100 Jahre Bauhaus

Der Architekt Volker Staab über seine Erweiterung des Bauhaus-Archivs

„Bauhaus ist eine Haltung“ – Der Architekt Volker Staab im Gespräch über seine Erweiterung des Bauhaus-Archivs, das ideelle Erbe von Walter Gropius und die neuen Retro-Ecken in den Städten

Volker Staab, Foto: Kaluzna

Zur Person Seitdem Volker Staab 1991-99 einen gefeierten Museumsneubau in die Nürnberger Altstadt gesetzt hat, gelten er und sein Büro als Garanten für gelungene Kulturbauten. Auch sein Entwurf für die Erweiterung des Bauhaus-Archivs ist für viele die bestmögliche Übersetzung von Gropius‘ Bauhaus-Idee ins Heute.

tip Herr Staab, „vom Bauhaus lernen“ ist ein Satz, der jetzt – zum 100. Gründungsjahrestag – oft fällt. Für die Architektur ist das eigentlich nicht notwendig, gerade diese Disziplin hat ja alles Wesentliche aus der Zeit gelernt, oder?
Volker Staab Zumindest ist der Diskurs um die Moderne in den vergangenen 100 Jahren nichts Neues. Ich würde eher sagen, dass man vom Aufbruch und von der Offenheit des Bauhauses lernen sollte. Es geht um eine Haltung gegenüber großen Veränderungen in der Gesellschaft, die mit einer gewissen Neugier verbunden ist. Vor 100 Jahren war das die Industrialisierung, heute sind es die Digitalisierung und der Klimawandel.

tip Haben Sie das für Ihren Neubau des BauhausArchives mitgedacht?
Volker Staab Das Thema Digitalisierung spielt bei dem Konzept für unseren gläsernen Turm eine wichtige Rolle. Die Konstruktion mit seinen sehr dünnen, fast schon tanzenden Stützen wurde über para­metrische Optimierung entwickelt und hätte analog so nicht konzipiert werden können. Wir fanden das sehr interessant, dieser digital unterstützte Entstehungsprozess spiegelt die aktuelle Veränderung beim Bauen wider. Generell gilt natürlich: Wenn man Architektur im Zusammenhang mit Bauhaus macht, gerade wenn man einen Walter-Gropius-Bau weiterdenkt, wird man immer mit der Formfrage des damaligen gesellschaftlichen Aufbruchs konfrontiert. Wir haben uns jedoch nicht an Formen orientiert, sondern an der Programmatik, die dahinter stand. In diesem Sinn ist unser Turm angelegt. Er ist kein klassisches Ausstellungsgebäude – die Ausstellung selber wird im Sockel zu finden sein –, sondern er ist ein Zeichen, ein bildhafter Raum für das, was inhaltlich dort idealerweise passieren soll. Ein Experimentierfeld, ein Diskussionsforum, ein Vermittlungsort für Bauhaus und die Bauhaus-Idee.

tip Die Vermittlung der architektonischen Bauhaus- Idee scheint wichtiger denn je, es gibt viel Kritik an der immer gleichen Typologie in den Städten. Unter anderem hat der Designer Stefan Sagmeister gerade der Bauhaus-Form die weltweite Gleichschaltung von Neubauten bei gleichzeitiger Ausschaltung regionaler Bauweisen vorgeworfen. Hat er Recht?
Volker Staab Na ja, das ist eher ein Problem der modernen, ökonomischen Bauproduktion als des Bauhauses. Wenn man sich Investorenplakate anschaut, scheint es zu reichen, wenn etwas halbwegs weiß und kubisch ist, dann steht da „im Bauhaus-Stil“ drauf. Und zur Verdrängung: Es gab natürlich immer einen Kulturtransfer, der regionales Bauen verdrängt hat, wie der italienische Stil in St. Petersburg oder Potsdam. Was neu ist, ist die Globalisierung, die alle Bauprozesse immer mehr angleicht und beschleunigt. Und es wird sich noch mal vieles verändern und vereinheitlichen mit der Digitalisierung. Da ist es natürlich an uns Architekten zu fragen, wie regionale Einflüsse wieder eingebunden werden können.

Neubau Bauhaus-Archiv: Der gläserne Turm beherbergt im Sockel die Ausstellung, die übrigen Etagen sind der Vermittlung vorbehalten. Foto: Staab Architekten

tip Können Sie diese Sehnsucht nach Regionalität und Verortung denn verstehen? Die neue Frankfurter Altstadt wird heiß geliebt, in Berlin ist das Nikolaiviertel mehr denn je Touristenmagnet – und auch einige neue Retro-Ecken in Potsdam gelten vielen erst jetzt als besuchenswert…
Volker Staab Diese historisierende Architektur bedient natürlich die Sehnsucht nach einer heileren Welt. Es gibt aber auch Möglichkeiten, mit einem Neubau, der nicht so tut, als stünde er dort schon 200 Jahre, Beziehungen zu einem Ort herzustellen. Die Aufgabe der Architektur besteht darin, einen Zusammenhang herzustellen, eine Relevanz zu finden. Und ich gebe zu, dass das nicht immer einfach ist.

tip Wie sehen Sie Ihren eigenen Neubau verankert in der Stadt, konnten Sie da Zusammenhänge und Relevanz herstellen?
Volker Staab Für uns war wichtig, durch einen neuen ­Eingangsplatz eine bessere Verbindung zum öffentlichen Raum zu schaffen, das bisherige Bauhaus-Archiv war ja etwas abgeschottet. Was die Relevanz angeht: Es handelt sich ja um die Erweiterung einer Architektur-Ikone, da ist Relevanz naturgemäß gegeben. Die Silhouette des alten Bauhaus-Archivs mit seinen Sheddächern wird weiter zu sehen sein. Das war, denke ich, auch einer der ­Gründe, warum unser Entwurf ausgewählt wurde.

tip Wird der Neubau wie geplant 2023 fertig?
Volker Staab Man erlebt immer Überraschungen, aber derzeit sind wir im Plan.

Studio Visit bei Volker Staab im Rahmen der Bauhauswoche, Schlesische Straße 27, 6.9., ab 19 Uhr, bitte anmelden unter bauhaus100.de