Museum

Neue Nationalgalerie: Wiedereröffnung einer Ikone – so war der erste Besuch

Die sanierte Neue Nationalgalerie sieht zur Wiederöffnung aus wie immer. Nur eben sehr viel frischer. Same, same, but better. Kurz: Die Sanierung ist wunderbar gelungen. Wem das genügt – geschenkt. Wer sich mit den Hintergründen zum Umbau der Architektur-Ikone beschäftigt, erfährt Spannendes über eine Berliner Architektur- und Kulturikone.

Die Neue Nationalgalerie ist saniert. Die Ikone der Museumslandschaft Berlins ist vor allem im Detail endlich in der Neuzeit angekommen. Foto: Simon Menges

Wiedereröffnung: David Chipperfield Architects haben die Neue Nationalgalerie saniert

Wir treffen auf Michael Freytag. Seit 2012 ist er Projektleiter für den Umbau der Neuen Nationalgalerie und hat kurz vor der Wiedereröffnung durchs fertige Haus geführt. Freytag arbeitet für David Chipperfield Architects Berlin, dem Architektur-Büro, dass sich in den letzten Jahren wie kein anderes um die Berliner Museumslandschaft verdient gemacht hat. Chipperfields Umbau des Neuen Museums mit einem schroffen, aber schlüssigen Nebeneinander von alten und neuen Elementen, von historischen Spuren und zeitgenössischer Formensprache, hat in der Rekonstruktion geschichtlich bedeutender Bauten neue Maßstäbe gesetzt.

Mit der James Simon Galerie, ebenfalls Chipperfield, ist ein kraftvolles zeitgenössisches Gebäude im historischen Ensemble der Museumsinsel gelungen. Und nun die Neue Nationalgalerie – ein Bauvorhaben, bei dem im Gegensatz das Ziel war, auf der visuellen Oberfläche des Gebäudes möglichst keine Veränderungen zu zeigen, sondern in den für die Besucher unzugänglichen Technikräumen.

„So viel Mies wie möglich“, erklärt Michael Freytag, sei ihre Leitlinie bei der Sanierung gewesen, die rund 140 Millionen Euro kostete und 2015 begonnen hatte. Mit dem Konzept des quasi unsichtbaren Umbaus hatte das Büro den Bauwettbewerb zur Sanierung des 1968 eröffneten Museums gewonnen. Und sie haben es perfekt umgesetzt. Neueste Technik im Look von 1968.

Neue Nationalgalerie vim Bau 1967
Die Neue Nationalgalerie im Rohbau: hydraulische Anhebung des Stahldachs 1967. Foto: Ludwig Ehlers/Landesarchiv Berlin
Neue Nationalgalerie 1968
Die fertiggestellte Neue Nationalgalerie. Foto: Reinhard Friedrich
Neue Nationalgalerie Eröffnungsausstellung 1968
Das Ausstellungs-Publikum war nicht immer ganz so Avantgarde wie Gebäude und Kunst. Foto: Horst Siegmann/Landesarchiv Berlin

Neue Nationalgalerie: Säulen und Decken aus Sichtbeton

Dabei mussten Chipperfield Architects viele Punkte bis zur Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie lösen. Technische wie Mängel beim Brandschutz, Glaskorrosion, kaputte Natursteine, Wärmedämmung, LED-Leuchten. Aber auch Defizite beim Service: Barrierefreiheit, Besuchergarderobe, Museumsshop. Die Besucher eines Museums haben daran heute ganz andere Erwartungen als noch in den 1960er Jahren. Und: Der Denkmalschutz erstreckt sich nicht nur auf den Look eines Gebäudes, sondern auch auf seine Funktionalität. Die Neue Nationalgalerie war als ein Museum geplant, das autark funktioniert. So wurden auch die Verwaltungsräume, wobei hier mit Verwaltung vor allem die Kustoden gemeint sein, und das Sammlungs-Depot erhalten.

Mit anderen Worten, viel Spielraum war nicht. Genauer: Zwei frühere Depoträume im Untergeschoss konnten umgebaut werden, dort sind jetzt die neue Garderobe und der Shop untergebracht. Säulen und Decke aus Sichtbeton, Holz, schwarzes Metall, polierter schwarzer Granit. Die Lampen sind in Vertiefungen in die Decke eingelassen, das sieht einfach mega aus. Und die Beleuchtung ist auch original, bei einem besessenen Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe haben eben auch die Leuchten in den Stauräumen Stil. Und von Chipperfield Architects hinzugefügten Einbauten sind quasi Mies, denn sie sind in Form, Farbe und Material genau aus den anderen Möblierungen des Hauses abgeleitet. Das passt perfekt.

