Berlin verstehen

12 Dinge, die Zugezogene an Berlin sofort lieben

Zugezogene gehören zu Berlin wie Marmelade in Berliner Pfannkuchen — auch wenn sie manchmal nerven. Wahrscheinlich würde auch keine*r hier bleiben, wenn die interessanten und aufregenden, sympathischen und verrückten Seiten des Lebens hier nicht überwiegen würden. Denn letztlich kommen die meisten nach Berlin, um all den Spießer*innen und Jägerzäunen zu entfliehen. Nicht umsonst sagte der österreichische Komponist Franz Suppè: „Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin.“ Hier kann man eben mehr als anderswo so sein, wie man will, ob verrückt oder bodenständig. Deswegen haben wir 12 Dinge gesammelt, an die sich Zugezogene in Berlin sofort gewöhnen.

Ein eng getakteter Nahverkehr

An diese 12 Dinge gewöhnen sich Zugezogene sofort: Für Provinzler*innen oder Menschen aus Köln ist der Nahverkehr in Berlin ein Traum.
Für Provinzler*innen oder Menschen aus Köln ist der Nahverkehr in Berlin ein Traum. Foto: imago images/Christian Spicker

Auch wenn wir Zugezogenen fast genau so gut darin sind, uns über volle Ringbahnen und die BVG aufzuregen, wie die Berliner*innen: Insgeheim lieben wir den öffentlichen Nahverkehr in Berlin. Es gibt U-Bahnen, die alle vier Minuten kommen und sogar Fähren. Das sind wir nicht gewöhnt. Denn wir kommen aus Städten wie Köln, wo die U-Bahn diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient hat, die Hälfte der Zeit als Straßenbahn durch die Stadt tuckert und auch mal zehn Minuten warten muss, weil Autos die Einfahrt in die Station blockieren.

Oder wir sind in Käffern aufgewachsen, in denen sonntags nicht mal ein Sammeltaxi, geschweige denn ein Bus, fährt. Abends auch nicht — und zwar an jedem Wochentag. Samstagnachmittag kommt dann vielleicht mal einer. Berlin dagegen erscheint uns wie ein Schlaraffenland der Mobilität. Selbst Dienstagnachts um halb vier biegt auch im tiefsten Reinickendorf treu der Nachtbus um die Ecke. Das ist auch in Metropolen keine Selbstverständlichkeit. Wer schon mal versucht hat, nachts in Paris ins Bett zu finden, weiß das.


Die meisten Menschen verstehen „Links gehen, rechts stehen“

In Berlin kapieren's mehr Menschen: Links gehen, rechts stehen.
In Berlin kapieren’s mehr Menschen: Links gehen, rechts stehen. Foto: imago images/photothek

In Städten wie Hannover, Dortmund oder Düsseldorf könnte man manchmal meinen, das Konzept „Links gehen, rechts stehen“ sei ungefähr so schwer zu verstehen wie Quantenmechanik. Auch in Berlin haben das anscheinend nicht alle Nutzer*innen des Nahverkehrs kapiert — aber doch mehr, als in anderen Städten. Zumindest befinden sich in vielen Fällen mehr stehende Menschen auf der linken Seite als umgekehrt.

Und falls nicht, pampt man die Blitzbirnen eben an — das kennen sie ja schon. Ein Hoch auf die Berliner Schnauze! Ebenjene versuchen (!) wir Zugezogenen dann auch zu imitieren, wenn wir uns dann doch mal den Weg freikämpfen müssen. Das hört sich dann ungefähr so an: „Ick glaub es hackt, mach ma Platz hier! Kommste etwa aus Cuxhafen oder was?“ Dabei sind wir froh, dass niemand sehen kann, dass wir selbst aus Cuxhaven, Schmuxhaven kommen und bis vor einem Jahr auch noch links standen.


Die Nachbarn kommentieren nicht, wann man gestern Nacht nach Hause gekommen ist

An diese 12 Dinge gewöhnen sich Zugezogene sofort: In Berlin lunst keiner durch die Gardine, wenn man betrunken nach Hause kommt.
In Berlin lunst keiner durch die Gardine, wenn man betrunken nach Hause kommt. Foto: imago images/ Hans Lucas

Egal, um welche Uhrzeit man in Berlin zu Hause die Treppen hochstolpert: Solange man dabei nicht ins Treppenhaus kotzt, interessiert es niemanden, ob man gerade zwei Tage in einem Club verbracht oder eine Vorlesung über die Rolle des Poststrukturalismus in den Werken Foucaults gehalten hat. Anonymität bleibt einer der großen Vorteile der Großstadt. Dabei ist es nicht so, dass man hier immer anonym bleiben muss: Wer Gemeinschaft sucht, kann sich in Nachbarschaftsvereinen engagieren oder im Hinterhof ein Hochbeet anlegen — so ziemlich überall gibt es interessierte Nachbar*innen, die mitmachen wollen. Der Unterschied zum Dorf: Dort hat meistens jeder seinen eigenen Garten. Und wenn der zu wild ist, dann gibt’s Getuschel.


