Berliner Original

Regisseurin Soleen Yusef: Ihr Film „Sieger sein“ kommt in die Kinos

Von ihrer eigenen Schulzeit im Wedding in den 90er-Jahren ließ sich die aus Kurdistan stammende Regisseurin Soleen Yusef zu ihrem Film „Sieger sein“ inspirieren: Fußball macht Mädchen stark. tipBerlin-Filmredakteur Bert Rebhandl stellt die Filmemacherin vor, die nach Serienerfolgen zu ihren Wurzeln im Wedding zurückkehrt.

Die Berliner Filmemacherin Soleen Yusef war mit „Sieger sein“ auf der Berlinale 2024 vertreten. Foto: Leo Lokai

Soleen Yusef, Rojava und die Inspiration für „Sieger sein“

Im Jahr 2017 fand im SO36 in Kreuzberg ein Benefizkonzert für Frauen in Rojava statt. Rojava, das ist zugleich ein denkbarer Staat und eine Utopie, ein vereintes, progressives Kurdistan auf dem Territorium von vier heutigen Staaten. Unter den Engagierten damals: die Filmemacherin Soleen Yusef. Sie kommt aus Rojava, aus Duhok im Irak. „Mit meinen Brüdern haben wir auf der Straße Fußball gespielt“, erinnert sie sich.

Im SO36 traf sie ihren ehemaligen Lehrer, der sie im Wedding unterrichtet hatte, nachdem sie mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen war. „Natürlich war er da.“ Es ging ja um eine gute Sache. Der Lehrer, ein Anarchosozialist, hatte bei Yusef großen Eindruck hinterlassen. Denn er hatte sich ihrer angenommen. Sie war Außenseiterin damals, wurde gemobbt. Der Lehrer gab ihr eine Chance, sie begann, Fußball zu spielen, wurde Torfrau. „Es ging für ihn immer um Klassenkampf, Gleichberechtigung und Empowerment für Mädels“.

Die Begegnung im SO36 hatte Folgen. Denn Yusef, die zu diesem Zeitpunkt schon mindestens einen Fuß im Serien-Fernsehen hatte, erinnerte sich an eine Idee, die schon länger in ihr geschlummert hatte. Sie wollte die Geschichte ihrer Schulzeit in den 90er-Jahren erzählen. Noch einmal den Erfolg durchleben, den sie damals mit ihrer Mannschaft erlebt hatte – „zum ersten Mal gab es einen Sieg für unsere Schule“.

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So begann die Entwicklung des Films „Sieger sein“, der im Februar auf der Berlinale gezeigt wurde und nun ins Kino kommt. Im Mittelpunkt steht ein Mädchen namens Mona (großartig: Dileyla Agirman). Und ein engagierter Lehrer: Herr „Che“ Chepovsky (auch super: Andreas Döhler). Professor Che ist der bunte Vogel in einem Lehrerkollegium, in dem es auch eine Kollegin gibt, die eher zu konservativer Pädagogik neigt. Und eine Direktorin, die Che nicht immer den Rücken freihält.

Ausschnitt aus Soleen Yusefs Film „Sieger sein“. Vorn am Tisch: Hauptdarstellerin Dileyla Agirman. Foto: Stephan Burchardt/DCM

Soleen Yusef verkörpert einen Brückenschlag zwischen poppigem Jugendkino und engagiertem Autor:innenkino

Von der Stimmung her ist „Sieger sein“ näher bei „Fack Ju Göhte“ als bei „Das Lehrerzimmer“, aber von den Anliegen her sind beide dieser Vergleichsfilme präsent. Und Soleen Yusef verkörpert auch so etwas wie einen Brückenschlag zwischen einem poppigen Jugendkino und einem engagierten Autor:innenkino. Sie ist vielleicht selbst inzwischen ein bisschen Che, aber auch immer noch Mona. Dass sie Filmemacherin wurde, war natürlich nicht sofort ausgemacht, sie musste sich ihren Bildungsweg erkämpfen. Und sie musste erst einmal sortieren, wo genau ihre Talente lagen: „Mütterlicherseits komme ich aus einer sehr künstlerischen Familie. Ich dachte, ich werde Malerin.“

Beim Kurdischen Filmfestival traf sie dann auf Mehmet Aktaş, der in Kreuzberg die Firma Mîtosfilm betrieb. Sie fing als Praktikantin an und lernte ein ganz neues Kino kennen. Ein Kino, das die Themen der Zeit aufgriff. Mîtosfilm ist auf den Nahen Osten spezialisiert, es ging also immer um alles: Krieg, Religion, Frauen und Männer.

Nach „Haus ohne Dach“ ging alles ganz schnell: Soko, Netflix, Amazon

Hier fand Yusef die Anregung und den Mut, sich für ein Filmstudium zu bewerben. Sie landete in Baden-Württemberg und machte dort schließlich „Haus ohne Dach“ – gedreht in Kurdistan. „Der Film war gewagt und jung in seiner Sprache, in seiner Poesie. Ein unterhaltsames Roadmovie.“ Und die Leute, die auf so etwas achten, bemerkten: Da kann jemand mit größeren Ensembles umgehen. Dann ging alles schnell: zwei Soko-Folgen, eine Serie in Österreich, und dann schon Netflix („Skyliners“) und Amazon („Deutschland 89“).

Soleen Yusef wohnt seit 2018 im Wedding

Mit „Sieger sein“ ist Soleen Yusef zu ihrer eigenen Geschichte zurückgekehrt. Sie ist überhaupt zurückgekehrt. „Seit 2018 lebe ich wieder im Wedding.“ Sie verspürt zwar in sich ein bisschen einen „Wunsch, aus der Stadt zu flüchten, weil die so neurotisch geworden ist“. Aber „der rote Wedding wehrt sich“, findet sie, sie mag die Mischung aus neuen Cafés und traditionellen Bäckereien, sie schätzt es, dass „der Austausch zwischen Alt und Jung“ klappt. Während sie noch mit „Sieger sein“ tourt, schreibt sie auch schon an einem neuen Stoff. Produktionsfirma soll Mîtosfilm sein. Mit ihrem Mentor Mehmet Aktaş ist die frühere Praktikantin längst auf Augenhöhe. Ihr früherer Lehrer und Empowerer ist sicher stolz auf sie.

  • Sieger sein D 2024; 119 Min.; R: Soleen Yusef; D: Dileyla Agirman, Andreas Döhler, Sherine Ciara Merai; Kinostart: 11.4.

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