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Franz Kafka in Berlin: Die Stationen im Leben des Schriftstellers

100 Jahre Kafka, auch in Berlin! Nur 40 Jahre alt wurde der weltbekannte Schriftsteller, geboren in Prag und gestorben in Klosterneuburg in der Nähe von Wien. Dazwischen lebte er die meiste Zeit in Prag, in den letzten Lebensmonaten aber in Berlin, die Stadt, die für ihn „wie der Himmel über der Erde war“. So zumindest schwärmte er in einem Brief an seine Freundin Felice Bauer von der deutschen Hauptstadt. Es war ein kurzer Aufenthalt, der jedoch prägend war – unter anderem entstand in der Stadt das wohl berühmteste Foto des Schriftstellers. Kommt mit auf eine Reise durch Franz Kafkas Berlin.


Kafka in Berlin: Kafka, der Theater-Gänger

Das Deutsche Theater und die Kammerspiele stehen noch heute und bieten tägliches Theater-Programm. Foto: Jörg Zägel/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0

Kafka war erstmals im Jahr 1910 in der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs. Als Tourist und Theater-Liebhaber hat er das Deutsche Theater und die Kammerspiele, das Lessing-Theater sowie das Metropol-Theater besucht. Letzteres langweilte ihn allerdings gähnend. Das Deutsche Theater sowie die Kammerspiele befinden sich nach wie vor an der Schumannstraße. Das Metropol-Theater befand sich von 1892 bis 1944 in der Behrenstraße 55-57, heute der historische Saal das Herzstück der Komischen Oper. Das Lessing-Theater befand sich am Friedrich-Karl-Ufer, dem heutigen Kapelle-Ufer, wurde aber 1945 durch einen Luftangriff der Alliierten zerstört. Hier zu finden: das aktuelle Bühnenprogramm.


Die Charlottenburger Wohnung der Bauers

Hier wohnte Familie Bauer, nachdem sie aus Prenzlauer Berg weggezogen war. Foto: Ungenannt – www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH/Wikimedia Commons

An seinen ersten Besuchen in Berlin und bei seiner Freundin Felice Bauer, die er 1912 in Prag kennenlernte und mit der er regen Briefkontakt pflegte, besuchte Kafka seine Freundin bei ihren Eltern in Charlottenburg. Diese wohnten in der Wilmersdorfer Straße 73, Ecke Mommsenstraße. Er war hier oft zu Besuch, hielt hier bei Felice Bauers Vater um ihre Hand an und feierte am 1. Juli 1914 die Verlobung.


Kafka in Berlin: Ankunft am Askanischen Platz

Prunkvoll und riesengroß war leider gestern: der Anhalterbahnhof war zeitweise der größte Bahnhof Europas, heute lässt nur noch das Anhaltertor erahnen, was vorher mal da war. Foto: Imago/Arkivi

Der Bahnhof am Askanischen Platz, war nach dem am Potsdamer Platz, Berlins ältester Bahnhof und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Verkehrspunkt für Fernreisen durch Europa. So reiste auch Kafka hier an und wieder ab, wenn er in Berlin zu Besuch war. Leider ist von dem einstigen Prachtbau nicht mehr viel zu sehen, einer von einigen Bahnhöfen Berlins, die nicht mehr angefahren werden. Im Hotel Askanischer Hof an der Königgrätzer Straße 21 (heute Stresemannstraße 111) übernachtete er. Am 12. Juli 1914, kurz nach der ersten Verlobung mit Felice Bauer, fand in diesem Hotel eine Aussprache zwischen Kafka und Felice Bauer statt, an der auch Felice‘ Schwester Erna Bauer und die Freundin Grete Bloch teilnahmen. Grete Bloch fütterte Felice Bauers Zweifel an Kafkas Zuverlässigkeit zusätzlich, weshalb es dann zum Bruch kam.


Kafka in Berlin: Die Sorgen ertränken am Stralauer Ufer

In der Innenstadt zu schwimmen ist heute nicht mehr erlaubt, obwohl der Fluss früher dreckiger und der Verkehr lebhafter war. Foto: Bundesarchiv/Wikimedia Commons/CC-BY-SA 3.0

Nach der Aussprache im Hotel fuhr Kafka erst nach Charlottenburg zu den Eltern von Felice Bauer, um die Verlobung aufzulösen. Anschließend schwamm er bis zu seiner Rückreise nach Prag zweimal in der Flussbadeanstalt Pochhammer am Stralauer Ufer, die nahe des Stadtbahnhofs Jannowitzbrücke lag. Die Spree prägte die Hauptstadt, heute und auch früher.

