Festival

Tanz im August 2019

Gleich zwei große Berliner Institutionen, das Festival Tanz im August und die Akademie der Künste, feiern die alten Avantgarden ganz groß. Getanzt wird die ameri­kanische Freiheitsbewegung des letzten Jahrhunderts. Woher kommt die Nostalgie?

Tanz im August 2019 Alan Lucien Øyen / winter guests | Story, story, die, Foto: Mats Backer

Ein Foto geistert um die Welt. Es zeigt eine gewisse Lady Florence Norman, die auf einem der ersten motorisierten Roller der Welt in den Straßen von London zu sehen ist. Die Aufnahme stammt von 1916, aber ihr Roller steht genauso aufgebockt auf dem Pflaster wie heute all die Leihroller auf den Gehwegen von Berlin. Das ist mehr als hundert Jahre her und könnte längst vergessen sein, denn diese Erfindung rief einst genau dieselben sauertöpfischen Bedenkenträger auf den Plan wie heute. Aber das Gesetz der Serie besagt: Alles, was wiederkehrt, schreibt Geschichte. Was nicht wiederkehrt, bleibt bloßes Ereignis.

Unser Medienzeitalter liebt die Wiederkehr – so auch die der motorisierten Scooter. Was macht die Kunst also? Sie wiederholt sich, sie kehrt wieder und wieder als Evergreen, um irgendwann in den Kanon der Geschichte einzugehen, wie Beethoven und Mozart oder, im Tanz, Pina Bausch und Merce Cunningham.

Letzterer, ein Meister der Choreografie, der 1919 im Bundesstaat Washington geboren wurde, wäre heute 100 Jahre alt. Merce Cunningham ist vor zehn Jahren gestorben, seine Tänze aber leben noch. Denn sie werden wiederholt, wie jetzt zum Festival „Tanz im August“, das vom 9. bis zum 31. August stattfinden wird. Das Ballet de Lorraine aus Nancy, ansässig an der deutsch-französischen Grenze, stellt seine komplexen Werke „Rainforest“ (1968) und „Sounddance“ (1975) erneut auf die Bühne.

Die Tänzer erinnern damit an jenen Aufstand der Gelassenen, den man gewöhnlich in das Jahr 1968 verlegt. Diese wahrhaft gelassenen Studentenunruhen der 68er, die mit Marihuana gegen den Muff der Alten prostestierten, waren wirklich frech und durchaus auch alert. Die Alt-68er aber, sie stilisieren ihre Revolte heute noch genauso, als wären sie alle selber so cool gewesen wie Cunningham: Dieser noch im hohen Alter jugendlich wirkende Hüpfer, der sich mit Lust gegen die Tradition erhob – zu einer vormals unglaublich neuen, nämlich batteriebetriebenen Musik von David Tudor, auf die er munter gegen jeden Strich tanzte.

„Modern“ sein, das ist heute, muss man sagen, eher etwas für das gesetztere Alter. Auch das Berliner Ensemble „Dance On“ verehrt die in die Tage gekommene Moderne, die mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts anbrach. Alle Tänzer des Ensembles sind über 40 und repräsentieren so die gefühlte Mehrheit unserer alternden Republik. Diese Truppe um ihren derzeitigen Chef, den Amerikaner Ty Boomershine, gräbt für „Tanz im August“ ebenfalls einen Cunningham aus, ein Stück namens „Story“. Das kam 1963 garantiert ohne Story aus. Dafür unterstellte es der Welt mit zufälligen Fundstücken und auf Zufall basierenden Arrangements aus Tanz und Musik, dass alles Planen und Gestalten sinnlos ist. Nur der Moment zählt, will das Stück sagen: Genießt den Tag und das zufällige Ereignis – und bloß nicht die Wiederkehr des Immerso und Ewiggrün.


