Stadtleben

Hitler!

Ab und zu hat man als Theatergänger das Gefühl, dass woanders die aufregenderen Partys stattfinden. Das Kino ist meistens lustiger und knallt besser, die bildende Kunst ist im Zweifel komplexer, vielschichtiger, deutlich weiter vorn und näher an der Gegenwart, Luhmann-Lektüre ist im Gegensatz zu 98 Prozent aller Theater-Premieren gut für das eigene Denken, die Pop-Musik macht mehr Spaß und der Nachtleben-Irrsinn ist in der Regel irrsinniger und lauter als der schönste Theater-Irrsinn. Sogar die Literatur ist meistens entschieden aufregender als die letzten Premieren. Bei Regenwetter helfen Beckett, Proust oder Chris Ware in der Regel über das gröbste hinweg, das kann man vom Theater nun wirklich nicht sagen. Mit anderen Worten: Wer aus alter Liebe immer noch ständig seine Nächte im Theater verbringt, hat Pecht gehabt, das Leben zieht an ihm vorbei „als hättest Du gar nicht gelebt“, wie der alte Diener Firs am Ende von Tschechows „Kirschgarten“ so treffend bemerkt. Dem Theater bleibt nichts übrig, als sich überall zu bedienen, Filme nachzuinszenieren und Musiker, DJs und bildende Künstler anzuflehen, bei einem Theaterprojekt mitzumachen, um dem Bühnengeschehen etwas Glanz zu schenken. Wie es aussieht, ist das Theater ziemlich am Ende. Noch schlimmer dran ist nur das Kabarett, politische Lyrik, der Print-Journalismus und Freejazz.Arturo Ui

Aber nicht alles ist schlecht und zweitklassig am Theater, das Theater hat auch seine starken Seiten. Hitler zum Beispiel. Nirgends gibt es so viele erstklassige Hitler-Performer wie im deutschen Theater. In Punkto Hitler dürfte das deutsche Theater Weltmarktführer sein, egal wie viele Hakenkreuze Jonathan Meese auf seine Bilder malt. Und wenn die anderen Künste mal einen hochkarätigen Hitler aus professioneller Herstellung brauchen, dann wenden sie sich demütig an das deutsche Stadttheater und fragen höflich: Haben Sie vielleicht einen Hitler für uns? Dann sagt das deutsche Theater: Aber gerne, wie wäre es mit Bruno Ganz? Und weil deutsche Theater-Hitlers zu Recht Weltruhm genießen, kommt natürlich auch Quentin Tarantino auf der Suche nach einem prima Hitler für seinen neuen Film nicht um einen Besuch im deutschen Stadttheater herum. Tarantino mag es hart und schmutzig, also ging er dahin, wo das Theater weh tut: Tarantino fand seinen Hitler im Berliner Ensemble, in Heiner Müllers „Arturto Ui„-Inszenierung, wo Martin Wuttke einen Hitler hechelt, dass es eine Freude ist.

Foto: Mathias Horn 

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