Berlin ist gelebte Geschichte

Berlin atmet Geschichte, wie hier, am Wohnhaus von David Bowie.
Berlin atmet Geschichte, wie hier, am Wohnhaus von David Bowie. Foto: imago images/Schöning

Berlin atmet Geschichte. Die ist öfter schrecklich als schön, daran erinnern die Stolpersteine für die von den Nazis ermordeten Juden oder die Gedenkstätte Berliner Mauer. Aber wenn man durch die breiten Straßen unserer Stadt geht und in der richtigen Stimmung ist, dann nehmen einen das Kopfsteinpflaster, die Trinkbrunnen und die alten Häuser mit auf eine Zeitreise. Generationen von Mieter*innen haben schon in unseren Wohnungen gewohnt, haben die schweren Eingangstüren geöffnet, um in den Hinterhof zu huschen.

Davon gab es übrigens früher viel mehr. Nach dem ersten Weltkrieg ließen Stadtplaner dritte, vierte und fünfte Hinterhöfe abreißen, um „Licht, Luft und Sonne“ in die Mietskasernen zu lassen. Das „Neue Bauen“ hielt Einzug, die Hufeisensiedlung entstand. Mancherorts aber gibt es sie noch, die dritten und vierten Hinterhöfe, in denen früher manchmal Pferde- und Kuhställe standen. Wenn man durch sie hindurch geht, hört man manchmal noch die Schläge der Schmiede oder das Geschrei, das aus den viel zu vollen Wohnungen dringt.

In Schöneberg könnte man sich vorstellen, wie David Bowie durch die Straßen schlendert. Und dort, wo die Stolpersteine sind, sollte man sich fragen, wer diese Menschen waren, was sie mochten, wie lebten. Denn Berlin bietet die richtigen Denkanstöße.


Es gibt mehr kulinarische Auswahl als „griechisch“

An diese 12 Dinge gewöhnen sich Zugezogene sofortMehr als griechisch, deutsch und italienisch: die kulinarische Vielfalt in Berlin.
Mehr als griechisch, deutsch und italienisch: die kulinarische Vielfalt in Berlin. Foto: imago images/Hohlfeld

Hier kommt eine These: In fast jedem deutschen Dorf gibt es einen griechischen Imbiss. Der heißt dann Saloniki, Rhodos oder Mykonos und macht okay-es bis super leckeres Gyros mit Pommes. In der nächsten Kleinstadt gibt’s dann meistens noch ein italienisches Restaurant und ein Deutsches Haus mit Kegelbahn. Berlin dagegen bietet ein kulinarisches Angebot, das uns Landpommeranzen staunen lässt. Es kommt uns vor, als gäbe es in Berlin so viele Restaurants wie Sandkörner am Strand, wie deutsche Touristen auf Mallorca, ja, sogar so viele wie es dumme Aussagen von Verkehrsminister Andi Scheuer gibt. Klar bieten hier überdurchschnittlich viele türkische, arabische und vietnamesische Restaurants ihre Speisen an, aber das lässt sich ganz einfach damit rechtfertigen, dass die nun mal unglaublich gutes Essen machen. Außerdem gibt es die anderen ja auch noch, und das sind echt viele. In Berlin kann man zum Beispiel kreolisch oder uruguayisch, norwegisch oder jemenitisch essen.


Spätis!

