Berliner Regisseur

Alexander Eisenach über seine „Felix Krull“-Inszenierung am Berliner Ensemble

Alexander Eisenach, Regisseur und Autor, geboren 1984 in Berlin, studierte Theaterwissenschaft und Germanistik in Leipzig und Paris. Seit 2014 arbeitet er als Regisseur, u.a. am Schauspiel Hannover, am Schauspiel Graz, am Düsseldorfer Schauspielhaus und am DT. 2014 wurde sein Theaterstück „Das Leben des Joyless Pleasure“ am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt. Nach seiner „Krull“-Inszenierung wird er am BE die Uraufführung seines Theaterstücks zum selben Thema inszenieren: „Stunde der Hochstapler“

Hochstaplerei sei eine Chance, nicht man selbst sein zu müssen, sagt Alexander Eisenach, Foto: Claudia Balsters

tip Herr Eisenach, was macht Hochstapler so interessant?
Alexander Eisenach Ihre Unverschämtheit. Ihr rücksichtsloser Wille zur Gestaltung und Behauptung von etwas, was nicht in der Wirklichkeit verhaftet ist. Hochstapler*innen eignen sich etwas an, was ihnen laut Konvention nicht zusteht. Sie erfinden sich eine Identität und leben in dieser genau das Leben, das sie leben möchten. In gewisser Weise erfüllen sie sich den Traum radikaler schöpferischer Freiheit und überwinden dabei soziale und ökonomische Beschränkungen. Dass sie sich dabei über Gesetz, Normen und Moral hinwegsetzen, steigert ihre Attraktivität. Es ist ein Abenteuerleben, ständig am Abgrund jonglierend.

tip Und was unterscheidet Hochstapler von seriösen Bürgern?
Alexander Eisenach Der Wagemut. Sie sind tollkühn. In den meisten Fällen auch extrem charmant, verführerisch, fast unwiderstehlich. Die Betrogenen sind Verführte. Hochstaplerinnen erkennen Wünsche und können sie bedienen. Hochstaplerinnen bewegen sich in jenem Bereich der exotischen Träumerei, die sich die „seriösen Bürger“ versagen. Thomas Mann rückt Krull in die Nähe des Künstlers, weil er auch den Künstler als randständige, im Kern parasitäre Existenz sieht, die von der bürgerlichen Gesellschaft eigentlich verachtet werden sollte, aufgrund ihrer Nutzlosigkeit. Stattdessen wird sie bewundert. Das ist die Dialektik, die Künstler und Hochstapler gemein haben.

tip Dann sind zum Beispiel Werber, Produktdesigner, Spieleentwickler oder Filmproduzenten gute Hochstapler. Ist die Unterscheidung zwischen mehr oder weniger seriösen Berufen und krimineller Hochstapelei nicht genau so fiktiv wie die Spiele des Hochstaplers?
Alexander Eisenach Die Grenze ist fließend. Hochstaplerinnen nutzen die Zeichenhaftigkeit zwischenmenschlicher Kommunikation. Mit Zeichen kann man spielen. Und das tut letztlich auch der oder die Angestellte, zum Beispiel in einer Werbeagentur. Es wird ja weniger ein Mensch nachgeahmt, als vielmehr eine Konvention, ein gesellschaftlicher Gestus oder ein zwischenmenschlicher Mechanismus aufgeführt. Mit der Enttarnung von Hochstaplerinnen offenbart sich der scheinhaft-illusionäre Anteil dessen, was wir als Wahrheit akzeptieren. Insofern helfen uns enttarnte Hochstapler*innen, gewisse Absurditäten und Deformationen zu erkennen. Billy McFarlands Fyre Festival (ein Multimillionenbetrug, Anm. d. Red.) zeigt uns, welche Macht und wieviel Einfluss wir sozialen Netzwerken und sogenannten Influencern einräumen. Elisabeth Holmes und Theranos führen uns den schaumschlägerischen Charakter des Silicon Valley vor Augen.

