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Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ am Gorki

Gelungene Dressur: Oliver Frljić inszeniert Kafka mit Berlinale-Shootingstar Jonas Dassler

Foto: Ute Langkafel/ Maifoto

Literaturadaption Jonas Dassler kennt sich aus im Grenzverkehr zwischen den Schutzzonen der Zivilisation und der enthemmten Barbarei. Einen Tag bevor bei der Berlinale Fatih Akins „Der Goldene Handschuh“ mit Dassler in der Hauptrolle seine Weltpremiere erlebte, hatte er am Maxim Gorki Theater noch eine andere Premiere: In Oliver Frljićs Kafka-Adaption „Ein Bericht für eine Akademie“ spielt der 22-Jährige, der gerade dabei ist, ein Star zu werden, den Affen Rotpeter. Zeigt er in Akins Film einen bis zur kompletten Regression verrohten Menschen, geht seine Figur in Frljićs Inszenierung genau den umgekehrten Weg: vom Tier zum Bürger.

Mit seiner Pfeife sitzt Rotpeter gemütlich im Ohrensessel; hinter sich, wie Trophäen seines Bildungsgangs: eine gewaltige, an drei Wänden bis zur Decke reichende Bibliothek (Bühne: Igor Pauška). Einst wurde er in Afrika angeschossen und gefangen, mühsam hat er gelernt, die Umgangsformen der Menschen zu imitieren, bis sie ihn fast für ihresgleichen halten. Dassler, ein ungemein ausstrahlungsstarker, bei aller emotionalen Kraft nie hysterisch überhitzter oder von sich selbst berauschter Schauspieler führt den Preis dieser erfolgreichen Selbst-Domestizierung vor.

Sechs Millionen Jahre übersprungen

Seine Körpersprache ist beherrscht. Die mühsam antrainierten Eleganzposen sitzen, nur manchmal laust er sich unwillkürlich oder gönnt sich mit schlenkernden Armen einige Affenbewegungen. Sie wirken wie Zitate, eine Hommage an die eigene, fremd gewordene Kindheit. Später wird er seinem früheren Ich (oder einem Vorfahren) in Gestalt der sehr lässigen Pavian-Dame Jeany begegnen. Sie schaut auf der Gorki-Bühne nur freundlich desinteressiert, wenn ihr ferner Verwandter Rotpeter angestrengt beweisen will, dass er mit reiner Willenskraft sechs Millionen Jahre Evolutionsgeschichte übersprungen hat. Ja und, schön für dich, aber nicht mein Problem, scheint sie zu denken, während sie sich sorgsam das Fell putzt. Was die im Theater so beliebte Authentizität betrifft, kann Jeany sowieso keiner etwas vormachen, erst recht kein Schauspieler.

Die wohlgesetzten Worte, mit denen Rotpeter von seiner Selbst-Zivilisierung berichtet, sind der beste Beweis für den gelungenen Abschied von seiner Herkunft: „Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot, das ich mir auferlegt hatte.“ Nur indem er sich verleugnet, konnte er sich retten. Indem sich der Kolonialisierte europäischen Sitten unterwirft und versucht, wie die Menschen zu werden, die ihn versklavt, verschifft und in Europa in einem Käfig ausgestellt haben, will er so etwas ähnliches wie Souveränität erlangen.

Am Gorki Theater denkt man dabei natürlich unwillkürlich an die vielfach gebrochenen Identitäten von Migranten und die Anpassungsleistungen, die die Mehrheitsgesellschaft nicht ohne Härte von ihnen erwartet. Um die Analogie mit gorki-üblicher Überdeutlichkeit zu unterstreichen, geben die mit altmodischen schwarzen Anzügen uniformierten Vertreter der einheimischen Leitkultur denn auch ihre Besorgnis über das vermehrungsfreudige Paarungsverhalten der fremden Neuankömmlinge zum besten.

