Cancel Culture Club

50 Jahre „Schulmädchen-Report“ – verklemmt, verrucht, verboten

Am 23. Oktober 1970 kam der erste „Schulmädchen-Report“ in die Kinos. In dem pseudo-dokumentarischen Film berichten junge Frauen über ihre Erfahrung mit Sexualität. Erste Liebe und Petting, aber auch Inzest und Vergewaltigung. Mit 12 weiteren Teilen und weltweit mehr als 100 Millionen Zuschauern ist es bis heute die erfolgreiche Filmreihe, die je in Deutschland produziert wurde. Jetzt wird der erst gefeierte, später umstrittene und mittlerweile indizierte Sexklassiker 50 Jahre alt.

Der Artikel ist Teil der Reihe „Cancel Culture Club“, in der wir uns Filmen aus der Vergangenheit widmen – und diese aus heutiger Perspektive neu verhandeln.

Szene aus "Schulmädchen-Report: Was Eltern nicht für möglich halten" (Deutschland 1970, Regie: Ernst Hofbauer). Foto: Imago/United Archives
Szene aus „Schulmädchen-Report: Was Eltern nicht für möglich halten“ (Deutschland 1970, Regie: Ernst Hofbauer). Foto: Imago/United Archives

Erst Kinsey-Reporte, dann „Schulmädchen-Report“

In den 1950er Jahren erschienen in Deutschland die beiden Sex-Reporte des amerikanischen Sexualwissenschaftlers Alfred Kinsey, die auf tausenden Interviews basierten und in denen ganz normale Menschen über Sex sprachen. Darin konnte die verklemmte Nachkriegsgeneration endlich nachlesen, was in den Schlafzimmern ihrer Nachbarn abging.

Dann kamen die Sechziger, Aufbruchstimmung und sexuelle Revolution. Die alten Sitten verfielen, die Röcke wurden kürzer und Sex war kein Tabu mehr. In dieser Stimmung meldete sich der Psychologe und ehemalige Musiklehrer an einem Mädchengymnasium, Günther Hunold, zu Wort. Der in München lebende Sachbuchautor veröffentlichte im Frühjahr 1970 den „Schulmädchen-Report“, eine, wie Kinseys Reporte, ebenfalls auf Interviews basierte Abhandlung zum Sexualverhalten junger Frauen.

Ermittlungsverfahren gegen den Autor wegen des Verdachts von Unzucht mit Kindern

Zwar galt Hunold in wissenschaftlichen Kreisen als umstritten, man hielt ihn für einen Dilettanten und zweifelte an seinen Methoden. Doch das Buch war ein Erfolg und wurde in der Öffentlichkeit breit diskutiert, was nicht zuletzt auch an einem Ermittlungsverfahren gegen den Autor wegen des Verdachts von Unzucht mit Kindern lag.

Clip aus dem zweiten „Schulmädchen-Report“

Auch der Filmproduzent Wolf C. Hartwig hörte von der Affäre und kaufte Hunold die Filmrechte ab. In den 1970-Jahren ging alles schnell. Der erste „Schulmädchen-Report“-Film wurde mit einem Budget von gut 200.000 DM in nur wenigen Tagen abgedreht und kam unter dem Titel „Schulmädchen-Report: Was Eltern nicht für möglich halten“ am 23. Oktober 1970 in die Kinos.

Busfahrer mit Schülerin: Erst Sex, dann Skandal

Im Mittelpunkt der komplett inszenierten Handlung, die jedoch formell einem Dokumentarfilm nachempfunden ist, steht die junge Renate, die während eines Schulausflugs mit dem Busfahrer Sex hat. Die Sache löst einen Skandal aus. Bei der folgenden Krisenkonferenz in der Schule schaltet sich ein Sexualpsychologe ein, der von einer neuen Moral der Jugend spricht. Dazwischen haben die anderen Mädchen allerlei erotische Abenteuer, zudem hat Regisseur Ernst Hofbauer Straßenumfragen hineinmontiert, bei denen sich Frauen zu Themen wie Selbstbefriedigung äußern.

