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Alter Kiez, neuer Kiez

Umzug vom Wedding nach Prenzlauer Berg: Manche Vorurteile stimmen einfach

Unsere Autorin musste den Wedding unfreiwillig verlassen und ist nach Prenzlauer Berg gezogen: weg von türkischen Supermärkten, hin zu gut sortierten und ausgeleuchteten Rewe-Märkten mit Kühlschrank-Türen, die per Sensor öffnen. Hier berichtet sie von ihrem Umzug in eine neue Welt. Teil 2 unserer Serie „Alter Kiez, neuer Kiez“.


Umzug vom Wedding nach Prenzlauer Berg: Manche Vorurteile stimmen einfach
Schön und reich: der Prenzlauer Berg an der Oderberger Straße. Foto: imago images/Jürgen Ritter

Manchmal ist es erschreckend, zu sehen, wie sehr gewisse Vorurteile zutreffen. So ging es mir, als ich im Juni, inmitten von diesem Sommer, der sich schon wieder dem Ende zuneigt, vom Wedding in den Prenzlauer Berg gezogen bin. Der Prenzlauer Berg ist genau so posh, sauber, abends ausgestorben und weiß, wie ich ihn mir vorgestellt habe.

Eigentlich ist er sogar noch posher und sauberer, als ich dachte – dabei wohne ich nicht mal im Epizentrum der Cremant-trinkenden und Bugaboo-Kinderwagen schiebenden Mütter und Väter: dem Kollwitzkiez. Sondern in der von Second-Hand-Läden und Bio-Supermärkten gesäumten Schönhauser Allee. Kein Wunder, dass hier abends nichts los ist, bei den vielen Läden für Kinder-Klamotten und der geringen Dichte an Kneipen. Übrigens gibt es hier nicht einen Eurogida- oder Bolu-Supermarkt, nicht einen! Türkische Pasten und Fladenbrot kauft man bei Edeka für den dreifachen Preis.

Die Straßen in Prenzlauer Berg sehen aus wie geleckt oder wie in München

Wie unterschiedlich der Wedding und der Prenzlauer Berg sind, zeigt sich schon am Weg zum Supermarkt. Die Straßen im einstigen Ost-Stadtteil, der in den frühen 90er Jahren geprägt war von kaputten Fassaden und Kiezkneipen, besetzten Häusern und Bier trinkenden Punks, sehen inzwischen aus wie geleckt oder wie in München.

Im Wedding begegneten mir auf dem Bürgersteig kaputte und heile ausrangierte Kommoden, verranzte und weniger verranzte alte Sofas und Menschen unterschiedlichster Kulturen, die sich in den verschiedensten Sprachen unterhielten.

In Prenzlauer Berg ist die einzige Fremdsprache, die ich höre, die Babysprache, die manche Mütter mit ihren Kindern sprechen. Auf dem kurzen Weg zum Rewe hat jemand vier Mal die passiv-aggressive Aussage „Der Gehweg ist kein Radweg“ auf den Boden gestempelt. Von ausrangierten Möbeln keine Spur. An dieser Stelle sei gesagt: Deine Kinder werden auch mal auf dem Gehweg fahren, Heike aus der Paul-Robeson-Straße, weil man auf dem Kopfsteinpflaster nun mal kein Rad fahren kann.

Überhaupt, der Rewe: Sowas kenne ich aus dem Wedding nicht. Erstens, weil es dort sowieso mehr Nettos, Pennys und Lidls gibt. Aber auch die Filialen an sich: Im roten, migrantisch-geprägten Nachbarstadtteil habe ich noch nie einen so gut ausgeleuchteten, gut sortierten Rewe gesehen. Das Obst liegt in Kisten aus rauem, dunklem Holz und nicht in denen aus grünem Plastik. Von oben fällt ein feiner Sprühregen auf das Gemüse. Das habe ich im Wedding erst einmal erlebt. Danach schien die Sprühregen-Düse kaputt zu sein und wurde nicht wieder repariert.

