Festival

Achtung Berlin – New Berlin Film Award 2019

Im 15. Jahr wird das größte Berliner Deutschfilmfestival noch größer und schöner. Neben dem zentralen ­Spielort Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz machen mittlerweile mehrere Kinos mit. Im Zentrum stehen erneut die Wettbewerbssektionen Spielfilm, Mittel­langer Film, Kurz- und Dokumentarfilm. Dazu kommen die Reihen Berlin Independents und Berlin Documents.

Und dann saß der Lenz (Eric Klotzsch) mit der Ira (Lana Cooper) auf der Banke: Szene aus „Liebesfilm“, Foto: Laura Schleicher

It’s all in the family – auf diesen Satz lassen sich die meisten der Filme im Wettbewerb beim wichtigsten Berliner Festival zum deutschen Film reduzieren. Wobei Familie viel sein kann: die alleinerziehende Mutter, das Triumvirat aus Enkel, Tochter und Oma, die ­schlichte Beziehungskiste oder die besten Freunde. Nur eines fällt auf: Die „normale“ Form von Vater, Mutter, Kind(ern) scheint nicht mehr zu ­existieren in der Vorstellungskraft der meist ­jungen Filmemacherinnen. Sein Leben überhaupt nicht im Griff hat Matthias (kraftvoll: Mark Waschke). In dem in eindrucksvollen Schwarz-weiß-Bildern gehaltenen „Der Geburtstag“ von Carlos A. Morelli steht er nicht nur vor einem wichtigen Abgabe­termin im Job, zudem hat sein siebenjähriger Sohn Lukas Geburtstag, der bei Matthias’ ­Ex-Frau Anna (Anne Ratte-Polle) gefeiert wird – und seine Freundin feiert zudem Thea­terpremiere. Als dann auch noch der kleine Julius nach der Geburtstagsfeier übrigbleibt, bricht für Matthias eine Nacht heran, die er nicht so schnell vergessen wird. Eine kathartische Nacht, in die Morelli Märchenmotive und Surreales einflicht.

Die Familie, das ist für Kim (Martina Schöne-Radunski) neben dem nervigen Bruder vor allem ihr Freund Andreas (Christian Ehrich). Dumm nur, das sie ihm nicht erzählt hat, dass sie sich in einer Spezialklinik in der Schweiz hat einen Penis anoperieren lassen. „Ich war neugierig“, so ihre lapidare Begründung, und man könne das Teil auch nach ein paar ­Monaten wieder entfernen.

Der Tempelhofer Filmemacher Philipp Eichholtz hat bis dato mit wunderbaren Impro-­Beziehungskomödien wie „Rückenwind von vorne“ überzeugt. Die doch sehr ausgedachte Prämisse für den Achtung-Berlin-Eröffnungsfilm „Kim hat einen Penis“ macht einen Einstieg in die Geschichte nicht leicht. Hat man dies aber akzeptiert, entspinnt sich eine Komödie mit hohem Identifikationsfaktor. Wobei es Eichholtz offensichtlich nicht um Genderfragen geht, sondern nur um den Fakt, was so ein Penis mit frau macht. Ob Ira (Lana Cooper) und Lenz (Eric Klotzsch) jemals eine Familie werden? So weit ist jedenfalls Eric noch lange nicht, er möchte am liebsten für immer Anfang 30 im Mai in Berlin sein und das Leben feiern. Und das tut der großartige „Liebesfilm“ (Foto) von Robert Bohrer & Emma Rosa Simon ausgiebig. Wobei die Regisseurinnen die recht simple Geschichte mit einem Clou aufpeppen: Immer wieder begegnet Lenz in Tagträumen Figuren aus der Weltpolitik, etwa dem Kapitän der havarierten Costa Concordia oder einem US-Afghanistan-Soldaten. Und alle geben ihre Lebensweisheiten kund.

Sven Taddicken hat uns schon manche Filmperle geschenkt, etwa „Emmas Glück“ oder den sträflich ­unterschätzten „12 Meter ohne Kopf“. In Das ­schönste Paar schickt er nun eine Kleinstfamilie auf eine Tour de Force. Maximilian Brückner und Luise Heyer ­spielen voller Intensität das Paar Malte und Liv, das im ­Urlaub auf Mallorca von drei jungen deutschen Männern überfallen wird: Liv wird vergewaltigt und Malte zusammengeschlagen. Monate später sitzt der Schock noch tief – und dann sieht Malte den Anführer der Gang wieder. Wie soll er sich verhalten? Genau das fragt sich auch das Publikum in diesem intensiven Drama um Gerechtigkeit und Selbstjustiz.

Und noch eine derangierte Familie: Die Trennung vom Vater und der Umzug vom Eigenheim in eine Mietwohnung in Neukölln hat die 15-jährige Elisa mächtig aus der Bahn geworfen. Sie freundet sich mit der gleichaltrigen Anthea an. Und neben dem ausgiebigen Feiern sind die beiden auf einem Rachefeldzug: Sie wollen all jene Klassen-„Kameraden“ mit fiesen Videos dissen, die zuvor Elisa bloßgestellt haben. Schwimmen, ein herber Coming-of-Age-Film über das Teufelszeug Smartphone und das Leben von Teenagern heute. Und da spielt die Familie oft nur noch eine Nebenrolle.

Achtung Berlin– New Berlin Film Award; 10.–17.4. Spielorte: Babylon, International, Filmtheater am Friedrichshain, ­Lichtblick-Kino, ­Tilsiter Lichtspiele u.a. Alle Filme und Termine sihe Tagesprogramm oder auf www.achtungberlin.de

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