Als wollte er den Triumph seiner Anpassung höhnisch zuspitzen, besteht der vorbildlich assimilierte Rotpeter darauf, dass zwischen ihm und dem ordinären Zoo-Affen Peter (Aram Tafreshian) ein Unterschied wie zwischen Homo Sapiens und Primaten (oder wie zwischen Bildungsbürger und Gangster-Rapper) klafft.

Die Bibliothek als Käfig

Die Schauspieler Dassler und Tafreshian machen daraus eine Clownsnummer: Wer ist der coolere Affe? Beziehungsweise mit den Worten des Affen Peter: „Wer von uns ist authentischer?“ Denn der sich fröhlich lausende Affe ist im Show-Business und gibt den Zoo-Besuchern zehn Mal am Tag den gefährlichen Wilden, so wie Rotpeter den erfolgreich Domestizierten gibt – nur mit dem Unterschied, dass Peter weiß, dass er sich für die Exotismus-Gaffer vor seinem Käfig zum Affen macht, während sich der Streber Rotpeter fast selbst für einen wohlerzogenen Europäer hält.

In einem der plumperen Bilder der Aufführung führt Frljić vor, was er von der Emanzipation durch Bildung und Rotpeters Integrationsleistung hält: Gegen Ende des Abends stürzen die Bücher der Bibliothek aus den Regalen zu Boden. Sie haben nur die Käfiggitter bedeckt, die Rotpeter für das Wohnzimmer seiner bürgerlichen Respektabilität gehalten hat: hinter tausend Büchern keine Welt, sondern nur die Gefangenschaft der eigenen Anpassung. Denkt man Frljićs Polemik zu Ende, unterstellt sie etwa Migranten, die studieren, sich damit nicht etwa bessere Lebenschancen zu erkämpfen, sondern lediglich in ein etwas komfortableres Diskriminierungs-Gefängnis zu geraten. Die Inszenierung bebildert damit die wirre, in Radical-Chic-Kreisen beliebte Parole „Desintegriert Euch!“

Ansonsten spielt der Brachialregisseur Frljić erstaunlich lustig mit dem menschlichen Affen und den affigen Menschen. Mit Kafkas Texten geht er dabei lässig um, etwa wenn Rotpeter einer anderen Kafka-Tierfigur begegnet, Josephine, der Sängerin (Lea Draeger). Bei Kafka stammt sie aus dem Volk der Mäuse, hier ist sie ausgerechnet die Tochter des Zoo-Direktors Hagenbeck – und Rotpeters Braut. Die Hochzeit ist ein Trash-Spaß, vor allem weil Aram Tafreshian als Hagenbeck im Ganzkörpereinsatz entblößt durchs Publikum stürmt und dabei Reden über das auch in kultureller Hinsicht segensreiche Wirken des Kolonialismus hält. Höhnischer dürften die europäischen Legitimationsphrasen, etwa in der Raubkunstdebatte, selten travestiert worden sein.

Nicht ganz so lustig ist der schwer erträgliche Prolog. Nimmt man ihn ernst, desavouiert er die gesamte Veranstaltung. Sesede Terziyan bringt mit Dauerlächeln und feierlich ergriffenem Tonfall eine Passage aus Coetzees Roman „Elisabeth Costello“ zum Vortrag.

Coetzees Romanfigur ist Vegetarierin, sie setzt Schlachthöfe allen Ernstes mit den deutschen Vernichtungslagern im Nationalsozialismus gleich.

Völlig ungebrochen und im Vollgefühl der eigenen moralischen Überlegenheit wird von der Bühne verkündet, die Tötungsroutine der Fleischindustrie könne „sich mit allem messen (…), wozu das Dritte Reich fähig war“, ja, stelle „es noch in den Schatten“. Dass der Text von einem Literaturnobelpreisträger stammt und notdürftig als Figurenrede kaschiert ist, ändert nichts an der einzigen Frage, die diese Szene im Maxim Gorki Theater aufwirft: Wie soll man das nennen, wenn nicht eine Verharmlosung des Holocaust?

Maxim Gorki Theater, 10–38 €

Prolog:

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