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Tauben in Berlin: Wie der Senat das Problem angeht

Tauben werden in Berlin seit Jahren als Plagegeister angesehen. Die ungebetenen Gäste koten Balkone, Fenstersimse und parkende Autos voll. Und sind schier überall. Viele Menschen, die von den Tieren genervt sind, greifen zu unsanften Mitteln, um die ungebetenen Gäste zu vertreiben. Wir haben Berlins Landestierschutzbeauftragte Dr. Kathrin Herrmann zum richtigen Umgang mit Stadttauben befragt.

Vielen Berliner*innen sind Stadttauben ein Dorn im Auge. Dabei ist die verkannte "Taubenplage" ein menschengemachtes Problem.
Vielen Berliner*innen sind Stadttauben ein Dorn im Auge. Dabei ist die verkannte „Taubenplage“ ein menschengemachtes Problem. Foto: Imago/Schneider

Seit wann sind Tauben ein Problem in Berlin?

Dr. Kathrin Herrmann Seit dem Zeitpunkt, an dem die Menschen erstmalig ihre gezüchteten Haus- und Brieftauben sich selbst überlassen haben. Die Tiere, die von einigen als störend oder gar als Plage empfunden werden, sind keine Wildvögel, sondern verwilderte Haustiere. Es handelt sich um ausgesetzte oder entflogene Haustauben und verirrte Brieftauben und deren Nachkommen. Es ist also ein menschengemachtes Problem, und wir sind in der Verantwortung die mitunter schlimme Lebenssituation der Stadttauben zu verbessern.

Bei der Suche nach Lösungen für dieses menschengemachte Problem gibt das Staatsziel Tierschutz, das seit bald 20 Jahren im Grundgesetz verankert ist, vor, dass das Land Berlin den im Sinne der Tiere besten Lösungsweg zu wählen hat. Die Tauben dürfen nicht gejagt, gefangen und getötet werden. Und beim Einsatz von sogenannten „Vergrämungsmaßnahmen“ ist darauf zu achten, dass die Tiere sich nicht verletzen und nicht zu Tode kommen.

Wieso fühlen sich Tauben in Berlin so wohl und sind zur „Plage“ geworden?

Dr. Kathrin Herrmann Ich bezweifle, dass sich die Stadttauben sonderlich wohl fühlen in Berlin. Wer genau hinsieht, erkennt, dass einige von ihnen krank und abgemagert aussehen oder gar Verletzungen aufweisen. Dadurch, dass Stadttauben eben anders als zum Beispiel Ringeltauben keine Wildvögel sind, sondern auf maximalen Ertrag gezüchtete Haustiere (Eier, Federn, Fleisch), leiden sie mehr als die Wildvögel, die mit uns den urbanen Lebensraum teilen.

Auch wenn Stadttauben Futtermangel haben, brüten sie. Das ununterbrochene Brüten ist angezüchtet, und die Annahme, dass man das durch Futterentzug unterbinden kann, ist falsch und auch grausam. Bei Futtermangel sind die Elterntiere nicht mehr in der Lage ihre Küken zu versorgen und diese verhungern elendig. Es gibt also auch viel verstecktes Leid.

Von einer „Plage“ kann auch nicht gesprochen werden. Es handelt sich hier, wie schon gesagt, um ein menschengemachtes Tierschutzproblem. Die Stadttauben können am wenigsten etwas für die Situation, in der sie leben. Sie versuchen schlicht, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Wer will den Tieren hier Vorwürfe machen?

Kein Knöllchen, aber auch eine Scheiß-Überraschung: Tauben müssen auch ihr Geschäft erledigen und fallen bei Berliner*innen damit in Ungnade.
Kein Knöllchen, aber auch eine Scheiß-Überraschung: Tauben müssen auch ihr Geschäft erledigen und fallen bei Berliner*innen damit in Ungnade. Foto: Imago/Schöning

Wie haben sich die Taubenbestände entwickelt?

Dr. Kathrin Herrmann Insgesamt ist die Zahl wohl in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen. Man schätzt, dass ca. 10.000 Stadttauben unter uns Berliner*innen leben. In einer prekären Lebenssituation befinden sich zum Glück nicht alle diese Tiere. Jedoch gibt es etwa fünfzehn größere Schwärme (mit je ungefähr 200 Tieren), die dringend unsere Hilfe brauchen, da sie weder ausreichend artgerechtes Futter noch Brutplätze finden und so auf der Straße verelenden.

