Botschaft: Mensch und Natur verhalten sich gar nicht so unterschiedlich, auch, weil Menschen ja aus nicht viel anderem bestehen als Wasser, Aminosäureketten und einigen Mineralien. Beide interagieren, verändern sich, bilden neue Formationen. Alexandra Pirici, die von Bukarest nach München kam und 2017 im rumänischen Pavillon der Venedig-Biennale ausstellte, bläst diese Fakten zu Bahnhofsgröße auf, wo sie teils wunderschön anzusehen sind. Nur spielen dürfen Kinder in dem Sand nicht.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50–51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa/ So 11–18 Uhr, 14/ 7 €, Familiensonntage: 10 € pro Familie, bis 18 J., TLE + 1. So/ Monat frei, 25.4.–6.10.2024

Casper David Friedrich in der Alten Nationalgalerie

Caspar David Friedrich, „Abtei im Eichwald“, 1809/10Öl auf Leinwand, 110,4 x 171 cmStaatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie.Foto: Andres Kilger

Wenn man eine Ausstellung dieses Jahr in Berlin sehen muss, dann diese! Zum 250. Jubiläum von Casper David Friedrich (1774–1840) feiert die Alte Nationalgalerie den großen deutschen Maler und einen der herausragendsten, wenn nicht den besten Landschaftsmaler überhaupt in der Ausstellung: „Casper David Friedrich. Unendliche Landschaften“. Zuvor hatte schon Hamburg Friedrich geehrt, Dresden wird folgen. Berlin lässt sich nicht lumpen und fährt groß auf: Über 60 Gemälde und 50 Zeichnungen Friedrichs aus dem In- und Ausland, darunter weltberühmte Werke wie das „Eismeer“, „Kreidefelsen auf Rügen“ oder der „Mönch am Meer“ sind zu sehen.

Überhaupt, diese Zeichnungen! Darin wird Friedrichs überragendes Talent noch offenbarer: selbst nur mit Kohlestift und auf flachem Papier lässt er Bäume, Pflanzen, ganze Landschaften lebendiger als jede VR-Darstellung erscheinen. Auch wenn der gebürtige Greifswalder als bedeutendster Maler der deutschen Romantik gilt, sind seine Bilder der Tiefe, Stille und unbedingten Präsenz über jede Zeitepoche erhaben und stets im Heute verankert. Neben der Präsentationen seiner ikonischen Werke steht die Wiederentdeckung der Malerei Friedrichs mit der legendären „Deutschen Jahrhundertausstellung“ 1906, seine Bilderpaare sowie der Werkprozess und seine Maltechnik im Zentrum der Ausstellung. Wir empfehlen, Tickets vorab zu buchen.

  • Alte Nationalgalerie Bodestr. 1-3, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, 16/ 8 €, 19.4.– 4.8., Tickets

Alfred Erhardt & Rolf Titgens: Hamburger Hafen und Norddeutsche Küste“ in der Alfred Ehrhardt Stiftung

Installationsansicht zu „Alfred Erhardt & Rolf Titgens: Hamburger Hafen und Norddeutsche Küste“ in der Alfred Ehrhardt Stiftung, 2024. Foto: artland

Als emotional und facettenreich lassen sich Rolf Titgens Fotos des Hamburger Hafens beschrieben, die ihn als Ort des Übergangs zwischen Land und Wasser darstellen. So fotografiert er beispielsweise nicht nur die Schiffe und technischen Gegebenheiten des Hafens, sondern auch den Handel und das nächtliche Vergnügen, das rund um den Hafen stattfindet. Zu sehen sind die Aufnahmen des deutsch-amerikanischen Fotografen in der Alfred-Erhardt-Stiftung. Der Ausstellung zugrunde liegt sein Fotobuch „Der Hafen“, das trotz des späten Erscheinungsjahres 1939 zu den besten Beispielen für die Stilrichtung des „Neuen Sehens“ in Deutschland gehört.

