Obdachlose in Berlin

Bericht von der Nacht der Solidarität

Mittwochabend, 22.24. Uhr. Ein leises Schnarchen, eindeutig männlich, vermutlich mittleren Alters. Ein Holzhaus auf einem Spielplatz in Charlottenburg. In dem Haus eine karierte FUP-Tasche, ein geöffneter Regenschirm und ein großer, froschgrüner Haufen, augenscheinlich ein Schlafsack, unter dem, vermutlich in Hockstellung, ein Mann schläft. Unser erster Obdachloser. Na, immerhin. Wir sind zu dritt. Ich habe die Teamleitung, eine junge, pragmatische Frau aus Kreuzberg ist an meiner Seite. Sie wollte eigentlich in Kreuzberg an der so genannten „Nacht der Solidarität“ teilnehmen, aber, da dort schon alles voll war, wurde sie nach Charlottenburg gespült. Der dritte in unserem Bunde, ein jüngerer Mann, sichert unsere Rückzugsroute, sprich, er steht auf dem Bürgersteig am Eingangstor des Spielplatzes und sieht uns zu, wie wir uns auf dem Spielplatz umschauen

Ich hatte mich früh als Teamleiter beworben, und nun viele Mails, eine Schulung und die Auftaktveranstaltung später, sind wir in unserem Zählgebiet unterwegs. Es ist kalt und feucht. Unter den Brücken, die wir auf dem Weg in unser Areal durchquert haben, haben sich jeweils mehrere Obdachlose ihr Quartier eingerichtet, inklusive Matratzen, Decken und Kuscheltieren. Da der Mann auf dem Spielplatz schläft, können, sollen und wollen wir ihn nicht ansprechen, einer der zentralen Punkte unseres Verhaltenskodexes. Also können wir auf unserem Fragebogen nur ein X machen bei Zählung und beim Geschlecht. Die anderen Fragen bleiben unbeantwortet.

Wer garantiert denn, dass wir die Obdachlosen, wenn wir sie zählen, nicht ans Messer liefern?

Gut 90 Teamleiter und Freiwillige hatten sich für den Bezirk Wilmersdorf-Charlottenburg gemeldet. Die Teamleiter sollten um 18.30 Uhr in den dritten Stock des Rathauses Charlottenburg kommen, die Freiwilligen um 19 Uhr. Die Schulung der Teamleiter hatte bereits früher im Januar in Kreuzberg stattgefunden. Jeweils aufgeteilt in Gruppen mit rund 70 Teilnehmern, Dauer zwei Stunden. Bemerkenswert waren die vielen kritischen Fragen: Wer garantiert denn, dass wir die Obdachlosen, wenn wir sie zählen, nicht ans Messer liefern?

Foto: M8 Medien | Priska Wollein

Jetzt wurde hinter den Namen wurde ein Kreuz gemacht, ich bekam eine Tasche, es wurde etwas gesprochen und zu essen und zu trinken gab es auch. Brezel, Obst, Süßes, lustigerweise Weihnachtsmänner, Tee, Kaffee und Wasser. Gegen 19 Uhr trudelten die Freiwilligen ein. Dann passierte zwei Stunden lang, zwischen 19.15 und 21.15 Uhr, erstmal sehr wenig. Im Grunde: gar nichts. Es wurde gewartet und gesprochen und Tee und Kaffee getrunken. Irgendwann wurden die Freiwilligen den Teamleitern zugeordnet – zu diesem Zweck sprangen wir auf die Bühne und jeder hielt die Karte von seinem Bezirk hoch, so dass sich die Freiwilligen entscheiden konnten, wem sie sich anschließen wollten – unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sie nach Abschluss der Zählaktion, also nach dem Abgehen aller Straßen, direkt von dort nach Hause fahren konnten, während die Teamleiter mit den Zählbögen noch einmal ins Rathaus Charlottenburg zurückkehrten.

Dann ging es wirklich los. Offizielle Aufbruchzeit: 21.30 Uhr. Durchaus erleichtert schwirrten wir nun alle los. Da ich in dem Bezirk, in dem wir zählten, wohne, kannte ich alle kritischen Ecken. Zusammen mit meinen beiden Begleitern einigten wir uns auf eine Route und schauten auch in alle möglichen Hinterhöfe, Parkplätze und Baustellen. Die sonst manchmal frequentierten Eingangsräume von zwei Banken waren beide leer.

1 Obdachloser, männlich

Zum Schluss unserer Zählung suchten wir noch den U-Bahnhof ab, aber auch dort fand sich kein Obdachloser mehr, so sammelte ich die Leuchtwesten von meinen beiden Freiwilligen ein, bedankte mich bei ihnen und fuhr zurück zum Rathaus Charlottenburg. Mit einem ausgefüllten Bogen = 1 Obdachloser, männlich. Ich war einer der ersten, der seine Materialien zurückgab.

Fazit: Guter Spirit, die Stadt ist eben ein soziales Gebilde und wenn sich Menschen, die sonst nie in Berührung miteinander kommen, gemeinsam etwas soziales unternehmen, dann ist das immer zuträglich. An der Taktung und am Zeitmanagement sollte gearbeitet werden, da das wesentlich konzentrierter und schneller abgewickelt werden kann. Nun warte ich auf die Ergebnisse – und interessant wird es sein, was sich für Handlungsoptionen und Möglichkeiten im künftigen Umgang mit Obdachlosen und der Obdachlosigkeit an sich herausbilden werden.

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