Der Aufstand der Alten


Dass besagte Lady Florence Norman auf ihrem antiken Roller in den Sozialen Medien heute tausendfach geteilt und geliked wird, quasi als Prophetin; und dass Merce Cunningham, der Tanzmeister, der die ewige Jugend der Moderne verkörpert hat, weiter so vehement verehrt wird: Beides hat mit Sehnsucht zu tun. Einer Sehnsucht nach Geschichte, die deshalb so en vogue ist, weil gerade Ältere glauben, all die Errungenschaften der Moderne würden derzeit ausradiert durch Politiker wie Donald Trump oder durch Künstler, die nichts mehr mit den Studentenprotesten von einst, der Selbstbefreiung der Schwulen und Lesben, der Black Power oder der Mitbestimmung zu tun haben wollen. Künstler, die also das Band der Geschichte kappen würden.

Denn wahr ist leider: Wer heute in der Kunst nicht genau hierzu Stellung bezieht, sondern künstlerische Fragen verfolgt, die keine historischen Wurzeln haben, die lieber eine Kunst von Morgen imaginieren, die sich mit Avataren, Neurophysik oder Science Fiction beschäftigen – solche angeblichen Spinner haben deutlich weniger Chancen als all die, die ihre Visionen wenigstens mit so altem Zeug wie Schamanismus, Drogen oder dem letzten Weltkrieg in Verbindung bringen. Wer heute im Theater und im Tanz Erfolg und finanzielle Förderung haben will, sollte also dringend an die Fäden der Vergangenheit anknüpfen. Und damit an die Jugenderinnerungen der Geldgeber.

„Story“ im Jahr 1964, zu sehen sind Carolyn Brown, John Cage und Merce Cunningham, Foto: Foto: Japan Times 1964

Die gehören – im Bund, bei den Ländern und in den Kommunen – meist solchen Damen und Herren, die mit Trauer und Entsetzen auf eine Welt schauen, die ihre Hippie-Vergangenheit so gerade noch durch die vorsichtige Legalisierung von Cannabis bestätigt finden. Damen und Herren, die in der aktuellen Feier der Queerness eine Weiterentwicklung der weiblichen Emanzipation erkennen und die Alternativbewegungen ihrer Studentenzeit mit dem Wiedererwachen einer klimaschonenden, puritanisch-regionalistischen Landlust fortgesetzt sehen.

Anders lässt sich kaum verstehen, dass auch die Amerikanerin Deborah Hay, eine Choreografin, die über Merce Cunningham zum Tanz kam, beim Festival „Tanz im August“ mit einer derart gründlichen Retrospektive ihrer in den 1960er-Jahren begonnenen Tanzarbeit geehrt wird. Deborah Hay ist eine kleine, resolute Frau, die es einst in New York mit den sogenannten postmodernen Freigeistern der Judson-Community aufnahm, einer revolutionären Bewegung, die den Tanz radikal aus dem Korsett der Traditionen befreien wollte. Hay lief nie einfach nur mit in dieser Strömung. Sie nahm das Projekt der Moderne sehr ernst: Hierarchien abschaffen, Tanz auch als eine Bewegung in einem sehr weiten Sinn begreifen und den Körper bis in seine Zellen hinein verstehen.

Die 1941 in Brooklyn Geborene zitiert bei ihren Versuchen, dem Tanz neue Perspektiven zu geben, gern einen recht spirituell klingenden Satz: „Wie sehr wir uns danach sehnen, das zu werden, was wir kaum zu sein glauben.“ Er ist das Credo ihres lebenslangen Projekts. Sie trachtet danach, dass der Künstler mehr sei als nur eine Erfolgsfigur auf dem Markt der bekannten Namen. Unter dem Titel „RE-Perspective“ widmet Virve Sutinen, die Leiterin des Festivals „Tanz im August“, der heute 78-Jährigen ein Symposion und ganze fünf Wiederaufnahmen ihrer alten Stücke. Darunter „The Match“ für Hays derzeitige Arbeitgeberin, deie ebenfalls alte, 1967 gegründete Kompanie Cullberg in Stockholm. Diese schwedische Tanztruppe will sich gerade radikal verjüngen, und bestellte dazu Hay als ihre Mitdirektorin, weil sie Tanzbewegungen mit scheinbarer Leichtigkeit auf die Bühne tupfen lässt.