Das sind dann die Tiere, die manchen Menschen negativ auffallen. Die Lösung ist, dass an den sogenannten Hotspots betreute Taubenschläge eingerichtet werden sowie eine entsprechende Anzahl an Taubenauffangstationen für kranke, verletzte und verwaiste Tiere. Das Konzept betreute Taubenschläge in Verbindung mit Taubenauffangstationen ist wichtig, denn wenn man zum Beispiel Tiere gesund pflegt, soll man sie ja nicht einfach wieder auf die Straße setzen, sondern an einen betreuten Taubenschlag binden. Ziel von betreuten Taubenschlägen ist es zum einen die Tiere von der Straße zu holen und mit artgerechtem Futter zu versorgen, um so Leid zu minimieren und zum anderen kann dort auch im Sinne der Reproduktionskontrolle ein Eiaustausch mit Gipseiern erfolgen.

Tauben im Herbst in Tempelhof: Mancherorts sind zig Vögel auf engem Raum unterwegs. Foto: Imago/Future Image

In Berlin gibt es eine Reihe von engagierten Taubenschutzvereinen sowie Einzelpersonen, die sich ehrenamtlich um die Tiere kümmern. Sie machen unter anderem auch den Eiaustausch. Leider gibt es bislang nur vereinzelt betreute Schläge. Es ist extrem schwer die Zustimmung von Hausbesitzer*innen zu bekommen, deren Dächer als Taubenschläge zu nutzen, weil viele Vorurteile gegen Stadttauben haben und denken, dass Vergrämungmaßnahmen der beste Weg seien, das Problem in den Griff zu bekommen. Das stimmt aber nicht.

Viele Vergrämungsmaßnahmen wie Spikes, Netze und Drähte führen zu Verletzungen und gar zum Tode der Tauben. Sie sind also tierschutzwidrig. Und da die Tiere relativ standorttreu sind, bekommt man die Tiere dadurch nicht wirklich los, sondern verlagert das Problem nur minimal. Es gibt Hochrechnungen, die deutlich zeigen, dass ein städtisches Taubenmanagement mit betreuten Schlägen und angegliederten Auffangstationen nur ein Bruchteil von dem kosten würde, was derzeit für Vergrämung der Tiere sowie Beseitigung von Taubenkot ausgegeben wird.

Auch aus wirtschaftlicher Sicht ist das also der Weg, den wir in Berlin endlich gehen müssen. Es ist ein Skandal, dass diese wichtige Tierschutzaufgabe in Berlin bisher weitestgehend einzelnen engagierten Privatpersonen und Vereinigungen von Taubenschützerinnen überlassen wird, die zwar täglich ihr Bestes geben, was aber natürlich nicht ausreicht!

Wo sind die Tauben-Hotspots in Berlin?

Dr. Kathrin Herrmann Hotspots findet man zumeist an S- und U-Bahnhöfen, wo die Tiere große Gebäude sowie Brücken mit Nistmöglichkeiten – die Tiere sind Nischenbrüter – und Essensreste als Futter vorfinden.

Warum nerven Tauben so viele Menschen?

Dr. Kathrin Herrmann Das Elend der Tiere ansehen zu müssen ist für viele Berliner Tierfreunde sehr belastend. Deshalb bekomme ich auch wöchentlich bis täglich Anfragen und Hilferufe. Entweder haben sich Tauben in Taubenabwehrnetzen verheddert oder jemand hat einfach Löcher in Brücken zugemauert und dabei Nester mit Jungtieren eingeschlossen sowie ähnlich Leidverursachendes.

Manche Berliner und Berlinerinnen haben leider Vorurteile gegenüber Stadttauben, die so nicht stimmen. Zum Beispiel haben wissenschaftliche Studien längst belegt, dass Stadttauben nicht mehr oder gar gefährlichere Krankheitserreger in sich tragen können als andere Vogelarten. Auch eine Übertragung auf den Menschen findet im städtischen Alltag praktisch nicht statt. Die Angst hiervor ist also absolut unbegründet.

Berliner Fenstersimse sind für Tauben, die zur Familie der Nischenbrüter gehören, beliebte Nistplätze. Foto: Imago/Steinach

Wie kann ich mich vor Tauben auf dem Balkon schützen?

Dr. Kathrin Herrmann Taubenabwehrmaßnahmen wie Netze oder Spikes sollen wie bereits erwähnt nicht eingesetzt werden, da es oft zu Verletzungen führt. Schräge Bleche auf Fenstersimsen sowie entsprechende Gitter sind ok. Und was zum Beispiel den eigenen Balkon angeht: Wenn man mal für längere Zeit wegfährt, dann kann es sein, dass Tauben dort nach einem Brutplatz suchen. Es gilt, den Balkon entsprechend frei zu räumen, dass es keine Nischen gibt, die die Tiere attraktiv fänden. Stadttauben stammen ja von Felsenbrütern ab und bevorzugen deshalb Nischen und kleine Höhlen.