Umgebaute Neue Nationalgalerie
Als wäre sie schon immer da gewesen: Die neue Garderobe in der Neuen Nationalgalerie. Foto: Simon Menges

Das Depot befindet sich nun in einem unterirdischen Raum unterhalb der großen Eingangstreppe. Jetzt hat die Neue Nationalgalerie endlich auch einen separaten Raum, wie ihn der internationale Leihverkehr mit fast unbezahlbaren Kunstwerken heute verlangt. Wäre ja nicht nur doof, sondern auch verdammt teuer, wenn beim Picasso oder van Gogh die Farbe abblättern würde. Oder die Neue Nationalgalerie keine Werke aus anderen Museen mehr ausleihen dürfte.

35.000 Bauteile mussten vor der Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie wieder am Platz sein

35.000 Bauteile wurden für die Sanierung der Neuen Nationalgalerie ausgebaut, davon 14.000 Natursteine, katalogisiert und eingelagert. Nicht auszudenken, wenn da was durcheinanderkommt. Als das Museum dann nur noch ein Rohbau, ein Skelett war, wurde die Technik erneuert, wurden an der linken Seite der äußeren Freitreppe eine Rampe und im Inneren ein Fahrstuhl eingebaut, so dass das Haus jetzt barrierefrei betretbar ist. Auch der kleine Eingriff ist fast unsichtbar –  der Fahrstuhl passte genau in den ehemaligen holzverkleideten Putzmittelraum und liegt jetzt, wenn man reinkommt, auf der rechten Seite in der oberen Etage, spiegelbildlich zum Lastenaufzug.

Neue Nationalgalerie Innenansicht
Der Blick durch die umlaufenden Panoramafenster. Foto: Simon Menges

Steht man in der oberen Halle, unter der freitragenden Dachkonstruktion, und schaut durch die umlaufenden Panoramafenster, dann merkt man, wie sehr einem die Neue Nationalgalerie in den letzten Jahren gefehlt hat. Kein anderer Museumsbau in Berlin ist so kühn, so transparent, so stimmig in seinen Proportionen – und wirkt derart befreiend. Kein einfacher Raum für die Kuratoren, die dort die Kunst präsentieren. Doch eine geniale Kunst-Halle, wenn es ihnen gelingt, den Ort als Mitspieler in der Ausstellung zu gewinnen. Dann hat die Neue Nationalgalerie eine unvergleichliche Energie.

Die untere Etage mit den vielen weißen Wänden ist näher am White Cube. Der Teppichboden ist noch da. Nein, nicht den alten Stinker, sondern ein schicker neuer in blaugrau. Nur die Raufasertapete musste weichen. Raufaser ist offenbar sowas von out, dass auch denkmalpflegerische Militanten kein gutes Wort mehr für sie einlegen hätten können. Jetzt sind die Wände gespachtelt, und das sieht auch wirklich besser aus.

Neue Nationalgalerie bei Nacht
Bei Nacht spiegeln sich in den Fenstern der Neuen Nationalgalerie die umliegenden Gebäude. Foto: Simon Menges

Die 35.000 Puzzleteile sind jetzt also alle wieder an genau ihrem Platz, pünktlich zur Schlüsselübergabe am 29. April 2021. Zu normalen Zeiten wäre die Neue Nationalgalerie ab diesem Tag von Neugierigen überrannt worden. Doch wir leben in diesem Frühjahr nicht in normalen, sondern in pandemischen Zeiten. Nein, es kann kein Spaß für alle an der Sanierung Beteiligten sein (auch wenn Projektleiter Michael Freytag sich da sehr bedeckt hält), wenn eine so aufwändige Sanierung nach vielen Jahren und Anstrengungen endlich fertig ist, und es gibt keinen großen Festakt, keine Wiedereröffnungsparty und keine Warteschlangen, die sich um die Neue Nationalgalerie wickeln.

Wann die Besucher endlich wieder in die Architektur-Ikone hinein dürfen? Geplant ist die Neupräsentation der Sammlung mit Werken von 1900­–1945 ab 22. August. Die zeitgleich startende Sonderausstellung zeigt Arbeiten des US-amerikanische Bildhauers Alexander Calder, genau: der Mobilé-Man. Die große Calder-Skulptur, die schon zur Eröffnung der Nationalgalerie präsentiert wurde, wird dann auf der Terrasse des Museums aufgestellt. Dazu kommt eine zweite Ausstellung mit vor allem filmischen Arbeiten von Rosa Barba, von denen sie einige speziell für den Ort entwickelt hat.


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Mehr Fotos und Infos zur neuen Nationalgalerie findet ihr hier. So hat Chipperfield das Neue Museum umgebaut. Auch das Humboldt Forum konnte vorerst nur digital eröffnet werden. Alles zu aktuellen Ausstellungen sammeln wir hier.