Angrenzend an die Badeanstalt lag das Ausflugslokal Belvedere, in dem sich Kafka einen Tag nach der Auflösung der Verlobung zwischen ihm und Felice Bauer, mit Erna Bauer traf. Noch heute gibt es an gleicher Stelle einen Biergartenbetrieb, und auch das Marinehaus gegenüber, das Kafka ebenfalls beschrieben hat, existiert noch immer.


Spaziergänge im Tiergarten und Grunewald

Fast verwunschen: zum Kleist-Grab am kleinen Wannsee nahm Kafka seine Freundin mit auf einen Spaziergang. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Im Großen Tiergarten ging Kafka mit seiner Freundin Felice stundenlang spazieren und machte ihr dort einen ersten Heiratsantrag – zu seinem Leide ohne Zustimmung.

An Ostern und Pfingsten 1913 führten weitere Spaziergänge in den Grunewald und zum Nikolassee. Dabei besuchten die beiden das Grab von Heinrich von Kleist, der dort neben seiner Freundin Henriette Vogel lag, die er mit in den Tod nahm, als er erst sie und dann sich selbst erschossen hat. Kein sonderlich romantischer Spaziergang.


Kafka in Berlin: Die erste Wohnung in Steglitz

Mit seinem Umzug nach Berlin im August 1923 – die Tuberkulose machte ihm in Prag mehr zu schaffen als im grünen Steglitz – zog er in eine Mietwohnung in der Miquelstraße. Es war die Zeit der Hyperinflation, und die Miete von vier Millionen Reichsmark war zwar unfassbar hoch, für Kafka aber noch bezahlbar. Seine Vermieterin Clara Hermann sah, dass der Schriftsteller noch mehr zahlen könnte und zog die Mietkosten an: Anfang November lag die Miete bei einer halben Billion Reichsmark. Kafka fühlte sich von seiner Vermieterin ausgenommen und schrieb inspiriert von den Erfahrungen mit Clara Hermann später die Erzählung „Eine kleine Frau“. Mieten in Berlin sind immer noch teuer – dies sind die teuersten Gegenden der Stadt. Das Haus, in dem Kafka zuerst wohnte, steht heute nicht mehr. Aus der Miquel- wurde die Muthesiusstraße, das Haus stand an der Ecke Rothenburgerstraße.


Kafka in Berlin: „Mein Potsdamer Platz ist der Steglitzer Rathausplatz“

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Heute rauschen hier die Autos vorbei – für Kafkas empfindliche Ohren unerträglich. Foto: Imago/Schöning

In der stinkigen Luft der Großstadt konnte Kafka schlecht atmen, deshalb bevorzugte er es, in seinem eigenen grünen Vorort seine Zeit zu verbringen. In einem Brief an seinen Freund Max Brod spricht Kafka vom Steglitzer Rathausplatz als „mein Potsdamer Platz“. Heute ist das ein eher charakterloser Platz, aber das war nicht immer so, denn der Potsdamer Platz war einst Mittelpunkt der Stadt. Der Weg ins Stadtzentrum ist zu kräftezehrend – und für den geräuschempfindlichen Kafka auch zu laut. Ist es ihm auch dort zu viel geworden, verlor er sich, falls es die Kraft noch zuließ, in die stillen herbstlichen Alleen rund um den Steglitzer Rathausplatz.


Luft holen im Tropenhaus

Die hohe Luftfeuchtigkeit im Tropenhaus tat der Lunge gut und die Ruhe den Ohren. Foto: Imago/David Heerde

Besonders mit zunehmender Lungenkrankheit ging Kafka gerne, soweit es die eigene Kraft zuließ, in den Botanischen Garten. Auf 1.800 Quadratmeter Fläche genoss er seine Nachmittage in besonderer Ruhe und zwischen Palmen, Bambus und verschiedenen Farn-Sorten. Nur einige Gehminuten entfernt von seinen Wohnungen in Steglitz entfernt fand er seinen Rückzugsort, um die reine Luft genießen zu können.