Wie vertreibe ich Tauben von meinem Balkon?

Dr. Kathrin Herrmann Wenn die Tiere bereits nisten, ist eine Vertreibung gegebenenfalls als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz zu bewerten, wenn dann Eier oder sogar geschlüpfte Taubenküken in den Nestern zurückbleiben und qualvoll verhungern. Wenn die Jungtiere noch nicht geschlüpft sind, sollte man fachkundige Leute hinzuziehen, die sich mit Eiaustauch auskennen. Wichtig: Wenn es sich um Ringeltauben handelt, also um Wildtauben, dann ist der Eiaustauch verboten! Ich empfehle, dass man sich mit Fragen an das nächstgelegene Veterinäramt wendet.

Was tut der Senat für die Tauben in Berlin?

Dr. Kathrin Herrmann Für den Doppelhaushalt 2020/2021 wurden finanzielle Mittel für die Verbesserung der Lebenssituation von Stadttauben zur Verfügung gestellt. Diese fließen nun in ein kleines Projekt eines Vogelschutzvereins für sein Gesamtkonzept aus Pilot-Taubenauffangstation, betreutem Schlag und einem Internetauftritt, der Bürger*innen zum Thema Taubenschutz informieren und Hilfestellung geben soll. Aktuell erfolgen in enger Abstimmung mit dem Projektträger weitere Schritte zur Umsetzung dieser Pilot-Auffangstation.

Jedoch muss noch viel mehr getan werden, um die Tiere von der Straße zu holen, ihre Vermehrung zu kontrollieren und insgesamt ihre Lebenssituation nachhaltig zu verbessern. Wir benötigen dringend ein berlinweites Taubenmanagement. Ich würde mir wünschen, dass dieses berlinweite akute Tierschutzthema endlich zur Chefsache erklärt wird und Senat und Bezirke Hand in Hand an einer Lösung im Sinne der Stadttauben arbeiten. Dies würde ganz konkret bedeuten, dass die einzelnen Bezirke eigene Grundstücke für betreute Taubenschläge zur Verfügung stellen und auch finanziell das Betreiben der Schläge und Auffangstationen unterstützen.

Wie können Berliner:innen den Senat unterstützen?

Dr. Kathrin Herrmann Ganz konkret, indem sie dem Senat bei der Suche nach geeigneten Standorten für Taubenhäuser und Taubenschläge helfen und hierzu Vorschläge machen. Je mehr Menschen sich hier beteiligen und je mehr potenzielle Standorte und Grundstücke gefunden werden, desto besser kann anschließend das stadtweite Taubenmanagement umgesetzt werden.

Außerdem können Bürger*innen Druck auf die politischen Entscheidungsträger ausüben. Streunende Katzen werden in Berlin auch mit Futter versorgt und kastriert. Um Stadttauben muss sich das Land Berlin nun auch endlich entsprechend kümmern. Es kann einfach nicht erwartet werden, dass dieses Problem alleine von ehrenamtlichen Helfern gestemmt wird.

Gibt es positive Aspekte an Tauben in der Stadt?

Dr. Kathrin Herrmann Stadttauben sind gut organisierte, gesellige, intelligente Tiere. Sie sind ein Symbol für Frieden und auch für die Liebe und Glück, weshalb sie unter anderem als Hochzeitstauben fliegen gelassen werden. Diesen Brauch sollten wir aus Tierschutzgründen endlich abschaffen, genauso wie den Brieftaubensport. Denn einige dieser Hochzeits- und Brieftauben enden als Straßentauben. Es ist endlich an der Zeit, dass wir uns um die Stadttauben genauso sorgen wie um Hunde und Katzen.

Dr. Kathrin Hermann ist Berlins Landestierschutzbeauftragte und zudem Fachtierärztin für Tierschutz, -ethik und -recht.


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Unsere Autorin Xenia Balzereit hat sich dem Pro und Contra Stadttaube einmal ausgiebig gewidmet. Spazieren ist die Lieblingsbeschäftigung im Lockdown. Zum Beispiel im Tierpark Friedrichsfelde: Wir haben alle Besucher-Infos und Interessantes zur Geschichte des Parks für euch zusammengefasst. Im Gegensatz zur Taube gern gesehen: Ob in Gartenlauben oder Saunahäuschen – Stadtfüchse fühlen sich in Berlin mittlerweile richtig wohl.

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