Fernheizoper

Berghain von innen: Film zeigt Gebäude vor der Club-Eröffnung

Toni Traum ist ein Friedrichshainer Junge aus einfachen Verhältnissen. In “Die Fernheizoper” begleitet ihn die Kamera auf seinem Streifzug durch das ehemalige Heizkraftwerk am Wriezener Bahnhof – drei Jahre bevor es zum berühmtesten Club der Welt wurde: dem Berghain. Der Film zeigt, wie magisch der Ort schon immer war, auch bevor er zum Club wurde. Und ist gleichzeitig Zeugnis des Beginns der Karriere eines Berliners, der unermüdlich für seinen Traum, Schauspieler zu werden, kämpft.

Viel zu große Jacke, Camou-Hose und Nike-Cap: Das ist Toni Traum alias Coster in "Die Fernheizoper".
Viel zu große Jacke, Camou-Hose und Nike-Cap: Das ist Toni Traum alias Coster in “Die Fernheizoper”. Foto: Toni Traum

Berghain-Zeitreise: Toni Traum spielt Coster, einen verlorenen Jungen

Coster fühlt sich allein. Es ist Sommer 2001. Berlin ist eine Stadt mit unzähligen leerstehenden Gebäuden und heruntergekommenen Straßenzügen, Brachen und Bermuda-Dreiecken, in denen man sich verlieren kann. Dort, wo heute die Mercedes-Benz-Arena steht, feiern schwule Raver im Ostgut, dem Vorgänger-Club des Berghain. Und das spätere Berghain selbst, heute der berühmteste Club der Welt, ist eine Ruine, umgeben von verfallenden Lagerhallen, alten Abstellgleisen und Schutt.

Coster, 14 Jahre alt, verbringt in dieser Kulisse die Nachmittage auf den Straßen Friedrichshains und ist der Protagonist eines Ende März auf Youtube erschienenen Kurzfilms namens “Die Fernheizoper”. Der Film ist ein Amateur-Projekt, mit teils wackliger Kameraführung und ohne offensichtliche Storyline, aber einer starken Sogwirkung. Das liegt vor allem an Coster – gespielt von Toni Traum, der den Film im vergangenen Jahr produziert hat und sich damals so sehr mit seinem Protagonisten identifizierte, dass die Grenzen zwischen Dokumentarfilm und Kunst verschwimmen.

Traum will unbedingt Schauspieler werden. Doch die Chancen, sein Ziel zu erreichen, stehen nicht gut. Er ist ein Kind aus einfachen Verhältnissen, hat vier Geschwister und bekommt keine Unterstützung von den Eltern, weder bei den Hausaufgaben, noch bei den anderen Problemen, vor denen ein 14-Jähriger steht. “Die Idee, Schauspieler zu sein, fand ich so toll, weil es eine Möglichkeit war, in andere Leben zu schlüpfen”, sagt Traum im Gespräch mit tipBerlin. “Vor allem aber war es auch eine Möglichkeit, mein eigenes Leben kurz zu verlassen.”

Zweite Protagonistin ist die Fernheizoper, heute das Berghain

Zweite Protagonistin des 15-minütigen Films ist die Fernheizoper, das ehemalige Heizkraftwerk am Wriezener Bahnhof, dem die Angestellten aufgrund seiner monumentalen, sozialistisch klassizistischen Zuckerbäcker-Architektur seinen Spitznamen verpasst haben. 1954/1955 errichtet, war das Heizkraftwerk nur bis in die 60er Jahre in Betrieb. Danach verfiel es, bis die Macher des Berghain 2004 ihren Club eröffneten.

Die Kamera begleitet Coster auf seinem Streifzug durch das verfallende Kraftwerk, das heute Berghain heißt. Toni Traum identifiziert sich nicht nur mit seiner Rolle, sondern auch mit dem Gebäude. Leerstehende Häuser, vor allem Industrieruinen, fesseln ihn. “Ich war fasziniert von dem Gedanken, wie viel Leben mal in den Gebäuden gesteckt hat – und immer noch steckte”, sagt Traum. “Keiner interessierte sich dafür, das hat mich sehr traurig gemacht. Für mich und meine Geschwister hat sich nämlich zu Hause auch keiner interessiert.”

Diese Verlorenheit sieht man Coster an. Dort, wo heute die Panorama Bar ist, stehen im Film noch die alten Steuerungsapparate des Heizkraftwerks, vor eben jenen schmutzig-weißen Fliesen, die sich wohl allen, die die Panorama Bar besuchen, einprägen. Coster legt Schalter um, dreht Räder vor und zurück, drückt Knöpfe. Blickt aus den Fenster, vor denen heute die berühmten Jalousien hängen, die bei gutem Wetter manchmal morgens aufgeben, sodass die Morgensonne die Tanzfläche in goldenes Licht taucht.

Wer schon mal im Berghain war, erkennt einiges wieder

Die viel zu große blaue Regenjacke, die er trägt, steht dabei fast sinnbildlich für den orientierungslosen Jungen darin. Wer schon mal im Berghain war, erkennt auch die Balustrade, die sich über dem Berghain-Floor von einer Seite zur anderen zieht und die metallene Treppe, die von einem Boden voll Pfützen hoch in die heutige Panorama Bar führt. “Damals hätte ich mir niemals erträumt, was mal aus diesem baufälligen Gebäude wird”, sagt Traum. “Ich kann gar nicht beschreiben, was das für ein Gefühl war, als ich da zum ersten Mal gefeiert habe.” Das war 2016.

Toni Traum ist heute Schauspieler und hat zum Beispiel bei 4 Blocks mitgespielt.
Toni Traum ist heute Schauspieler und hat zum Beispiel bei 4 Blocks mitgespielt. Foto: Toni Traum

Heute ist Toni Traum 35 und hat sein Ziel erreicht: Er ist Schauspieler. Er hat Polizisten gespielt, Drogenabhängige, Nazis und Schläger, Gefängniswärter und Türsteher, in Serien wie 4 Blocks, Dogs of Berlin und GZSZ, aber auch Filmen. Sein jüngstes Engagement ist im Thriller Black Box der Regisseurin Asli Özge, der voraussichtlich 2022 in die Kinos kommt.

Eine schauspielerische Ausbildung hat Traum nie absolviert. Einmal bewarb er sich an einer Schauspielschule und wurde abgewiesen – weil er aus Unwissenheit nur zwei Wochen geübt hatte, statt wie andere ein halbes Jahr. Danach versuchte er es auf eigene Faust bei Agenturen. Immer wieder kamen Absagen. “Aber irgendwann hat mir eine Agentur eine Chance gegeben. Die haben gemerkt, dass ich das wirklich will. Und dann habe ich auch geliefert”, erzählt er.

Die Rolle als Coster war das erste Mal, dass Toni Traum sich vor der Kamera ausprobieren konnte. “Ich wollte unbedingt mal gefilmt werden, weil ich wissen wollte, ob ich mich vor der Kamera bewegen kann”, sagt er. Es sollte der Anfang einer Karriere eines Berliners sein, der sich aus einer schwierigen Startposition heraus seinen Traum von einem Leben als Schauspieler erfüllte.


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