tip Also sind Hochstapler geniale Authentizitäts-Performer, die dem Publikum, den Zeitgenossen, dem Markt, dem sozialen Umfeld einfach geben, was es will?
Alexander Eisenach Absolut. Für mich ist das ein zentraler Punkt der „Krull“-Inszenierung. Es ist mittlerweile ja eigentlich common sense, dass wir uns in unserem Alltag je nach Situation verschiedene Rollen zulegen und versuchen, in diesen Rollen möglichst stark zu performen. Der Gedanke eines Ichs, einer wesenhaften Kern­identität, wirkt wie ein hartnäckiges Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert. Dass Identität eine Konstruktion ist, erklärt einem heute jeder Abiturient. Ich denke, es gab auch eine Phase, in der das Spiel mit verschiedenen Identitäten befreiend wirkte und Selbstverwirklichung noch nicht unter dem Diktat der Selbstvermarktung stand. Bei Thomas Mann hat der Hochstapler Krull noch etwas von einem Narren, einem Eulenspiegel, der der großbürgerlich-aristokratischen Gesellschaft ein Schnippchen schlägt. Gleichzeitig ist er naiv; und sein Betrug weniger Kalkül als Spiel um des Spiels willen. Er hat eine subversive Kraft, wenn er die Fassadenhaftigkeit seiner Zeit bloßstellt. Heute ist hochstapeln eine Überlebensstrategie: Fake it till you make it.

tip Kindlers Literaturlexikon erkennt in Thomas Manns Erzählung in „der Bindungslosigkeit und dem Narzissmus des Hochstaplers“ eine „versteckte Künstlerthematik“. Sehen Sie Parallelen?
Alexander Eisenach Thomas Mann stellt die Frage nach der Kunst und dem Künstlersein in fast jedem seiner Texte. Bei Krull rückt er die Figur des Künstlers parodistisch in die Nähe des Hochstaplers, einer Figur, die ihr Leben nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet und also zum Kunstwerk macht. In der heutigen Arbeitswelt ist nahezu jede und jeder aufgefordert, sich möglichst optimal darzustellen und selbst zu vermarkten, also sein Leben und sein Ich kreativ zu gestalten, ein Künstler zu sein. Mit Thomas Mann kann man dieses Künstlertum ganz gut parodieren und als das entlarven, was es ist: mehr oder weniger gekonnte Hochstapelei. Das Selbstgestalten, das Kreativsein, das Anderssein, das sind alles ökonomische Imperative geworden. Mit der Kunst verhält es sich vielleicht wie mit unseren hochgestapelten Identitäten: Wir sind so weit im Wettbewerb verstrickt, dass wir nicht mehr wissen, was eigentlich der Ausgangspunkt unserer Hochstapelei sein soll, geschweige denn, dass wir zu etwas wie einem Kern, einem Wesen, zu einem Selbst zurückkehren könnten. Die große Aufgabe der Kunst scheint es mir in diesem Zusammenhang doch zu sein, die Freiheiten der Selbsterfindung, des Spiels mit den Identitäten zu bewahren und sie gleichzeitig nicht an die Herrschaft eines ökonomischen Paradigmas zu verlieren. Es ist ja eine Chance, nicht man selbst sein zu müssen. Hier ist der Bereich der Kunst entscheidend, denn hier wird erstmal zweckfrei erfunden, ist nicht jede illusionäre Täuschung darauf ausgelegt, den Job zu bekommen, nicht jede Lüge eine Verkaufsstrategie.

tip Und deshalb ist das Thema für Theater so ergiebig?
Alexander Eisenach Genau deshalb. Im Theater können wir spielerisch und von den Zwängen des Marktes befreit, das Spiel mit den Identitäten betreiben. Natürlich glaube ich nicht, dass Theater nicht innerhalb eines Marktes stattfindet und Schauspielerinnen und Regisseurinnen sich nicht in einem Wettbewerb befinden. Aber die eigentliche Handlung des Spiels auf der Bühne folgt keinem Ziel in einer Verwertungslogik, benutzt dabei aber die gleichen Strategien der Ich-Erfindung. Wir müssen unsere schöpferischen Potentiale dem Markt immer wieder entreißen. Der Nutzenmaximierung setzen wir die Spiele der Nutzlosigkeit entgegen. Wir sind in der Verantwortung, die Strategien unseres künstlerischen Handelns im Sinne einer Emanzipation einzusetzen. Der Kern des Gedankens ist dabei wieder jener des Narren, der Strategien erratischer Täuschung, Irritation, Improvisation und Persiflage anwendet, um sich der Nutzbarmachung zu entziehen und dem zielgerichteten, planvollen Handeln das exzessive Spiel entgegenzuhalten.

Termine: Felix Krull am Berliner Ensemble