Sind fast immer geöffnet und haben fast alles: Berliner Spätis.
Sind fast immer geöffnet und haben fast alles: Berliner Spätis. Foto: F. Anthea Schaap

Eigentlich bedarf es keiner Erklärung, warum Spätis in dieser Aufzählung vertreten sind. Aber wir wollen euch und den Spätibetreiber*innen unser Lob nicht vorenthalten. Hier kommt eine Liste in der Liste, die zeigt, warum die Berliner Spätis die besten sind:

  • Sie haben immer auf (Ja, es gibt dieses Verbot, sonntags zu öffnen. Aber wir sind in Berlin, so who cares? Hatte dieses Verbot nicht eh irgendwas mit Gott zu tun?)
  • Es gibt unzählige Biersorten, manche haben sogar Kölsch.
  • Spätis sind die Retter in der Not, wenn man sonntags Klopapier, Käse oder Kaffee braucht.
  • Wenn man will, kann man eine Unterhaltung mit einem Wort bestreiten: Wenn der*die Verkäufer*in „Alles?“ fragt, lautet die korrekte Antwort: „Alles!“

Die Magie der Hinterhöfe

An diese 12 Dinge gewöhnen sich Zugezogene sofortAbends im Hinterhof die Geräusche aus den Wohnungen zu hören, hat etwas ganz Besonderes.
Abends im Hinterhof die Geräusche aus den Wohnungen zu hören, hat etwas ganz Besonderes. Foto: imago images/Panthermedia

Kaum etwas kommt an die Stimmung in Berliner Hinterhöfen an einem Sommerabend gegen 8 Uhr heran. Es verschafft einem irgendwie ein Gefühl von innerer Wärme, wenn man die schweren Türen zum Hinterhof aufdrückt und von einem Gewirr aus Stimmen und Geräuschen begrüßt wird. Man kommt dann in eine Zone, die privater ist, als das Leben auf der Straße und doch nicht ganz abgeschnitten vom Treiben der anderen. Aus dem Fenster im Seitenflügel, dritter Stock, dringt das Klappern von Tellern, aus dem Fenster darunter strömt der Geruch nach Zwiebeln, die gerade angebraten werden, und im Hinterhaus spielt jemand Klavier. Dazwischen die Geräusche einer Fernsehsendung für Kinder und manchmal ein forderndes „Anneee!“ Am Aufgang zum Hinterhaus stehen ein Aschenbecher und ein Raucher. Und über all dem leuchtet blau ein Rechteck aus Himmel.


All das Wasser

Am Wasser in Berlin lässt's sich leben.
Am Wasser in Berlin lässt’s sich leben. Foto: imago images/Travel Stock images

Dafür, dass Berlin nicht am Meer liegt, gibt es hier ganz schön viel Wasser. Und Wasser macht eine Stadt bekanntlich lebenswerter. In Berlin gibt es mehr als 1600 Brücken, das sind mehr, als Venedig zu bieten hat. Manche davon sind so schön, dass man nicht nur drüber gehen, sondern auch darauf verweilen möchte. Deswegen haben wir die 12 schönsten Brücken Berlins zusammengestellt. Aber auch abseits der Brücken prägt das Wasser unsere Stadt: ob in Klein Venedig in Spandau, am Landwehrkanal oder an der Spree. Unsere Heimatdörfer und -städte dagegen bieten meist nur einen Bach — manchmal einen Fluss, wenn es hochkommt.


Die Clubkultur

An diese 12 Dinge gewöhnen sich Zugezogene sofort: Die Clubkultur in Berlin sucht ihresgleichen.
Die Clubkultur in Berlin sucht ihresgleichen. Foto: imago images/F. Anthea Schaap

Okay, jetzt mal alle Karten auf den Tisch: Wie viele von euch sind auch wegen der Berliner Clubkultur hierher gezogen? Falls die Clubs ein Grund für euren Umzug waren, ist das auf jeden Fall verständlich. Techno hat Berlin geprägt wie Leberkassemmeln München. Kein Wunder: Die Stadt bot nach der Wende unglaublich viele Freiräume, in denen Menschen ihre eigenen Vorstellungen von Club verwirklichen konnten. Dabei ging es nicht um schickes Interieur oder ausgefallene Getränke, sondern um die Musik und das gemeinsame Feiern, ums Tanzen und darum, gemeinsam die Sonne aufgehen zu sehen. Auch wenn die Freiräume immer weniger werden und Techno schon längst Mainstream geworden ist: In Berlin macht feiern noch immer am meisten Spaß. Weil es so viele unterschiedliche Clubs gibt, weil einen morgens in der U-Bahn niemand komisch anguckt, wenn man mit verschmierter Schminke aus dem Fester schaut, weil die besten DJs noch immer gern nach Berlin kommen. Während der Corona-Pandemie ist selbst unser #unitedwestream am Besten. Sorry.