Wegen fehlender Negative und Originalabzüge des Hafenbuchs wurde eines der Original-Fotobücher zerschnitten, neu gerahmt und gemäß der Bildabfolge aufgehängt. In diesem Sinne läuft man als Besucher also durch das Buch. Neben den Hafen-Fotografien sind ebenfalls Orginalabzüge von Titgens Aufnahmen der norddeutschen Küste und dem Elbstrand ausgestellt. Seinen Heimathafen in Hamburg, den er im Buch porträtiert, musste der Fotograf Ende 1938 verlassen, als er aufgrund seiner Homosexualität vor dem nationalsozialistischen Regime nach New York flüchtete. Im Kontrast dazu stehen die Fotografien von Alfred Ehrhardt, die erstmals in dieser Doppelausstellung präsentiert werden. Sie erfassen den Hamburger Hafen viel sachlicher und stellen ihn als Schauplatz des Industriezeitalters dar. Die Fotografien Titgens und Erhardt verbindet der Ellermann Verlag, der zu Lebzeiten Fotobücher beider Künstler veröffentlichte. Ob sie sich damals auch persönlich kannten, bleibt jedoch eine unbeantwortete Frage. (Marie Mosebach)

  • Alfred-Erhardt-Stiftung Auguststr. 75, Mitte, Di-So 11-18 Uhr, bis 7.7.

Naama Tsabar: Estuaries im Hamburger Bahnhof

Ausstellungsansicht „Naama Tsabar. Estuaries“, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 12.04-22.09.2024. Courtesy of the artist and Dvir Gallery, Paris; Kasmin Gallery, New York; Goodman Gallery, London; Nazarian / Curcio, Los Angeles; and Spinello Projects, Miami © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jacopo La Forgia

Und plötzlich fühlt man sich ganz stark. Naama Tsabar hat aus Filzbahnen, Saiten von E-Gitarren, Mikrofonen und Verstärkern in drei Sälen des Hamburgers Bahnhofs einen Parcours aufgebaut, der Besuchende auffordert, Musik und Klang zu erzeugen. Mit ihrer Ausstellung „Estuaries“  („Mündungen“) kommentiert die New Yorker Künstlerin das 20. Jahrhundert, in dem Musiker und Künstler (männliche Form) Solostars ware - wie Joseph Beuys, dessen Werke aus der Museumssammlung Kuratorin Catherin Nichols in den Nachbarsälen neu aufgebaut hat. Der Klang von Tsabars Instrumenten umspült sie. Im besseren Fall ergänzen sich die musikalischen Versuche der Besuchenden zu einem rhythmischen Klangteppich. Im Normalfall bleibt das Gefühl, mit dem Anschlagen einer Saite eine Halle zu füllen: machtvoll, sexy und irgendwie männlich. Schade nur, dass diese Möglichkeit zur Ermächtigung etwas spät kommt. Rockstars sind ja so was von 20. Jahrhundert. (cwa)

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/ 51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10-18, Do 10-20, Sa/So 11-18 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J. TFL + 1. So/ Monat frei, bis 22.9.

Franz Wanner: „Mind the Memory Gap“ und „Ré-imaginer le passé“ im Kindl-Zentrum

Foto: Jens Ziehe, 2024
Ausstellungsansicht „Ré-imaginer le passé“, KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Maschinenhaus M2, Foto: Jens Ziehe, 2024

Eine gelungene Kombination zeigt das Kindl-Zentrum für Zeitgenössische Kunst. Die Gruppenschau „Ré-imagine le passé“ (Abb.), entwickelt in Dakar, lässt zehn Künstler:innen und -gruppen von kolonialer Vergangenheit und heutigem Verhältnis zwischen Nord und Süd erzählen. Installationen, Textilarbeiten, Malerei und ein wunderbarer Duft entfalten eine sinnliche Fülle von Eindrücken, die Beziehungen zwischen Menschen, Orten und Kontinenten imaginieren lässt. Und sie ermuntert dazu, entweder Überlieferungen zu überprüfen oder Geschichten weiterzuspinnen. Franz Wanner dagegen hält sich in seiner höchst konzentrierten Einzelschau einen Stock tiefer strikt an Fakten. Wanner berichtet mit präziser Fotografie sowie Texten und Plastiken von Firmen, die im nationalsozialistischen Deutschland von Zwangsarbeit profitierten und bis heute produzieren. Dazu gehört offenbar auch die Berliner Brauerei Kindl, die im heutigen Kindl-Zentrum Bier herstellte. Die Baracken der Zwangsarbeiter standen gleich nebenan, dort, wo heute die Jobagentur Neukölln ihren Sitz hat.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12–20, Do–So 12–18 Uhr, 7/ 4 €, bis 18 J. frei + 1. So/ Monat frei, kindl-berlin.de, Wanner bis 14.7., "Ré-imagine le passé" bis 28.7.