Das Bedürfnis nach nacktem Fleisch, von dem man in dem Film viel zu sehen bekam, muss 1970 enorm gewesen sein. Je nach Quelle sahen den Film zwischen sechs und acht Millionen Zuschauer, womit der erste „Schulmädchen-Report“ zu den erfolgreichsten deutschen Produktionen aller Zeiten gehört. Für den Produzenten Hartwig war es das Geschäft seines Lebens.

Die Eltern im „Schulmädchen-Report“ sind nicht sehr begeistert vom Sexualtrieb des Nachwuchs. Foto: Imago/United Archives

Der frivole Impetus des Films gab sich als ein befreites Kind seiner Zeit aus und verkaufte aufklärerisch und im dokumentarischen Gewand, den Wunsch nach sexueller Selbstbestimmung. Tatsächlich bediente die immer erfolgreicher werdende Reihe, am Ende wurden insgesamt 13 Teile gedreht, aber wohl eher voyeuristische Bedürfnisse.

Die Sexszenen der „Schulmädchen-Report“-Filme dürften heute eher harmlos anmuten

Im Zeitalter von Sexfilmen für jeden Geschmack, Youporn, Pornhub und ständig und immer verfügbaren Hardcore-Materials in jeglicher Form, dürften die Sexszenen der „Schulmädchen-Report“-Filme eher harmlos anmuten. Doch obwohl die Filme noch in den 1990er-Jahren regelmäßig, wenn auch in gekürzten Fassungen, zur nächtlichen Stunde im Privatfernsehen ausgestrahlt wurden und damit eine weitere bundesrepublikanische Generation erotisierten, hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) gleich mehrere Teile der Reihe indiziert. Darunter auch den ersten Film.

Eine Szene aus dem fünften „Schulmädchen-Report“. Foto: Imago/United Archives

Als Begründung wurde festgehalten, dass „eine nach heutigen Maßstäben als veraltet geltende Machart von Filmen, nicht per se die nach wie vor enthaltene Botschaftsebene relativiert.“ Den Filmen wird vorgeworfen, sexuelle Gewalt und die Rechtfertigung anderer Formen des Missbrauchs von minderjährigen Personen zu bagatellisieren, was auch nach heutigen Maßstäben als unsittlich zu bewerten ist. Zwar waren die Schauspielerinnen in den Filmen wohl alle über 18, doch wurde immer wieder auch suggeriert, sie wären jünger.

Verknüpfung von Sex und Gewalt

Die Gremien der BPjM stellten die Verknüpfung von Sex und Gewalt fest, insbesondere die Verharmlosung von Vergewaltigungen und Inzest. So ist seit 2018 der Handel und Verleih mehrerer „Schulmädchen-Report“-Filme untersagt.

Damit finden wir uns 50 Jahre nach der Premiere des ersten Teils in einer Situation wieder, in der Minderjährige nahezu ungehindert und regelmäßig Pornografie härtester Ausprägung konsumieren und zugleich wird eine Filmreihe verboten, die in Deutschland vermeintlich zur sexuellen Befreiung beitrug. In deren düsterer Konsequenz die Pornografie aber erst allgegenwärtig werden konnte.

Es ist ein weiter Weg vom ersten „Schulmädchen-Report“ zum „Bukkake-Rape-Gangbang“, der nur ein Klick entfernt ist. Doch es scheint, als wäre schon damals die öffentliche und kommerziell erfolgreiche Darstellung von Sexualität, von Ausbeutung, Voyeurismus und der Befriedigung niedrigster Triebe geprägt. Bei den „Schulmädchen-Report“-Filmen ist die Sache besonders perfide, weil sie im Mantel der sexuellen Befreiung und Aufklärung daherkam.


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