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Radverkehr und Corona

Nah-Idiot-Erfahrung auf dem Radweg: Bleibt auf Corona-Abstand, verdammt!

Alle reden von sozialer Distanz, vom Corona-Abstand. Aber für mache Radfahrer*innen reicht sie nur bis zur nächsten Ampel. Und das ist verdammt verantwortungslos.

Fahrradfahrer auf dem Radweg
Bleibt auf Corona-Abstand auf dem Radweg! Foto: snapshot/R.Price

Neulich habe ich es erst erlebt: an der Schönhauser Allee an der Grenze zwischen Pankow und Prenzlauer Berg, direkt vor der Kreuzung zur Bornholmer Straße. Wir sind gerade beim Familienradeln damit beschäftigt, eine offene Eisdiele aufzutun (wir hätten mal vorher auf unsere tipBerlin-Eisliste schauen sollen). Und waren bereits an zwei vor Corona-Zeiten stets todsicher geöffneten Kaltverpflegungsläden in Pankow gescheitert. Kein Eis, Eis, Baby. Also weiter.

Direkt vor uns springt die Radfahrer-Ampel an der Bornholmer Straße auf Rot um. Wir bremsen. Mutter, Vater, zwei Töchter. Und stehen als erste an der roten Ampel. Aber nicht mehr lange.

Jemand strampelt hinter uns heran, eine Familie wie wir. Vater, Mutter, zwei Kinder. Alle mit Helm, mit energischem Tritt. Und eher widerwilligem Bremsen. Dann schieben sie sich links an uns vorbei. Eine nach dem anderen. Und das verdammt dicht. So breit ist der Fahrradweg ja auch nicht.

Hey Leute, 1,50 Meter Corona-Abstand, anyone?

Dann stehen sie plötzlich alle vor uns. Als erste an der Ampel. Immer noch bei Radfahrer*innen-Rot.

Corona-Abstand? Nah-Idiot-Erfahrung! Eine Traube Radler vor der Ampel

Vordrängler*innen sind bekanntlich sowieso eine sozial zutiefst unsolidarische Mitbürger*innen-Spezies. Egal ob in der Schlange vor dem Club oder an der Bar (früher), im Supermarkt (kommt immer noch vor), an der Eisdiele (wird immer schwieriger). Aber selten sind sie so nervig wie auf dem Radweg.

Und schon kommen die nächsten Radler*innen. Fünf, sechs Leute. Eine Gruppe, vielleicht. Das kann man nicht genau erkennen. Drei, vier halten neben uns auf dem Radweg. Also: direkt neben uns.

Ich blicke nach links. Und schaue direkt in das verschwitzte Gesicht einer Frau. Sie keucht. Und trägt keinen Mundschutz (sind ja auch Mangelware). Okay, ich auch nicht. Aber sie ist zu dicht aufgefahren. Nicht ich.

Binnen weniger Sekunden wartet so eine Traube von einem Dutzend Radfahrer*innen vor der Ampel, als hätten die alle noch nie von Abstandsempfehlungen, Ansteckungswahrscheinlichkeiten, Flatten-the-Curve oder Corona-Erklärer Christian Drosten gehört. Dicht an dicht an dicht. Vor-, neben-, hintereinander. Wie eine Corona-Party auf Rädern.

Sind die noch ganz dicht? Oder geht mir das einfach zu nahe?

Schon die StVO schreibt übrigens 1,50 Meter Abstand vor

Es ist ein Verhalten, wie es verantwortungsvolle Autofahrer*innen kennen. Man lässt einen Sicherheitsabstand zum Wagen vor einem. Auf der Landstraße zum Beispiel einen Drei-Sekunden-Abstand. Und der nächstbeste Bleifuß hinter einem schießt vorbei, überholt, schert eckig ein. Und wer ist schuld, wenn der*die gemäßigte Fahrer*in da jetzt hinten drauf kachelt? Genau. Nicht der Bleifuß. Von Autobahnen gar nicht so reden. Da wird es ganz schnell ganz lebensgefährlich.

Das neuartige Corona-Virus ist auch eine Art von Lebensgefahr.

Übrigens schreibt schon die Straßenverkehrsordnung einen Seitenabstand von eineinhalb Metern zwischen zwei einspurigen Fahrzeugen vor. Auch schon, bevor der Corona-Ausnahmezustand uns eilte.

Eine Kollegin erzählt von ähnlichen Nah-Idiot-Erfahrungen auf den täglichen Radwegen. Vor allem männliche Radverkehrsteilnehmer würden sich einen Dreck um den Sicherheitsabstand scheren, den sie selbst lässt. Als würde es nicht reichen, dass es Menschen gibt, die einen absichtlich anhusten und anspucken. Manche Männer könnten es vielleicht auch nicht gut haben, wenn eine Frau vor ihnen als erste an der Kreuzung steht, glaubt sie.

Es ist ja auch eine Crux, ein Dilemma, ein Zielkonflikt. Wer kann, meidet jetzt die öffentlichen Verkehrsmittel. Allein mit dem Auto unterwegs zu sein ist feinstaubtechnisch sicher fragwürdig, gesundheitsschutztechnisch aber durchaus sinnvoll. Ansonsten steigt alles, was Pedalen besitzt und eine gewisse Wegstrecke vor sich hat, aufs Rad.

Und das 20-Grad-Frühlingswetter fühlt sich dabei an wie ein Marketing-Scoop vom Wettergott persönlich für alle Fahrradfans. Petrus verspricht uns nicht einfach das Blaue vom Himmel. Der haut es einfach so raus.

Und das dürfte in den nächsten Tagen ja nicht anders werden. Im Gegenteil. Ostern wird der erste ultimative Stresstest für unseren Corona-Gleichmut werden. Und für unsere Selbstbeherrschung. Man kann nicht mal die sprichwörtliche Kirche im Dorf lassen. Es gibt ja keine Gottesdienste!

Die Radwege werden zum Nadelöhr der Ansteckungsgefahr

Jetzt werden die Radwege mehr und mehr zum Nadelöhr, zu Auffahr-Falle, zur Nervenbelastung. In der Schönhauser Allee ist beispielsweise längst ein breiterer Radweg auf der Straße geplant. Im März schätzte der zuständige Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne), dessen Eröffnung auf 2021. Vielleicht beschleunigt die Corona-Krise dabei auch Dinge. Wunder gibt es immer wieder. Mal.

Bis aber alle wichtigen Radwege so breit sind wie viele Radler früher an einem Samstagabend, müssen sich alle mit den Zuständen arrangieren, wie sie sind. Nicht wie sie sie gern hätten. Der Radweg ist zu schmal für zwei Räder nebeneinander? Fahrt hintereinander! Haltet Abstand! Bleibt ruhig! Nehmt euch Zeit!

Abstand halten ist das neue Zusammenrücken. Gilt auch und gerade und sowieso auch immer für die Autofahrer*innen, wenn Radler*innen in der Nähe sind. Im Grund ist es an den Fahrradampeln wie mit der offenen Eisdiele, die wir am Ende tatsächlich noch vor den Schönhauser Allee Arcaden finden. Man stellt sich ruhig an. Hält eineinhalb Meter Abstand. Und stresst sich nicht.

Und vor allem auch: Man stresst nicht alle anderen. Das geht uns sonst zu nahe.

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