Noa Eshkol: No Time to Dance

© The Noa Eshkol Foundation for Movement Notation, Holon, Israel
Documentation of the model (orbit) of the system of reference the mobile exhibition on the Eshkol-Wachman movement notation. Noa holds the system model (1=45 degrees). 1957, photo: John G Harries © The Noa Eshkol Foundation for Movement Notation, Holon, Israel

Vom Tanz zur Textilkunst: Das Georg-Kolbe-Museum zeichnet den Bruch im Werk von Noa Eshkol in seinem historischen Umfeld nach. Anlass ist der 100. Geburtstag der israelischen Tänzerin, Choreografin und Künstlerin, die 2007 starb und mit Beginn des Jom-Kippur-Kriegs 1973 von der Bühne ins Atelier wechselte. Die umfassende Rückschau im Kolbe-Museum stellt Eshkol als Erbin des modernen Tanzes vor, wie er in der Dresdner Palucca-Schule einen seiner Anfänge nahm. Sie führt zu Eshkols Partnerarbeiten etwa mit dem Architekten Abraham Wachmann und dem Bewegungsforscher Moshé Feldenkrais, und sie erläutert Eshkols Sicht auf ein mögliches Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Nahost. Was in der Berliner Galerie Neugerriemschneider mehrmals in Ausschnitten zu sehen gewesen war, ergibt im Kolbe-Museum einen großen stimmigen Bogen. Und wird sinnvoll ergänzt durch neuere Videos von Yael Bartana und Omer Krieger, die Eshkols choreografisches Werk hinterfragen und aktualisieren.

  • Georg-Kolbe-Museum Sensburger Allee 25, Charlottenburg, Mi–Mo 11–18 Uhr, 8/ 5 €, bis 18 J. + 1. So /Monat frei, georg-kolbe-museum.de, bis 25.8.

Kunst als Beute. 10 Geschichten

Foto: Stiftung Humboldt Forum
Blick in die Ausstellung „Kunst als Beute. 10 Geschichten“, Foto: Stiftung Humboldt Forum

Die neue Sonderausstellung im Humboldt Forum, die aus dem Den Haager Museum Mauritiushaus kommt, handelt von Raubkunst – geraubten Kulturgütern aus kolonialen Kontexten, Kriegsbeute und von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Gemälden. Doch ehrlich gesagt: Besonders viel ist nicht zu sehen. Zehn geraubte Objekte sind im Original oder als Replik ausgestellt, und über VR-Brillen sollen sich deren Provenienzgeschichten vermitteln. Freundliche Mitarbeitende setzten den Besuchenden die Geräte auf. Ob die Quadriga vom Brandenburger Tor, die unter Napoleon zeitweise in französischem Besitz war, oder der magische Dolch, den niederländische Kolonialisten nach einem Gemetzel von Bali nach Europa brachten: Die 3D-Panoramen wirken wie aus einem stimmungsvollen Computerspiel, Informationen aber enthalten sie kaum.

  • Humboldt Forum Schloßplatz, Mitte, Mi–Mo 10.30–18.30 Uhr, Eintritt frei, humboldtforum.org, bis 26.1.2025

„Soft Power“ im Potsdamer Kunsthaus Das Minsk

Courtesy Der Künstler und Goodman Gallery
William Kentridge: „Germanie et des pays adjacents du sud et de l'est“ [Germanien und die angrenzenden Länder im Süden und Osten], erstmals gewebt 2001. Courtesy Der Künstler und Goodman Gallery

Was sich alles mit Fäden machen lässt! Die Gruppenausstellung "Soft Power" im Das Minsk, Potsdam, veranschaulicht die Vielfalt von Textilkunst mit Beispielen aus mehreren Jahrzehnten, aus Ost wie West, Nord und Süd. So schuf die polnische Künstlerin Magdalene Abakanowicz bereits in den 1960er-Jahren riesige Fabelwesen aus Sisal, Hanf und Pferdehaar und stellte sie später in einer Wüste auf. Maria Lai gewann 1981 Bewohner:innen eines Städtchens auf Sardinien dafür, ihre Häuser quer über die Straßen mit blauen Stoffstreifen zu verbinden. Von William Kentridge (Abb.) über Rosemarie Trockel bis Otobong Nkanga: Die versammelten Arbeiten erzählen von der Herkunft der Materialien, von Handelsbeziehungen und Stoff im Dienst der Politik. Und sie verwischen die Grenzen zwischen Bildender und Angewandter Kunst. Nicht zuletzt passt diese Ausstellung perfekt zur Brandenburger Landeshauptstadt: Potsdam war ein Textilzentrum. Davon zeugt noch der Stadtteil mit dem Namen Weberviertel.