Der Abstand des Alters


Das tut gut inmitten des heutigen Lebensgefühls, in der sich die Welt immerzu um E-Scooter und die Vermeidung von Plastikmüll dreht und dabei noch verlangt, sich moralisch korrekt in einer immerwährenden Angst- und Schamspirale aus lauter Ausrufezeichen zu drehen – „Ich muss! besser!, fleißiger, gebildeter, schöner etc. werden.“ Dagegen hilft scheinbar die, wenn auch nur rückwärts betrachtet, freigeistige Emanzipation der Altvorderen. Als erste in ihrer Reihe stand eine Tänzerin, gleich alt wie Lady Florence Norman auf ihrem E-Roller: Isadora Duncan hieß sie, Jahrgang 1877, auch sie eine Amerikanerin, die nun von einem der erfolgreichsten Querdenker im zeitgenössischen Tanz, dem Franzosen Jérôme Bel, aus ihrer Gruft gezerrt wird.

Bei Bel tanzt nicht etwa irgendeine Wiedergängerin der legendären Isadora Duncan, die man in antikem Gewand und barfuß auf den Spuren der Antike zu erinnern glaubt, sondern es tritt die bedeutendste Kennerin dieses nie in Gänze überlieferten Werks auf: Elizabeth Schwartz hat mehr als vierzig Jahre lang alle hinterlassenen Spuren der Duncan studiert und gab ihr rares Wissen bislang nur in kleinen Zirkeln und Workshops weiter.
Auch sie hat bei Cunningham getanzt, auch sie ist eine Amerikanerin, die nach Paris zog, wie Isadora Duncan, die damalige Lebensgefährtin des deutschen Nähmaschinen-Erben Paris Singer. Sie gilt heute als Inbegriff der weiblichen Emanzipation, eine durch zahlreiche Schicksalsschläge gezeichnete Künstlerin: Ihre zwei Kinder verlor sie durch einen Autounfall und starb selbst, als ein Schal sich im Rad ihres Sportwagens verfing und sie 1927 in Nizza erdrosselte. Jérôme Bel setzt ihr bei „Tanz im August“ nun ein Denkmal in Form einer Uraufführung, die durch die so kenntnisreiche Elizabeth Schwartz zu Immergrün werden soll. Eine große Premiere, die uns da bevorsteht.


Geschichte wird gemacht


Um solche Vergangenheit in die Gegenwart zu retten, hängt man dem Vergangenen gern einen schützenden Mantel um. Ihn bezahlen Institutionen wie die 2002 entstandene Kulturstiftung des Bundes und die 1950 in der DDR, vier Jahre später auch in der Bundesrepublik gegründete Akademie der Künste. Beide Betriebe veranstalten nun gemeinsam ebenfalls ein Tanzfestival. Es trägt den wunderbaren Titel „Was der Körper erinnert“. Ermöglicht hat es der „Tanzfonds Erbe“. Acht Jahre lang wurde dieses Projekt der Kulturstiftung des Bundes von der Berliner Tanzlobbyistin Madeline Ritter betreut, die auch die eben genannte Kompanie „Dance On“ für Tänzer über 40 gegründet hat.