Umzug vom Wedding nach Prenzlauer Berg: Manche Vorurteile stimmen einfach
Sehen aus wie geleckt: Die Straßen um den Wasserturm an der Knaackstraße. Foto: imago images/POP EYE

Obendrein sorgen sich die Rewe-Bosse offenbar mehr um die Gesundheit der zahlungskräftigen Prenzlauer Berger Die gekühlten Waren liegen nämlich hinter Glastüren, die sich automatisch öffnen. Allerdings nur, wenn man die Hand im richtigen Winkel und im richtigen Abstand davor hält. Da sieht man mal, wo die ganzen Prenzlauer Berger Akademiker-Kids ihr kulturelles Kapital später mal anwenden können: nicht nur an der Universität, wo sie von selbst die richtigen Vokabeln benutzen und beim Essen mit dem Prof, wo sie wissen, über welche Bücher sie reden sollten und welchen Löffel man fürs Dessert benutzt, sondern auch beim Infektionschutz.

Kulturelles Kapital gibt’s auch im Supermarkt

Die stehen dann nämlich nicht wie ich minutenlang vor der Kühlung, stupsen immer mal wieder gegen die Scheibe, winken, als müsste man ihr erstmal freundlich „Hallo“ sagen, damit sie aufmacht. Die Prenzlauer Berger Kids sind bestimmt nicht so verzweifelt, dass sie irgendwann mit Gewalt an der Scheibe ziehen, den Aioli immer im Blick, und sich dann bei der Mitarbeiterin entschuldigen müssen, weil sie fast den automatischen Sensor kaputtgemacht haben. Nee, die nehmen sich elegant einen Smoothie aus dem Kühlregal, setzen draußen ihren Testsieger-Fahrradhelm auf und fahren zur Musikschule.

Apropos Infektionsschutz: Man mag im Prenzlauer Berg zwar lernen, wie man sich im Oberklassen-Rewe bewegt, Achtung vor der Wissenschaft bekommt man aber nicht automatisch, nur weil man in einem Stadtteil mit hohem Bildungsstand und hohen Mieten lebt. Neulich beim Arzt jedenfalls sagte eine Frau mit Seidentuch um den Schultern und stahlgrauem, zum Zopf gebundenem Haar, ich solle mein Handy ausmachen, weil sie allergisch gegen Handy-Schwingungen sei. Und im Fitnessstudio sagte die Trainerin in der Power-Pilates-Stunde, dass sie von „Aerosolen nicht so überzeugt“ sei, nachdem meine Freundin sie darum gebeten hatte, das Fenster während des Trainings aus Gründen des Infektionsschutzes offen zu lassen. Als wären Aerosole etwas, zu dem man eine Meinung haben kann, wie zu gemusterten bunte Socken oder zum neuen James-Bond-Film.

Keine Pizzakartons im Biomüll

Einer der Orte, an dem Prenzlauer Berger und Weddinger aufeinander treffen, ist der Mauerpark. An der Prenzlauer Berger Seite überblicken neugebaute Eigentumswohnungen den Park. Es sind Wohnungen von der Sorte, die Millionen kosten und riesige Fenster haben, die nie erleuchtet sind. Auf der Weddinger Seite liegt das Brunnenviertel, eines der Viertel Berlins mit der höchsten Arbeitslosenquote und den meisten Kindern, die in Armut aufwachsen. Dort sind die Fenster klein, aber jeden Abend erleuchtet und die Wohnungen eng. Im Mauerpark aber liegen die Bewohner*innen beider Stadtteile wenige Meter voneinander entfernt auf der Wiese und das ist schön (nicht die Menschen mit den Zweitwohnungen am Mauerpark, sondern die richtigen Prenzlauer Berger).

Außerdem will ich nicht nur meckern. Es ist ja zum Beispiel auch schön, zu sehen, dass man nicht die Einzige im Haus ist, die Müll trennt. Dass die Biotonne nicht voller Biomüll in Plastiksäcken, Barbies ohne Kopf und Pizzakartons ist. Es ist auch schön, weniger Müll in den Parks zu sehen und im Café frischen Ingwer Tee mit Orange und Minze bestellen zu können. Vom Bett aus die Decken mit Stuck betrachten zu können und auf der Straße nicht alle 50 Meter an einer Spielhalle vorbeizukommen. Und wer auf vietnamesisches Essen steht, ist im Prenzlauer Berg genau richtig.


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