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Europawahl

Großdemonstration am Sonntag (19. Mai) gegen Rechtspopulismus: „Unite & Shine“

Künstler und Theater der Initiative „Die Vielen“ mischen sich in die Europa-Wahl ein – und organisieren unter dem Motto „Die Kunst bleibt frei“ eine Großdemonstration gegen Rechtspopulismus: „Unite & Shine“

Demo: Unite & Shine/ Die Vielen

Solange eine halbwegs funktionierende Demo­kratie eine Selbstverständlichkeit ist und Respekt gegenüber Minderheiten und anderen Meinungen zum guten Ton gehört, haben Künstler entspannte Zeiten. Egal, wie radikal sie sich positionieren und welch riskante Wege ihre Kunst geht – ihr größtes Risiko besteht darin, keinen größeren Erfolg zu haben. Kulturzentren, Museen, Clubs, Theater, Filmproduktionen, Verlage und Opernhäuser können sich darauf konzen­trieren, den Künstlern gute Arbeitsmöglichkeiten zu bieten, ihre Arbeit zu finanzieren und für reges Interesse bei einem möglichst breiten Publikum zu sorgen. Dass die Kunst frei ist und Kulturinstitutionen unabhängig sind, steht unter solchen Voraussetzungen nicht zur Disposition. Schöne Zeiten. Wie es aussieht, könnten sie bald vorbei sein.

Rechtspopulisten, die mit Feindbildern von Muslimen und Migranten, der „Lügenpresse“ oder „Merkel-Fotze“ (O-Ton bei einer Pegida-Demonstration) den Hass kultivieren und an der Eskalation der Konflikte arbeiten, haben die Kultur als Kampffeld entdeckt. Sie bespielen es gekonnt und schamlos. Am Deutschen Theater und am Maxim Gorki Theater störten rechtsradikale Identitäre Veranstaltungen. Regisseure wie Falk Richter, Intendanten wie Berndt Schmidt, Leiter des Berliner Friedrichstadtpalastes, erhalten Morddrohungen. Richter hatte in einer Insze­nierung an der Schaubühne gegen rechte ­Hetze polemisiert. Schmidt hatte öffentlich seine Abneigung gegen die AfD erklärt. Innerhalb weniger Tage erreichten ihn über 400 Hass-Mails und fünf Morddrohungen. Die Berliner AfD distanzierte sich nicht davon. Stattdessen forderte sie Subventionskürzungen für die Revue-Bühne. Den Morddrohungen folgte eine Bombendrohung gegen den Friedrichstadt-Palast. Die Warnung der Polizei erreichte den Intendanten wenige Minuten vor Vorstellungsbeginn, 1.800 ­Zuschauer und 200 Mitarbeiter mussten das Theater verlassen. „Natürlich wurde mir weich in den Knien“, sagt Schmidt. Zuschauer und Revuetänzer mussten in der Kälte warten, bis die Polizei das Theater freigeben konnte.

Als Schmidt sich anschließend beim Publikum für die Störung entschuldigte, bekam er anhaltenden, lauten Applaus „Da kam kein einziger Buhruf“, sagt der Intendant. „Das hat mir gezeigt, dass die große schweigende Mehrheit unsere Haltung honoriert. Wir haben danach unglaublich viele positive Mails bekommen. So etwas gibt uns Mut.“


Feindbild: Kunst


Dass die AfD gegen linke, diverse oder auch nur liberale Theater polemisiert und gerne auch mal Subventionskürzungen oder Spielplanänderungen fordert, ist fast schon Routine. So verlangte die AfD-Fraktion im Potsdamer Stadtrat, dass das Hans Otto Theater ein Stück über Flüchtlingshelfer absetzt. In Chemnitz explodierte 2016 eine Bombe vor dem Kulturzentrum „Lokomov“, das mit dem Theaterprojekt „Unentdeckte Nachbarn“ an die NSU-Morde erinnert. In Dessau agitierte die AfD gegen ein Theaterstück von deutschen und syrischen Jugendlichen und fordert im Landtag eine „Renaissance der deutschen Kultur“ statt einer „linksliberalen Vielfaltsideologie“. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Erst vor kurzem machte die Berliner AfD in einer Pressemeldung Stimmung gegen das HAU, weil es zu viele Freikarten vergäbe. Die Kunst ist zum Feindbild geworden.

„Die neuen Rechten betrachten Kultur nicht nur als Konfliktfeld, sie verstehen sich selbst explizit als kulturelle Bewegung. Ihr Ziel sind kollektive Identitätsgemeinschaften“, ist Marc Grandmontagne, Direktor des Deutschen Bühnenvereins, überzeugt. Konflikte gehören zur Kernkompetenz des Thea­ters. Das macht Theater zu Orten, an denen möglich ist, was derzeit immer schwieriger wird: Der Dialog unter Leuten, die dezidiert unterschiedliche Ansichten haben – auf der Bühne und im Idealfall auch zwischen Bühne und Zuschauern. Vielleicht werden deshalb Theater und andere Kultureinrichtungen zunehmend zu Objekten von Angriffen der extremen Rechten, die auf die Zerstörung gesellschaftlicher Dialogfähigkeit zielen. Der Sozialwissenschaftler und Rechtsextremismusforscher Fabian Virchow geht davon aus, dass uns die Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten die kommenden 10, 15, 20 Jahre begleiten wird.


Kulturkampf? Könnt Ihr haben!


Auch als Reaktion auf die rechten Eskalations- und Einschüchterungsstrategien haben sich knapp 2.500 Kultureinrichtungen und Künstler zur Initiative „Die Vielen“ zusammengeschlossen. „Wer jetzt einen von uns angreift, bekommt es mit uns allen zu tun“, sagt Berndt Schmidt. Die Vielen wollen den demokratischen Grundkonsens verteidigen. Also Kleinigkeiten wie Kunstfreiheit, Solidarität, Menschenrechte und Anstand. Schon bei der großen #unteilbar-Demonstration im Oktober waren Die Vielen dabei. Jetzt organisieren sie als ihren Beitrag zur Europawahl in Berlin und anderen deutschen Städten eigene Demonstrationen für „ein solidarisches Europa, das sich nicht immer weiter abschottet, sondern sichere Zugänge schafft für Menschen aus nicht-europäischen Ländern, die hier leben wollen.“

Es dürfte die glitzerndste Demonstration des Jahres werden, unter reger Teilnahme so ziemlich aller wichtigen Kulturinstitutionen und vieler Künstler der Stadt. Und natürlich die einzige Aufführung des Theatertreffens, die man auf keinen Fall verpassen darf.

Demonstration Unite&Shine 19. Mai
Auftakt: 12 Uhr am Rosa-Luxemburg-Platz, mit Redebeiträgen von Schriftsteller Ingo Schulze, Cesy Leonard (Zentrum für Politische Schönheit), Intendant Paweł Łysak (Warschau) u.a.. Anne Tismer liest einen aktuellen Text von Elfriede Jelinek. Gegen 13 Uhr setzt sich die Demo in Bewegung und trifft auf die Anwohnerinitiative Berlin-Mitte, das Deutsche Theater Berlin und das Berliner Ensemble.

Zwischenstopp Unter den Linden, 14 Uhr, hier spricht der kroatische Regisseur Oliver Frljić.

Ab 15 Uhr schließt sich „Unite&Shine“ der Abschlusskundgebung von „Ein Europa für Alle – Deine Stimme gegen Nationalismus“ am Großen Stern an. Musikalisch unterstützt wird die Demo von Maike Rosa Vogel, Adir Jan, Bernadette La Hengst und DJ Sasha Perera.

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