  • Das Minsk Max-Planck-Str. 17, Potsdam, am Hauptbahnhof, Mi–Mo 10–19 Uhr, 10/ 8 €, bis 18 J., TLG + letzter So/ Monat frei, dasminsk.de, bis 11.8.

Nancy Holt und Pallavi Paul im Gropius Bau

© Holt/Smithson Foundation, VG Bild-Kunst, Bonn 2023, Courtesy: Sprüth Magers
Nancy Holt: “Sunlight in Sun Tunnels” (1976), Inkjet print on archival rag paper; composite made by the artist from original 35mm transparencies, 127.3 x 156.2 cm © Holt/Smithson Foundation, VG Bild-Kunst, Bonn 2023, Courtesy: Sprüth Magers

Während der Eröffnung am 20. März gab es eine kleine Panne. Nancy Holts große Installation aus leuchtenden Bögen, prominent platziert im prächtigen Lichthof des Hauses, erlosch. Ein schönes Sinnbild dafür, wie anfällig Technik ist - und wie beständig das Tageslicht, das die US-amerikanische Künstlerin in ihrer Land Art erforschte. Nancy Holt (1938-2014) war eine der wenigen Frauen in dieser Disziplin, in der Künstler:innen die Weiten von Wüsten und Prärien bestückten. Holts wackelige Pionierfilme, mit denen sie Landschaft subjektiv vermaß, wirken zunächst wie das Gegenteil heutiger Drohnenfilme von atemberaubenden Landschaften und können doch als eine Art Vorläufer von ihnen gelten. Apropos Film: Pallavi Paul war Stipendiatin am Gropius Bau. Die Filmkünstlerin und -wissenschaftlerin zeigt im oberen Stockwerk einen großartigen Film mit drei Totengräbern in Indien. Sie erinnern sich an ihre Arbeit während der Covid-Pandemie.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mo, Mi–Fr 11–19, Sa/ So 10–19 Uhr, 15/ 10 €, bis 18 J. + TL frei, berlinerfestspiele.de, bis 21.7.

„Der Gertraudenhain“ von Christof Zwiener am Spittelmarkt

Foto: Christof Zwiener
Gertraudenhain / Christof Zwiener, 2024, Foto: Christof Zwiener

Die Arbeiten in der Grünanlage am Spittelmarkt für Christof Zwieners „Gertraudenhain“ haben begonnen. Zum Auftakt hielt die Stadtökologin Sina Franke im benachbarten Kieztreff einen Vortrag über „Tiny Forests“, winzigste Wälder, die unter bestimmten Bedingungen in der Stadt rasch wachsen und das Mikroklima verbessern können. Einen solchen Tiny Forest will der Berliner Künstler Christof Zwiener mit Hilfe von Nachbar:innen am Spittelmarkt pflanzen. Zwiener gehört zu den Gewinnenden eines Wettbewerbs für temporäre Kunst an der Leipziger Straße. Zwei Pointen hat sein „Getraudenhain“: Zwiener muss ihn so pflanzen, dass der Wald nicht nur Wald, sondern auch Kunst ist. Und zweitens sind Bäume nicht temporär im Sinne der Regeln für Kunst im öffentlichen Raum. Sie schlagen Wurzeln.