Jeder Bezirk hat seinen eigenen Charakter

Jeder Bezirk, jeder Stadtteil hat seinen eigenen Charakter. In Rixdorf könnte man denken, es handle sich tatsächlich um ein Dorf.
Jeder Bezirk, jeder Stadtteil hat seinen eigenen Charakter. In Rixdorf könnte man denken, es handle sich tatsächlich um ein Dorf. Foto: imago images/joko

Es gibt wohl kaum eine Stadt, auf die das Sprichwort „Kennste eins, kennste alle“ weniger zutrifft, als Berlin mit seinen verschiedenen Stadtteilen und Bezirken. Nur weil man seit einem Jahr in Neukölln wohnt, heißt das nicht, dass man Berlin kennt. Und das ist gut so. Auch nach mehreren Jahren Leben in Berlin, nein Jahrzehnten, lassen sich hier Ecken entdecken, in denen man vorher noch nie war. Je nachdem, in welchem Bezirk oder Stadtteil man sich befindet, wirken die Straßen manchmal sogar, als sei man gar nicht in Berlin. Wenn man aus einem Ort kommt, in dem es maximal das Ober- und das Unterdorf gibt, dann ist es aufregend mit einer Buslinie von den Villenvierteln Dahlems über Schöneberg bis zum Zoo zu fahren.


Es ist nicht alles sauber

An diese 12 Dinge gewöhnen sich Zugezogene sofort: Wenn man aus einem geschniegelten Dorf kommt, sind der Dreck und die Graffitis in Berlin geradezu aufregend.
Wenn man aus einem geschniegelten Dorf kommt, sind der Dreck und die Graffitis in Berlin geradezu aufregend. Foto: imago images/Schöning

Manche Berliner*innen mögen meckern über ungepflegte Parks, alte Sofas auf den Straßen oder Urin im U-Bahnhof. Okay, letzteres ist wirklich nicht angenehm. Aber wenn man aus einem Dorf kommt, in dem jede*r penibel samstags die Straße fegt und Jägerzäune das Bild prägen, dann tut ein bisschen Berliner Laissez-faire verdammt gut. Dann macht es Spaß, sich beim Spaziergang durch Kreuzberg die Tags an den Türen und Wänden anzusehen. Oder spontan einen Nachttisch von der Straße mitzunehmen. In manchen Kleinstädten ist es verboten, die Rasenflächen zu betreten. Danke Berlin, dass du Pflanzen in Parks wie dem Landschaftspark Schönholz ein bisschen so wachsen lässt, wie sie es wollen. Dass sich in deinen Parks manchmal Nackte sonnen und an anderen Tagen die Bässe durch die Baumwipfel dröhnen.


Die kulturelle Vielfalt

Spannend, wenn man wie in Berlin auf der Straße die unterschiedlichsten Sprachen hört.
Spannend, wenn man wie in Berlin auf der Straße die unterschiedlichsten Sprachen hört. Foto: imago images/Joko

Das Wichtigste zum Schluss: Die meisten Zugezogenen lieben Berlins kulturelle Vielfalt. Damit meinen wir einerseits die Vielfalt an Theatern, Kinos, Lesungen und Konzerten, die die Stadt zu bieten hat. Vor allem aber meinen wir die vielen Menschen unterschiedlichster Kulturen, die sich hier sammeln und nebeneinander leben. Wenn man die Badstraße im Wedding, die Sonnenallee in Neukölln oder die Schlesische Straße in Kreuzberg entlanggeht, dann dringen die unterschiedlichsten Sprachen an unsere Ohren. Das Gefühl, dass man noch nicht alles kennt, von der Welt, aber auch von den Kulturen, die in Berlin heimisch sind, macht das Leben hier so spannend. Noch viel schöner ist es, wenn man beobachten kann, wie sich die Kulturen mischen und Neues entsteht. Wie Döner im Brot. Wie langweilig wäre ein Leben ohne Döner und ohne Menschen, die ein wenig anders aufgewachsen sind, als man selbst.


Es ist nicht lange her, da haben wir über 12 Dinge, an die sich Zugezogene erstmal gewöhnen müssen, geschrieben. Aber wenn wir ehrlich sind, sind die ungewohnten Aspekte des Lebens in dieser Stadt eigentlich ganz lustig und schlimmstenfalls — ja — gewöhnungsbedürftig. Und es ist ja nicht alles nur Großstadt. Wusstet ihr, dass man auch in Berlin in die Sterne gucken kann? An diesen 12 Orten leuchten sie heller als die Lichter der Stadt. Ihr liebt es, aufs Wasser zu gucken? Das hier sind Berlins 12 schönste Inseln.

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