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Kulturpolitik

Die Rechtspopulisten wollen ein völkisch-nationales Theater

DT-Intendant Ulrich Khuon und Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus über den neuen Kulturkampf, die Möglichkeiten von Zensur und Versuche der AfD, Theatermacher einzuschüchtern

Pressekonferenz mit Ulrich Khuon und Bianca Klose, links Klaus Lederer. Foto: Mang/MBR

tip Frau Klose, Herr Khuon, weshalb brauchen Theater die Unterstützung der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR)?
Bianca Klose Wir bekommen seit zwei Jahren deutlich mehr Beratungsanfragen von Kultureinrichtungen. Theater, aber auch Museen oder Gedenkstätten sehen sich mit einem Kulturkampf von Rechts konfrontiert. Dazu gehören zum Beispiel Störungen von Theatervorstellungen, etwa durch die sogenannte „Identitäre Bewegung“.

tip Solche Störungen gab es unter anderem am Wiener Burgtheater, am Deutschen Theater und am Maxim Gorki Theater. Sind das Einzelfälle?
Bianca Klose Nein, das beobachten wir flächendeckend. Die nationalistische Rechte kann bei solchen Aktionen mit geringem Aufwand relativ große mediale Aufmerksamkeit erzielen und ihre Begriffe und Parolen platzieren.
Ulrich Khuon Es gibt eine klar erkennbare, breit angelegte Strategie der rechtsnationalen Bewegung. Dazu gehören ­Provokationen, Sachbeschädigungen, Hassmails, Strafanzeigen, Bombendrohungen, Einschüchterungsversuche bis hin zu Morddrohungen gegen Regisseure und Intendanten. Das ist sehr offensiv und betrifft auf unterschiedliche Weise bundesweit viele Theater. Seit die AfD in Parlamenten vertreten ist, versucht sie, Theater mit parlamentarischen Anfragen und Forderungen nach Kürzungen öffentlicher Gelder, einzuschüchtern. Das habe ich selbst erlebt. Nachdem ich mich als Präsident des Bühnenvereins gegen die AfD ausgesprochen hatte, forderte die AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, dem Deutschen Theater 500.000 Euro an Zuwendungen zu streichen.

tip Was versprechen sich Rechtspopulisten von einem Kulturkampf und Angriffen auf Kulturinstitutionen?
Bianca Klose Theater passen wunderbar ins rechte Feinbild der „liberalen Eliten“. Herr Jongen und andere Vertreter des rechtspopulistischen Spektrums wollen die gesellschaftlichen Folgen von 1968 am liebsten rückgängig machen. Theater sind ein Symbol für alles, was diese Leute an einer diversen, demokratischen Gesellschaft verachten. Sie sagen ganz offen, dass es ihnen um die kulturelle Hegemonie geht. In ihren Augen hat Kunst der nationalen Sinnstiftung, der völkischen Selbstfeier zu dienen. Theater ist gleichzeitig ein Feindbild und ein Schauplatz dieser Kämpfe um kulturelle Hegemonie.
Ulrich Khuon Theater bedeutet immer auch Beziehungsarbeit mit der Stadt, in der und für die man Theater macht. Je intensiver, offener, dialogischer diese Beziehung ist, desto schwieriger wird es für Feinde der Demokratie und der Kunstfreiheit, gegen das Theater zu polemisieren. Ich würde auch unterscheiden zwischen den harten Ideologen, die man ohnehin nicht mehr erreichen kann, und Leuten, die sich vielleicht überlegen, die AfD zu wählen. Wenn ich für eine offene Gesellschaft bin, kann ich nicht sagen, diese Leute will ich nicht erreichen.

tip Wie kann das Theater auf die rechte Strategie der Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft reagieren?
Ulrich Khuon Der Kern des Theaters ist der Dialog, auch der Dialog zwischen Leuten, die unterschiedliche Ansichten und Interessen haben. Wir müssen im Dialog bleiben, erst recht, wenn es Extremisten gibt, die wollen, dass wir uns nur noch gegenseitig anschreien. Das Weltbild der Rechten lebt von Feindbildern: wir gegen die. Alles ist da sehr eindeutig, schwarz-weiß. Theater macht das Gegenteil, es erzeugt Ambivalenzen, Uneindeutigkeiten. Keine Figur ist nur gut oder nur böse. Im Theater sieht man Konflikten zu. Man sieht, dass Konflikte zum Leben gehören und dass man sie oft einfach aushalten muss und nicht dadurch lösen kann, dass die eine Seite die andere Seite vernichtet. Es ist wichtig, Begriffe wie Heimat, Zugehörigkeit, Gemeinschaft nicht den völkischen Nationalisten zu überlassen. Das sind alles Themen, die das Theater hochgradig beschäftigen. Der Unterschied ist, dass wir sie in all ihren Widersprüchen untersuchen, für die AfD sind das Kampfbegriffe, die vor allem der Ausgrenzung dienen.
tip Können Sie sagen, wie viele Theater und Museen Sie um Hilfe gebeten haben?
Bianca Klose Das ist deutlich zweistellig. Wir machen diese Arbeit seit 18 Jahren, früher waren Theater kaum Thema. Letztes Jahr war die Beratung von Kunst- und Kulturschaffenden ein Schwerpunkt unserer Arbeit.
tip Überreagieren die Theater? Ist es nicht reine Oppositions-Rhetorik zur Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft, wenn AfD-Fraktionen in Stadträten und Landtagen Budgetkürzungen für Theater fordern, die ihnen nicht gefallen?
Ulrich Khuon Das ist überhaupt keine Überreaktion. Natürlich, demokratisch gewählte Abgeordnete können Budgetkürzungen fordern. Aber es wäre naiv, das nur für Rhetorik zu halten. Wenn die AfD nach den kommenden Landtags- und Kommunalwahlen bei entsprechenden Mehrheiten in Regierungsverantwortung kommen sollte, werden sie genau so handeln, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. So funktioniert Zensur in Ungarn, in Polen, in Russland – man streicht unliebsamen Künstlern und Theatern das Geld. Im Dresdner Stadtrat haben CDU und FDP vor kurzem gemeinsam mit der AfD gegen die Erhöhung von Zuwendungen für die Freie Szene gestimmt, sie hatten bei dieser Abstimmung zusammen eine Mehrheit. Das ist für die Dresdner Kultur und die betroffenen Künstler ein Riesenproblem.
Bianca Klose Der Kulturkampf findet real statt, das ist keine leere Rhetorik. Bisher konnten Forderungen abgewehrt werden, Theatern, die die Rechtspopulisten stören, Gelder zu streichen. Wenn sich die Mehrheitsverhältnisse verschieben, werden diese Forderungen durchgesetzt.
Ulrich Khuon Sie wollen ein völkisch nationales Theater. Dafür kämpfen sie. Im Kern geht es für uns um nicht weniger als um die Verteidigung der Kunstfreiheit.

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