  • Grünanlage Spittelmarkt, Mitte, rund um die Uhr, bis 30.6., online

„Hans Uhlmann“, „Closer to Nature“ und „Kotti-Shop/ SuperFuture“ in der Berlinischen Galerie

Foto: Wolfgang Günzel
Aus Pilzen gebaut und duftet nach Wald: "MY-CO-X, MY-CO Space", 2021 © tinyBE, 2021,
Foto: Wolfgang Günzel

Dieser Zusammenklang ist gelungen: Im Museum Berlinische Galerie laufen drei Ausstellungen, die auf den ersten Blick von sehr verschiedenen Themen handeln. Die Retrospektive „Hans Uhlmann“ ruft einen West-Berliner Nachkriegskünstler ins Gedächtnis, der in Fachkreisen in Vergessenheit geriet, obwohl er in Berlin mit seinen filigranen, von Freiheit kündenden Plastiken sehr präsent ist, etwa vor der Deutschen Oper und auf dem Hansaplatz. Die Schau stellt das ehemalige KPD-Mitglied, das unter den Nationalsozialisten inhaftiert wurde, als Bildhauer, Zeichner und Ausstellungsmacher vor. „Closer to Nature“ führt in Bauprojekte aus ökologischen Materialen wie Pilzen ein (Abb.) ein, die zum Teil bereits Wirklichkeit sind – wie die Versöhnungskapelle an der Bernauer Straße, die aus gestapftem Lehm gefertigt wurde. Und der Kreuzberger Projektraum Kotti-Shop präsentiert in einem beeindruckend gestalteten Raum, wie sein Team mit Anwohner:innen des Kottbusser Tors Ideen für eine bessere Nachbarschaft entwickelt. Zusammen ergeben die drei Ausstellungen einen großen Parcours mit Antworten auf die Frage: Wie wollen wir eigentlich leben?

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. + Geflüchtete frei, berlinischegalerie.de, 16.2.–14.10.

Fokus Schinkel. Ein Blick auf Leben und Werk

© Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Friedrichswerdersche Kirche Dauerausstellung "Ideal und From. Skulpturen des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung der Nationalgalerie"© Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Friederike und Luise sind ja zurück in der Friedrichswerderschen Kirche am Auswärtigen Amt: Hold, lieblich, stolz und frisch restauriert lächeln die preußischen Prinzessinnen in Johann Gottfrieds Schadows Gipsmodell Besuchenden entgegen (Foto, Mitte). Seit 24. November informieren die Staatlichen Museen nun genauer über den Erbauer der Kirche: Auf der Empore führen 14 Tafeln in Leben und Werk von Karl Friedrich Schinkel ein – seine wichtigsten Bauten in Berlin zeigen wir euch hier.

  • Friedrichswerdersche Kirche Werderscher Markt, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, Eintritt frei, bis auf Weiteres

Neue Nationalgalerie: „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft“

Wolfgang Mattheuer: Brasker Landschaft, 1967, Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie. Foto: Roman März

In der Neuen Nationalgalerie zeigt sich der nächste Teil der Sammlung neu sortiert: Die Ausstellung
„Zerreißprobe“ präsentiert Kunst nach 1945. Ost und West finden hier zusammen – genauso wie Kunst
und Politik. Unter den 170 Arbeiten der Ausstellung gibt es jede Menge bekannte Werke. Neben Werken der üblichen Verdächtigen von Marina Abramović bis Andy Warhol aus der ehemaligen Nationalgalerie-West an der Potsdamer Straße hängen jetzt Arbeiten bekannter Ostgrößen wie Wolfgang Mattheuer Harald Metzkes oder Werner Tübke, die die  auf der Museumsinsel gelegene Nationalgalerie-Ost sammelte.

Verantwortlich für die Schau sind der für die Sammlung zuständige stellvertretende Direktor Joachim Jäger, die wissenschaftliche Mitarbeiterin Maike Steinkamp sowie die Kunsthistorikerin Marta Smolińska von der Universität der Künste in Poznań. „Zerreißprobe“ ist laut Joachim Jäger der Versuch einer Darstellung, die den Entwicklungen von Meinungen und Werten in der Gesellschaft folge. Die Gesellschaft entscheidet über die Kriterien der Kunst. Das war schon immer so, nur obsiegen nun offenbar Gesinnung, Moral und Geschlecht über Ästhetik.

Die Geschichte schreiben immer die Sieger. „Die Einfühlung in den Sieger kommt demnach den jeweils Herrschenden allemal zugut“, formulierte 1940 Walter Benjamin. Denn die im Dunkeln, die Ausgeschlossenen und Vergessenen, sieht man ja nicht – und sie sind auch in der Neuen Nationalgalerie nicht zu sehen, beispielsweise Werke der Art brut, Werke der oft autodidaktischen Kunst gesellschaftlicher Außenseiter, die, wie Jäger sagt, nicht in der Sammlung vertreten  sind.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di/ Mi, Fr–So 10–18, Do 10–20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J. + 1.  So/ Monat frei, bis 28.9.2025

Unbound: Performance as Rupture

Akeem Smith, Social Cohesiveness, 2020, Drei-Kanal-Videoinstallation, 32′53″, Farbe, Ton. Installationsansicht, UNBOUND, JSF Berlin. Foto: Alwin Lay.