Umzug in die Grunewaldstraße

Noch heute hängt diese Gedenktafel an dem Haus, in dem Kafka zweieinhalb Monate lebte. Foto: Von OTFW, Berlin/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0

Am 15. November 1923 zog Kafka in die Grunewaldstraße 13 um, die sich unweit der alten Wohnung befand. Aus der alten Wohnung bei Carla Hermann wurde er rausgeschmissen, weil er die horrenden Summen für die Miete nicht mehr zahlen konnte. Immer noch unsagbar teuer, doch besser ausgestattet war das neue Heim: zwei Zimmer, eine schöne Aussicht, Morgensonne, Zentralheizung und elektrisches Licht erwarteten ihn und seine damalige Freundin Dora Diamant. Diese Adresse ist der Ort, an dem Kafkas Präsenz am sichtbarsten war. Vor dem Haus hängt eine weiße Marmortafel, die an den ehemaligen Bewohner der kleinen Villa erinnert.


Letzte Station: Zehlendorf

Die letzte Adresse Kafkas lag an der Heidestraße 25/26, die zur Busseallee 25/26 (jetzt Hausnummer 7/9) wurde. Gebaut worden ist Villa im Jahr 1905 für den Schriftsteller Carl Busse, der an der Spanischen Grippe starb und zu dessen Andenken die Heidestraße, in der die Villa stand, umbenannt wurde. Im Angesicht der sich verschlimmernden Tuberkulose-Erkrankung verließ Kafka die damit letzte Station Berlins, um über einen Umweg nach Prag ins Sanatorium in der Nähe von Wien zu gelangen, wo er im Alter von nur 40 Jahren am 3. Juli 1924 verstarb. Die Villa wurde in den 1990er-Jahren abgerissen, jetzt steht auf dem einstigen Kafka-Grundstück ein charakterlose Wohnanlage.


Das letzte Foto aus dem Wertheim-Kaufhaus am Leipziger Platz

Weltbekanntes Porträt made in Berlin: Kurz vor seinem Tod ließ sich Kafka nochmal ablichten. Foto: Imago/Bridgeman Images

Kafka war kein sonderlich großer Foto-Fan. Kurz vor seinem Tod traute er sich doch nochmal vor die Kamera: im Wertheim Kaufhaus am Leipziger Platz ließ er das Porträt von sich schießen, das jetzt weltbekannt ist. In Berlin befanden sich einst zahlreiche historische Kaufhäuser, die es nun nicht mehr gibt. Am Standort des Wertheim-Kaufhaus, das einst einen Meilenstein der modernen Architektur im Kaiserreich setzte, steht jetzt die Mall of Berlin – ganz schön traurig!


Kafka in Berlin: Auseinandersetzung mit dem jüdischen Glauben

Im Leo-Baeck-Haus lernte Kafka seine jüdische Kultur besser kennen, heute sitzt hier der Zentralrat der Juden in Deutschland. Foto: Imago/Schöning

Einst schrieb Kafka einen Brief an seinen Vater, in dem er bemängelte, dass die Art, wie sie das Judentum auslebten, keine spirituelle Kraft habe. Um sich deshalb intensiver mit dem Judentum auseinanderzusetzen, ging Kafka ab Mitte November 1923 zweimal wöchentlich in die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in der damaligen Artilleriestraße 14, heute Tucholskystraße 9. Er ging dort hin für Vorträge, Talmud- und Hebräischstudien. Heute heißt das Schulgebäude Leo-Baeck-Haus, benannt nach dem Rabbiner Leo Baeck, und ist seit 1999 Sitz des Zentralrats der Juden in Deutschland.


Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung von Michael Bienert, der der Redaktion sein Buch „,Wie der Himmel über der Erde‘ Kafkas Orte in Berlin [1910–1924]“ zur Verfügung gestellt hat. Dieses Buch entstand im Auftrag der Stiftung Kleist-Museum für die Reihe „Frankfurter Buntbücher“. Die literarischen Reiseführer beschäftigen sich mit Schriftsteller:innen, die in der Mark Brandenburg und in Berlin wirkten.


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