Moderiert wird der tanzgeschichtliche Großeinsatz von Johannes Odenthal, dem Programmdirektor der Akademie der Künste. Hier geht es, nur wenige Tage nach der Tanzvergangenheitsfeier bei „Tanz im August“, nicht nur um ein Bewahren der Tänze der Moderne, sondern auch darum, wie heutigen Tanzschaffenden eine möglichst persönliche Aneignung ihrer eigenen Geschichte gelingen könne. Odenthal meint nämlich zu beobachten, wie sehr sich heutige „Choreografen und Choreografinnen mit der Frage von Erinnerung, von kulturellem Gedächtnis und Identität auseinandersetzen“. Allerdings lockte auch viel Geld vom Bund. Zudem gibt es das Archiv der Akademie als eins von fünf deutschen Tanzarchiven, die einen recht breiten Fundus von Inspirationsquellen bereithalten. Sie wurden genutzt und das Ergebnis ist eine Auswahl aus insgesamt sechzig geförderten Projekten, die vom 24. August bis zum 2. September am Berliner Hanseatenweg zelebriert wird. Wieder spannt sich der Bogen von Isadora Duncan diesmal zu der großen Berliner Choreografin der Kriegs- und Nachkriegszeit, Mary Wigman. Gesucht wurden historische Tanzpersönlichkeiten wie Valeska Gert, Kurt Jooss und Jean Weidt, „die für utopische Aufbrüche, Befreiung aus Geschlechterrollen und Widerstand gegen politische Vereinnahmung stehen.“

Hiroaki Umeda | Haptic Installation

Um sie ging es auch schon 1970, als an der Akademie der Künste das kluge Gespann Nele Hertling und Dirk Scheper den Anschluss der Westberliner Szene an die internationale Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes suchte. Die beiden wurden vor allem in den USA fündig, eben bei Merce Cunningham und bei Deborah Hay. Letztere wird auch die zweite Runde dieser Berliner Tanzgeschichtsfestivitäten eröffnen. Großen Einfluss auf Berlin hatte damals auch der New Yorker Steve Paxton auf die Entstehung der Berliner Tanzfabrik. Anna Halprin aus Kalifornien hatte den ihren auf die Entwicklung der Berliner TanzTangente. Beide bilden den Abschluss dieser Reihe, in deren Mitte Rekonstruktionen des bedeutenden deutschen Choreografen Gerhard Bohner und der Grande Dame des belgischen Tanzes, Anne Teresa De Keersmaeker, stehen. Alles, was fehlt, ist der Tanz um die Queerness, der in Berlin gerade ganz obenan steht, ausgelöst von den Einflüssen des Voguing in Harlem und repräsentiert vom New Yorker Choreografen Trajal Harrell.


Geschichte wird geteilt


Lady Florence Norman steht derweil immer noch ernst auf ihrem Roller. Den motorisierten Scooter, auf dem sie da etwas steif balanciert, gibt es heute so wenig wie die Tänze von einst. Was aus den Sphären des exklusiven Besitzes, und das war dieser Autoped damals, längst ins Feld der öffentlichen Teilhabe übersetzt wurde – Sharing genannt –, ist auch den Tänzen der Vergangenheit widerfahren. Sie wurden zur Open Source für eine ganze Künstlergeneration, die sich zwischen Ehrfurcht und Nachahmung auf das Werk ihrer Vorfahren stürzt und die Vergangenheit für ihr eigenes Fortkommen nutzt. All diese Choreografinnen und Choreografen haben wohl schätzen gelernt, wie sehr die Geschichte als Common Ground unter ihren eigenen Füßen sich wie Allgemeingut behandeln ließ. Das ist okay. Warten wir nun darauf, wie es mit dem Tanz, nach dieser Kapriole in die Vergangenheit, weitergeht. Nach der Moderne.

Tanz im August
Das größte jährliche Tanzfestival Deutschlands mit Aufführungen, Talks, Filmvorführungen und Partys. Dabei sind in diesem Jahr Werke von u.a. Deborah Hay, Jérôme Bel, Compagnie par Terre, Latifa Laâbissi, Oona Doherty, Albert Quesada, Ambiguous Dance Company, Kaori Seki, Claire Vivianne Sobottke, Alan Lucien Øyen und James Batchelor and Collaborators. Verschiedene Spielorte, 9.–31.8., Programm siehe Tagesprogramm oder unter tanzimaugust.de