Performance ist die Kunstform der Stunde, das hat nicht zuletzt das Performance-lastige Programm der Berlin Art Week gezeigt. Die neue Sammlungspräsentation „Unbound: Performance as Rupture“ der Julia Stoschek Foundation untersucht, wie Künstler:innen historische Narrative und Ideologien der Unterdrückung mithilfe von Performance und Videokunst seit den 1960er-Jahren bis heute in Frage stellen. Darunter Ikonen wie Valie Export und Shootingstars wie Akeem Smith. 

  • Julia Stoschek Foundation Leipziger Str. 60, Mitte, Sa+So 12–18 Uhr, 5 €, bis 18 J. frei, bis 28.7.2024

Gerhard Richter – 100 Werke für Berlin

Blick in die Ausstellung „Gerhard Richter. 100 Werke für Berlin“, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: David von Becker

100 Arbeiten leiht der berühmte Maler Gerhard Richter der Neuen Nationalgalerie auf lange Zeit, und sie alle passen in das Grafikkabinett im Untergeschoss des Museums. Denn unter den Abstraktionen befinden sich viele kleine übermalte Fotos – Spitzenstücke, eine Wucht. Im Zentrum jedoch hängt der „Birkenau“-Zyklus, mit dem Richter die Grenzen der Kunst im Angesicht von Verbrechen der Nationalsozialist:innen thematisiert. Als Vorlage dienten Fotografien, die Häftlinge unter Lebensgefahr in Auschwitz-Birkenau aufgenommen und aus dem Konzentrationslager geschmuggelt hatten.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di–Mi, Fr–So 10–18, Do bis 20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J., Do ab 16 Uhr + 1. So/ Monat frei, Tickets hier, bis auf Weiteres

Ts’ uu – Zeder. Von Bäumen und Menschen

Ansicht der temporären Ausstellung "Ts'uu – Zeder. Von Bäumen und Menschen" im Humboldt Forum. Foto: © 2020 by Alexander Schippel

Was länger währt, wird womöglich besser: Die Ausstellung „Ts̓  uu – Zeder“ des Ethnologischen Museums konnte pandemiebedingt nicht  mit den Sälen eröffnen, die im Herbst das Humboldt Forum komplettiert haben. Doch nun ist die Schau über Regenwälder an der Westküste Kanadas fertig, eine Koproduktion mit dem hochmodernen Haida Gwaii Museum auf gleichnamigem Archipel vor der Küste British Columbias. Sie zeigt, wie erhellend und publikumsfreundlich transkontinentale und transdisziplinäre Zusammenarbeit sein kann. Nur einen Saal mit 130 Exponaten umfasst die Schau, die genauso Ruhe wie Abwechslung bietet, dank einer Sitzecke und des Einsatzes verschiedener Medien. Selbstverständlich gibt es klassische Objekte wie Wappenpfähle. Daneben aber hängen Reportagefotos und bedruckte T-Shirts. Sie bezeugen Proteste Indigener gegen die Abholzung der Regenwälder durch euro-kanadische Firmen.

  • Humboldt Forum Schlossplatz 1, Mitte, Mi–Mo 10.30–18.30, Eintritt frei, bis 12.1.2025

Mehr Kunst und Ausstellungen in Berlin

Blick nach vorn: Die wichtigsten Ausstellungen im Kunstjahr 2024. Überblick verloren? Sobald die Infos da sind, steht hier das Wichtigste zur Berlin Art Week. Geht immer: Wir zeigen euch wichtige Ausstellungshäuser, Galerien und Museen für Kunst in Berlin. Gut zu wissen: Am Museumssonntag ist der Eintritt kostenlos, jeden ersten Sonntag im Monat. Keine Kunst, sondern Sci-Fi-Saga: Das erwartet euch bei der „Star-Wars“-Fan-Ausstellung „The Fans Strike Back“ im Napoleon Komplex.

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