Virus-Wissenschaft

Wieder Drohungen gegen Christian Drosten: Es ist doch der reine Irrsinn

Der Virologe Christian Drosten hat wieder Drohungen erhalten. Es gibt einfach zu viele Bekloppte in dieser Welt. Manchmal wirkt es, als wäre der reine Irrsinn noch infektiöser als das Coronavirus. Er scheint wie blöde zu spreaden. Wieder einmal geht es dabei gegen Berlins besten Corona-Erklärer. Und „Bild“ kämpft auch ganz vorn mit. Das kann doch alles nicht wahr sein. Was ist da los?

Wieder Drohungen gegen Christian Drosten, Direktor am Institut für Virologie der Charite Berlin
Wieder Drohungen gegen Christian Drosten, Direktor am Institut für Virologie der Charite Berlin, Foto: Imago/JanineSchmitz/photothek.net

Anfang April haben wir Christian Drosten bereits gegen ein paar durchgeknallte Internet-Idioten verteidigt. Der Charité-Virologe hat natürlich unsere Hilfe nicht nötig. Trotzdem gern geschehen. Jetzt gibt es wieder Morddrohungen gegen den Professor. Einen Tag, nachdem die „Bild“-Zeitung eine gewohnt grobmotorische Kampagne gegen Drosten losgetreten hatte. Das kann natürlich alles Zufall sein.

„Fragwürdige Methoden: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“, donnerte „Bild“ vor zwei Tagen. „Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?“ Die ganze Breitseite.

Einen Tag darauf bekam Drosten nach eigener Aussage ein Paket mit einem Fläschchen drin und dem Zettel „trink das – dann wirst du immun“. Wie vorher schon der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Morddrohungen gegen sich hatte Drosten bereits vor Wochen in einer britischen Zeitung öffentlich gemacht. Es ist einfach nur unfassbar.

Niemand ist heilig, außer Blixa

Natürlich: Niemand ist heilig, nur weil Corona-Zeit ist. Nicht Christian Drosten, nicht Angela Merkel. Nicht einmal Blixa Bargeld. Gut, bei Blixa sind wir uns nicht ganz sicher. Es ist natürlich die Pflicht von Journalisten, auch Wissenschaftler zu hinterfragen. Und „Bild“ kennt sich bekanntlich ganz passabel aus mit fragwürdigen Methoden.

Aber seit Wochen schießen sich Verwirrte, Verstrahlte und Vollidioten auch auf den Virologen Drosten ein, der seit Monaten in seinem NDR-Podcast von Studien, neuen Erkenntnissen und, ja, Zweifeln berichtet. In München wurde neulich ein Aufkleber an einer Ampel gesichtet, „Trust me, I’m a doctor“ – mit den Gesichtern von Drosten und dem Auschwitz-Arzt Josef Mengele. Für manche gibt es keine geistige Untergrenze des Niveaus.

Und die brauchen nicht viel, um getriggert zu werden.

Drosten an „Bild“: Ich habe Besseres zu tun

Im „Bild“-Text geht es um eine Vorstudie an Drostens Institut von Ende April, die zu dem Schluss kommt, Kinder könnten genauso ansteckend („may be as infectious“) wie Erwachsene sein. „Bild“ war das alles offenbar zuviel Konjunktiv. Im Artikel wurde aus dem vorsichtigeren „könnten“ ein gewissheitsheischendes „können“. Und „Bild“ holt die ganz große Keule raus: „Fiel die deutsche Schulpolitik einer falschen Studie zum Opfer?“

Das Blatt gab Drosten eine Stunde Zeit, auf die Vorwürfe zu antworten. Drosten argwöhnte eine „tendenziöse Berichterstattung“. Und stellte die „Bild“-Anfrage auf seinen Twitter-Account. Zuerst fehlerhafterweise mit Kontaktdaten des Redakteurs. Eine Stunde, diese Antwortfrist ist, gelinde gesagt, ungewöhnlich. Drosten twitterte: „Ich habe Besseres zu tun.“

Eine halbe Stunde später war die „Bild“-Polemik im Netz.

Der Hashtag #IchhabeBessereszutun“ ging gut ab in den Netzwerken. Er hat das Zeug zum Klassiker. Wie dereinst Judith Holofernes Replik auf eine „Bild“-Werbeanfrage: „Ich glaub, es hackt“.

Selbst die Wissenschaftler, die „Bild“ zitiert, distanzieren sich von „Bild“

Die Frage, inwieweit Kinder sich mit dem Coronavirus anstecken und ihrerseits ansteckends sind, ist in der Wissenschaft tatsächlich umstritten. Mal sagen Daten, sie seien weniger anstreckend als erwachsene Altergruppen, mal suggerieren andere Daten keinen Unterschied. Eine neue Studie aus Heidelberg sieht für Kinder bis zehn Jahren keine Virenschleuder-Anzeichen. Auftraggeber: das Land Baden-Württemburg. Im Ländle sollen daraufhin Ende Juni die Kitas wieder geöffnet werden.

„Bild“ zitiert in seinem Drosten-Verriss ausschließlich Wissenschaftler, die die Studie aus Drostens Institut wegen statistischer Mängel auf Twitter oder in Papieren kritisieren. Was in der Wissenschaft normal ist. Die Studie ist bisher nur als Pre-Print erschienen, um vor einer Veröffentlichung in einem Fachjournals von anderen Wissenschaftlern überprüft werden zu können. Vier der von „Bild“ zitierten Wissenschaftler distanzierten sich umgehend von dem Artikel.

Man könnte diesen Beef, den „Bild“ und Drosten gerade pflegen, lustig finden. Wären da nicht so viele Leute draußen unterwegs, deren Radikalität, deren Faktenferne, deren Verschwörungsdrall einem Angst machen kann.

Drosten hat jedenfalls gestern in seinem NDR-Podcast angekündigt, die Studie zur Ansteckungsfahr bei Kindern überarbeitet zu veröffentlichen. Eines kündigte er aber schon mal an: An dem Befund, dass Kinder die gleiche Viruskonzentration haben wie andere Altersgruppen, ändere sich nichts. Das wird „Bild“ sicher nicht gefallen.


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